Mittwoch, 28. Februar 2007

"... sein Name ist Schönheit" - und auch Umberto Eco weiß es ...


Umberto Eco hat eine ganz erstaunliche und überraschende Arbeit zur menschlichen Ästhetik, zum menschlichen Schönheitswillen vorgelegt. Meisterwerke der europäischen Kunstgeschichte werden mit ganz hervorragend ausgewählten zeitgenössischen und späteren Zitaten aus dem menschlichen Denken über Schönheit und Empfinden von Schönheit zusammen präsentiert. Diese Zusammenstellung ergänzt sich ganz hervorragend. Indem man beispielsweise liest, wie mittelalterliche Menschen ihre Umwelt - und auch die damals geschaffene Kunst - wahrgenommen haben, versteht man sofort deutlich mehr über die damals geschaffene Kunst.

Viele der allerwichtigste Zitate Winckelmanns werden gebracht, die immer wieder neu und erfrischend zu lesen sind, auch wenn man manche von ihnen schon kennt. Und so vieles andere mehr. - Eine solche Zusammenstellung ist sicherlich auch für Wissenschaftler auf dem Gebiet der Evolutionären Ästhetik von großem Nutzen, ja, vielleicht weg-leitend.

Friedrich Hölderlin sagt:

Ich hab es einmal gesehn, das Einzige, das meine Seele suchte, und die Vollendung, die wir über die Sterne hinauf entfernen, die wir hinausschieben bis ans Ende der Zeit, die hab ich gegenwärtig gefühlt. Es war da, das Höchste, in diesem Kreise der Menschennatur und der Dinge war es da!

Ich frage nicht mehr, wo es sei; es war in der Welt, es kann wiederkehren in ihr, es ist jetzt nur verborgner in ihr. Ich frage nicht mehr, was es sei; ich hab es gesehn, ich hab es kennen gelernt.

O ihr, die ihr das Höchste und Beste sucht, in der Tiefe des Wissens, im Getümmel des Handelns, im Dunkel der Vergangenheit, im Labyrinthe der Zukunft, in den Gräbern oder über den Sternen! wißt ihr seinen Namen? den Namen des, das Eins ist und Alles?

Sein Name ist Schönheit.

Dienstag, 27. Februar 2007

Germanische Königsgräber bei Halle entdeckt (475 n. Ztr.)

(Germanischer Spangenhelm, Landesmuseum Mainz)

Um 375 n. Ztr. unterwarfen die Hunnen die Goten an der Wolga und lösten damit die germanische Völkerwanderung und den Untergang des Römischen Weltreiches aus. Nun hat man in der Nähe von Halle ein reiches germanisches Gräberfeld entdeckt aus der Zeit um 475 n. Ztr., also auf dem Höhepunkt der Völkerwanderung - und aus der Lebenszeit Theoderichs des Großen (451 - 526), dem berühmten Dietrich von Bern der Sage.

Das Gotenreich Theoderichs des Großen in Italien war mit dem Thüringer Reich verbündet, das erst im Jahr 452 - nach dem Abzug der Hunnen - überhaupt ein eigenes Königreich geworden war. Zugleich begann der Aufstieg des Fränkischen Reiches im Westen. Die Alemannen herrschten in Südwestdeutschland. 489 war Theoderich nach Italien gezogen und hatte Odoaker besiegt, 496 besiegte der Frankenkönig Chlodwig I. die Alemannen in der berühmten Schlacht bei Zülpich und ließ sich zum Christentum bekehren. - Welch eine Zeit.

531 wurden die Thüringer von den Franken besiegt ... - Solche Daten jedenfalls muß man sich zuvor klar machen, wenn man den folgenden Zeitungsbericht wenigstens einigermaßen historisch einordnen will. Verwandte und Kinder der hier begrabenen Menschen weilten sicherlich als Gesandte an Theoderichs Hof in Ravenna.

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"Friedhof der Herrscher" bei Halle entdeckt

1500 Jahre alte Gräber mit Schmuck aus der Zeit der Völkerwanderung gehoben
Von Thomas Schöne

Halle - Ein einzigartiges, 1500 Jahre altes Gräberfeld mit Gold- und Bronzebeigaben haben Archäologen bei Halle in Sachsen-Anhalt entdeckt. Die Wissenschaftler bezeichnen das Areal aus der Zeit der Völkerwanderung auf Grund der reichen Ausstattungen als "Friedhof der Herrscher".

"Hier wurde in 14 Gräbern die komplette Oberschicht eines germanischen Stammes bestattet", erklärt die Archäologin Susanne Friederich vom Landesamts für Archäologie Sachsen, die das Projekt bei Halle in Sachsen-Anhalt betreut. Mit Hilfe von DNA-Tests wollen Wissenschaftler jetzt die verwandtschaftliche Beziehung der Toten klären, um Erkenntnisse über damalige gesellschaftliche Zusammenhänge zu gewinnen.

Im Grab einer etwa 20-jährigen Frau wurden drei massive Goldstücke ("Brakteaten") mit mythologischen germanischen Verzierungen gefunden. "So etwas ist extrem selten", betont Friederich. Die Goldstücke in der Größe von Ein-Euro-Münzen haben Ösen und wurden an einem Lederband als Schmuck um die Hüften getragen. "Brakteaten konnten sich nur Reiche leisten." Bei der Toten lagen auch ein Kamm sowie Arm- und Halsschmuck aus Bronze.

Sämtliche Toten liegen auf dem Rücken in West-Ost-Richtung mit dem Kopf in Richtung Osten. Ein Herrscher umklammert sein Eisenschwert, neben ihm liegen eine Lanzenspitze und eine Schwertperle. Das glitzernde Stück galt den Germanen als mystisch und wurde am Schwert mit einem Band getragen. Die Schwertperle sollte dem Kämpfer übersinnliche Kräfte verleihen. Insgesamt wurden in den Gräbern 30 Perlen aus Glas gefunden. Perlen, auch solche aus Glas, waren in der damaligen Zeit sehr wertvoll. "Die Blickrichtung zur aufgehenden Sonne und die zahlreichen Beigaben zeigen, dass diese Menschen an ein Weiterleben im Jenseits geglaubt haben", erläutert Friederich.

Vermutlich waren es Germanen, die um 475 bis 490 bei Halle mit Hunnen gekämpft haben und hier siedelten. "Das günstige Klima, fruchtbare Böden, das Handelsgut Salz und die verkehrstechnisch günstige Lage waren gute Gründe, sich in der Region um das spätere Halle niederzulassen", sagt die Archäologin.

Nach Angaben des Chefs der Restaurierungswerkstatt, Christian-Heinrich Wunderlich, wurden vier der Gräber besonders aufwendig im Ganzen als Block aus der Erde geborgen. "Die Gräber werden untersucht, restauriert, konserviert und für eine Ausstellung in Halle vorbereitet", sagt der Experte. Blockbergungen zeigen den Besuchern den gesamten Fundzusammenhang.

Mit dem Auftauchen der Hunnen in Europa um 375 nach Christus wurde die germanische Völkerwanderung ausgelöst. Sie führte zum Untergang des römischen Reiches und zur Gründung der ersten europäischen Reiche.

In den vergangenen Jahren schien Sachsen-Anhalt geradezu zum Mekka der Archäologen (und Raubgräber) zu werden, mehrfach beförderten Forscher wertvolle vor- und frühgeschichtliche Funde ans Tageslicht. Der berühmteste ist die 1999 gefundene Himmelsscheibe von Nebra (...).

Erste mitteleuropäische Bauern konnten keine Milch verdauen

(Paulus Potter - "Der junge Stier" - 1647 - Den Haag)

Die Arbeitsgruppe des Mainzer Humangenetikers Joachim Burger hatte schon im letzten Jahr mit einer international aufsehen erregenden Studie aufgezeigt, daß die Gene der ersten mitteleuropäischen Bauern (der Bandkeramiker) heute als weitgehend ausgestorben angesehen werden müssen. Da die Bandkeramiker vor dem Frühmittelalter das Volk mit der höchsten Siedlungsdichte gewesen sind in Europa (wie die Archäologie seit Jahrzehnten weiß), war das ein ganz erstaunlicher Befund.

Nun hat die gleiche Mainzer Arbeitsgruppe offenbar die gleichen Genreste in den Knochen dieser ersten europäischen Bauern dahingehend untersucht, ob sie die genetische Erwachsenen-Milchverdauungs-Steuerungssequenz besaßen, die heute über 90 Prozent aller Mitteleuropäer besitzen (in Skandinavien fast 100 Prozent, im heutigen Österreich nur noch 90 Prozent und je weiter im Süden um so weniger). Alle derzeitigen Berichte über diese Studie (ein deutschsprachiger hier, gnxp, Science) sagen aus, daß man diese Erwachsenen-Milchverdauungs-Steuerungssequenz in ihren Genen nicht fand.

Das wäre wiederum ein überraschendes Ergebnis, denn wir kennen ja von den Bandkeramikern wie ihr Name schon sagt, ihre ganz hervorragende (Fein- und Grob-)Keramik, die man sich bislang gut als Gefäße für Rohmilch hatte vorstellen können. Außerdem wissen wir, daß sie Kühe gehalten haben. Auch wissen wir von den gleichzeitigen Bewohnern der Mittelmeer-Küste, daß sie Ziegen gehalten haben.

Es bliebe nun wohl höchstens die Hypothese übrig, daß diese Völker
1. diese Tiere nur als Fleischlieferanten nutzten, bzw. als Zugtiere (die Kühe)*) oder
2. daß sie die Rohmilch zu anderen Produkten weiterverarbeiteten, die sich leichter verdauen lassen für Menschen, die als Erwachsene genetische Rohmilch-Unverträglichkeit aufweisen.

Ergänzung: Der BBC-Bericht macht den zuletzt genannten Gedankengang noch einmal plausibel:
"Patients with severe lactose intolerance can usually eat yogurt, hard cheeses and lactose-reduced milk and all are encouraged to eat these as a source of calcium and other nutrients."
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Also kann man sich vorstellen, daß auch die Bandkeramiker um verarbeiteter Milchprodukte willen Milchvieh gehalten haben werden.

