Donnerstag, 27. Juli 2017

Ancient-DNA-Forschung und Physische Anthropologie gegenüber gestellt

Wie nehmen sich die Forschungsergebnisse der bisherigen Physischen Anthropologie aus vor den jüngsten Ergebnissen aus der ancient-DNA-Forschung?

In Deutschland ist die traditionell arbeitende Physische Anthropologie (früher auch "Rassenkunde") im Wesentlichen aus der sogenannten "Mainzer Schule" um die deutsche Anthropologin Ilse Schwidetzky (1907-1997) (Wiki) hervorgegangen. Wie in früheren Beiträgen hier auf dem Blog gezeigt (5, 6), schält sich derzeit durch die rasanten Fortschritte in der ancient-DNA-Forschung ein ganz neues und nun sicheres und definitives Bild vom Werden der europäischen Völker heraus. Und damit kann man jetzt zu einer einigermaßen abschließenden Bewertung dessen kommen, was die traditonell arbeitende Physische Anthropologie in Deutschland geleistet hat, was von ihren Ergebnissen bestätigt wurde, in welchen Bereichen ihre Ergebnisse nun auf wesentlich solideren Füßen stehen, in welchen Bereichen ihre Ergebnisse deutlich korrigiert werden müssen und in welchen Bereichen die Ergebnisse der physischen Anthropologie die Ergebnisse der ancient-DNA-Forschung ergänzen. Darüber sollen im folgenden Beitrag einige erste wesentlichere Anhaltspunkte zusammen getragen werden anhand einiger weniger repräsentativerer Darstellungen der Physischen Anthropologie der letzten Jahrzehnte (1-4).

Zunächst einmal ist natürlich zu sagen: Gegenwärtig beantwortet die ancient-DNA-Forschung all jene Fragen, die die Physischen Anthropologen viele Jahrzehnte lang mühsam anhand weniger, spärlicher Daten zu beantworten suchte, geradezu "im Fluge" und dann auch gleich noch viel vollständiger, umfassender und definitiver. Die gegenwärtige Entwicklung ist so typisch für viele Phasen der Wissenschaftsgeschichte: Jahrzehnte lang sind Erkenntnisse unglaublich stark "umstritten", werden gar "tabuisiert" und dann "über Nacht" ist der ganze Erkenntnisbereich selbstverständlichstes Grundlagenwissen der Evolutionären Anthropologie und Humangenetik. Diese rasante Entwicklung erleben wir gerade. Und es muß fast nirgendwo mehr "Überzeugungsarbeit" geleistet werden.

Abb. 1: Der europäische Menschentypus - Dargestellt in der antik-griechischer Kunst
(eigenes Foto, Pergamon-Museum Berlin, 2009)
(weitere Beispiele: 6, 7)

Aber schauen wir uns jetzt einmal an, was da an mühsamer Arbeit Jahrzehnte lang von den Physischen Anthropologen geleistet wurde.

Zur Herkunft der Bandkeramiker


1979 schrieb Ilse Schwidetzky zur Herkunft der frühesten europäischen Bauern, der Bandkeramiker (1, S. 49, 51; Hervorhebung nicht im Original):
Nachdem schon Heberer (1939) die mitteldeutschen Bandkeramiker als im Kern mediterranid klassifiziert hatte, wies vor allem Gebhardt (1953, 1978) auf die auffällige Grazilität einiger bandkeramischer Skelette hin. Er nimmt daher Zuwanderung einer neuen Bevölkerung an, die sich auch anthropologisch deutlich von der mesolithischen Vorbevölkerung absetzt. Aber die Variationsbreite innerhalb der Bevölkerung des donauländischen Kulturkreises ist offenbar groß. Es treten daneben auch unter den deutschen Funden mehr oder minder knochenrobuste Individuen auf, die sich gut an die älteren Bevölkerungen Mitteleuropas anschließen lassen.
Hätte sie einmal hiermit ihre Ausführungen abgeschlossen! Aber man sieht, wie unsicher die Physische Anthropologie zu jenem Zeitpunkt noch war, schreibt sie doch weiter:
Und nach statistischen Vergleichen schließen sich die mitteldeutschen Bandkeramiker nicht so eng an südosteuropäische Bevölkerungen des Donauländischen Kulturkreises an und unterscheiden sich andererseits nicht so deutlich von späteren neolithischen Bevölkerungen, daß zwingend mit der Kulturausbreitung auch ein Bevölkerungswechsel angenommen werden müßte (Bernhard 1978).
Diese Aussage hat sich durch ancient DNA nicht bewahrheitet. Im abschließenden Satz weicht Schwidetzky dann sogar noch deutlicher von der heute als gültig erkannten Grundeinsicht von 1939 und 1953/1978 ab (1, S. 51f):
Was in den spärlichen Gräberfunden anthropologisch greifbar wird, wäre dann das Ergebnis von kulturellen und bevölkerungsbiologischen Assimilationsprozessen, bei denen die Eingewanderten die Kulturentwicklung prägten, im Genpool der Bevölkerung aber nur durch relativ wenige Erblinien vertreten sind.
Nun, das sehen wir heute mit den Ergebnissen der ancientDNA-Forschung deutlich anders. Diese bestätigt viel eher die genannten Forschungsergebnisse von Heberer und Gebhardt. Der Schwidetzky-Schüler Andreas Vonderach hielt dazu 2008 geradezu in "weiser Voraussicht" fest (4):
Schwer wiegt, daß der erfahrene Diagnostiker Kurt Gerhardt, der nicht nur metrisch-statistisch arbeitete, sondern auch feine Form- und Stileigentümlichkeiten genau beobachtete, den Leittypus der Bandkeramik auf Einwanderung zurückführte.
Vonderach spricht sich mit diesen Worten in dieser Frage entschiedener für die Einwanderung der Bandkeramiker aus als das seine Lehrerin Ilse Schwidetzky getan hatte.


Zur Herkunft der mittelneolithischen Kulturen (Rössen, Michelsberg, Trichterbecher etc.)



Schwidetzky sagte zur nachfolgenden Rössener Kultur (mit ihren im Grundriß trapezoidförmigen Langhäusern), sie würde - wie die Bandkeramik - eine größere anthropologische Vielfalt aufzeigen und derselben verwandtschaftlich auch relativ nahe stehen. Das hat sich mit ancient DNA bestätigt.

