Montag, 30. April 2007

Ein sogdischer Gesandter in Zentralchina (550 n. Ztr.)

Ein in Zentralchina lebender Adeliger, Yu Hong (533 - 592), war Sogder, ein den Tocharern verwandtes, benachbartes Volk. So die Schlußfolgerung, die aus der Erforschung seines seit 1999 ausgegrabenen Grabes und seiner DNS gezogen werden müssen. (PNAS, pdf., Dienekes, Razib Khan)

Er stammte somit nicht aus jenem (kentumsprachigen, westindogermanischen) Volk, das um 2000 v. Ztr., wie vor allem seine hochwertigen, bronzezeitlichen Textilien ausweisen, direkt aus Mitteleuropa bis an die Westgrenze Chinas gewandert ist. Die Tocharer haben in Innerasien als Volk von Bauern und Hirten die fruchtbaren Ränder und Seeufer der bis dahin weitgehend unbewohnten Wüste Talimakan (zwischen Himalaja und Altai-Gebirge) besiedelt und Städte entlang der sogenannten "Seidenstraße" errichtet. In den letzten Jahrzehnten wurden hunderte von "Wüstenmumien" der Angehörigen dieses Volkes ausgegraben, von denen einige heute im Museum der Provinzhauptstadt von Xiangjang (= Provinz der Uiguren, früher Tocharistan) in Ürümchi besichtigt werden können. Sie haben international Aufsehen erregt, da sie - an der Westgrenze Chinas und in einer Region, die bis zur chinesischen Zuwanderung des 20. Jahrhunderts vorwiegend von mongolischen Uiguren bewohnt worden war - rein europäische Körpermerkmale aufweisen: blonde Haare, lange Nasen, tiefliegende Augen, hohe Körpergröße und zahlreiche andere Merkmale mehr. Die Tocharer lebten dort nach den Datierungen der Wüstenmumien zwischen 2000 v. Ztr. bis etwa 800 n. Ztr. und gingen dann nach Unterwerfung durch die von Norden kommenden Hunnen und Mongolen in dem heutigen dort lebenden Volk der Uiguren auf.

Nach allem, was wir heute wissen, übten die Tocharer großen Einfluß auf die Entwicklung der chinesischen Kultur aus. Höchstwahrscheinlich brachten sie um 1600 v. Ztr. die Bronzezeit nach China, auch ärztliche Heilkunde und viele religiöse Vorstellungen. Das Gebirge, das über Jahrtausende hin die Tocharer von den Chinesen trennte, das "Himmelsgebirge", spielt noch heute eine besondere Rolle in den altchinesischen religiösen Vorstellungen und in der Kaiser-Ideologie. Wahrscheinlich waren es zum Schluß auch die tocharischen Reiterkrieger, ihre Nachkommen und verwandte Völker, die den Buddhismus in Ostasien von Indien bis nach Korea und Japan ausgebreitet haben und dabei die fortschrittliche Yayoi-Kultur (Reis-Anbau, auch Grabhügel-Sitte) nach Korea und Japan brachten. Nur aufgrund buddhistischer religiöser Texte, die man in einigen Klöstern Innerasiens fand, ist uns heute noch ihre indogermanische Sprache bekannt geblieben.

Ihre Gene mögen heute aufgrund von "Selektion gegen rebellische Charaktere", wie das der chinesische Humangenetiker Bruce Lahn sagte, nur noch selten in Ostasien zu finden sein. Aber in den Gräbern und Skeletten tauchen sie nun wieder auf - oder die ihrer Verwandten. Das Grab des eingangs genannten Adeligen Yu Hong befindet sich in Taiyuan, in der chinesischen Provinz Shangxi, also von Sogdien (Tadschikistan) und Tocharistan (heutiges Uigurien oder Xingjang) aus gesehen überraschend weit entfernt im Osten, im Zentrum des chinesischen Reiches. Es wird seit 1999 ausgegraben. Der Stil des Grabes und die farbigen Reliefs werden als "zentralasiatisch" charakterisiert. "Die abgebildeten Menschen haben offensichtlich europäische Körpermerkmale wie lange Nasen und tiefliegende Augen". Dem Grabstein lassen sich reichhaltige Informationen entnehmen: "Die Vorfahren von Yu Hong, (...) sein Großvater und sein Vater leben im Land Yu und sind Adelige dieses Landes." Damit ist - so die Forscher - Tocharistan (Xingjang) gemeint. "Yu Hong war Führer der zentralasiatischen Völkerschaften, die während der Sui-Dynastie in China siedelten." Sein Vater und Großvater sind dabei nicht mitgezogen, sondern in der Heimat geblieben. Er selbst verließ seine Heimat als Gesandter mit 13 Jahren.

Die sechs Jahre später gestorbene Ehefrau von Yu Hong wurde ebenfalls in seinem Grab begraben. Beider mitochondriale (also weiblich vererbte) DNA wurde untersucht. Seine eigene DNA gehört zur europäischen Haplogruppe U5, die seiner Ehefrau zur ostasiatischen Haplogruppe G. Heute gibt es die Haplogruppe U5 noch besonders in Tadschikistan (etwa 4,5 % der Bewohner). In anderen zentralasiatischen Ländern hat man erst 3 Personen gefunden, die diese Haplogruppe tragen. Man fand sie bei 2 von 53 untersuchten Kasachen. Nur 3 bis 5 % der heutigen zentralasiatischen DNA gehört zur Haplogruppe G. Daraus schließen die Forscher, daß zumindest die mütterlichen Vorfahren der Ehefrau Yu Hong's Einheimische waren und nicht aus Westen zugewandert sind.

Es gab schon in früheren Jahren ancient DNA-Studien, die in noch einmal tausend Jahre älteren Gräbern in Linzi in der Provinz Shangxi (500 v. Ztr.) europäische Gene fanden. Die Ergebnisse dieser Studien sind aber infrage gestellt worden. Bei dieser neuen Studie handelt es sich somit - so die Forscher "um die östlichste Region, in der europäische Gene im Alten China gefunden worden sind - abgesehen von den zweifelhaften Ergebnissen des 2.500 Jahre alten Linzi."
(Weitere Auskünfte im nächsten Beitrag.)

Freitag, 27. April 2007

Genetische Populationsvielfalt beim Menschen II

Mein Freund hat mir zu dem unter dem Titel der Überschrift gebrachten Beitrag noch einmal geantwortet. Er schreibt - und ich füge gleich meine Kommentare in seinen Text ein, die ich dann unten noch weiter erläutern werde:

Hallo Ingo,

die Einschätzung von Sewall Wright ist interessant und für mich neu. Allerdings ist das natürlich nur eine mehr oder weniger willkürliche Einschätzung. Bleibt die Tatsache, daß der FST-Index bei den meisten Tierarten viel höher ist, bis 90 % für alle genetischen Merkmale zusammen. (I.B.: Stimmt das? Wo finden sich dazu Angaben?) Daß einzelne Merkmale da höhere Werte als 15 % erreichen, sagt nicht viel. So steht die Hautfarbe mit glaube ich 84 % ganz alleine da, die nächst höheren Werte bei einzelnen Merkmalen liegen so bei 30 bis 45%.