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*) Dagegen spricht aber das inzwischen archäozoologisch bestimmte Alter, in dem die meisten Tiere geschlachtet wurden.

Schwangerschaft bei Übergewichtigen schwieriger

Übergewichtige Frauen stellten und stellen zum Teil heute noch in Schwarzafrika, zum Beispiel auch bei den Tuareg uBlocksatznd auch bei den Eiszeit-Jägern Mitteleuropas ein Schönheits-Ideal dar. Um so erstaunlicher erscheint es da, daß heutige übergewichtige Frauen in Deutschland einen ganz erheblich höheren Anteil von "schwierigen" Schwangerschafts-Verläufen haben, als normalgewichtige. So starke Nachteile hätten doch eigentlich im Verlauf der Humanevolution einen deutlichen Selektionsfaktor darstellen müssen in Richtung auf geringere genetische und kulturelle Neigung zu Übergewichtigkeit?

Hier scheint es noch manches zu geben, was erforscht werden muß:
Fettsucht verdoppelt Rate der Frühgeburten

Dresden - Laut WHO ist inzwischen jeder fünfte Bürger in den Industrienationen adipös, zu deutsch: fettsüchtig. Die Adipositas hat sich damit zum Hauptrisikofaktor für Gesundheit und Lebensqualität entwickelt. Eine besondere Herausforderung für Geburtshelfer stellen adipöse Frauen während der Schwangerschaft dar. Denn Komplikationen kommen bei ihnen wesentlich häufiger vor als bei normalgewichtigen. Das ergab jetzt eine aktuelle Studie am Uniklinikum Dresden.

Ausschlaggebend für die Komplikationen, so stellt die Studie fest, ist das Übergewicht vor allem dann, wenn es bereits vor der Schwangerschaft bestand. Je 299 adipöse und normal gewichtige Schwangere wurden dazu in den Jahren 1994 bis 2002 in Bezug auf Schwangerschaft-, Geburts- und Wochenbettverläufe untersucht. Die Ergebnisse verglich man mit den Daten der Sächsischen Perinatal- und Neonatalerhebung 2000. Die Ergebnisse:

34,1 Prozent der adipösen Schwangeren entwickelten einen Bluthochdruck im Vergleich zu nur 3,9 Prozent der Normalgewichtigen. Ein Schwangerschaftsdiabetes wurde bei 13,5 Prozent der Adipösen im Vergleich zu nur 0,4 Prozent der Normalgewichtigen festgestellt. Bei fettsüchtigen Frauen kam es doppelt so häufig zur Frühgeburten (21,4 zu 11,7 Prozent). Nur 57,8 Prozent der adipösen Frauen hatten eine Spontangeburt im Vergleich zu 77,6 Prozent der Normalgewichtigen. Obwohl die Kaiserschnittrate bei den normalgewichtigen Frauen am Uniklinikum Dresden mit 20,4 Prozent deutlich über dem sächsischen Durchschnitt von 14,9 Prozent lag, entbanden Adipöse noch einmal doppelt so oft mit Kaiserschnitt (40,4 Prozent).
BvL
Aus der Berliner Morgenpost vom 27. Februar 2007

Sonntag, 25. Februar 2007

Stranger than ... Emma Thompson

"Stranger than Fiction", eine Verfilmung mit Emma Thompson als Hauptdarstellerin. Emma Thompson ist ja eigentlich immer schon eine Empfehlung, die für sich selbst spricht. Es muß halt nur jemanden geben, der einen dankbarerweise darauf hinweist, daß es einen solchen (neuen) Film gibt, der sich durch Emma Thompson empfiehlt ....

Es kommt ein Busunfall darin vor. Der Film einen total erschüttern und umwerfen. Bestimmt nicht wegen des kitschigen Inhalts. Und der Film ist von vorne bis hinten kitschig - rein vom Inhalt her gesehen. Aber wenn es jemanden gibt, der aus Kitsch ernst macht - machen kann, dann sollte dies - - - Emma Thompson sein. Sie ist brutal genug, all dem Seichten in unserer Welt (in unserer kulturellen Welt) eine brutale Wendung zu geben. Und sie ist ironisch genug, um allem Brutalen in unserer Welt (in unserer kulturellen Welt) jenen Hauch von Ironie zu geben, ... - - - nun, also, es muß ja charakterisiert werden, oder? Also: jenen Hauch von Ironie, ... der auch unseren besten Talk-Show-Mastern schon vor mehreren Jahrtausenden abhanden gekommen ist.

Nachdem dieses also gesagt wurde, kann weiterhin nur gewarnt werden. Man sollte sich den Film nicht allein anschauen. Denn: Es ist ja doch ein Liebesfilm. Letztlich. Es kann ja doch kaum einen guten Film geben, wenn er nicht - letztlich - in irgend einer Weise ein Liebesfilm wäre. Und diese Maggie Gyllenhaal ... - Na also.

Samstag, 24. Februar 2007

Sind Kinder klüger?

Ich lese grade eine interessante Meldung:

Kinder ärgern sich über rauchende Eltern

Baierbrunn - Die Hälfte aller deutschen Kinder kann es nicht ausstehen, wenn ihre Eltern rauchen oder Alkohol trinken. Dies ergab eine Umfrage des Marktforschungsinstituts iconkids & youth, wie die "Apotheken Umschau" berichtete. Bei der Umfrage gaben 49,7 Prozent der Sechs- bis Zwölfjährigen an, sie ärgerten sich darüber, wenn ihre Eltern zu Zigarette oder Alkohol greifen. Vor allem Jungen zeigen sich demnach von der ungesunden Lebensweise ihrer Eltern genervt. Mehr als jeder Zweite (52,7 Prozent) von ihnen empfindet rauchende und trinkende Eltern als störend. Bei den Mädchen sind dies mit 46,4 Prozent weniger.

Überhaupt nicht gestört vom Alkohol- und Zigarettenkonsum der Eltern fühlen sich lediglich 5,5 Prozent der befragten Kinder. Für die repräsentative Erhebung im Auftrag des Apotheken-Postermagazins "medizini" wurden 721 Kindern im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren befragt. Mehrfachnennungen waren möglich. AFP

Aus der Berliner Morgenpost vom 24. Februar 2007

Die Frage wäre jetzt, wie der Vergleich gegenüber den Erwachsenen ausfällt. Aber welche zu befragende Gruppe wäre ein guter Vergleich? Nichrauchende und -trinkende Ehepartner von Rauchern und Trinkern haben sich ja sicherlich schon "arrangiert", da sie die Ehe ja gewählt haben und nicht - wie die Kinder - "hineingeboren" wurden. Vielleicht sollte man die Eltern der Eltern fragen? Oder nahestehende Freunde? Ich vermute in jedem Fall, daß Kinder zwischen 6 und 12 Jahren direkter und offener die Wahrheit über das sagen, was sie denken, und daß sie mehr "gerade aus" denken und darum - oft - klüger und erfrischender wirken und sind als "Freunde" und Erwachsene.

Freitag, 23. Februar 2007

Das Streben nach Unsterblichkeit in einem "naturalistischen Menschen- und Weltbild"

Schon im "Studium generale"-Beitrag vom Montag ("Anstrengungen und Hindernisse ...") zeigte ich mich begeistert von den dort erwähnten, freigeschalteten Aufsätzen in der Zeitschrift "Gehirn und Geist" zum Thema Religion und Wissenschaft. Inzwischen habe ich dort besonders den Aufsatz des Mainzer Philosophen Thomas Metzinger (in "Gehirn und Geist" 7-8/2006) genauer kennen und schätzen gelernt. Auf Wikipedia heißt es unter anderem über Metzinger: Er "gilt als einer der Philosophen, die am stärksten den Austausch der Philosophie mit den Neuro- und Kognitionswissenschaften suchen. So beschäftigt er sich etwa mit der philosophischen Interpretation der Suche nach neuronalen Korrelaten des Bewusstseins."

Ich hatte - ehrlich gesagt! - nicht mehr erwartet, daß irgend wann noch einmal von einem deutschsprachigen Philosophen ein Text gelesen werden könnte, der sich so dicht am "Puls der Zeit" bewegt und zugleich so viele so grundsätzliche Fragen versucht, in einem völlig neuen Rahmen, aus einer völlig neuen Sichtweise heraus zu beantworten. (- Ehrlich gesagt!) Aber man muß den Text vollständig lesen. Er wird künftig einen wichtigen Bestandteil meiner intellektuellen Biographie darstellen. Als Ausgangspunkt ist vielleicht Metzingers Satz (und Selbstverständnis?) beachtenswert: "Nehmen wir einmal an, daß die naturalistische Wende im Menschenbild unwiderruflich ist ..."

Genau DIESE "naturalistische Wende im Menschenbild" scheint Thomas Metzinger selbst als Philosoph besonders gut zu repräsentieren, so vorsichtig er sich hier auch noch ausdrückt. Man hat ja schon Jahre lang darauf gewartet, daß die ungeheuer vielschichtigen und umfassenden Entwicklungen in der Naturwissenschaft der letzten Jahrzehnte endlich einmal umfassende Auswirkungen zeitigen Richtung jenem Menschenbild, mit dem sich (normalerweise) die Philosophen (deutend) beschäftigen. Thomas Metzinger scheint einer der ersten deutschsprachigen Philosophen zu sein, der den Handlungsbedarf und die Handlungsmöglichkeiten klar, präzise und umfassend erkennt.