Zu der anthropologischen Stellung der Trichterbecherleute macht Schwidetzky zunächst keine Aussage. Interessant ist aber, daß sie zu der vorhergenden Rössener Kultur auch noch sagt (1, S. 52):
Allerdings ergeben sich auch einige Beziehungen zu Bevölkerungen der Trichterbecherkultur.
Auch das ist seit März dieses Jahres durch die ancient-DNA-Forschung bestätigt.
Interessant ist weiterhin, daß sie für die Menschen der hessischen Steinkistengräber des 3. Jahrtausends ebenso eine neuerliche "Mesolithisierung" sieht, wie sich das derzeit auch in der ancient-DNA-Forschung andeutet. Und hierbei werden nun auch die Trichterbecherleute genauer eingeordnet (1, S. 57):
Typologisch wurde bei den Steinkistenfunden ebenso wie für die Funde der Trichterbecherkultur immer wieder eine starke Annäherung an den Cromagnontypus festgestellt. Für die Träger der Michelsberger Kultur stellte Knussmann (1978) heraus, daß sie im Vergleich mit den älteren Rössenern keineswegs evoluiertere Formen zeigen, sondern sich eher einem derberen, archaischen Typus nähern.
Es wird also deutlich, daß die traditionelle Physische Anthropologie schon vieles von dem recht gut voraus "ahnte", was sich heute als sicheres Wissen herausstellt, daß sie aber selten definitive Aussagen zu irgendeinem Sachverhalt und Herkunftszusammenhang machen konnte so wie das heute mit der ancient-DNA-Forschung möglich ist. Außerdem konnte sie aufgrund des unsicheren Wissensstandes gerne auch einmal eklatanter daneben greifen wie sich schon bei manchen Urteilen andeutete und wie wir gleich noch deutlicher sehen werden. Das ist alles sehr spannend und interessant zu beobachten zumal für jemanden wie den Autor dieser Zeilen, der mit Andreas Vonderach seit seiner Mainzer Studienzeit im Austausch über all diese Dinge gestanden hat und sich schon vor vielen Jahren über all das viele Gedanken gemacht hatte!

Zur Herkunft der Schnurkeramiker/Indogermanen



Über die Schnurkeramiker schreibt Ilse Schwidetzky nun (1, S. 53):
Die Schnurkeramiker heben sich von den übrigen neolithischen und äneolithischen Bevölkerungen Deutschlands vor allem durch den langen, hohen und schmalen Hirnschädel bei kräftigem Knochenrelief ab. In diesen Merkmalen unterscheiden sich die älteren Schnurkeramiker noch deutlicher von den früheren Bevölkerungen Mitteldeutschlands, etwa den Trägern der Bandkeramik und Rössener Kultur.
Sie nimmt also wie die ancient-DNA-Forschung eine Bevölkerungszuwanderung an. Die jüngere Schnurkeramik würde aber ein Bild der Vermischung mit der Vorbevölkerung aufzeigen. Die Herkunft der Schnurkeramiker aus Südrußland diskutiert sie nun zwar, sie will sich aber nicht abschließend auf diese festlegen. Ihr Schüler Andreas Vonderach hingegen wies eine Herkunft aus der Ukraine 2008 (4) sogar noch entschiedener zurück als seine Lehrerin Schwidetzky. Hier sind wir mit der ancient-DNA-Forschung nun gewaltige Schritte weiter. Daß die Glockenbecher-Leute genetisch Indogermanen sind so wie die Schnurkeramiker, hat die traditionelle Physische Anthropologie so nun offenbar gar nicht gesehen (übrigens auch nicht die Archäologie). Sie wies ihnen eine anthropologische Sonderform zu, den sogenannten "planoccipetalen Steilkopf", der sich allerdings auch in Südrußland finden würde. Ob die ancient-DNA-Forschung noch subtilere genetische Unterschiede zwischen Schnurkeramikern und Glockenbechern finden wird, die diese Unterscheidung der traditionellen Anthropologie bestätigen würde, wird die Zukunft zeigen. Festzuhalten ist: Die enge genetische Verwandtschaft zwischen Schnurkeramikern und Glockenbecherleuten hat die traditionelle Anthropologie nicht erkannt.

Andreas Vonderach hielt aber 2008 auch noch folgende interessante Beobachtung über die Ukraine fest, die unter dem Wissen, daß dort tatsächlich die Indogermanen entstanden sind, eine ganz neue Bedeutung bekommt (4):
In der Ukraine zeigt sich mit der wahrscheinlich aus östlicheren Gebieten eingewanderten Kurgan-Bevölkerung ein völliger Bruch zur Vorbevölkerung der Dnepr-Donez-Kultur, die durch extreme Größenmaße und Robustizität, lange Schädel, breite Gesichter und Nasen und noch niedrigere Orbitae (Augenhöhlen) charakterisiert war. Der extreme, eher jungpaläolithische oder mesolithisch anmutende Typus der Dnepr-Donez-Kultur verschwindet gegen Ende des Neolithikums ohne erkennbare Spuren zu hinterlassen.
Die hier genannte Dnjepr-Donez-Kultur (Wiki) (5.000-4.200 v. Ztr.) wird von der östlicheren Yamna-Kultur (Wiki) (4.000-2.300 v. Ztr.) abgelöst, die heute allgemein den Indogermanen zugesprochen wird, und die aus der Samara-Kultur (5.200-4.400 v. Ztr.) (Wiki) an der mittleren Wolga und der parallelen Khvalynsk-Kultur (5.000-4.500 v. Ztr.) (Wiki) hervorgegangen ist. (Die frühe Yamna-Keramik läßt sich von der späten Khavalynsk-Keramik kaum unterscheiden.) Das westliche Drittel ihres Verbreitungsgebietes befindet sich nun auf dem Gebiet der vorhergehenden Dnjepr-Donez-Kultur. Bei der Entstehung der Indogermanen hat also auch schon ein Grazilisierungsprozeß stattgefunden, der durch Zuwanderung von Bevölkerung aus südlicheren Regionen (Pakistan, Iran, Kaukasus oder Levanteraum) zustande gekommen sein wird.

Abb. 2: "Ilse Schwidetzky zum 75. Geburtstag gewidmet" (1986)
Die berühmte Aunjetitzer Kultur Mitteldeutschlands (aus der die Himmelsscheibe von Nebra hervorgegangen ist) schließt anthropologisch an die Schnurkeramik an (1, S. 58).