(I.B.: Nein, Microcephalin ist in Europa ist höher!, Milchverdauungs-Gen in Europa 98 %!!!, ADHS in Ostasien gegen 0 % !!! etc. pp.. Man hat einfach keinen Überblick derzeit, deshalb ist keine allgemeinere Aussage dazu möglich - man kann das noch nicht allgemeiner einschätzen, wenn man das nicht mal gründlicher zusammenstellt. Ist ja eigentlich schon längst möglich eine solche Zusammenstellung.)

Das Problem beim FST-Index ist, daß der bei mehreren Merkmalen einen Mittelwert bildet. (- ? - Bitte genauer erläutern!) Und da es nun einmal viele Polymorphismen mit nur sehr geringen Populationsunterschieden gibt (- das ist ganz bestimmt richtig), wird der Gesamtwert dann recht niedrig. (Über Gesamtwerte kann man derzeit absolut noch nichts sagen.) Polymorphismen sind ja so definiert, daß das alternative Allel mindestens zu 1 % vorkommen muß. Anders bei der Diskriminanzanalyse, die die Zuordbarkeit der Individuen zu einer Population errechnet, wo die Merkmale kummulieren. Dort werden ja regelmäßig bis zu 100 % richtige Zuordnungen gemacht. D.h., wenn allein schon die Hautfarbe eine Trennung zu fast 100 % erlaubt, ist es egal, wie gering die Unterscheidbarkeit bei anderen Merkmalen ist. (Korrekt!)

Daher auch die extremen Unterschiede je nachdem, ob man den FST-Index oder die Diskriminanzanalyse berechnet. Es gab oder gibt von der Zoologie her eine Rassendefinition, daß mindesten 75 % der Individuen (mit der Diskriminanzanalyse) richtig zuzuordnen sein müssen. Ich glaub die Definition stammte von Mayr. Schwidetzky hat die dann beim Menschen auf 90 % heraufgesetzt, weil auch schon sehr viel geringere Populationsdifferenzierungen, bei denen niemand je von Rassen gesprochen hat, über 75 % erreichen. Bei dem FST-Index liegt die - natürlich im Grunde auch willkürliche Grenze, ab der von Rassen gesprochen wird - bei 25 %, neuerdings (in dem Buch von Jobling) bei 30 %.

D.h., nach der Diskriminanzanalyse gibt es Rassen beim Menschen, und zwar sogar sehr viel ausgeprägter als bei den meisten Tierarten, und nach dem FST-Index nicht. (Der F ST-Index so wie er von Bruce Lahn, N. Wade und anderen derzeit angewandt wird, will gar keine Aussagen darüber treffen, ob es Rassen gibt oder nicht, bzw. setzt das im Grunde schon voraus. Diese Diskussion ist alter Kaffee, längst geklärt. Aus biologischer Sicht gibt es Rassen. Darum geht es derzeit bei der Anwendung des FST-Indexes gar nicht, sondern um weitergehende, viel subtilere Fragestellungen, zum Beispiel um die Stärke der Selektion, die auf einem einzelnen Gen in den letzten Jahrtausenden in einer bestimmten Population gelegen hat.) Die Erklärung dafür ist, daß die quantitativen Uterschiede zwischen den Populationen beim Menschen, bezogen auf das ganze Genom, nicht sehr groß sind (dazu unten mehr), daß aber bei einzelnen Merkmalen die Unterschiede sehr groß sind, deutlich größer als bei Tieren, und die menschlichen Sub-Populationen oder Rassen daher sehr ausgeprägt sind, anders als das bei Tieren der Fall ist.

Evolutionsbiologisch könnte die Erklärung dafür in der Tatsache liegen, daß die menschlichen Rassenunterschiede verglichen mit denen bei Tieren nicht sehr alt sind und sich deshalb nicht sehr viel (neutrale oder nahezu neutrale) Mutationen im Lauf der Zeit angehäuft haben, daß aber gleichzeitig im Unterschied zu Tieren die Menschen nahezu alle Klimaregionen der Erde besiedelt haben und sich dort durch Selektion an das Klima anpaßten. (Ganz richtig. Aber Greogory Cochran geht noch weit darüber hinaus. Er sagt ja neuerdings noch ganz andere Dinge, z.B. daß sich beim Menschen die Evolution im Vergleich zum Tierreich erheblich beschleunigt habe. Und zwar, wenn ich es recht verstehe, nicht vorwiegend aufgrund verschiedener Klimaregionen, sondern aufgrund unterschiedlicher Kulturen. Siehe frühere Beiträge in Studium generale.) Das sind dann die Merkmale, bei denen sehr große Unterschiede vorliegen. Deshalb ist es interessant, etwas über den FST-Index bei der codierenden DNS zu erfahren. Aber da hast Du also auch keine anderen Ergebnisse? (- Ja, man kann da jetzt ein ganzes, dickes, fettes Buch drüber schreiben - und das muß ja wohl doch getan werden -, das mindestens so dick und fett wird wie das von Jobling und Mitarbeitern. Ich hab umfangreiche Literatur dazu gesammelt. Aber wer hat die Zeit, das alles aufzuarbeiten?)

Mein Kommentar in zusammenhängenderer Form:

Zunächst: Daß Rassen biologische Bedeutung haben, um mich davon zu überzeugen, dazu brauche ich keine umfangreichen Genom-Scans, dazu brauche im Grunde genommen nur das Wissen, daß Medikamente in einer Rasse anders wirken als in einer anderen. Das war es ja zuerst, was die Genetiker zu Neueinschätzungen veranlaßte. Daraufhin haben sie versucht, das statistisch abzusichern, vor allem anhand molekularer Uhr, im selektionsneutralen Genom. Das ist geklärt. Es geht jetzt nicht mehr darum, ob es Rassen gibt oder nicht, sondern wie stark im einzelnen jede einzelne Eigenschaft des Menschen durch geographisch-lokale Selektion bedingt oder mitbedingt ist. Da kann man nichts vorweg nehmen, wir sind mitten in der Erforschung drin.

Aber es ist doch offensichtlich, daß Lewontin, Jobling, Mayr und Sewall Wright bezüglich der F ST-Zahlen jeder andere Einschätzungen vornimmt. Das schreibt doch auch Richard Dawkins in seinem "Ancestors Tale" so wunderbar (und Du sprichst ja selbst von "willkürlich"), daß eben die Definitionen von Unterarten, Arten, Gattungen, Familien alle nicht sehr präzise sind, sondern individuellen Einschätzungen einzelner Forscher unterliegen. Die Biologie ist eben nicht so einfach über einen Kamm zu scheren. Aber vor allem durch die medizinische Genetik ist diese Frage heute längst entschieden.