Metzinger sieht die Gefahr, daß aus diesem neuen "naturalistischen Menschenbild" geschlußfolgert sich "ein primitiver Materialismus in der Bevölkerung ausbreiten" könnte. Weiterhin sieht er damit zusammenhängend Gefahren hinsichtlich eines neuen religiösen Fundamentalismus ebenso wie hinsichtlich "einer neuen Sehnsucht nach geschlossenen Gesellschaften" - wie immer das im einzelnen genauer aufgefaßt sein mag. Er befürchtet, daß wir auf "eine geistesgeschichtliche Krise" zusteuern "mit unabsehbaren Folgen für die Gesellschaft". - - -

- - - Einer seiner interessantesten philosophischen Ausgangspunkte ist nun für ihn, daß mit dem Tod tatsächlich das einzelne menschliche Leben beendet ist, und daß sich daraus ein Konflikt für das menschliche Selbstverständnis ergibt. Dem "biologischen Imperativ", "dem verzweifelten Wunsch zu überleben" steht die "Sterblichkeit" nicht nur als "eine objektive Tatsache", sondern auch als "ein subjektiver Riss, eine offene Wunde in unserem Selbstmodell" gegenüber: "Die alten Teile" (der menschlichen Biologie) "stehen sozusagen im dauernden Widerstreit mit den neuen." - Ein wunderbares - und wohl - philosophisch sehr tiefes Bild! Man denkt hier sofort an August Weismanns Zweiteilung von "unsterblicher" Keimbahn und "sterblichem" Soma. Man denkt an die widerstreitenden Motive im persönlichen Leben: Einmal sehr stark von den Hormonausschüttungen der Fortpflanzungszellen getragen, die "nur" und "bloß" "leben" wollen und Leben weiter geben wollen. Und ein ander mal sehr stark von einem psychisch bewußten "Zustandsraum" (im Kopf) getragen, auf den Metzinger überraschenderweise ebenfalls noch umfassender zu sprechen kommt (s.u.).

Und Metzinger schreibt dann weiter: "In der Tat kann man uns als Wesen beschreiben, die die größte Zeit ihres Lebens mit dem Versuch zubringen, diesen Konflikt nicht mehr bewußt zu erleben. Vielleicht macht uns sogar gerade diese Eigenschaft unseres Selbstmodells religiös, denn das Selbstmodell ist im Grunde das Streben nach Unsterblichkeit." - - -

Dazu gäbe es viel zu sagen. Ein weiterer Gedanke Metzingers, den ich unwahrscheinlich spannend finde, steht dann am Ende, dort, wo er von der "unfaßbaren Tiefe unseres phänomenalen Zustandsraums" spricht: "... Das Potential unseres Erlebnisraums, die Anzahl der verschiedenen Bewußtseinszustände, die einem einzelnen menschlichen Wesen möglich sind, ist wesentlich größer, als wir ahnen. Unsere Individualität, die Einzigartigkeit unseres mentalen Lebens und vielleicht auch das, was wir traditionell als unsere "Würde" bezeichnet haben, hat viel damit zu tun, welchen Pfad wir durch unseren phänomenalen Zustandsraum nehmen."

Auch den Gedanken des zuletzt zitierten Satzes finde ich ungeheuer spannend. Man kann es auch so sagen: Reifungsprozesse im Gehirn lassen uns unterschiedliche Pfade durch das "Potential unseres Erlebnisraumes" gehen - oder auch nicht. - Aber ich habe mit diesen Zitaten nur wenige einzelne Gedanken herausgegriffen. Man muß den Aufsatz im Zusammenhang lesen, um festzustellen, was dieses neue "naturalistische Weltbild" alles an neuen Herausforderungen und philosophischen Deutungsmöglichkeiten mit sich bringt. Denn auch der Aspekt der Einzigartigkeit des Menschen im Universum und die Ursachen derselben werden von Metzinger thematisiert.

Donnerstag, 22. Februar 2007

Noch weitere Bilder von Raffael

Wenn "Studium generale" schon dabei ist, sollen auch noch einige andere, zusammen gesuchte Netzfunde aus Raffael's Bilderzyklus "Amor und Psyche" aus der Villa Farnesina in Rom hier vorgestellt werden. Inzwischen - 2.6.2011 - sind diese auch sehr gut, bzw. viel besser zugänglich auf Wikipedia (auch hier), von wo wir diese verbesserten Versionen der Bilder auch hier einstellen und dabei auch die neue technische Funktion der großformatigen Wiedergabe dieser Gemälde nutzen. Die Möglichkeiten des Internets werden immer besser! Ja: "Kunst für alle". Kunst fürs Volk.

Venus, Ceres, Juno


Venus zeigt Cupido Psyche

Cupido zeigt den drei Grazien Psyche







(Die Einzelheiten der hier dargestellten Geschichte von Amor und Psyche müßten noch einmal herausgesucht werden.)

Und hier noch die Gartenseite der Villa Farnesina.

Titelbild

Ein Leser meint in einer privaten Zuschrift, daß ihn das derzeitige Titelbild von "Studium generale", also dieses hier:


stören würde. Zumal, wenn es auf jeder Seite neu erscheinen würde. Wörtlich schreibt er: "Auf Deinem Netzblock stören mich übrigens die nackten Brüste, die einen hier bei jedem Klick verfolgen (wenn sie auch großen künstlerischen Wert besitzen mögen)." Rückmeldungen sind immer nützlich. Aber die Frage stellt sich: Tatsächlich? Geht dies auch anderen Lesern so? Man hatte sich schon vorgenommen, das Bild heute zu löschen, denn man will ja seine Leser nicht vergraulen. Aber wie man es jetzt wieder sieht, fällt es einem schwer. Es begeistert einen einfach zu sehr und jedes mal aufs Neue.

Und man kann es als sinnvoll ansehen, daß man mit einem solchen Titelbild gleich jedem Leser zeigen kann, daß "Studium generale" nicht nur eine rein "intellektuelle" Angelegenheit ist. Es ist allerdings sowieso vorgesehen, daß alle paar Wochen ein neues Titelbild gewählt wird. - Man müßte jetzt halt einen vollwertigen "Ersatz" haben. Dann würde das Löschen leichter fallen.

Doch erläutern wir es kurz. Dieses Gemälde von Raffael (1423 - 1520) ist ein weniger bekanntes, es handelt sich um "Die Büchse der Pandora" aus einem ebenfalls viel zu wenig bekannten Bilder-Zyklus "Amor und Psyche" in der Villa Farnesina am Tiberufer in Rom. Diese Villa beherbergt auch sonst eine ungewöhnliche Fülle von hochwertiger Kunst. Der Bilderzyklus blieb infolge des frühen Todes von Raffaels Seite aus unvollendet. Es handelt sich also um eines der letzten Werke seines Lebens. Man kann vielleicht sagen: Es handelt sich um ein Vermächtnis.

In kaum einem anderen Werk seines Lebens hat sich Raffael, so scheint es, so unverhohlen als ein unchristlicher Maler gezeigt, als in diesem Bilderzyklus. In ihm erscheint alles Christliche, alles, was jemals "Mittelalter" war und bedeutete, weitgehend vollständig - und sogleich vollendet - überwunden. Ein Gemälde solcher Qualität findet man auch nirgends in Pompeji - nur um eine Vergleichsmöglichkeit zu nennen. Und derartiges gilt ja auch für fast alle Werke von Raffael's Zeitgenossen Michelangelo.

Kann man sagen: Hier steht das Abendland erstmals in seiner vollen Größe und Entfaltung da. - ?

Montag, 19. Februar 2007

Anstrengungen und Hindernisse sind (oft) "gut" für Religiosität

Die Wissenschafts-Zeitschrift "Gehirn und Geist" hat eine ganze Fülle von Beiträgen zum Thema Religiosität aus Sicht der Naturwissenschaft freigeschaltet (aus den letzten drei Jahren). Hier ein Auszug aus dem Editorial dazu:

... In einer Zeit, in der viele Menschen nach persönlichen Antworten auf die Fragen von Leben, Liebe und Tod sowie den Spielregeln unseres Zusammenlebens suchen, boomen nicht nur Lebenshilfe und pseudoreligiöse Gruppen. Auch besonders strenge Glaubensverbände erfahren Zulauf. Dabei scheinen zeitaufwändige, anstrengende Rituale wie das Zölibat oder Gebets- und Speisevorschriften aus evolutionsbiologischer Sicht zunächst völlig unsinnig. Doch Anthropologen haben eine neue Theorie über derartige Rituale entwickelt: Glaube als Selektionsvorteil – je komplexer und anspruchsvoller die Anforderungen an den Einzelnen, desto stabiler und solidarischer die Gemeinschaft.

Hervorhebungen durch mich, denn ich halte das für einen wesentlichen Grundgedanken. Evolutionär erfolgreiche Glaubensgemeinschaften und -systeme legen sich oft mit Absicht "Steine in den Weg", machen sich mit Absicht das Leben schwer oder prosperieren besonders dort gut, wo das Leben und wo die allgemeinen Lebensbedingungen besonders schwer sind. Das scheint etwas mit der menschlichen Psyche zu tun zu haben. - Deshalb stellen die vielen Lebenserleichterungen der modernen Welt sicherlich auch eine Gefahr für das Überleben von Religionen und Religiösität dar - zumindest in jenen Gesellschaften, in denen diese Lebenserleichterungen besonders stark das Leben prägen, also in wirtschaftlich "reichen", arbeitsteilig "komplexen" Gesellschaften, die höchstwahrscheinlich erst durch die Entbehrungen hervorgebracht worden sind (etwa die "innerweltliche Askese" Max Webers), zu deren Überwindung die psychische Kraft aus Religiosität gewonnen worden war.

Reiche Gesellschaften könnten also von dem psychischen Kapital "zehren" (und es aufbrauchen), das die Entbehrungen früherer Jahrhunderte erst angesammelt hatten.

Freitag, 16. Februar 2007

Familienpolitik - wie man sich engagieren kann

Von einem Freund erhalte ich gerade folgende Zuschrift, die ich mal gleich hier einstellen möchte, da ich mich über sie sehr gefreut habe (und die auch gut zum letzten Blog-Beitrag paßt):
Ihr Lieben,

nachdem ich gestern Frau vd Leyen in ... in einem Vortrag erlebt habe, und einen Eindruck bekommen habe, von der Energie und Uneinsichtigkeit, mit der sie eine falsche familienpolitische Entwicklung vorantreibt, möchte ich Euch mal schreiben: Ich sehe die Gefahr, daß Deutschland nicht nur weiter die Familien finanziell benachteiligt, sondern zusätzlich einen Weg der weiteren Bevormundung und Entrechtung der Eltern in Richtung auf eine staatliche Frühbetreuung der Kinder geht, wie ihn z.B. Schweden schon gegangen ist. Die bisherigen familienpolitischen Maßnahmen vd Leyens gehen in die Richtung, daß selektiv die Fremdbetreuung der Kinder gefördert wird, während die Betreuung durch die eigenen Eltern finanziell bestraft wird. Das neue Elterngeld z.B. beträgt für Mütter, die sich vor der Geburt um ältere Kinder gekümmert haben, 300€, während vorher berufstätige Mütter bis zu 1800 € einstreichen können. das ist nicht nur ungerecht, sondern sendet auch ein Signal der Geringschätzung an diejenigen Eltern, die zugunsten der Kinder vorübergehend nicht arbeiten. Das gleiche gilt für die steuerliche Absetzbarkeit von Kinderbetreuungskosten. Die neuen Pläne sind jetzt, die staatlich finanzierte Frühbetreuung von kleinen Kindern massiv auszubauen. Das Geld dafür wird nicht mehr der direkten Familienförderung zur Verfügung stehen. Die Eltern, die die Frühbetreuung nicht nutzen, werden keine Vergütung ihrer Erziehungsleistung erhalten, obwohl sie dem Statt Geld sparen. Das ist ein weiteres Signal der Geringschätzung elterlicher Erziehung und eine weiteres Drängen der Eltern hin zur Fremdbetreuung.