Interessant dürfte weiterhin sein, daß Ilse Schwidetzky mit ihrer These von der Grazilisierung im Knochbau seit dem Neolithikum bis heute und ebenso mit ihrer These von der "Brachykephalisation" in Süddeutschland - also der Erscheinung, daß dort die Gesichter über die Jahrhunderte hin breiter werden als vormals - einiges von dem vorweg nimmt, was sich ebenfalls durch die ancient-DNA-Forschung andeutet, nämlich daß sich - nachdem sich das bis heute forbestehende Substrat der mittel- und nordeuropäischen Bevölkerungen am Beginn der Bronzezeit mit der Zuwanderung der Indogermanen gebildet hatte -, dennoch noch viel weitere Selektion stattgefunden haben kann. Sie wird sich keineswegs nur auf diese beiden Phänomene beschränken, viel mehr werden wir sicher künftig hier noch bezüglich vieler anderer Eigenschaften interessante Einsichten erlangen.

Zunächst einmal ein Zwischenergebnis zu einigen behandelten Fragen hinsichtlich der Herkunft der europäischen Völker:
  1. Die mediterrane Herkunft der Bandkeramiker wurde eigentlich schon ab 1939 von der Physischen Anthropologie ganz richtig erkannt, es zeigen sich in der Beurteilung derselben aber auch große Unsicherheiten, zumal bei späteren Bearbeitern (bei Schwidetzky ebenso wie bei Bernhardt).
  2. Daß die mittelneolithischen Kulturen in der Bandkeramik wurzeln, wurde im wesentlichen schon richtig erkannt.
  3. Die Herkunft der Schnurkeramiker und Glockenbecherleute (außerhalb Spaniens) aus dem Nordschwarzmeer-Raum wurde gerade erst in den letzten Jahrzehnten von Ilse Schwidetzky und auch von Andreas Vonderach sehr entschieden verworfen, obwohl sie nun durch die ancient-DNA-Forschung bestens gesichert ist.
Auffällig erscheint, daß die "multivariate statistische Methode" in Bezug auf Schädelmaße, auf die sich die Mainzer Schule etwa seit den 1980er Jahren so viel zu Gute gehalten hat, zur Frage der Entstehung der europäischen Völker in zwei Fällen (Bandkeramiker und Schnurkeramiker) eher eklantantere Fehleinschätzungen mit sich brachte, als daß sie die bis dahin vorhandene Sicherheit in der richtigen Beurteilung erhöht hätte. (Dies ist zwar ein laienhafter Eindruck des Autors dieser Zeilen, aber man würde gerne etwas aus der Schüler- und Enkelgeneration von Ilse Schwidetzky zu diesem Eindruck hören. Womöglich aber wäre das sowieso eine veraltete Forschungsdiskussion, denn diese Methode wird wohl kaum noch künftig angewandt, nachdem alles durch ancient DNA so viel besser geklärt werden kann.)


Zur Herkunft der Völker des Vorderen Orients



Unter diesen Umständen ist es nun auch interessant, was der Schwidetzky-Schüler Wolfram Bernhard (bei dem ich selbst 1995/96 studiert habe) zu den entsprechenden Herkunftsverhältnissen im Vorderen Orient und im Levanteraum sagt. Er unterscheidet einleitend zwei Haupttypen (2, S. 16), nämlich den "mediterranen Typus", von dem wir schon bei Ilse Schwidetzky hörten, und der den Ackerbau auch nach Mitteleuropa (5.500 v. Ztr.) und nach Skandinavien (4.100 v. Ztr.) brachte. Diesem Typus stellt er gegenüber einen "eurafrikanischen Typus". Letzterer, so schreibt Bernhardt,
wird meist als robustere Variante des klassischen Mediterranen aufgefaßt. Er ist gekennzeichnet durch größere absolute Schädelmaße, eine derbere Knochenstruktur und insgesamt stärker hervortretende gerontomorphe Züge, eine größere Körperhöhe und eine stärkere Robustizität des postkranialen Skeletts.
("Gerontomorphe Züge" werden "pädomorphen Zügen" gegenüber gestellt und es soll damit gesagt sein, daß manche anthropologische Typen eher weiche, kindliche Merkmale beibehalten, während andere Typen ausgeprägtere, kantigere, knochigere Erwachsenen-Merkmale aufzeigen.)

Es dürfte nun sehr naheliegend sein, daß die heutigen Türken weniger dem mediterranen Typus als dem eurafrikanischen Typus zugehören werden (der auch "afghanischer" oder "proto-iranischer" Typ genannt wird), jenem Typus, der auch als erster in der Weltgeschichte ab 12.000 v. Ztr. in der Südtürkei und später auch im Zagros-Gebirge im Iran den Übergang zum Ackerbau vollzogen hat (die rechte "Milchstraße" in der Grafik der, auf die sich die beiden früheren Beiträge [5, 6] bezogen). Etwa ab 6.500 v. Ztr. breitete sich der Ackerbau rund um das Mittelmeer aus und schon diese Ausbreitungsbewegung dürfte wohl vorwiegend von dem mediterranen Typus getragen gewesen sein.

Die Natufier (vorbäuerliche Erntevölker) im Levanteraum zeigen nach Bernhard das anthropologische Bild von kleinwüchsigen, breitgesichtigen Menschen mit einer gewissen Robustizität (2, S. 30). Sie weisen also weniger in Richtung des mediterranen Typus.

Dann berichtet Bernhard interessanterweise über die Reste von vier Individuen von der Südküste des Kaspischen Meeres aus der Zeit um 7.400 v. Ztr. (gefunden in der Hotu-Höhle). Immerhin haben wir es hier mit jener mesolithischen Bevölkerungsgruppe zu tun, die nicht weit von der Ursprungsregion der Indogermanen lebte. Es dürfte sich um Angehörige der von uns schon angesprochenen (5) Kelteminar-Kultur handeln, die die Keramik, Hirse und Hausmaus von Osten nach Westen zu den Proto-Indogermanen weitergegeben haben könnten. Bernhard sagt zu diesen jedenfalls (2, S. 31):
Sie sind groß und massiv, Gesicht und Orbitae sind relativ niedrig und verleihen in Verbindung mit dem breiten Unterkiefer dem Schädel ein cromagnides Aussehen.
Nach einer von Bernhard durchgeführten multivariaten statistischen Analyse sollen die Natufier des Levanteraumes zeitgleichen mesolithischen Mitteleuropäern nahe stehen. Hier zeigt sich - wie oben schon - daß diese multivariate statistische Analyse, wenn sie nun mit ancient-DNA-Daten auf ihre Werthaftigkeit überprüft werden kann, sich womöglich als weitaus weniger treffsicher herausstellt, als die Analysen der Forschergeneration davor. Denn auch dieses Ergebnis hat sich ja nun keineswegs bewahrheitet!