Was Du über Diskriminanz-Analyse schreibst, ist sicherlich hoch bedeutsam und wichtig. Aber Du brauchst demgegenüber F ST nicht minder zu bewerten. Vor allem aber muß ich Dich auf einen Fehler in Deinem Raisonement hinweisen. Du schreibst: "... Die Erklärung dafür ist, daß die quantitativen Unterschiede zwischen den Populationen beim Menschen, bezogen auf das ganze Genom, nicht sehr groß sind, daß aber bei einzelnen Merkmalen die Unterschiede sehr groß sind, deutlich größer als bei Tieren."

Du weißt, daß es bei den einzelnen Arten immense Unterschiede in der rein quantitativen Größe des Genoms gibt? Dieses "bezogen auf das ganze Genom" kann im Grunde genommen gar nichts aussagen, denn wenn das meiste funktionsloser Müll ist in jeder Art in für uns bisher noch ganz sinnlos unterschiedlich großer Weise - was soll mir das? Und wenn es bei Primaten vergleichbare Häufigkeitsverteilungen in den Blutgruppen gibt, wie beim Menschen - was sagen dann solche Genomabschnitte schon aus? Ebenso die ganze basale Stoffwechsel-Genetik, die nicht besonders unterschiedlich ist zwischen allen Primaten oder gar Säugetieren.

Entscheidend sind nur allein jene Funktions-Genom-Abschnitte, die entscheidendere Unterschiede zwischen Arten und Unterarten kodieren. Und wir wissen noch viel zu wenig über die Einzelheiten und haben noch gar nicht die geringste Ahnung über den Gesamt-Umfang dieser Arten von Genen, da wir ja nur verschwindend flüchtige Einblicke in die Funkionsweise einzelner Gene haben.

Auf diese Gene muß es uns aber allein ankommen - und war es mir angekommen. Aus Sicht der Genetik wußte man bis zum Jahr 2000 darüber lächerlich wenig. Seit dem Jahr 2000 wächst das Wissen über diese Genom-Abschnitte rapide an durch diese neuen Gesamt-Genom-Scans anhand Koppelungs-Analyse (Pritchard et al usw.). Und es ist klar, daß da die F ST - Werte miteinander verglichen werden, denn es geht ja darum zu bewerten, welche Art von Selektion in den einzelnen Populationen auf dem je einzelnen Gen gelegen hat. Und das sagt der F ST -Wert eben hervorragend aus. Das wollte ja auch der Bruce Lahn nur zum Ausdruck bringen. Dem ging es nicht um Definitionen von Rassen, der ist ja schon einen Schritt weiter - wie überhaupt die gesamte Forschung.

Ich glaube die wissenschaftliche Diskussion ist längst darüber hinaus, daß man noch groß klären müßte, "ob es Rassen gibt oder nicht". So ja auch die jüngste Nature Genetics-Rezension zum Buch von Nicholas Wade (siehe einen früheren Studium generale-Beitrag). Da geht es ja auch nur noch darum, ob man die Verwendung des Begriffs Rasse, dessen rein wissenschaftliche Verwendung man als sinnvoll anerkennt, ob man diese der Öffentlichkeit gegenüber für opportun hält. Aber das wissenschaftliche Faktum selbst ist durch die Neil Risch-Studien, diese "Blindversuche", durch die Medikament-Studien (BiDil) und die medizinische Genetik etc. pp. längst geklärt. Und dies ist ja dann auch zuletzt durch Collins bestätigt worden.

Aber wir wissen noch ungeheuer wenig über diese Verteilungen im Arten- und Unterarten-definierenden Funktions-Genom, bzw. niemand macht mal eine schöne, "greifbare" Zusammenstellung all dessen, was wir schon wissen. Aber wer sagt Dir, daß die Hautgene Ausreißer sind? Das Milchverdauungsgen Ausreißer? Das Microcephalin Ausreißer? Und so viele andere? ADHS-Gen Ausreißer? (0 % in Asien, bei Buschleuten.) Natürlich, um so mehr man zusammenstellt, um so leichter wird eine Gesamtbeurteilung der genomischen Unterschiede. Und natürlich wird ab einem bestimmten Wissensvorrat was diese Dinge betrifft die Kombination verschiedener Gene in der Diskriminanz-Analyse wahrscheinlich noch einmal um so aussagekräftiger, da der Mensch eben Kombinationen von Genen evoluiert wie ich ja auch im darauffolgenden Beitrag ganz zum Schluß auch geschrieben habe.

Also hat beides seine je eigene Wichtigkeit: Diskriminanz-Analysen und F ST. Wenn man selbst darüber etwas genauer wissen will, dann muß man einfach die OMIM-Datenbank zu jedem in seiner Funktion schon schon besser bekannten und bedeutenderen Gen durchgehen und sich einen Überblick verschaffen. Das ist möglich und bietet Stoff für mehrere Bestseller. Denn die OMIM-Datenbank ist inzwischen schon riesig geworden. Aber ohne die Aufarbeitung der Details kommt man nicht weiter.

Lokale jüngste Humanevolution bezüglich der Hautfarbe

Im letzten Beitrag wurde darauf hingewiesen, daß die genetische Vielfalt jenes Teils des menschlichen Genoms, das die Hautfarbe kodiert, zu 88 % unterschiedlich auf die menschlichen Populationen verteilt ist. Heute findet sich in der "Zeit" dazu ein schöner neuer Bericht. (Zeit) Ob die europäischen Eiszeit-Jäger allerdings - wie durch den Bericht nahegelegt - so "rabenschwarz" waren wie die heutigen Menschen im Kongo oder eher mild braunhäutig wie etwa heutige amerikanischen Ureinwohner, das scheint wohl noch nicht definitiv entschieden zu sein (weshalb die Bebilderung in der "Zeit" auch sehr irreführend sein könnte).

... ein Gen namens SLC24A5, das die Bauanleitung für ein Eiweiß in den Melaninkörperchen der Pigmentzellen der Haut enthält. Bei Menschen gibt es zwei Varianten dieses Gens und daher auch zwei Formen des entsprechenden Pigmentzellen-Proteins. Die eine Form findet sich bei praktisch allen Afrikanern, allen Ostasiaten und bei den Indianern Süd- und Nordamerikas. Die andere Variante besitzen alle Europäer. Und sie funktioniert nicht gut. Sie enthält Threonin, eine ganz normale Aminosäure. Dieser Baustein kommt in vielen Proteinen vor, doch an dieser Stelle, auf Platz 111 im SLC-Eiweiß, hat er nichts zu suchen. Wo Threonin sitzt, gehörte Alanin hin, eine ganz andere Aminosäure. Die Folge dieses Defekts ist die helle Haut, denn die Pigmentzellen enthalten erheblich weniger Melanin. Bis zu einem Drittel des Unterschieds zwischen Europäern und Afrikanern sind auf diese SLC24A5-Mutation zurückzuführen, verkündete ein Forscherteam um Cheng und Norton vor zwei Jahren im Magazin Science.