Ich denke, dagegen sollte man etwas tun.

Ich selber bin schon seit Jahren Mitglied im deutschen Familienverband, der sich auch immer zumindest für eine Wahlfreiheit zwischen direkter Familienförderung oder Betreuung ausgesprochen hat.

http://www.deutscher-familienverband.de/

Das ist ein großer und traditionsreicher Verein. Allerdings wirkt er etwas behäbig. Pressemitteilungen zu aktuellen Ereignissen kommen selten und verspätet und er macht überhaupt etwas wenig Wind.

Dann bin ich noch auf die ziemlich junge Initiative

http://www.familiennetzwerkforum.de/index.html

gestoßen, die eine noch
klarer Position vertreten und wesentlich aktiver sind, (-allerdings ziemlich katholisch dominiert scheint, worüber ich diesmal hinwegsehen kann). Hier gibt es Möglichkeiten sich zu engagieren.

Darauf wollte ich Euch nur einmal hinweisen.

Herzliche Grüße
...
Tatsächlich: Auch ich kann die "Energie und Uneinsichtigkeit" dieser Frau von der Leyen und all jener, von denen sie unterstützt wird (dazu muß man ja auch unsere "allseits beliebte" Bundeskanzlerin rechnen, auch wenn sie glaubt, sich auf die Position zurückziehen zu können, als Kinderlose keine Ahnung haben zu brauchen von dieser Thematik ...) - also auch ich kann über diese absolut merkwürdige Politik einer "christlichen", konservativen Partei nur noch aller heftigst den Kopf schütteln oder letztlich: angeekelt sein. Hat das - auch - etwas damit zu tun, daß das Neue Testament familienfeindlich ist, wie zu Weihnachten in der "Welt" zu lesen war?

Auch ich selbst hab mir schon Informationsmaterial des Deutschen Familienverbandes schicken lassen und war ebenfalls nicht gerade "vom Hocker gerissen". Aber wenn sich dann noch eine Frau Radisch (siehe letzter Studium generale-Eintrag) darüber "mockiert", daß die Interessen der Vollzeitmütter vor allem von Männern in der Politik vertreten würden, ist das auch wieder einmal "surreal". Der Absurditäten kein Ende und kein Ende. Frau Radisch scheint noch kein Verständnis dafür entwickelt zu haben, daß Vollzeitmütter eben tatsächlich auch BESSERES zu tun haben, als ihren eigenen - so durch und durch selbstverständlichen - Lebensentwurf, der allein für die Zukunft tragfähig ist, auch noch in voller Stärke gegen DIESEN Gegenwind in der Öffentlichkeit zu verteidigen. Noch einmal: Absurdistan Deutschland.

Donnerstag, 15. Februar 2007

Einsamkeit und verpasstes Leben

Offenbar verliert Ursula von Leyen und ihr Modell der regulären Fremdbetreuung von Kleinkindern immer mehr an Anhängerschaft. Iris Radisch schlägt sich in der neuen "Zeit" mit ziemlich vielen Widersprüchen herum - aber will keinen Streit!!!! - Da fragt sich halt nur, wer denn überhaupt den Streit angefangen hat.

DIE ZEIT, 15.02.2007 Nr. 08

Schluß mit dem Streit!

Vollzeitmütter und berufstätige Mütter führen einen Kampf um das beste Lebensmodell. Damit werden sie die Familie nicht retten.

Im Augenblick gibt es Streit zwischen Müttern. Zwei Fronten stehen sich unversöhnlich gegenüber. Auf der einen Seite der Barrikade befinden sich die Vertreterinnen der Vereinbarkeitstheorie. Sie proklamieren die grundsätzliche Vereinbarkeit von Kindern und Karriere und haben seit vielen Jahren eine große Anhängerschaft. Auf der anderen Seite stehen die neuen Apologeten des alten Familienmodells. Sie gehen davon aus, dass eine Vereinbarkeit von Kindern und Karriere strukturell unmöglich ist, und bekommen in der augenblicklichen Krise immer mehr Zulauf. ....

Das Bemerkenswerte an diesem Text ist, daß derzeit offenbar ERSTMALS in Deutschland und der "Zeit" (so weit ich sehe) die "Lebensmodelle" Vollzeitmutter und berufstätige Mutter als gänzlich GLEICHWERTIGE Lebensmodelle behandelt werden. Bislang konnte von einer gleichwertigen gesellschaftlichen Anerkennung des Lebensmodells Vollzeitmutter ja wohl wirklich nicht die Rede sein. Auch nicht in der "Zeit". Und die merkwürdige Ursula von der Leyen, die angeblich einer "konservativ-bewahrenden" Partei angehört, bewegt sich, was diese Dinge betrifft, derzeit in eine gnadenlos merkwürdige Richtung.

Aber nun ist sogar der "Trend" durchzuspüren, daß sich die gesellschaftliche Anerkennung stärker in Richtung Vollzeitmütter-Modell bewegt, daß dies nur noch nicht bei jenen vollständig angekommen ist, die normalerweise über "öffentliche Meinung" Bericht erstatten und sie dadurch auch zu formen versuchen. Wie anders soll man denn sonst den Tonfall von Iris Radisch verstehen?

Dann würde ich nur noch sagen: Arme, arme Ursula von der Leyen.

Wenn es in dem Aufsatz heißt

Die Lehre von den angeblich natürlichen Eigenschaften der Frau ist keineswegs eine, die bereits seit Urzeiten Gültigkeit hätte. Sie ist erfunden worden,

so ist diese Aussage offenbar keineswegs durch biologische Sachkenntnis "getrübt". Es lassen sich ja auch so viel einfacher Gesellschaftsmodelle entwerfen ohne Berücksichtigung der Biologie und der evolutionären Psychologie. Und auch der folgende Satz

Zuvor war die ganztägige Berufstätigkeit der Frau, etwa im Stall und auf dem Acker, die selbstverständlichste Sache der Welt.

Ich möchte DAS bäuerliche Kind kennenlernen, daß das Gefühl hätte oder gehabt hätte, unter Abwesenheit seiner Mutter aufgewachsen zu sein, nur weil sie auch Stall- und Feldarbeit nachgegangen ist. Woher hat Frau Radisch ihre Kenntnisse? Wer selbst auf dem Land aufgewachsen ist, WEISS, daß es keine kinderfreundlicheren Arbeitsverhältnisse gibt, als einen Bauernhof. Deshalb möchte ich es entschieden bestreiten, daß die bäuerliche "Berufswelt", in der Haushalt, Hof und Feldarbeit fließend ineinander übergehen, auch nur in irgendeiner Weise zu vergleichen ist mit den streng separierten Lebenswelten moderner Dienstleistungsgesellschaften - mit "Büros", in denen Kindergeschrei etwas so Ungewöhnliches ist wie Menschen auf dem Mond. - Wiederum so ein außerordentlich schwaches und schlechtes Argument. Gibt es denn wirklich keine besseren, Frau Radisch?

Aber hören wir uns doch einmal dieses "merkwürdig" offene, ehrliche Zitat an, auch ihm ist ein neuer Tonfall, eine neue Ehrlichkeit zu entnehmen:

Der Feminismus hat zwar für die Mütterfrage nie ein Herz gehabt, weil er ursprünglich davon ausging, dass ein erfülltes und emanzipiertes Frauenleben ein kinderloses zu sein hat. Doch hat er sich in einer zweiten Phase und unter dem Druck der Mütter dazu bequemt, von dieser buchstäblich zum Aussterben verurteilten Position abzurücken und dem Vereinbarkeitsideal näherzutreten.

- "Von dieser buchstäblich zum Aussterben verurteilten Position ..."

Den letzten Sätzen ist dann aber allerdings vorbehaltlos zuzustimmen, wodurch deutlich wird, daß sich der Bewußtseinswandel wohl nicht aufhalten läßt:

Die durch Kinder unbehinderte Arbeitszeit der Eltern genießt allgemeine Anerkennung und staatliche Förderung, die durch Arbeit unbehinderte Familienzeit muss noch entdeckt – und geschützt werden. Denn ohne Familienzeit gibt es keine Familien. Und ohne Familien gibt es keine Kinder. Wer alles auf einmal haben will, wird bald gar nichts mehr haben. Nichts außer einer sensationell ausgestatteten Einsamkeit und einem verpassten Leben.

Mittwoch, 14. Februar 2007

Saddam Hussein - ist er wichtig?

In der neueste Ausgabe der Zeitschrift der "Gesellschaft für bedrohte Völker" (1/2007) schreiben Udo Fahlbusch und Tilman Zülch einen Nachruf auf Saddam Hussein mit folgendem Titel: "Opfer hätten mehr Aufmerksamkeit verdient". Einige Auszüge:

1987 "verurteilte das Bonner Landgericht die Gesellschaft für bedrohte Völker zu zwei Mal 500.000 DM für eine etwaige Wiederholung der Behauptung, die Firmen Pilot Plant und Karl Kolb hätten durch ihre Beteiligung an dem Aufbau der Giftgasindustrie Mitschuld an der Vernichtung der kurdischen Dorfbewohner. Erst das Kölner Landgericht hob dieses Urteil wieder auf, nachdem wir die gleichlautende Behauptung der 'Jerusalem Post' publiziert hatten. (...)