Eine von uns schon erwähnte (6) ungeklärte Frage ist ja auch noch, wann der frühest-bäuerliche, eher mediterrane Typus in Kleinasien (der sich ab 6.500 v. Ztr. ausbreitete), abgelöst wurde durch den heute in der Türkei vorherrschenden Kurzkopf-Typus, über den Bernhard berichtet. Bernhard schreibt dazu (2, S. 134):
Die in der vorliegenden Untersuchung erstmals vorgenommene statistische Analyse sämtlicher verfügbarer Daten aus Kleinasien spricht für die Annahme einiger Autoren, wonach die Zunahme der Kurzköpfigkeit in Anatolien (...) mit der Einwanderung und Verbreitung der Hethiter in Zusammenhang steht.
Die Hethiter waren doch aber Indogermanen, die hinwiederum langköpfig gewesen sein sollen. Nun, diesen Dingen können wir hier einstweilen nicht in extenso nachgehen. Auch soll sich in der Eisenzeit mit der Zuwanderung der Seevölker erneut Langköpfigkeit in Kleinasien ausgebreitet haben (2, S. 135). Auch hier werden sicherlich in Bälde anient-DNA-Forschungsergebnisse definitivere Aussagen machen. Aber es kann natürlich sein, daß durch die Zuwanderung neuer Oberschichten (die spätestens am Ende der Spätantike im Mittelmeerraum ausstarben), sich auch für jene Unterschichten neue Selektionsregime ergeben haben, deren Nachkommen heute noch in dieser Region leben. All das muß einstweilen noch als ungeklärt gelten.

Als Eindruck insgesamt darf festgehalten werden: Viele Einsichten der tradtionellen Anthropologie haben sich bestätigt, einige stellen sich als eklatante Fehlbeurteilungen heraus. Wie schön, daß es heute die ancient-DNA-Forschung gibt. Man kann einmal wieder wie Ulrich von Hutten in seinem Brief an Willibald Pirckheimer ausrufen: „O Jahrhundert! O Wissenschaften! Es ist eine Lust zu leben, wenn man sich auch noch nicht ausruhen darf, mein Willibald!"

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  1. Schwidetzky, Ilse: Rassengeschichte von Deutschland. In: diess. (Hg.): Rassengeschichte der Menschheit, Bd. V: Europa. R. Oldenbourg Verlag, München, Wien 1979, S. 45-101
  2. Bernhard, Wolfram: Anthropologie von Südwestasien. In: Schwidetzky, I. (Hg.): Rassengeschichte der Menschheit, Bd. IV: Südwestasien. R. Oldenbourg Verlag, München 1993
  3. Bernhard, Wolfram; Palsson-Kandler, Anneliese (Hrsg.): Ethnogenese europäischer Völker. Aus der Sicht der Anthropologie und Vor- und Frühgeschichte. Ilse Schwidetzky zum 75. Geburtstag gewidmet. Gustav Fischer Verlag, Stuttgart, New York 1986
  4. Vonderach, Andreas: Anthropologie Europas. Völker, Typen und Gene vom Neandertaler bis zur Gegenwart. Ares-Verlag, Graz 2008
  5. Bading, Ingo:  Neue Forschungen zur Entstehung der Indogermanen Wie entstanden die modernen europäischen Völker? Auf: Studium generale, 2.7.2017, http://studgendeutsch.blogspot.de/2017/07/neue-forschungen-zur-entstehung-der.html
  6. Bading, Ingo:  Was macht uns Europäer genetisch so einzigartig? Die ancient-DNA-Forschung entwirft ein völlig neues und unerwartetes Bild vom Werden der europäischen Völker. Auf: Studium generale, 10.7.2017, http://studgendeutsch.blogspot.de/2017/07/die-trichterbecher-leute-standen.html 
  7. Bading, Ingo: Berlin praßt und wuchert ... - mit antik-griechischen Kunstwerken. Auf: GA-j!, 5. November 2009, Teil 1, http://studgenpol.blogspot.de/2009/11/berlin-prat-und-wuchert-teil-1.html, Teil 2, http://studgenpol.blogspot.de/2009/11/berlin-prat-und-wuchert-teil-2.html

Dienstag, 11. Juli 2017

Ostsee-Handels-Schifffahrt lange vor dem Ackerbau

Über die Ausgrabungen in Neuwasser in Hinterpommern seit 2003

Von einem Fischerdorf in Pommern mit dem Schiff 200 Kilometer nach Osten oder nach Westen zu fahren, scheint für das dort ansässige, heute ausgestorbene Fischervolk in der Zeit zwischen 5.000 und 3.000 v. Ztr. gar kein Problem dargestellt zu haben. - Nur den Archäologen scheint es schwer zu fallen, sich diesbezüglich neben den ganzen Bäumen nun auch einmal den Wald anzuschauen ...

An der langen pommerschen Ostseeküste gibt es - etwa auf halben Weg zwischen Stettin und Danzig - auch das Dorf Neuwasser in Hinterpommern (Wiki), ein Fischerdorf mit 200 bis 300 Einwohnern, seit 1900 "Ostseebad Neuwasser" genannt (siehe Abb. 1-4). Da in den letzten Jahrzehnten die Erforschung der Neolithisierung des westlichen Ostseeraumes vergleichsweise gut vorangekommen ist, es aber bezüglich des östlichen Ostseeraumes noch beträchtliche Wissenslücken gibt, wird seit dem Jahr 2003 nahe dieses Ostseebades von Archäologen eine 6.000 Jahre alte Siedlungsstelle ausgegraben (1, S. 5). Diese war in der Zeit zwischen 5.100 und 3.600 v. Ztr. von Menschen besiedelt. Es fanden sich in dieser Siedlungsstelle aber für den genannten Zeitraum noch keine Hinweise auf Ackerbau und Viehzucht in dieser Gegend. Die Bewohner lebten also als Fischer, Jäger und Sammler. - Wie unternehmungslustig waren sie?

Abb. 1: Ostseebad Neuwasser (Postkarte, vor 1945)

Das Ostseebad Neuwasser liegt am Bukower See, einem ehemaligen Haff. Der Bukower See ist heute durch eine Nehrung von der Ostsee getrennt. Das Fischerdorf liegt zwischen der Nordspitze dieses Bukower Sees und der Ostsee. Noch im Mittelalter war das Dorf an einem heute versandeten Wasserlauf gelegen, der den See mit der Ostsee verband. Die archäologisch erforschte Siedlungsstelle lag einstmals auf einer Insel innerhalb des Bukower Sees (2), also gut geschützt.