Das bedeutet allerdings auch, dass weitere, noch nicht sicher identifizierte Gene an der Hautfarbe werkeln. Ein Kandidat dafür ist jenes Gen, das für die sehr weiße Haut von Rothaarigen verantwortlich ist. Dass die Hautfarbe von einem ganzen Ensemble von Genen gesteuert wird, zeigt sich auch bei den Menschen Ostasiens, die vergleichsweise helle Haut besitzen, aber dennoch die normale SLC-Variante aus Afrika im Erbgut tragen. Daraus folgert Cheng, die Hellhäutigkeit in Asien habe sich unabhängig von der europäischen entwickelt, durch Veränderungen anderer Gene – und nachdem sich beide Gruppen auf ihrem Weg aus Afrika heraus voneinander getrennt hatten.

Erst jetzt hat Norton herausgefunden, wann genau die Europäer ihre braune Hautfarbe verloren haben dürften. Die gesamte Region um das SLC-Gen herum ist bei allen Europäern nahezu identisch, stellte sie fest.

Einschub I.B.: Das heißt in der Fachsprache, es liegt hier ein großes Koppelungs-Ungleichgewicht ("Linkage Disequilibrium") vor. Seit dem dieses Gen wichtig geworden ist für die Selektion in Europa haben sich in seiner Umgebung wenige von den Veränderungen eingestellt, die sich einstellen würden (aufgrund von molekularer Uhr und Crossing over bei der Meiose), wenn es schon viel länger wichtig gewesen wäre über die Generationen hinweg in der Humanevolution. Im Text heißt es demensprechend weiter:

Daher muss deren Variante ungewöhnlich jung sein, andernfalls hätten sich mit der Zeit zufällige Mutationen in der Nachbarschaft des Gens eingeschlichen.

Mit einem raffinierten statistischen Verfahren lässt sich anhand solcher Gendaten recht präzise feststellen, wann sich die veränderte Genvariante in der europäischen Bevölkerung zu verbreiten begann. Älter als 12000 Jahre kann die Hellhäutigkeit der Europäer nach Nortons Erkenntnissen keinesfalls sein. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist sie jünger als 6000 Jahre.

Ein enormer Überlebensvorteil muss daher für Menschen in Europa mit dem mutierten Gen verbunden gewesen sein. Vielleicht dauerte es nicht einmal hundert Generationen, bis der Kontinent erbleicht war.

Es handelt sich also um ein Gen, das sich ungefähr zur gleichen Zeit und in gleicher Geschwindigkeit in der europäischen Bevölkerung durchsetzte wie das Milchverdauungs-Gen. Es gibt auch Vermutungen, daß beide Vorgänge ursächlich miteinander verbunden waren und daß beides auch auf den Konsum von Getreide abgestimmt war (mehr Vitamin D-Produktion in den hell pigmentierten Hautzellen). Andere Vermutungen gehen in die Richtung, daß lokale kinderreiche Bevölkerungsgruppen ab einem bestimmten Zeitpunkt hellerhäutige Menschen als Ehepartner deutlich bevorzugten und dadurch einen Selektionsprozeß in Gang setzten.

Außerdem kann auch vermutet werden, daß Aussterbe-Ereignisse größere Selektionsvorgänge in Gang setzten. Zum Beispiel der weiträumige Bevölkerungs-Zusammenbruch in Mitteleuropa am Ende der Bandkeramik, der durch Zuwanderungen aus nördlichen oder anderen Regionen ersetzt worden sein könnte. Dunkelhäutigere Menschengruppen wären dann ausgestorben, hellhäutigere, die zuvor nur in einer kleinen lokalen Region gelebt hatten, könnten kinderreich gewesen sein und sich ausgebreitet haben, was einen sogenannten "Gründereffekt" bewirkt hätte.

Ich vermute, daß es keine monokausale Erklärung gibt, sondern daß alle genannten Faktoren je eine gewissen Rolle gespielt haben und ebenso auch noch zahlreiche weitere, nicht genannte. Auch die Verhaltens-Hormon- und Intelligenz-Evolution wird oder kann dazu in Beziehung gesetzt werden. Körper, natürliche, kulturelle, geschichtliche Lebensumstände, sowie die psychischen Eigenschaften bilden beim Menschen eine Einheit und evoluieren gemeinsam weiter, nicht getrennt und isoliert voneinander. Bei den aschkenasischen Juden wird ja auch vermutet, daß das Ausbreiten gewisser Erbkrankheiten und die gleichzeitige Intelligenz-Evolution ein gemeinsamer Vorgang war. Hier deuten sich überall viele Perspektiven an und man wird auf eine künftige "große", gut dargestellte Zusammenschau dieser vielen einzelnen Details mit großer Spannung warten. - Könnte das Thema für einen sich gut verkaufenden Bestseller sein.

Donnerstag, 26. April 2007

Genetische Populationsvielfalt beim Menschen

Zu meinem letzten Beitrag stellte mir ein Freund folgende Frage:

Hallo Ingo,

Du schreibst in Deinem letzten Studium generale-Beitrag, daß bei den kodierenden Genen bis zu 80 % der Variabilität zwischen den Rassen existierten. Kannst Du mir die entsprechenden Zitate nennen? Denn nach allem, was ich darüber gelesen habe, ist die rassische Variabilität dort auch nicht größer als bei anderen Merkmalen. Auch widerlegt Edwards Aufsatz ja Lewontin's Zahlen nicht, sondern weist nur darauf hin, daß für taxonomische Zwecke auch die Korrelationen wichtig sind. An den quantitativen Verhältnissen ändert sich dadurch ja nichts.

Ich will meine Antwort hier gleich einstellen, denn falls einer der Leser an meinem Raisonement Fehler entdeckt oder Ergänzungswürdiges, würde ich selbst noch Neues dazu lernen können, wenn er oder sie dies mitteilt. - Ja, mit Deinen beiden letzten Sätzen hast Du recht. Edwards kritisiert nur Lewontin's Fehlschluß, nicht die ihm zugrunde liegenden Fakten. Das tat auch schon zum Beispiel Sewall Wright nicht (siehe ganz unten). Und Edwards sagt ja auch - mehr oder weniger entschuldigend -, daß er auf diesen Fehlschluß schon vor vielen Jahrzehnten hätte hinweisen können. Daß er es aber dann doch schlußendlich im Jahr 2003 getan hat, und daß ihm niemand mehr widersprochen hat, beruht, soweit ich das sehen kann, zu großen Teilen darauf, daß im Jahr 2003 nur allzu deutlich absehbar war, bzw. schon längst erkannt worden war, daß viele Abschnitte des nun bekannten, da sequenzierten kodierenden Genoms noch ganz andere Schlußfolgerungen nahelegen, als die von Lewontin ausgewerteten selektions-schwachen oder -neutralen Genom-Abschnitte.