Es scheint, als hätte die Vollstreckung des Todesurteils viel mehr Aufsehen erregt, als das Schicksal der etwa 500.000 Kurden, die seit dem Machtantritt Saddam Husseins ums Leben gekommen sind. (...)

Saddam Hussein wurde hingerichtet. Die Intervention 2003 jener Staaten, die seine Verbrechen Jahre und Jahrzehnte hingenommen haben und durch Waffenlieferungen ermöglichten, hat das Morden im Irak nicht beendet. (...)

Auch wir haben die Exekution des Kriegsverbrechers Saddam Hussein verurteil, denn auch Diktatoren sind letztlich Menschen. Aber wir hätten uns mehr Öffentlichkeit und von manchem auch mehr Mitgefühl für Saddams Opfer und eine deutliche Verurteilung seiner Verbrechen in jenen 30 Jahren (1968 - 2003) gewünscht. Hier könnte man Joschka Fischer zitierten, der 1980 in seinem Buch 'Von Grüner Kraft und Herrlichkeit' selbstkritisch schrieb: 'Die Linke hat immer dann zu Völkermord geschwiegen, wenn die Opfer keine Linken waren, und sie waren meistens keine Linken'. Zu den Opfern von Völkermord zählte Fischer damals schon die irakischen Kurden. Später, während seiner Regierungszeit, vergaß er die Tschetschenen, als Rußlands Präsident Putin deren Hauptstadt Grosny dem Erdboden gleichmachte."

Kein Krimi - Realität, in Deutschland

Da man sich in früheren Jahren viel mit Tschetschenien beschäftigt hat, und nachdem sich niemand sonst in Deutschland für objektive und regelmäßige Berichterstattung und Beurteilung der Verhältnisse in Tschetschenien eingesetzt hat außer der "Gesellschaft für bedrohte Völker" in Göttingen, ist man Mitglied dieser Gesellschaft geworden. Ihr Prinzip lautet: "Auf keinem Auge blind." Immer wieder stechen die Stellungnahmen von Tilman Zülch, ihrem Gründer und langjährigen Vorsitzenden, zu politischen Ereignissen in dieser Welt deutlich heraus aus sonstigen politischen, angeblich ach so "kritischen" Kommentaren. Die Arbeit der GfbV wird von der deutschen Öffentlichkeit fast gar nicht - oder viel zu wenig - zur Kenntnis genommen.

Nun entdeckt man gerade das neue Netztagebuch von Sarah Reinke, der Mitarbeiterin der GfbV, die seit Jahren für die Tschetschenien-Arbeit der GfbV zuständig ist. Man hat lange nichts mehr von Tschetschenien gehört - hier steht alles wieder direkt neben einem, was dort alltäglich geschieht: eine Häßlichkeit nach der anderen in ununterbrochener Reihenfolge. Und in Deutschland haben die deutschen Behörden für diese verfolgten Menschen oftmals nicht das geringste Verständnis. Wenn man sich die pausenlose und ständige Gleichgültigkeit des Westens über die Zustände in Tschetschenien klar macht, versteht man viel, wenn nicht alles über den eigentlichen moralischen Zustand unserer, angeblich so "humanen" Welt.

Müssen hier Auszüge gebracht werden? Die bekannte tschetschenische Menschenrechts-Arbeiterin Lipkan Basajewa wird noch diesen Monat aus Hamburg nach Tschetschenien zurückkehren - also in den Herrschaftsbereich jenes Machthabers, unter dem gerade erst die russische Journalistin Anna Politowskaja wegen ihrer kritischen Berichterstattung über Tschetschenien ermordet wurde. Fast möchte man eine solche Rückkehr "Wahnsinn" nennen. Auf diesem Netztagebuch wird darüber in "Echtzeit" berichtet.

Andere Fälle von in aller tiefstem Maße gedemütigten, mißhandelten Menschen und Familien, die jede Form menschlicher Gewalt und Grausamkeit erlebt haben, werden geschildert, Menschen, die kein selbstverständliches Gastrecht in Deutschland genießen. Das Blut erstarrt einem in den Adern. Die Geschichte wird deutsche Politiker von heute anders beurteilen als die heutige deutsche Öffentlichkeit. Sie wird sie - unter anderem - daran messen, wie sie sich gegenüber dem Schicksal des tschetschenischen Volkes verhalten haben. Das Urteil kann nur gnadenlos vernichtend ausfallen genauso gnadenlos, wie sie sich gnadenlos gleichgültig gegenüber Menschenschicksalen verhalten, um "gut Freund" zu sein mit jemanden wie - - - Putin.

Dienstag, 13. Februar 2007

Islam.de - Interview mit Michael Blume

In einem spannenden Interview ist Religionswissenschaftler Michael Blume gefragt worden, WARUM religiöse Menschen durchschnittlich und weltweit mehr Kinder haben als Atheisten. Seine Antwort:

Der Mensch ist das einzige Wesen, das aktiv Fragen der Bindung oder Kinder entscheiden kann. Umgangssprachlich spricht man ja inzwischen sogar von einem „Unfall“, wenn ein Kind ungeplant gezeugt wird. Und der Punkt ist: Menschen können also abschätzen, dass Familiengründungen andere Lebensoptionen ausschließen, dass ihnen Kinder auch Sorgen und Kosten bereiten werden und dass vor allem Mütter auf verlässliche Partner und gemeinschaftliche Unterstützung angewiesen sind. In der freien Entscheidung für mehrere Kinder geht es also immer auch um das Überwinden des eigenen Egos, um freiwilligen Verzicht und auch die Bereitschaft zur Einordnung in eine Gemeinschaft. Und das sind mithin genau die Werte, die erfolgreiche Religionsgemeinschaften transzendent begründen und auf einer Vielzahl von Wegen vermitteln, offenbar erfolgreicher, als wir dachten.

Es scheint also so zu sein, daß eine transzendente Begründung das altruistische Verhalten eines Menschen verstärken kann. Spannend ist auch der dann folgende Teil des Interviews:

islam.de: Kann sich „Religion“ auch negativ auswirken?

Blume: Ja, wenn die Menschen über ihr Leben gar nicht frei entscheiden können, sondern die religiösen Gebote aus Zwang befolgen, bekommen sie weit mehr Kinder, als gut für alle ist. Dann haben wir Bevölkerungsexplosionen, Armut, fehlende Perspektiven und schließlich Gewalt nach innen und außen. Natürlich muss man in dem Bereich noch weiterforschen, aber mein vorläufiges Fazit sieht so aus, dass Religiosität und eine ausgewogene Bevölkerungsentwicklung nur bei Religionsfreiheit gedeihen können, zu der auch der Respekt vor den Rechten der Frauen und die Möglichkeit der Abkehr von Religion gehört. Zwang führt dagegen die Menschen und die Religionsgemeinschaften in die Katastrophe.

Das wirft neue Fragen auf. Ich würde so sagen: In der Geschichte zeigt sich, daß gesellschaftlicher und religiöser Zwang (mäßiger bis starker) tatsächlich durchaus über längere Jahrhunderte oder Jahrtausende in verschiedenen Weltregionen evolutionsstabile Fruchtbarkeitsraten erzeugt hat. Das muß aber noch keineswegs heißen, daß dies auch heute oder künftig oder immer schon nur so gewesen ist. Für starken religiösen Zwang sind ja bekanntermaßen besonders monotheistischen Gesellschaften anfällig. Aus religiösen, nicht-monotheistischen Gesellschaften sind oft auch ganz andere Verhältnisse bekannt. Etwa atmen in der Antike die Kulturen der Hethiter, der Griechen, der Römer noch einen ganz anderen, "freieren" Geist. Und natürlich haben sich auch diese Kulturen über lange Jahrhunderte hin "evolutionsstabil" verhalten. Ähnliches gilt natürlich für die Jahrzehntausende alten Stammesgruppen von Jäger-Sammler-Völkern. Da gibt es also noch viel Stoff zum Nachdenken.

Der Schluß des auch sonst lesenswerten Interviews lautet:

islam.de: Wie werden Sie weiterforschen?

Blume: Derzeit werte ich mit Hilfe des Schweizer Bundesamtes für Statistik Daten der Schweizer Volkszählungen von 1970 bis 2000 aus, um auch Aussagen über Trends machen zu können. Wie haben sich beispielsweise die Familienstrukturen der Schweizer Christen, Muslime und Konfessionslosen in den letzten Jahrzehnten entwickelt? Mich würde in diesem Zusammenhang auch die Meinung der Muslime interessieren und über einen Austausch mit Ihnen würde ich mich freuen.

Durch Gesang sein Revier verteidigen

Was für ein schöner Gedanke, daß Vögel durch Gesang ihr Revier verteidigen. Man stelle sich einmal vor, (menschliche) Staaten, Völker und Volksgruppen würden durch Gesang ihr "Revier", ihr Territorium verteidigen (können). Dann wäre - wahrscheinlich - eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte angebrochen. Warum also immer und ausschließlich zu den (gewalttätigen) Schimpansen schauen, wenn es um die evolutionären Wurzeln des Territorialverhaltens des Menschen und seiner Gruppen geht? So schreibt heute (13.2.07) Kerstin Viering in der "Berliner Zeitung":

So richtig nach Winter klingt das nicht mehr. Amseln und Meisen scheinen sich in diesen Tagen schon auf Partnersuche und Fortpflanzung eingestellt zu haben und zwitschern in den höchsten Tönen. Sogar eine Feldlerche hat Markus Nipkow vom Naturschutzbund Deutschland schon gehört. Dabei kehren diese Vögel normalerweise erst Ende Februar oder Anfang März aus ihren Winterquartieren am Mittelmeer zurück. Haben die milden Temperaturen die Vogelwelt aus dem Konzept gebracht? "Nicht jeder Gesang im Winter ist ungewöhnlich", sagt Nipkow. Bei Rotkehlchen etwa ist es üblich, auch in der kalten Jahreszeit ein Revier zu verteidigen. Da brauchen sie ihr Gezwitscher, um möglichen Rivalen Respekt einzuflößen. ...