Abb. 2: Ostseebad Neuwasser (Postkarte, vor 1945)


1780 gab es in Neuwasser 26 Fischer- und acht Büdner- (also Kleinbauern-)Familien, also noch zu dieser Zeit gab es hier nur ganz wenig Ackerbau. Das ist ja typisch für viele Fischerdörfer, die an der Ostseeküste oder in der Nähe der Küste gelegen sind. Die Einwohnerzahl des Dorfes lag seit 1800 immer zwischen 200 und 300 Einwohnern. 1948 erhielt das Dorf - nach der Vertreibung der  dort seit vielen Jahrhunderten ansässigen Deutschen - den neupolnischen Namen „Dąbki“. (In diesem klingt das slawische Wort für „Eiche“ an.)

Das besonders Spannende ist nun, daß die Herkunft der 70 Keramik-Scherben, die hier gefunden wurden, auf eine Vielzahl von unterschiedlichen mitteleuropäischen Bauernkulturen zurückgeführt werden kann, und zwar sowohl auf die Trichterbecher-Kultur westlich der Oder, als auch die Brester Kultur ("Brześć-Kujawski-Kultur") in Kujawien an der Weichsel*) oder auf die Lengyel-Kultur. Es fanden sich sogar Keramikscherben, die aus der 1000 km entfernt in Ungarn gelegenen Bodrogkeresztúr-Kultur stammen, also aus dem Donauraum! Das sind natürlich Umstände, die völlig neue Perspektiven eröffnen.


Abb. 3: Ostseebad Neuwasser (Postkarte, vor 1945)


In ihnen deutet sich natürlich weitreichender Kultur- und Wirtschaftsaustausch in sehr früher Zeit an. Er erinnert sofort an Wikingerstädte des Ostseeraumes im Frühmittelalter, in denen sich auch Kulturgut aus weit entfernten Regionen sowohl aus Ost wie West findet, etwa aus Byzanz oder Rußland oder England. Soweit übersehbar, haben nun aber die Archäologen noch gar nicht in den Blick bekommen, daß der Transportweg, über den die genannte Keramik nach Neuwasser in Hinterpommern gelangt ist, auch ein Schiffsweg gewesen sein kann, ganz ebenso wie wir das - für dieselbe Region! - noch aus der Wikingerzeit kennen. Noch in der jüngsten Rezension jenes Bandes (1), der den bisherigen Kenntnisstand der Ausgrabungen zusammen faßt, wird See- und Flußschifffahrt gar nicht in Rechnung gestellt als Transportwege, obwohl angemerkt wird (4):
To correctly interpret the contacts between hunter-gatherers and Danubian farmers we have to acknowledge that these farmers lived in areas far away from Dąbki (130 km to the lower Vistula; 200 km to the lower Oder) and were not interested in colonising habitats of this type. Thus, in this part of Pomerania there were no farmers within close range of the community living at Dąbki, and it is only if this had been the case that we could expect frequent contact and exchange of small items of everyday use between these groups.
Das waren also weit reisende Leute, die Fischer von Neuwasser. Aber sieht man denn den Wald vor lauter Bäumen nicht? Es ist doch mehr als nahe liegend anzunehmen, daß es sozusagen "Wikinger" im Ostseeraum gab schon viertausend Jahre früher als die uns bekannten Wikinger! 

Die mesolithischen und neolithischen Bewohner von Neuwasser könnten mit Schiffen über die Ostsee gut die Weichselmündung erreicht haben und flußaufwärts zu den Bauern in Kujawien gefahren sein. Sie könnten ebenso gut Richtung Westen die Odermündung erreicht haben und könnten dort die Bauern der Trichterbecher-Kultur besucht haben. Und natürlich könnten sie dann von dort auch Keramik aller Art mitgebracht haben. Natürlich könnten Menschen auch dort geblieben sein und sich an die dortige neue Lebensweise angepaßt haben. Man möchte fast meinen, daß das die sparsamste Erklärung für die "bunte" Keramik-Vielfalt von Neuwasser ist.


Abb. 4: Ostseebad Neuwasser (Postkarte)


Natürlich könnten die Handelsschiffer von Neuwasser insbesondere auch Bernstein von der Ostsee zu den entfernten Kulturen mitgebracht haben. - - - Es spricht eine ganze Menge für Ostsee-Schifffahrt schon in dieser frühen Zeit. Im mediterranen Raum zum Beispiel hat es mit aller Wahrscheinlichkeit (oder ist es inzwischen sogar schon sicher?) um 6.500 v. Ztr. Schiffskontakte zwischen allen dortigen Küstenräumen gegeben. Der Ackerbau selbst kann sich dort eigentlich kaum anders als über Schiffsfahrten ausgebreitet haben. Dafür gibt es inzwischen viele Hinweise, von denen einige auch hier auf dem Blog referiert worden (bzw. ist das von Seiten des Autors dieser Zeilen schon 1995 in einer Seminararbeit am Anthropologischen Institut Mainz angenommen worden).

Und es bestehen auch gut begründete Vermutungen, daß sich die Keramik dann entlang der Atlantikküste bis in den Nordseeraum ausgebreitet hat, also über Schifffahrt. Warum also nicht auch im Ostseeraum über Wasserwege? Wer an der Ostsee lebt, muß doch sowieso schon Fischerboote fahren, mit denen man einigermaßen weit fahren kann.

Und indem man sich diese Dinge als Möglichkeit vor Augen führt, wird einem anhand der Funde von Neuwasser bewußt, in welchem sonstigen Rahmen überhaupt das Volk der Ackerbau- und Viehzucht treibenden Trichterbecher-Kultur im westlichen Ostseeraum hatte entstehen können. Natürlich kann auch diese Kultur schon diese Fernhandels-Kontakte über See gekannt haben, auch wenn es diese selbst - als seßhafte Ackerbauern, die vom Festland stammen - nicht von sich aus unterhalten haben muß.