Kurze Vorüberlegungen: Wenn es bei den Chinesen und Buschleuten das ADHS-Gen nicht gibt, bei uns Europäern aber dafür irgend eine Häufigkeit vorliegt, ich weiß grad nicht welche (10 %, 20 %?) (Chen et. al. 1999; Harpending/Cochran 2002), dann ist die im menschlichen Genom an sich vorliegende genetische Vielfalt in Bezug auf dieses Gen zu wieviel Prozent unterschiedlich auf die Rassen verteilt?

Wenn es ein Nervenzell- oder Gehirnwachstums-Gen gibt, daß 60 % der Europäer haben, die Afrikaner aber nicht, dann ist die an sich im menschlichen Genom vorliegende genetische Vielfalt (Variabilität) in Bezug auf dieses Gen zu wieviel Prozent unterschiedlich auf die Rassen verteilt - ?

Wenn 98 % der Nordeuropäer das Milchverdauungs-Gen haben, aber 0 % der Schwarzafrikaner, dann ist die im menschlichen Genom an sich vorliegende genetische Vielfalt in Bezug auf dieses Gen doch zu nahezu 100 % unterschiedlich auf die Rassen verteilt, wenn mich meine Logik hier nicht vollständig im Stich läßt. Und bei vielen Haut-Genen, Gehirnwachstums-Genen, Erbkrankheits-Genen (Mukoviszidose ....), Verdauungs-Genen, Verhaltenshormon-Genen usw. findet man ja immer häufiger Verteilungen, die den soeben genannten Verteilungen ähnlich sind. Man müßte überhaupt mal einen verständlich geschriebenen Überblick über viele solcher Gene gleichzeitig haben, deren Häufigkeitsverteilungen schon besser bekannt sind weltweit und deren Funktion einigermaßen zuverlässig aufgeklärt ist.

Wenn es keine Überschneidungen in der Häufigkeit eines Gens zwischen Rassen gibt (so wie beim Milchverdauungs-Gen zwischen Schwarzafrikanern und Europäner), dann ist (wenn wir jetzt mal diese beiden Rassen als Gesamt-Menschheit betrachten) die an sich im menschlichen Genom vorliegende genetische Vielfalt bezüglich dieses Gens zu 100 % unterschiedlich auf zwei Rassen verteilt. Oder ist meine Logik falsch?

Also diese Dinge lassen sich anhand jedes einzelnen bedeuenderen Eintrags auf der OMIM-Datenbank heute schon gut und schlüssig neu durchdenken. So, und jetzt suche ich Zitate raus. Das erste mal bin ich selbst darauf gestoßen bei Jon Entine ("Taboo", 2000, S. 106 mit dortigem Verweis auf Michele Cargill, 1999). Das ist ein Buch, das ich lange Zeit unterschätzt hatte wie so vieles auf diesem Gebiet. Nicholas Wade ("Before the Dawn", 2006) (jetzt als TB erhältlich!) diskutiert das auf S. 191 - 193. Der technische Ausdruck, von dem Lewontin seine Schlußfolgerungen abgeleitet hat, ist nach ihm "Wright's fixation index" F (untergestellt) ST. (Bild von Sewall Wright links und unten.) Die Größe dieses Index' beträgt im (weitgehend) selektionsneutralen Genom ("junk DNA", Blutgruppen etc.) für Populationsunterschiede 15 % (versus 85 % Individualunterschiede).

Jetzt behandelt Wade diesen Index für das von Bruce Lahn erforschte Microcephalin-Gen: "The F ST for this allele between sub-Saharans and the others ist 48 % or 0.48, 'which indicates strong differentiation and is significantly higher than the genome average of 0.12,' writes Bruce Lahn ..." (0.12 bezieht sich hier, soweit ich sehe, auf Rassen, Lewontin hatte ja noch 0.03 für Volksunterschiede dazu genommen, wodurch er auf 0.15 kam.) Solche Bemerkungen wie diese von Lahn findet man doch fast in jeder neuen Studie zu erforschten Genen, die sich in ihrer weltweiten Verbreitungs-Häufigkeit unterscheiden. Und dann schreibt Wade weiter in Bezug auf die Lahn-Studie: "A new version of another gene, ASPM, arose some 6.000 years ago in Caucasians, 44 % of whom now carry this allele. The allele is less common among East Asians and rare to nonexistent in sub-Saharan Africans. The F ST for the allele between Caucasians and everyone else is 0.29."

Wade erklärt die Mathematik der ganzen Sache selbst nicht. Und auch ich habe sie mir noch nie genauer angeschaut. Wahrscheinlich ist es gar nicht so schwer, das zu berechnen, wenn man die Häufigkeits-Verteilungen in einzelnen Bevölkerungen vorliegen hat. Das würde ja auch meine obigen Vorüberlegungen sofort exakt beantworten. Dazu müßte man sich einfach mal die Mathematik dieses Wright-Indexes anschauen. Aber ich glaube, meine Vorüberlegungen zeigen schon, daß man sich diese Mathematik auch leicht ohne Mathematik in den groben Zügen klar machen kann. Wade zwei Sätze weiter: "Most of the diversity in human skin color, for example, exists beween populations, not within them. The F ST for skin color is 88 %, according to a study by John Relethford. ..." (S. 193) (Relethford, 2002)

Also, ich habe die wichtigsten hier zitierten Arbeiten verlinkt, damit man sich das im Original anschauen kann. Noch mal allgemeiner: Es ist doch ganz klar, daß Gene, auf denen starker Selektionsdruck liegt in einer Population aber nicht in einer anderen, oder die aufgrund von Gründereffekten vorherrschend geworden sind in einer Population aber nicht in einer anderen, daß in Bezug auf ein solches Gen die genomische Gesamt-Vielfalt weltweit anders auf die verschiedenen Populationen verteilt ist, als bei Genen, auf denen wenig Selektionsdruck liegt oder als auf Genomabschnitte, in denen sich Mutationen in der statistischen Regelmäßigkeit von "molekularen Uhren" ansammeln und wieder auslöschen können (da diese Mutationen von der Selektion nicht "bewertet" werden).

Gerade daß bezüglich letzterer Genomabschnitte 15 % Unterschiede in der Vielfalt zwischen Völkern und Rassen auftraten, war für Sewall Wright selbst (also für jenen, der diesen berühmten Index überhaupt erstmals aufgestellt hat - Bild siehe rechts) eher ein Zeichen, daß die Gliederung in Rassen größere Bedeutung beim Menschen hat als in vielen anderen Tierarten. Wade schreibt dazu (S. 192):


"Sewall Wright, one of the three founders of population genetics and the inventor of the F ST measure, commented" (zu den Lewontin-Arbeiten und -Fehlschlüssen) "that 'if racial differences this large were seen in another species, they would be called subspecies.' Wright specified that an F ST of 5 to 15 % in any population of organisms constituted 'moderate' genetic differentiation, and 15 to 25 % schould be considered 'great' genetic differentiation."