- Oder sollte das etwa auch in Beziehung gesetzt werden können zu der These, daß Sprachevolution Humanevolution gewesen ist und ist (siehe zum Beispiel der britische Anthropologe Robin Dunbar in seinem Buch "Klatsch und Tratsch")? Vielleicht stellt ja menschlicher Gesang, menschliche Tratscherei, menschliches Kulturleben und seine Äußerungen, seine Reichhaltigkeit und Buntheit tatsächlich einen Faktor dar, der andere menschliche Gruppen davon abhält, das Kulturleben dieser Gruppe zu beeinträchtigen? Man denke etwa an die "singende Revolution" des lettischen Volkes vor einigen Jahren (1987 - 1992). Vielleicht flößt die Kultur eines Volkes, eines Volksstammes ja bei einem anderen Volk oder Volksstamm (und seinen regierenden Kreisen) tatsächlich ab und an auch einmal Respekt ein gegenüber dem Leben und der kulturellen Entfaltung derselben?

Es ist wahrscheinlich sowieso gefährlich, von den deprimierendsten menschlichen politischen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts GAR zu allgemeingültig auf andere Epochen der Humanevolution der Vergangenheit und Zukunft zu schließen und ganz andere Formen, Möglichkeiten und Wege von Humanevolution dabei ganz unberücksichtigt zu lassen.

Auch an die alten "männlichen-festen, trotzigen" Kirchenlieder könnte man sich erinnert fühlen, beispielsweise an Luthers "Eine feste Burg ist unser Gott". Oder auch Protestlieder gesellschaftlicher Bewegungen am Ende des 20. Jahrhunderts. Lieder also, die zum trotzigen Ausharren auffordern, zum Festhalten an für wertvoll erkannten kulturellen Gütern oder Standpunkten, wie "ernst er's jetzt (auch) meint", der "altböse Feind". Man singt sich dadurch ja auch Mut zu - so wie das kleine Rotkehlchen im tiefsten Winter.

Auf dem Wikipedia-Eintrag zu Luthers Lied heißt es, daß Heinrich Heine Luthers Protestlied als die "Marseillaise der Reformation" bezeichnet hat. Es hat auch wirklich mitreißenden Klang:
... Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib:
laß fahren dahin, sie haben's kein' Gewinn,
das Reich muß uns doch bleiben.


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Aktualisierung - 5.9.2008 hier:

http://studgenpol.blogspot.com/2008/09/durch-gesang-sein-revier-verteidigen-ii.html

Montag, 12. Februar 2007

"Illusion Fortschritt" - neuer Beitrag

Das aktuelle "Wissen"-Magazin der "Süddeutschen Zeitung" hat jenen Beitrag, den Eckart Voland noch studieren sollte/könnte, um zu einer ausgewogeneren Darstellung dahingehend zu kommen, wie der heutige Forschungsstand zum Thema "Illusion Fortschritt" in der Evolutionsforschung (und ihrer philosophischen Deutung) aussieht. Aber leider nur in der Printausgabe:

EVOLUTION 18

ZUFALL MENSCH?

Würfelt die Natur oder folgt sie festen Wegen? Wissenschaftler streiten, ob der Mensch am Ende der Evolution stehen musste oder lediglich ein Glückstreffer war.

Samstag, 10. Februar 2007

Ameisenforscher Bert Hölldobler

Der Würzburger Ameisenforscher Bert Hölldobler, der Zeit seines Lebens sehr eng mit dem Begründer der Soziobiologie, dem Ameisenforscher Edward O. Wilson zusammen gearbeitet hat, hat offenbar viele Neuerkenntnisse gemacht in den letzten Jahren und ist - mit 70 Jahren! - von Würzburg, wohin er erst vor einigen Jahren aus den USA heimgekehrt war, wieder zurück in die USA gegangen.

Fremdbetreuung von Kindern - der richtige Weg?

In der heutigen "Welt" findet sich ein Interview, dem eigentlich nichts mehr hinzugefügt werden muß. Das Interview ist wie manche andere Berichterstattung der Journalistin Brigitta vom Lehn zu verdanken.

Psychologie

Warum sich Zehnjährige umbringen


Zu frühe Selbstständigkeit schadet der Entwicklung von Kindern, meint der Psychologe Gordon Neufeld. Er rät allen Eltern, die enge Beziehung zu ihren Kindern möglichst lange aufrecht zu erhalten - und warnt davor, die Kleinsten in die Kinderkrippe zu schicken.

Von Birgitta vom Lehn

Berlin - Der kanadische Entwicklungspsychologe Gordon Neufeld arbeitet seit 30 Jahren in seiner Praxis in Vancouver mit schwer erziehbaren Jugendlichen zusammen. Außerdem lehrt und forscht der fünffache Familienvater an der Universität von British Columbia. Als vor zwei Jahren sein Buch "Hold On To Your Kids" erschien, avancierte es bei Amazon.ca binnen weniger Wochen zum Sachbuchbestseller. Mittlerweile wurde es in 14 weitere Sprachen übersetzt. Jetzt ist auch die deutsche Ausgabe "Unsere Kinder brauchen uns!" erschienen. (Gordon Neufeld/Gabor Maté: Unsere Kinder brauchen uns! Bremen, Genius Verlag 2006, 333 Seiten, 19,80 Euro)

WELT.de: Brennt das Thema der so genannten verlorenen Kinder, das Sie in Ihrem Buch aufgreifen, den Eltern tatsächlich auf den Nägeln?

Gordon Neufeld: Viele Eltern haben nicht nur das Gefühl, ihre Kinder zu verlieren, sondern fühlen sich selbst etwas verloren, haben aber keine Ahnung, was sie tun sollen.

WELT.de: Sie berichten von erschreckend hohen Selbstmordraten bei zehn- bis 14-Jährigen in Nordamerika, die sich seit 1950 vervierfacht haben. Wo liegen die Ursachen?

Neufeld: Selbstmord ist ein Anzeichen für große und tief greifende Frustration. Da Bindungen das sind, was Kinder am allermeisten brauchen, können wir daraus schließen, dass es die Bindungen der Kinder sind, die nicht so sind, wie es nötig wäre. Ich bin davon überzeugt, dass der Verlust starker Bindungen an Erwachsene die Hauptursache für die eskalierende Frustration ist. Wissenschaftliche Daten zeigen, dass es umso mehr Selbstmorde gibt, je stärker die Kinder der untersuchten Gruppe an Gleichaltrigen orientiert sind.

WELT.de: Sehen Sie diese Gefahr auch auf Europa zukommen?

Neufeld: Ja, denn ich habe den Eindruck, dass den Europäern nicht genügend bewusst ist, worin ihr eigentlicher Reichtum besteht, und dass sie anfangen, ihre Kultur und ihre Traditionen der Verheißung wirtschaftlichen Wohlstands zu opfern. Wenn Materialismus in der Kultur überhand nimmt, geht die intuitive Bindungsweisheit verloren. Dies ist der amerikanische Weg gewesen. Jetzt besteht die Gefahr, dass dieser Weg auch in Europa beschritten wird.

WELT.de: Sie meinen, dass es für Eltern heute schwer geworden ist, eine gute Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen und vor allem zu halten?

Neufeld: Ja. Ich glaube nicht, dass die Elternrolle darauf angelegt ist, eine bewusst ausgeübte Aktivität zu sein. Früher haben Kultur, Gesellschaft und Tradition die Kinder in der richtigen Beziehung zu ihren Eltern gehalten. Die Eltern von heute werden im Stich gelassen von einer Gesellschaft, die sich ganz auf das Geldverdienen konzentriert. Ein weiteres Problem ist, dass die Gesellschaft einen Kult um die Experten hervorgebracht hat. Je mehr Eltern sich auf solche Experten verlassen, umso weniger kompetent fühlen sie sich, ihre Würde und ihr gesunder Menschenverstand gehen verloren. Die Experten verdienen ihr Geld damit, dass sie Ratschläge erteilen. Niemand denkt aber daran, dass der Schlüssel zur Erziehung nicht darin liegt, was wir tun, sondern wer wir für unsere Kinder sind. Wir sehen nicht, dass es um Beziehung geht, sondern sind besessen davon, alles richtig zu machen.

WELT.de: In Deutschland ist der Ruf nach Fremdbetreuung von Kleinkindern unter drei Jahren laut geworden. Kann so ein richtiger Weg aussehen?

Neufeld: Das ist ein gefährlicher Weg. Kinder brauchen die intensive Bindungsbeziehung zu ihren Eltern. Die Entwicklung von Bindungen braucht Zeit. In den ersten Lebensjahren bindet sich das Kind, indem es mit den Eltern zusammen ist und ihnen gleicht. Danach erlebt das Kind Nähe, indem es dazugehört und Anerkennung erhält. Nur unter den geeigneten Bedingungen entwickelt sich emotionale und seelische Nähe. Kinder brauchen mindestens fünf Jahre, um so tiefe Bindungen zu entwickeln, dass diese als Grundlage für eine Erziehung dienen können und so stabil sind, dass die Bindung auch bei physischer Trennung erhalten bleibt. (...)

WELT.de: Wenn wir von Kindern sprechen, meinen wir oft Kleinkinder. Was ist mit den älteren? Haben wir die aus dem Blick verloren?

Neufeld: Ja, vor allem haben wir völlig aus den Augen verloren, wie wichtig vertikale Bindungen zwischen den Generationen für Jugendliche sind. Wir denken immer, in der Adoleszenz gehe es darum, eine eigenständige Persönlichkeit zu werden. Das stimmt auch, aber diese Individualität kann nur aus dem Schoß einer stabilen Bindung an fürsorgliche Erwachsene heraus geboren werden.

WELT.de: Hat die frühe Selbstständigkeit, zu der wir unsere Kinder animieren, den Nachteil, dass wir sie zu früh allein lassen?

Neufeld: Genau. Das Drängen auf Unabhängigkeit schadet ihnen wie uns. Die Forschung zeigt, dass dies schon bei Kleinkindern so ist: Wenn Eltern ständig darauf bestehen, dass kleine Kinder selbst laufen können, führt dies dazu, dass die Kinder unbedingt getragen werden wollen. Eltern, die ihre Kinder großzügig tragen, erziehen Kinder, die selbst laufen wollen. Das Tragen ist unsere Aufgabe. Dafür, dass unsere Kinder erwachsen werden, sorgt die Natur. Ein zweites Problem ist, dass Unabhängigkeit durch Drängeln nicht beschleunigt werden kann. Die Kinder übertragen ihre Abhängigkeit dann einfach auf andere, oft genug auf ihre Altersgenossen, was für die Individuation eine Sackgasse ist. (...)