In der genannten Rezension (4) wird auf eine jüngst veröffentlichte ancient-DNA-Studie hingewiesen, wonach unter den Bauern der Brester Kultur ("Brześć-Kujawski-Kultur") in Kujawien an der Weichsel Frauen aus angrenzenden Jäger-Sammler-Völkern gelebt haben (5). Und daran anschließend wird nun die vergleichsweise "kühne" These aufgestellt, die Männer solcher Bauernvölker seien samt ihrer Keramik an die Ostsee gekommen, um hier nach Frauen zu suchen, da die Sterblichkeit der eigenen Frauen zu hoch gewesen sei, da aber eine hohe Nachkommenzahl für diese das Wichtigste gewesen sei. Nunja, eine "kühne" These!

Abb. 5: Erschienen 2015

Es geht auch einfacher. Die einfachste Erklärung ist schlicht, daß es regen Handelsaustausch über See gegeben hat, und daß dabei natürlich auch Frauen aus Neuwasser mit gefahren sind, die dann in den Bauernvölkern vor Ort geblieben sind. Übrigens muß so oder ähnlich ja überhaupt viel Völker-Entstehung in Europa erklärt werden, da ja nach allem, was wir bisher wissen (siehe die letzten beiden Blogbeiträge) alle Bauernvölker Europas aus Mischbevölkerungen zwischen Bauern aus dem jeweiligen Süden und einheimischen Jäger-Sammler-Völkern hervorgegangen sind während ihrer jeweiligen Ethnogenese.


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*) Benannt nach der Stadt Brest in Kujawien (Wiki). Sie liegt 60 Kilometer südlich der Stadt Thorn an der Weichsel auf dem Weg nach Warschau, also ganz im Westen von Kongreßpolen, nahe zu jener Grenze nach Westpreußen wie sie bis 1918 bestanden hat.

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  1. Jacek Kabaciński, Sönke Hartz, Daan C. M. Raemaekers, Thomas Terberger (Hrsg.): The Dąbki Site in Pomerania and the Neolithisation of the North European Lowlands [c. 5000 - 3000 cal B.C.]. (Archäologie und Geschichte im Ostseeraum, Bd. 8). Verlag Marie Leidorf, Rahden/Westfalen 2015 (freies pdf)
  2. Dąbki. Where hunters met farmers. In: Science in Poland, 18.11.2013, http://scienceinpoland.pap.pl/en/news/news,397981,dabki-where-hunters-met-farmers.html
  3. Kerkko Nordqvist and Aivar Kriiska: Towards Neolithisation. The Mesolithic-Neolithic transition in the central area of the eastern part of the Baltic Sea. In: Siehe 1.,  S. 537ff, file:///C:/Users/User/Downloads/Fail_36%20Nordqvist-Kriiska%20-%20Dabki-Band.pdf 
  4. Czerniak, L. (2017). Review of: Kabaciński, J., Hartz, S., Raemaekers, D. C. M., & Terberger, Th. (Hrsg.) (2015). Der Fundplatz Dąbki in Pommern und die Neolithisierung der nordeuropäischen Tiefebene (ca. 5000 - 3000 cal B.C.). The Dąbki Site in Pomerania and the Neolithisation of the North European Lowlands (c. 5000 - 3000 cal B.C.). (Archäologie und Geschichte im Ostseeraum 8). Rahden/Westf.: M. Leidorf. Archäologische Informationen 40, Early View, published online 10 July 2017, http://www.dguf.de/fileadmin/AI/ArchInf-EV_Czerniak.pdf
  5. Lorkiewicz, W., Płoszaj, T., Jędrychowska-Dańska, K., Żądzińska, E., Strapagiel, D., Haduch, E., Szczepanek, A., Grygiel, R. & Witas, H. W. (2015). Between the Baltic and Danubian Worlds: The Genetic Affinities of a Middle Neolithic Population from Central Poland. PLOS ONE, February 25, 2015. DOI:10.1371/journal. pone.0118316

Montag, 10. Juli 2017

Was macht uns Europäer genetisch so einzigartig?

Die ancient-DNA-Forschung entwirft ein völlig neues und unerwartetes Bild vom Werden der europäischen Völker

Seit März 2017 ist es definitiv. Wir Europäer sind genetisch eine Mischung aus westeuropäischen Jäger-Sammler-Völkern, Bauern aus der Ägäis (die am ehesten den heutigen Bewohnern Sardiniens ähnelten) und Jäger-Sammler-Völkern aus dem Kaukasus. Vielleicht/vermutlich gibt es noch eine genetische Komponente der osteuropäischen Jäger-Sammler-Völker, aber am wenigsten scheinen die skandinavischen Jäger-Sammler-Völker genetisch auf uns Einfluß genommen zu haben. So jedenfalls der derzeitige Stand der Forschung, nachdem schlußendlich auch mindestens die Genome von drei Bauern, bzw. Bäuerinnen der Trichterbecherkultur sequenziert worden sind, zuletzt von Johannes Krause in Jena (1).

Grafik 1: Hauptkomponenten-Analyse zu den genetischen Verwandtschaftsverhältnissen zwischen den archäologischen Kulturen Europas und des Vorderen Orients seit der Eiszeit vor dem Hintergrund der heutigen Verwandtschaftsverhältnisse

Seit 2009 haben wir hier auf dem Blog immer wieder intensiv nachgedacht gerade auch über die Entstehung des Volkes der Trichterbecherkultur im südlichen Ostseeraum (zu finden unter dem Label "-4.100 v. Ztr."). Es war schon klar, daß die dortige Vorgängerkultur, die Ertebolle-Kultur genetisch weitgehend ausgestorben ist. Aber woher kamen die neuen bäuerlichen Zuwanderer? Die Frage scheint deshalb so bedeutsam, weil wir Mittel- und Nordeuropäer zu nicht geringen Teilen Nachkommen dieser Trichterbecher-Kultur sind. Und diese Kultur war bis März 2017 der letzte verbliebene weiße Fleck auf dem Gebiet der ancient-DNA-Forschung über die Völker Europas. Und jetzt, seit März 2017 gibt es definitivere Ergebnisse der ancient-DNA-Forschung (1).

Mehr genetische Veränderungen als im Vorderen Orient 


Und indem die zentralsten Fragen damit nun - sehr überraschend - geklärt sind, werfen sie zugleich wieder eine Fülle von neuen Fragen auf. Es bestätigt sich, was sich schon in früheren Arbeiten andeutete - und was wir anfangs absolut nicht hatten glauben wollen. Da die Hauptkomponenten-Analyse der aktuellen Arbeit zu den genetischen Verwandtschaftsverhältnissen zwischen den archäologischen Kulturen Europas und des Vorderen Orients seit der Eiszeit (1) gerade nicht als Bild hier hat eingefügt werden kann (sie kann aber ja in der Originalarbeit eingesehen werden), wird hier eine ganz ähnliche aus einer Arbeit des letzten Jahres gewählt (Grafik 1). Diese Grafik wird auch in dem Vortrag von David Reich im vorletzten Blogbeitrag gut erläutert. Und mit solchen Grafiken werden nun fast regelmäßig in den ancient-DNA-Forschungen die Ergebnisse veranschaulicht.