Zusatz: Die beiden Fotos zeigen Sewall Wright (1889 - 1988), diesen außerhalb der Fachwelt viel zu wenig bekannten aber bedeutenden amerikanischen Genetiker als jungen Mann (1928) und zur Zeit der Niederschrift seines klar formulierten und umfassenden vierbändigen Alterswerkes zur Gesamtthematik: "Evolution and the Genetics of Populations" (1968 - 1978). (Wikipedia englisch)

Mittwoch, 25. April 2007

Nicht aktuell - ein Buch über das Entstehen von genetischer Ungleichheit (/Vielfalt)

Den Autor Christian Göldenboog schätze ich sehr. Sein Buch "Das Loch im Walfisch - die Philosophie der Biologie" habe ich mit einem sonst eher selten erlebten Genuß und intellektuellen Gewinn gelesen. - Zwar ging es in diesem Buch weder um "die", noch in speziellerem Sinne um irgendeine "Philosophie der Biologie", dennoch wird außerordentlich amüsant und über weite Strecken wirklich "spritzig" über viele seltener beachtete Entwicklungen im biologischen Denken des 20. Jahrhunderts berichtet. - Dieses Buch kann man also nur jedem an der Thematik interessierten Leser dringend ans Herz legen. (Amazon)

Auch von dem neuen Buch Göldenboogs über die "Evolution der zwei Geschlechter" (2006) (Amazon) könnte man sich gleicherweise begeistert zeigen, wenn es sich nicht über weite Strecken um erheblich "schlüpfrigerere" Themenbereiche handeln würde. Doch das möchte ich an dieser Stelle gar nicht weiter thematisieren. Mir geht es hier nur um die beiden Kapitel über die genetische Vielfalt in heutigen menschlichen Populationen. Es handelt sich um Kapitel 7 "Das menschliche Genom gibt es nicht - Die Bedeutung menschlicher genetischer Vielfalt" (S. 157ff) und Kapitel 8 "Mister Charles Darwin besaß die Frechheit zu fragen - Sexualität und Rasse" (S. 182ff)

Erst nach einem Blick in den Anmerkungsteil wird einem deutlich, daß Göldenboog hier ausgiebig aus einem längeren Interview mit dem Humangenetiker Luigi Lucca Cavalli-Sforza zitiert, das schon im März 2002 (!) in "Psychologie heute" erschienen ist. Wenn es sich hier nun um Forschungen handeln würde, bei denen Fortschritte nur gemächlich in Jahrzehnt-Vergleichen festgestellt werden können, wäre ein solches Vorgehen zu billigen. Nicht aber in dem Jahrzehnt nach der vollständigen Sequenzierung des menschlichen Genoms. In den letzten Jahren ist auf den hier behandelten Gebieten so viel passiert, daß ein Interview aus dem Jahr 2002 im Jahr 2006 hoffnungslos veraltet ist.

Göldenboog behandelt (übrigens für Nichtkenner sicherlich nicht sehr verständlich) zum Beispiel die "neutrale Theorie der Evolution" von Motoo Kimura, also "Kimura's Bombe". Göldenboog macht aber weder sich selbst noch dem Leser klar - und das war auch im Jahr 2002 vielleicht noch etwas schwieriger als im Jahr 2006 -, daß die Vielfalt weitgehend selektionsneutraler Mutationen (entspricht in etwa dem Konzept der "molekularen Uhr") weltweit zum Teil völlig anders verteilt ist als die Vielfalt kodierender Gene im menschlichen Genom. Die Vielfalt der selektionsneutralen Mutationen weist die altbekannte und in der Öffentlichkeit Jahrzehnte lang oft wiederholte Verteilung auf, die erstmals der amerikanische Humangenetiker Richard C. Lewontin feststellte, nämlich 85 % davon gleichmäßig auf alle Menschen weltweit verteilt und nur 15 % davon unterschiedlich auf verschiedene Völker und Rassen verteilt. Aus der Feststellung dieser Verteilung hatte Lewontin schon vor vielen Jahrzehnten die Schlußfolgerung gezogen, die heute als ein Fehlschluß angesehen wird, nämlich daß die Einteilung des Menschen nach rassischen Gesichtspunkten biologisch weitgehend sinnlos sei.

Wenn dies heute als Fehlschluß angesehen wird, dann muß das in einer Veröffentlichung des Jahres 2006 natürlich auch gesagt werden. In den letzten Jahren ist immer klarer geworden, daß die Vielfalt vieler kodierender Gene und Mutationen genau anders herum verteilt ist als ursprünglich von Lewontin erwartet. Im kodierenden Genom können bis zu 80 % oder mehr der genetischen Vielfalt unterschiedlich auf die verschiedenen Völker und Rassen verteilt sein. Deshalb wirken verschiedene Medikamente in verschiedenen Völkern und Rassen - wie das auch angesprochen wird - unterschiedlich, und deshalb sind auch angeborene Verhaltensauffälligkeiten wie zum Beispiel ADHS ganz kennzeichnend unterschiedlich auf Völker und Rassen verteilt.

Göldenboog bringt im Anmerkungsteil nur die eine inhaltliche Aktualisierung zu dem Interview von 2002, die lautet: "Eine komplett gegenteilige Ansicht dagegen vertritt Anthony Edwards in "Human Genetic Diversity: Lewontin's Fallacy" (August 2003, BioEssays)." Diese mehr als krude Bemerkung in einer Veröffentlichung des Jahres 2006 ist in dieser Kürze in keiner Weise zu entschuldigen. Das ganze Kapitel hätte entweder ganz gestrichen oder neu geschrieben werden müssen.

Denn es war ja gerade dieser frühe enge Mitarbeiter Cavallis-Sforzas selber, Anthony E. Edwards, der in dieser seither berühmt gewordenen Veröffentlichung darauf hingewiesen hat, daß selbst die traditionelle Verteilung von 85/15 keinesfalls die Schlußfolgerung zuläßt, daß die Einteilung des Menschen nach Rassen biologisch sinnlos wäre. Denn auch 15 % Unterschiede sind eben (biologische) Information, wie im Anschluß daran Richard Dawkins argumentiert hat, also keine "Nicht-Information". Und diese Ansicht hat sich in den letzten Jahren in der Forschung auch bis hin zu dem weltweit führenden Humangenetiker Francis Collins durchgesetzt, der im Jahr 2000 noch heftig zurückgewiesen hatte, man würde im menschlichen Genom "Rasse" finden können. (Focus) Es wäre also sehr spannend gewesen, wenn Göldenboog Cavalli-Sforza im Jahr 2006 noch einmal zu der gleichen Thematik befragt hätte, und was er dann erfahren hätte.

Bestseller-Autor Richard Dawkins hatte diese Zusammenhängen aber schon im Jahr 2004 (in seinem hervorragenden Buch "Ancestor's Tale") klar und unzweideutig dargestellt, wenig später Humangenetiker wie Armand Leroi in seinem Buch "Der Tanz der Gene" als auch in einem Aufsehen erregenden Artikel in der "New York Times". Ebenso NYT-Redakteur Nicholas Wade in seinem "Before the Dawn", ebenso Mark Jobling und Mitarbeiter in ihrem "Human Evolutionary Genetics", jenes Werk, das das Standardwerk Cavalli-Sforza's abgelöst hat. Und ebenso Gregory Cochran, Henry Harpending, Steven Pinker und viele andere wichtige Autoren und Forscher zu diesem Thema. (Jon Entine etwa. Aber auch zum Beispiel noch der berühmte Ernst Mayr kurz vor seinem Tod im Jahr 2002, ebenso der bedeutende Genetiker James Crow - von der frühzeitigen Zurückweisung der Lewontin'schen Argumentation durch den Genetiker Sewall Wright ganz abgesehen.)