Artikel erschienen am 10.02.2007

weitere Artikel zum Thema:
Familienpolitik-->
Von der Leyen will Kinderkrippen massiv ausbauen

Freitag, 9. Februar 2007

Tötet Pisa?

Die aktuelle Wochenzeitung "Zeit" hat einen Artikel über den Tod einer Grundschullehrerin, die an einer typischen heutigen deutschen "Problemschule" unterrichtet hat und offenbar an psychischer Überlastung mit 51 Jahren gestorben ist. Die "Zeit" gibt auch "Das Rennen von Pisa (Kein Märchen)" als pdf.-Dokument wieder, einen Text, den diese Lehrerin kurz vor ihrem Tod über ihre Erfahrungen geschrieben hat.

Über das erschütternde Einzelschicksal hinaus ist dabei wohl bemerkenswert, daß diese erfahrene Lehrerin in ihrem "Märchen" ihre Schüler ausgerechnet (aber natürlich naheliegend) vergleicht mit

Rennpferden, Mulis und Eseln.

Also mit Tieren, die (in diesem Märchen) auf Fähigkeiten "trainiert" werden sollen, die größtenteils angeboren sind. Manche Kritiker von "Pisa" haben schon darauf hingewiesen, daß Pisa im wesentlichen eigentlich gar nicht erworbene, sondern angeborene Eigenschaften mißt.

Sollte es nicht sinnvoll sein, daß sich auch Schulbehörden einmal etwas intensiver mit moderner IQ-Genetik beschäftigen? Und natürlich nicht nur Schulbehörden.

Zur Kennzeichnung abschließend ein Textausschnitt aus dem Märchen dieser Grundschullehrerin, das kein Märchen ist, wie ja schon der Titel sagte:

"(...) Er versuchte alles, damit die Esel schneller wurden. (...) Es war einige Zeit vergangen, und als der neue Trainer die Zeiten der Tiere stoppte, mußte er feststellen, daß sie gar nicht schneller geworden waren. Nur einige Mulis hatten ihr Pferdeblut entdeckt, rannten den Eseln zwar davon, aber der Trainer mußte einsehen, daß auch diese im Vergleich zu den Rassepferden scheitern würden. (...)"

Donnerstag, 8. Februar 2007

Beschleunigt Inzucht die Evolution?

Die ostafrikanischen Buntbarsche sind bekannt für ihre unwahrscheinlich schnellen Artbildungs-Prozesse, die in den letzten Jahrzehntausenden stattgefunden haben müssen. Ob das auch etwas mit Inzucht zu tun hat? Bei Inzucht häufen sich ja (positive und negative) Gene im Erbgut, durch Inzucht wird also der Evolution (Selektion) neues "Material" zur Arbeit gegeben. Jedenfalls heißt es in einer Wissenschaftsmeldung von heute:

Bei Buntbarschen ist Inzucht recht beliebt

Anders als in fast allen menschlichen Kulturen ist Inzucht bei manchen Buntbarschen nicht tabu, sondern sogar beliebt. Bei der Wahl zwischen nicht verwandten Artgenossen und einem Familienmitglied paaren sie sich weit häufiger mit Bruder oder Schwester. Das haben jetzt Biologen der Universität Bonn festgestellt. Hinweise auf genetische Komplikationen seien keine gefunden worden. Verwandte Eltern arbeiteten aber bei der Kinderaufzucht besser zusammen. dpa
Aus der Berliner Morgenpost vom 8. Februar 2007

Zwei andere deutschsprachige Artikel finden sich (hier und hier). Dort heißt es unter anderem:
Die Bonner Biologen setzten geschlechtsreife Buntbarsch-Männchen in ein Aquarium mit zwei Weibchen und beobachteten, zwischen welchen beiden Tieren es zur Paarung kam. Bei der ersten potenziellen Partnerin handelte es sich um eine Schwester des Männchens, die andere war nicht mit ihm verwandt. In 17 von 23 Fällen kam es dabei zu einer inzestiösen Liaison. Nur sechsmal entschied sich das Männchen für das nicht verwandte Weibchen. "Es ist das erste Mal, dass eine solche Präferenz für einen eng verwandten Partner experimentell nachgewiesen wurde", erklärt Timo Thünken vom Institut für Evolutionsbiologie und Ökologie.

Die Tiere stammten aus einem kleinen und völlig isolierten Fluss in Kamerun und waren im Labor nachgezüchtet worden.

Bei nahe verwandten Partnern hielt das Männchen besonders eifrig Wache vor der Höhle, in der sich das Weibchen um die Eier kümmerte. Und nach dem Schlüpfen ihres Nachwuchses hielten sich nahe verwandte Paare längere Zeit in dessen Nähe auf als nicht-verwandte Eltern. Negative Folgen der Inzucht konnten die Forscher bei ihren Experimenten nicht feststellen.

Vor einiger Zeit hatten amerikanische Forscher über eine ähnliche Inzucht-Tendenz bei Fregattvögeln berichtet. Thünken und Kollegen halten es daher für denkbar, “dass aktive Inzucht sehr viel weiter verbreitet ist als gemeinhin angenommen und als Strategie zur Anpassung an die Umwelt betrachtet werden muss”.

"Unsere Tiere stammen aus einem Bachlauf in Kamerun, wo nur eine einzige vergleichsweise kleine Population lebt", erklärt Thünken die Beobachtung. "Hier ist es wahrscheinlich über viele Generationen immer wieder zu Inzucht gekommen. Nachkommen mit gefährlichen Erbkrankheiten sind dann früh gestorben." Das genetische Material könnte also über Generationen hinweg gereinigt worden sein, so dass Inzucht für die untersuchten Buntbarsche heute kaum noch gefährliche Konsequenzen hat.
Im Originalartikel dazu heißt es (unter Angabe der entsprechenden Forschungsliteratur):
Theory predicts that the advantages of mating with close kin can override the effects of inbreeding depression.
All das ist deshalb so interessant, weil es ja auch Vermutungen dahingehend gibt, daß die Evolution des hohen durchschnittlichen aschkenasischen Intelligenz-Quotienten auf Inzucht zurückzuführen ist. Jedenfalls gibt es im aschkenasischen Judentum nicht nur Hochbegabung bezüglich IQ, sondern auch gehäuft Erbkrankheiten, wie sie besonders durch Inzucht hervorgerufen werden. Und beides könnte miteinander zusammenhängen, wie Gregory Cochran und Henry Harpending vermuten.

Freitag, 2. Februar 2007

Durch Religiosität eine "harmonische Gesellschaft" schaffen - in China

Die kommunistische Partei Chinas macht sich Gedanken darüber, ob eine Wiederbelebung der Jahrzehnte lang als "Opium für das Volk" verteufelten Religion mit dazu verhelfen könnte, eine "harmonische Gesellschaft" zu schaffen. Das gesellschaftliche Ziel, "Harmonie" zu schaffen, hat ja in Ostasien schon seit vielen Jahrhunderten einen ganz anderen Stellenwert als im Westen. Was der "Economist" von gestern darüber berichtet, klingt sehr spannend. Der Bericht ruft wieder einmal in Erinnerung, daß in China das Denken und Handeln auch auf dem Gebiet der Religion viel "pragmatischer" verlaufen kann, als das so im allgemeinen das "grundsätzliche" und stärker nach Wahrheits-Prinzipien ausgerichtete Denken und Handeln des Westens tut. Moral, Ethik und Anwendbarkeit haben im ostasiatischen Denken wohl schon seit vielen Jahrhunderten einen viel größeren Stellenwert, als "Wahrheit" und Erkenntnis für sich selbst genommen.

Nachdem ausführlicher über die Wiederbelebung eines traditionellen Tempels für einen "Schwarzen Drachen" berichtet worden ist, werden auch Sekten, die großen Weltreligionen, die traditionelle Ahnenverehrung und die Wiederbelebung konfuzianischer Studien thematisiert. Die wichtigeren Abschnitte des Artikels lauten:

... Within the party, however, debate is growing about whether it should take a different approach to religion. (...) It could mean (...) showing stronger support for faiths that have deep historical roots among the ethnic Han majority. The party is acutely aware that its own ideology holds little attraction for most ordinary people. (...)

Pan Yue, then a senior official dealing with economic reforms and now deputy director of the State Environmental Protection Administration, argued in an article published in 2001 that the party's traditional view of religion was wrong. Marx, he said, did not mean to imply that religion was a bad thing when he referred to it as the opium of the people. Religion, he said, could just as easily exist in socialist societies as it does in capitalist ones. He also singled out Buddhism and Taoism for having helped to bolster social stability through successive Chinese dynasties. Stability being of paramount concern to the party today, Mr Pan's message was clear.

In praise of harmony

His article angered party conservatives at the time: the party's official stance is that religion will die out under socialism. But more recently the party itself has begun to put a more positive spin on the role of religion. Last April China organised a meeting of Buddhist leaders from around the world in the coastal province of Zhejiang (it did not, however, invite the Dalai Lama, Tibet's exiled spiritual leader). The event was given considerable prominence in the official media. The theme, “A harmonious world begins in the mind”, echoed the party's recent propaganda drive concerning the need for a “harmonious society”. It implied just what Mr Pan had suggested— that the opium Marx was talking about should be seen as a benign spiritual salve. In October the party's Central Committee issued a document on how to build a harmonious society, arguing that religion could play a “positive role”.

The party's change of tone coincides with its recent efforts to revive traditional culture as a way of giving China, in its state of rapid economic and social flux, a bit more cohesion. The term “harmonious society”, which in recent months has become a party mantra, sounds in Chinese (hexie shehui) like an allusion to classical notions of social order in which people do not challenge their role in life and treat each other kindly. It is, in effect, a rejection of the Marxist notion of class struggle.

Officials are now encouraging a revival of the study of Confucianism, a philosophy condemned by Mao as “feudal” and which can be quasi-religious. Since 2004 China has sponsored dozens of “Confucius Institutes” around the world, including America and Europe, to promote the study of Chinese language and culture.