Eine Erläuterung derselben sei auch in dieser Stelle noch einmal gegeben: Grau unterlegt finden sich in dieser Grafik Verwandtschaftsverhältnisse zwischen den heutigen Populationen in Europa und dem Vorderen Orient. Dabei sehen wir zwei graue "Streifen" (in der Art von "Milchstraßen"). In dem rechten Streifen finden sich die heutigen Populationen des Vorderen Orients wieder, in dem linken die heutigen Populationen Europas. Dort wo sich die heutigen Populationen des Vorderen Orients finden, finden sich auch die archäologischen Populationen des Vorderen Orients. Sie sind in dieser Grafik nicht eingetragen. Aber daraus wird erkennbar, daß es im Vorderen Orient seit 12.000 Jahren genetische Kontinuität gibt. Das ist nun in Europa ganz anders.

Die farbigen Eintragungen dieser Grafik stellen nun die archäologischen Kulturen Europas dar und wie sie sich dem grau unterlegten Verwandtschaftsmuster der heutigen Populationen zuordnen.

Da sehen wir als erstes, daß die Jäger-Sammler-Völker Europas in Westeuropa ("Western European hunter-gatherers"), in Skandinavien ("Scandinavian hunter-gatherers") und in Osteuropa ("Eastern European hunter-gatherers") ebenso herausfallen aus der heutigen Verwandtschaftsverteilung wie die ersten Indogermanen an der Wolga ("Yamnaya"). Alle diese Populationen weisen also - im Gegensatz zu den vorneolithischen Populationen des Vorderen Orients keine sozusagen "unverfälschte" genetische Kontinuität bis heute auf, viel mehr müssen diese vorneolithischen europäischen Jäger-Sammler-Völker - zumindest in der unverfälschten Version, in der sie zuvor existierten - als ausgestorben gelten. Was nicht heißen muß, daß nicht dennoch - über noch schwer nachvollziehbare Wege - genetische Eigenschaften und Merkmale dieser Populationen in Nachfolge-Populationen übernommen worden sein können. Allerdings unterlagen sie dabei mit Sicherheit starker Selektion was dann Populationsgenetiker auch als "genetic sweep" beobachten (daß also bestimmte genetische Merkmale plötzlich eine überraschend größere Häufigkeit in einer Population bekommen als zuvor.)

Sind die starken Veränderungen der Grund für die Besonderheiten der europäischen Genetik, Geschichte und Kultur?


Auf diese ausgestorbenen Jäger-Sammler-Völker in Europa folgen nun jedenfalls "Mischvölker", deren Vorfahren sowohl aus den europäischen Jäger-Sammler-Völkern Europas stammen als auch aus den aus Kleinasien zugewanderten Bauern des Vorderen Orients. Da es immer wieder zu neuen Mischungen kam bei der Ethnogenese jedes einzelnen Volkes, gab es hier auch viele Möglichkeiten für Selektion während der Ethnogenese von Völkern und zwischen Völkern ("Gruppenselektion"). Das eine Mischungsverhältnis starb aus, andere Mischungsverhältnisse bestehen im wesentlichen weiter bis heute. Und innerhalb jedes Volkes, das bis heute weiter bestanden hat, scheint es zusätzlich auch noch nach der eigentlichen Ethnogenese überraschend viel Selektion gegeben zu haben.

Mit einem solchen Ergebnis hat vor fünf Jahren, ja, noch vor zwei Jahren niemand gerechnet und niemand rechnen können. Das ist etwas ganz Neues. Und das Bild ist für viele archäologische Bauernkulturen Europas ein sehr einheitliches. Und nun ordnet sich - quasi als letztes fehlendes Puzzelteil - in dieses Bild auch noch die früheste skandinavische Bauernkultur ein, nämlich die eindrucksvolle, weltgeschichtlich bedeutende Trichterbecher-Kultur.

Schon in der Grafik von vor einem Jahr fand sich ein erstes sequenzierte Genom eines mittelneolithischen schwedischen Ackerbauern verzeichnet ("Sweden/Skoglund_MN"), also eines Angehörigen der Trichterbecher-Kultur. Es war eben dort verzeichnet, wo sich nun auch die beiden neuen Genome aus diesem Jahr in der Verwandtschaftsverteilung wieder finden ("EN TRB" und "MN TRB"). Nämlich ganz in der verwandtschaftlichen Nähe zu den ersten mitteleuropäischen Bauern, den Bandkeramikern (hier "Early Neolithic") und noch näher zu den mitteleuropäischen Bauern des Mittelneolithikums, also der auf die Bandkeramiker folgenden Michelsberger Kultur ("Middle Neolithic"). Als wir die ersten leisen Hinweise auf solche Verwandtschaftsverhältnisse hier auf dem Blog referierten, schienen sie uns ganz abwegige "Artefakte", fehlerhafte Meßergebnisse zu sein. Pustekuchen! Die große Zahl der Ergebnisse über ganz Europa hinweg läßt das Bild nun unglaublich klar und eindeutig werden.

Damit liegen die ersten norddeutschen Ackerbauern verwandtschaftlich ebenso auf der Mitte zwischen den Extremen Jäger-Sammler im Vorderer Orient einerseits und Jäger-Sammler im vorneolithischen Europa andererseits wie schon die anderen erforschten früh- und mittelneolithischen Kulturen Europas. Es war definitiv etwas Neues, was sich da - auch mit den Trichterbecher-Leuten - in Norddeutschland, Dänemark und Schweden ausgebreitet hat. Es waren nicht einfach genetisch "Einheimische", die eine neue Kultur und Lebensweise angenommen haben.

Damit wird nun das Bild - zumindest in groben Umrissen - überraschend klar.