Es ist also längst nicht mehr aktuell, noch wie die Katze um den "heißen Brei" herumzuschleichen, so wie das in diesem Interview in für damalige Zeiten (2002!) typischer Weise getan wurde und wie das immer noch in diesen beiden Kapiteln getan wird. Stellen wie die folgenden zeigen jedoch gut auf, wie weit die wissenschaftliche Diskussion im Frühjahr 2002 schon fortgeschritten war. Sie haben ihre Gültigkeit auch bis heute behalten und ausgebaut, darum seien sie angeführt:

Ohne ein Studium dieser (weltweiten human- und populationsgenetischen) Vielfalt ergebe es auch wenig Sinn, so Cavalli-Sforza, medizinische Genetik zu betreiben. Wer neue Medikamente entwickeln will, der muß die Variation von Individuum zu Individuum, von Population zu Population berücksichtigen: Krankheitsgene variieren gewöhnlich ebenso stark wie diejenigen Gene, die Resistenzen verursachen. Beides beeinflußt die Sensibilität eines Individuums gegenüber Medikamenten ... (S. 172) Zehn Seiten weiter wird dieser Gedanke dann noch einmal fortgesponnen:

"Viele der untersuchten DNA-Proben hängen eindeutig von den Vorlieben der Europäer und der Amerikaner ab", erläutert Cavalli-Sforza. "Und das vermittelt immer den Eindruck, daß nur deren Variation wichtig sei. Aber die Japaner haben jetzt damit begonnen, eine eigene Sammlung aufzubauen. Das Human Genome Diversity Project hat Dependancen in Kenia, China, Indien und Pakistan. Ich habe etwas in Italien begonnen. In Deutschland arbeiten wir mit Svaante Pääbo zusammen." (S. 186)

Über die Intelligenz-Genetik wird in beiden Kapiteln - im typischen Bewußtseinsstand des Jahres 2002 - immer nur in den abfälligsten Worten gesprochen. Doch in den beiden Absätzen zum Schluß wird sie dann indirekt doch wieder "irgendwie" anerkannt: "Letztlich braucht doch jede Gesellschaft alle möglichen Typen und Talente. Basketballer oder Baseballspieler mögen nicht unbedingt so intelligent wie Universitätsprofessoren sein ..." "Aber Baseballspieler bereiten der Mehrheit der Amerikaner erheblich mehr Spaß als Universitätsprofessoren. In dieser Hinsicht sind sie wichtiger. Aber wie ich schon sagte: Die Vielfalt ist wesentlich." (S. 195)

Da in den Kapiteln von angeborener menschlicher Vielfalt die Rede war, wird man diese Sätze doch als indirekte Anerkennung der Möglichkeit deuten (die sich auch bei vielen der anderen genannten Autoren findet), daß eben sowohl sportliche Begabung wie Intelligenz-Begabung hohe Anteile erblicher Komponenten besitzen (könnten) und zudem - wie auch viele sonst im Kapitel genannte angeborene Krankheits-Neigungen oder Krankheitsverteidigungs-Strategien - in unterschiedlicher Häufigkeit auf geographische Regionen, Volksstämme, Völker und Rassen verteilt sind.

Noch einmal: Wenn Richard Dawkins über diese Dinge schon 2004 in bis heute gültiger Weise berichten konnte, dann wird man das wohl von einer deutschen Buchveröffentlichung des Jahres 2006 erst recht erwarten dürfen. Um so mehr von einem Autor, der sich doch mehr als viele andere deutsche Wissenschafts-Autoren im angelsächsischen darwinsichen Denken umgetan hat (- wie seine persönliche Bekanntschaft mit dem großen John Maynard Smith zeigt).

Dienstag, 24. April 2007

Sind Lebewesen nur Maschinen? - Zur Evolution des Psychischen seit der Lebensentstehung

Hab ich grad in der Buchhandlung entdeckt. (Amazon) - Ist da nicht schon das Umschlagbild "Programm"? Zeichnungen des deutschen Evolutionsbiologen und Philosophen Ernst Haeckel. Wenn ich es recht verstanden habe, strebt das Buch nach einem Ausgleich zwischen Vertretern des Intelligent Design und der Ansicht, Organismen, Zellen würden wie kleine Maschinen funktionieren. Es vertritt das Prinzip der Subjektivität - vielleicht so ähnlich, wie das Adolf Portmann gemacht hat. Nach eingehender Lektüre mehr.

Generation X - "... Y .. ungelöst ..."

Man muß sie kennen, die Generation X, denn das sind - offenbar - wir. Hier sei sie einmal folgendermaßen definiert: Geburtsjahrgang 1961 bis 1977, da die 1977 Geborenen das Jahr 1989 mit 12 Jahren gerade schon bewußt erlebten. Im 12. Lebensjahr macht man die ersten bewußten persönlichkeitsbildenden Erfahrungen, die durch gesellschaftsweite Vorgänge ausgelöst werden. Diese These kann zumindest vertreten werden. Zum Beispiel war dies für Werner Heisenberg das August-Erlebnis von 1914. (Siehe seine Lebenserinnerungen "Der Teil und das Ganze".) Und alle, die das Jahr 1945 vor dem 12. Lebensjahr erlebt haben, haben andere generationenweite Erfahrungen gemacht, als jene, die das Jahr 1945 nach dem 12. Lebensjahr erlebt haben.

Da in einem der letzten Beiträge über sehr frühe Kindheitserfahrungen der Generation X berichtet worden ist (Stud. gen.) (ohne da noch von diesem Begriff etwas gewußt zu haben), könnte es sinnvoll sein, sich mit diesem Begriff erneut der Thematik anzunähern. (Wikip. dt., engl.) Der Begriff wurde durch den Titel eines Romans des Kanadiers Douglas Coupeland bekannt, der 1991 erschien. Dieser Begriff erscheint einem auch wesentlich mehr zu erfassen als beispielsweise der Begriff "Generation Golf". Es handelt sich dabei natürlich auch um die "89er" im Gegensatz zu den "68ern". (Aber 1989 ist nicht primär eine amerikanische Erfahrung gewesen.)