In the countryside the revival of traditional values has needed little encouragement. Clan shrines, where ancestors are worshipped, have sprung up in many rural areas, particularly in prosperous coastal and southern regions. The revival of clan identity (in many villages a substantial minority, if not a majority, of inhabitants have the same surname, which they trace back to a common ancestor) has had a profound impact on village politics. Those elected as village leader often owe much of their authority to a senior position in the clan hierarchy. Control of the ancestral shrine confers enormous power. It is often clan chiefs, rather than party officials, who mediate disputes. The shrine will lend money for business ventures—so long as the recipient has the right name.

Während die Beziehungen zum Vatikan in Rom prekär bleiben, wie ausgeführt wird, scheint die chinesische Führung derzeit eher geneigt, sich dem Dalai Lama anzunähern:

An even more tentative rapprochement is under way with the Dalai Lama. Since 2002, China has held five rounds of talks with his representatives, most recently last February. But China retains profound fears that the Dalai Lama's real intention is to separate Tibet, and adjoining areas, from China (see article). Notwithstanding the government's suspicions, Tibetan Buddhism has acquired a certain chic in Chinese cities in recent years, with some urbanites regarding it as spiritually more pure than Chinese-style Buddhism, which has strong links to the government.

Hier bahnen sich Entwicklungen an, die künftig noch von größerer Bedeutung werden könnten. Denn das Gewicht Chinas in der Weltgeschichte wächst ja derzeit ganz enorm.

Donnerstag, 1. Februar 2007

Deutsche und Türken trennten sich vor 28.000 Jahren

Die heutige Zuwanderung von Menschen aus Anatolien und dem Nahen und Mittleren Osten nach Mittel- und Nordeuropa macht eine populationsgenetische Trennung rückgängig, die grob 28.000 Jahre alt. Dies entnehme ich einer neuen Sequenzierungs-Studie am mitochondrialen Genom von über 500 heutigen Menschen des Kaukasus-Gebietes, die im November in "Molecular Biology and Evolution" erschienen ist. - Die oben gewählte Überschrift bezieht sich natürlich auf die rein genetischen Vorfahren von Türken und Deutschen. Diese Vorfahren waren natürlich vor 28.000 Jahren gar keine Türken und Deutschen, sondern Jäger und Sammler, deren Muttersprachen heute keiner mehr kennt.
Die genannte Studie hat erstmals genauer die mitochondrialen Genotypen (ihre Häufigkeiten in Populationen, ihre stammbaummäßigen Verwandtschaftsverhältnisse untereinander, sowie ihr Alter gemäß molekularer Uhr) in heutigen Populationen nördlich und südlich des Kaukasus unter die Lupe genommen. Die Ergebnisse wurden mit schon bekannten Ergebnissen zu Populationen im übrigen Europa und Nahen Osten verglichen. Diese Studie wurde deshalb als so notwendig empfunden, weil ja anzunehmen ist, daß Europa während und/oder nach der Eiszeit (auch) von (Rückzugs-)Räumen nördlich und südlich des Kaukasus aus besiedelt worden ist. Und tatsächlich findet sich vor allem südlich des Kaukasus eine Vielfalt an mitochondrialen Genom-Typen und von einem Alter, wie sie als typisch angesehen werden kann für Ursprungsräume späterer Populations-Expansionen. Hier leben also - wenn man so will - noch heute Nachkommen von vergleichsweise "urtümlichen", "ursprünglichen" Bevölkerungen. (Dazu unten noch mehr.)
Ein Unterstamm der mitochondrialen Genom-Typen, der insbesondere für Europa kennzeichnend ist, wird von den Genetikern Haplogruppe H genannt. Während diese Haplogruppe in Europa grob von 40 % der Menschen im Genom getragen wird, wird sie im Nahen Osten, im Kaukasus und in Zentralasien nur von 10 bis 30 % der Menschen getragen. Diese Haplogruppe H ist durch die vorliegende Studie nun inzwischen in bis zu 21 Unter-Haplogruppen eingeteilt worden entsprechend der vorgefunden genomischen Vielfalt bei größerer Tiefenschärfe des Vergleichs.
Es stellt sich nun heraus, daß unter diesen die älteste heute noch vorfindbare Haplogruppe die Haplogruppe H13 ist. Sie ist offenbar eine der Haplogruppen mit der größten Typenvielfalt im Kaukasus und im Nahen Osten. Ihr Alter und ihre Ausbreitung wird von den Genetiker (aufgrund der molekularen Uhr) auf grob 28.000 Jahre zurück datiert. Dies ist die älteste in dieser Studie vorgefundene Haplogruppe.
Die Implikationen dieses Ergebnisses werden in der Studie gar nicht deutlich ausgesprochen, liegen aber doch auf der Hand: Der anatomisch moderne Mensch lebt in Europa schon seit 46.000 bis 41.000 Jahren wie nach neuesten archäologischen Datierungen festgestellt ist (und wie auch diese Studie eingangs festhält). Sollten sich also die Ergebnisse dieser Studie bestätigten, so würden sie aussagen, daß die frühesten Europäer, also jene, die die Neandertaler verdrängt haben und noch eine sehr geringe Bevölkerungsdichte und darum Populationsgröße aufgewiesen haben werden, heute als weitgehend ausgestorben angesehen werden müssen. Ein Teil des genetischen Erbes der heutigen Mittel- und Nordeuropäer würde dann von Zuwanderungen nach Europa abstammen, die 28.000 Jahre alt sind. Das ist immerhin ebenfalls noch VOR dem Höhepunkt der letzten Eiszeit gewesen. Dieser Höhepunkt wird englisch "last glacial maximum" (= LGM) genannt und auf 20.000 bis 17.000 v. Ztr. datiert. Ein weiterer Teil des genetischen Erbes der heutigen Mittel- und Nordeuropäer - ebenso wie der der heutigen Vorderorientalen - würde nach dieser Studie auf Populations-Expansionen beruhen, die erst NACH dem Höhepunkt der letzten Eiszeit stattgefunden haben. Es ist die Rede von einem Zeitrahmen von 16.000 bis 8.000 v. Ztr.. (Das wäre grob jene Zeit, in der auch Jäger den "ersten Tempel der Menschheit" am Göbekli Tepe in Anatolien errichtet haben.
Die Studie wörtlich im Diskussionsteil (in Eigenübersetzung): "Es sollte betont werden, daß für die Mehrheit der Haplogruppe H-Unterstämme das Signal für die Expansion in den Nahen Osten und den Kaukasus in einem Zeitrahmen zwischen 18.000 und 10.000 Jahren vor heute liegt. Dies mag nahelegen, daß diese Unterstämme nicht nur expandierten sondern tatsächlich auch erst zu einem viel späteren Zeitpunkt entstanden sind als die frühesten Zweige der Haplogruppe H. Der europäische Haplogruppe H-Genpool unterschiedet sich signifikant von dem im südlichen Kaukasus und dem Nahen Osten, weil unterschiedliche Unterhaplogruppen-Stämme NACH dem Höhepunkt der letzten Eiszeit in großen Gebieten expandierten. Besonders bedeutsam: Es scheint, daß es nach der ersten Wanderung von Trägern der Haplogruppe H nach Europa, was vermutlich schon vor oder während der (archäologischen) Gravettian-Periode geschehen ist, nur noch wenig nachfolgende Vermischung zwischen westasiatischen und europäischen H-Haplogruppen gegeben hat."

Mancherlei weitere gefundene Details sind von Interesse:
Die Haplogruppe H2a1 findet sich zu 12,5 % in Zentral- und Innerasien, während sie sich in Europa nur bei den östlichen Slawen (9 %), Esten (6 %) und Slowaken (2 %) findet. (S. 441) Dies deutet auf eine ursprünglichere Westausbreitung ostasiatischer Gentypen hin, die man auch schon in anderen Zusammenhängen fand. Auch gibt es mit der Häufigkeit der Haplogruppe 1 im Libanon eine Ähnlichkeit mit Europa, die sich sonst im Vorderen Orient nicht findet. (S. 441) Handelt es sich dabei um Reste von Zuwanderungen der "Seevölker" (1200 v. Ztr.) oder anderer europäischer Zuwanderungen? Anzeichen für solche historisch ja bekannten "Rückwanderungen" von Europa nach Süden werden von den Forschern auch bezüglich des Kaukasus diskutiert. (S. 445) Die Haplogruppen 20 und 21 finden sich fast nur am südöstlichen Ufer des Schwarzen Meeres und den Westhängen des Kaukasus, ein Gebiet, das während der Eiszeit ein sogenanntes "Wald-Refugium" (Rückzugsraum von ansonsten durch die Kälte in Europa ausgestorbenen Pflanzen- und Tierarten) darstellte. Die Forscher vermuten deshalb, daß die heutigen dortigen Bewohner sehr ursprüngliche und alte Populationen repräsentieren. (S. 445) Auch die arabische Halbinsel ist von einer Ursprungsregion grob südlich des Kaukasus offenbar erst spät besiedelt worden, wahrscheinlich wegen der dortigen Wüstenbildung. (S. 445)
Offene Fragen bleiben selbstverständlich viele oder werden erst ganz neu aufgeworfen. Natürlich werden die Untersuchungen von "ancient DNA" aus Knochenresten der ersten anatomisch modernen menschlichen Zuwanderer nach Europa vor 40.000 Jahren die hier präsentierten Ergebnisse entweder veri- oder falsifizieren können. Aber Aussterbe-Ereignisse menschlicher Populationen hat man neuerdings auch schon bezüglich der Bandkeramiker (der ersten Bauern Europas) und bezüglich der Etrukser vermutet. Wie auch das Literatur-Verzeichnis dieser Studie deutlich macht, ist das Wissen bezüglich all dieser Dinge in den letzten wenigen Jahren wieder stark gewachsen. Auch Rückzugsräume auf der iberischen Halbinsel sind schon genauer unter die Lupe genommen worden und Haplogruppe-H-Typen festgestellt worden, die insbesondere für nordeuropäische Populationen kennzeichnend sind (unter anderem Haplogruppen H1 bis H3).
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