Und künftig wird es darum gehen, den Einzelheiten dieses Bildes genauer nachzugehen. Wie kam es dazu, daß sich gerade im Gebiet der Trichterbecher-Kultur bis heute die großen, blonden, blauäugigen Rohmilchverdauer mit hoher angeborener Intelligenz, mit ADHS und großen thymotischen Energien ansammelten, obwohl doch ihre Vorfahren zu nicht geringen Teilen von einem Volk aus Kleinasien abstammen, das dort - in Kleinasien - heute auch nicht mehr lebt? Aber warum dann nicht auch dort? Hier werden einerseits die vorneolithischen europäischen Vorfahren eine Rolle spielen. Aber es wird auch - so darf man annehmen - nach der Ethnogenese der Trichterbecherkultur noch viel Selektion stattgefunden haben. Auch wird erst die nachherige Eroberung durch die Indogermanen dieses sehr eindeutige körperliche und seelische Erscheinungsbild der Skandinavier und Nordeuropäer hervorgebracht haben.

Dennoch ist es unter all den genannten Umständen dann doch erstaunlich, daß wir heute - und schon seit vielen hundert Jahren - so gar kein rechtes Verwandtschaftsgefühl zu Bauern aus Anatolien oder zu Jägern und Sammlern aus dem Kaukasus (von denen die Indogermanen zum Teil abstammen) empfinden. Liegt das wirklich nur an der sehr anderen Religion des Islam? Oder haben sich Kleinasien und Nordeuropa auch genetisch über die Jahrtausende eher auseinander entwickelt als aufeinander hin? (Zum Beispiel eben über die genannten "genetic sweeps"?) (Siehe dazu auch den ersten Kommentar zu diesem Blogbeitrag.)

Die Trichterbecher-Kultur stand genetisch der Michelsberg-Kultur und ihren Vorgängerkulturen nahe


Jedenfalls nimmt damit eine Forschungs-Diskussion ein sicherlich außergewöhnliches unerwartetes Ende, die in den letzten hundert Jahren intensiv geführt worden ist. Und da macht es Sinn, den heutigen Erkenntnisstand noch einmal mit dem letzten Kenntnisstand der traditionellen Physischen Anthropologie zu diesen Fragen zu vergleichen. Also: Was ist in den zuletzt von meinem Professor Wolfram Bernhard (RLP-Forschung) in Mainz bearbeiteten Bänden (2) im Gegensatz dazu an Vermutungen geäußert worden über die Ethnogenese der europäischen Völker, der Bandkeramiker, der Indogermanen, der Trichterbecherkultur, der bronzezeitlichen Völker? Auch alle Erörterungen über die genetischen Ursprünge der europäischen Völker anhand der Ergebnisse der Sequenzierung der Genome heutiger Menschen wie sie in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren geführt wurden, kann man damit zu aller größten Teilen zu den Akten legen.

Am meisten Informationen über den heutigen neuen Kenntnisstand hatten wir, wie schon im letzten Beitrag erwähnt, Vorträgen von David Reich entnommen, die er im letzten Jahr gehalten hat und die auf Youtube eingestellt sind (siehe St.gen. 2017). Obwohl der letzte davon im Mai in Israel gehalten wurde, war in ihm noch nicht ausdrücklich auf die für uns Deutsche und Nordeuropäer so wichtige Trichterbecherkultur hingewiesen worden und den ganz neuen Kenntnisstand zu ihr.

Jetzt müssen natürlich vor allem einmal die Kaukasus-Kulturen interessieren, die Einfluß genommen haben auf die Ethnogenese der Indogermanen, und die - soweit übersehbar - bislang kaum jemand im Blick hatte, was die Ethnogenese der Indogermanen betrifft. Die Indogermanen hatten eine Hautfarbe wie die heutigen Spanier.

Das Spannende ist, daß durch die vielen genetischen Komponenten, aus denen sich die europäischen Völker heraus entwickelt haben und durch die mehrfachen Aussterbe-Ereignisse und Neuentstehung von Völkern in Europa scheinbar viel mehr genetisch geschehen ist als in den letzten 12.000 Jahren im Vorderen Orient, wo es weitgehend genetische Kontinutität gegeben hat bis heute. Es wird dieser Umstand nicht zum wenigsten sein, aus dem heraus die Einmaligkeit der Kulturentwicklung der "westlichen Welt" erklärt werden kann, also die von ihr hervor gebrachten kulturellen Errungenschaften ("Human Accomplishment") nach Charles Murray.

Aber was jetzt in ersten Andeutungen sichtbar wird, aber auch schon ausgesprochen worden ist, ist der Umstand: Auch nach der jeweiligen Ethnogenese eines europäischen Volkes hat es bis heute immer noch sehr viel Selektion in diesem Volk gegeben ("genetic sweeps"). Über diese wird in näherer Zukunft noch ein genaueres Bild zu geben und zu erarbeiten sein. Es ist ja die Frage zu stellen: Warum hat kein traditionell arbeitender Physischer Anthropologe etwas von der mediterranen Herkunft der heutigen Europäer gesehen? Warum fühlen wir so überhaupt keine genetische Verwandtschaft mit den heutigen anatolischen Bauern oder Kaukasus-Bewohnern? Hier ist wohl noch vieles ungeklärt und neu zu überdenken und weiter zu erforschen.


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  1. Alissa Mittnik, Chuan-Chao Wang, Saskia Pfrengle, Mantas Daubaras, Gunita Zariņa, Fredrik Hallgren, Raili Allmäe, Valery Khartanovich, Vyacheslav Moiseyev, Anja Furtwängler, Aida Andrades Valtueña, Michal Feldman, Christos Economou, Markku Oinonen, Andrejs Vasks, Mari Tõrv, Oleg Balanovsky, David Reich, Rimantas Jankauskas, Wolfgang Haak, Stephan Schiffels, Johannes Krause: The Genetic History of Northern Europe. BioRxiv, 3.3.2017, http://www.biorxiv.org/content/early/2017/03/03/113241
  2. Schwidetzky, Ilse (Hrsg.): Rassengeschichte der Menschheit. 14 Bände. Begr. v. Karl Saller. Oldenbourg Wissenschaftsverlag. 1968 bis 1993, https://www.degruyter.com/view/serial/234692
  3. Quiles, Carlos (2017). Indo-European demic diffusion model (2nd ed.). Badajoz, Spain: Universidad de Extremadura. https://indo-european.info/wiki/index.php/Chalcolithic
  4. Eppie R. Jones; Gunita Zarina; Vyacheslav Moiseyev; Emma Lightfoot; Philip R. Nigst; Andrea Manica; Ron Pinhasi; Daniel G. Bradley: The Neolithic Transition in the Baltic Was Not Driven by Admixture with Early European Farmers. In: Current Biology, 20. Februar 2017, http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0960982216315421
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