Auf eine besonders genaue Definition dieses Begriffes hat man sich offenbar gesellschaftsweit noch nicht einigen können. (Wie auch? - Das X steht halt für den großen unbekannten Faktor ...). Und nun die fünf Pfennige von "Studium generale": Man schaue sich insbesondere die frühkindlichen Erfahrungen dieser Generation an, insbesondere die Liberalisierung der Sexualität, die damals die Eltern dieser Generation erfuhren. Und man schaue sich an, wie sich - dadurch? - das Eltern-Kind-Verhältnis änderte - und damit die gesamten künftigen Beziehungen eines Menschen zur Außenwelt. Dann wird man sich - vielleicht - in Kernbereichen des Verständnisses dessen bewegen, was sie ausmacht, diese ominöse "Generation X", die über sich selbst so wenig weiß ...

Blogger im Gefängnis ...

... in Weißrußland und in China. (Die Presse)

Kopfschmerzen sind gut - zumindest für Frauen über 50 ...

Die Überschrift ist übrigens kein Witz. (Berliner Zeitung) Es ist überhaupt eine der größten Dummheiten unserer modernen Gesellschaft, Schmerzempfinden, Depression, Übelkeit und alles sonst, was einem im Leben begegnet und es schwerer macht, als "ungesund" und "krank" anzusehen. Religionswissenschaftler Richard Sosis hat herausgefunden, daß Gemeinschaften, die sich Anstrengungen auferlegen, die sich Steine in den Weg legen, statt sich das Leben wo immer möglich zu erleichtern, daß diese größere Dauerhaftigkeit aufweisen als Gemeinschaften, die das nicht tun. Dies wird ja auch deutlich an den Old Order Amish.

Viele Menschen sind von der Evolution eher an Lebensbedingungen angepaßt, die schwer und hart waren, bei denen man auch oft Hunger erleiden mußte, die auch schmutzig waren und vieles andere mehr. Wenn man also ein schmerzfreies, sauberes, immer sattes und zufriedenes Leben im weichen Plüschsessel führen will - körperlich wie vor allem auch geistig, seelisch - dann könnte das viel umfassender "ungesund" sein, als die regelmäßige Migräne, die regelmäßige Depression, das regelmäßige Häufchen vorweggenommenen Schmutzes, das sowieso früher oder später einmal auf mein Grab fallen wird ... - Goethe an Gott:
...

Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je
des Beladenen?
Hast du die Tränen gestillet
Je des Geängsteten?

...

Wähnest du etwa,
Ich sollte das Leben hassen,
In
Wüsten fliehn,
Weil nicht alle Knabenmorgen-
Blütenträume mir
reiften?

Hier sitze ich und forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein
Geschlecht, das mir gleich sei,
zu leiden, zu weinen,
Genießen und
zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich.
- Dazu paßt übrigens auch die Meldung, daß Kinder, die mit fünf Jahren selbstdisziplinierter "Versuchungen" widerstehen können, zehn Jahre später bessere Schulleistungen erbringen, konzentrierter und effektiver arbeiten. (Berliner Morgenpost) Leider scheinen die Forscher der hier angesprochenen Studie nicht zu fragen, ob es nicht die (angeborene) Intelligenz selbst ist, die Menschen es (vielleicht) auch leichter macht, disziplinierter zu sein. (Denn Wahrheiten schneller erkennen können, ist ja auch eine "Belohnung" für sich, die es einem manchmal auch erleichtern könnte, auf andere psychische Belohnungen zu verzichten.)

Montag, 23. April 2007

Kinderbetreuung im Kulturvergleich - Die Forschungen Heidi Kellers

Das schon früher erwähnte neueste "Geo"-Heft hat das Titelthema "Was ist eine gute Mutter?". Die dazu von uns zitierte Zusammenfassung war etwas arg "schnellschüssig", wenn sie sagte, es wäre von einer Erkenntnis die Rede,
die Frauen in westlichen Ländern helfen kann, sich von der traditionellen Mutterrolle zu lösen. Und dennoch für das Glück des Kindes zu sorgen. (Stud. gen.)
So einfach kann man es sich mit den Inhalten dieses Aufsatzes nicht machen. Das Titelthema wird in zwei Beiträgen abgehandelt, beide von der Journalistin Johanna Rombach, auf deren Beitrag zum Thema "Singen" im letzten Geo-Heft schon hingewiesen wurde. (Stud. gen.) (- Dieser Blog sympathisiert zweifellos mit vielen, guten Beiträgen von "Geo".) Johanna Rombach ist Mutter zweier Söhne im Grundschul-Alter. Sie weiß also so im Großen und Ganzen schon, wovon sie spricht.

Den ersten der beiden Beiträge muß man nun nicht besonders gut finden. Da wird eher "kalter Kaffee" wieder aufgewärmt. Da wird das Buch von Sarah Blaffer Hrdy "Mutter Natur" abgehandelt, ein sehr dickes Buch, dessen Inhalte man gar nicht so einfach - und kurzschlüssig - in aktuelle politische (oder familäre) Debatten einfließen lassen kann. Trotz oder gerade weil (?) es von einer soziobiologischen Feministin geschrieben ist. Und diese Schwierigkeit merkt man durchaus auch dem Beitrag von Johanna Rombach an, der viel zu derzeitigen politischen Debatten sagen will - aber wenig konkreten Inhalt zu Tage fördert, der zu ihnen paßt.

Schon also wollte man das Heft wieder enttäuscht beiseite legen und auf dem Blog ein zorniges Verdammungsurteil zum Besten geben, als man den zweiten Beitrag gleich dahinter entdeckte. Er behandelt sehr aktuelle Forschungen der Osnabrücker Kinderpsychologin Heidi Keller (Bild links), deren Arbeiten man schon von früher her sehr schätzen gelernt hatte, von deren neuesten einem aber lange nichts mehr zu Ohren gekommen sein muß. Diese neuesten Forschungen scheinen sich nun - wie man dem Geo-Artikel entnehmen kann - in den Ergebnissen sehr direkt an die früheren kulturvergleichenden Neugeborenen-Studien des kalifornischen Soziobiologen Daniel G. Freedman anschließen zu lassen, sowie auch an die in diesem Blog schon erwähnten kulturvergleichenden Analysen J. P. Rushtons. Das muß man aber erst noch genauer überprüfen, soll hier zunächst einmal nur als eine "Arbeitshypothese" formuliert werden.

Die neueste Bucherscheinung von Heidi Keller nämlich (die auch zahlreiche deutschsprachige Elternratgeber und akademische Lehrbücher verfaßt hat [Amazon]), eine Buchneuerscheinung, die im Geo-Artikel erwähnt wird, ist im März in Englisch erschienen und heißt "Cultures of Infancy". (Amazon) Ohne dieses Buch gelesen zu haben, versteht man wahrscheinlich den Geo-Artikel nicht in der ganzen Schwergewichtigkeit seiner Inhalte. Das aktuelle Projekt, aus dem dieses Buch hervorgegangen zu sein scheint, heißt auf Wissenschafts-Deutsch "Parentale Ethnotheorien im Kulturvergleich". (Hier eine Beschreibung dieses Projektes in einer ähnlichen Fach-"Fremd"-Sprache wie der Titel selbst.)

Es werden Kulturunterschiede aufgezeigt im Aufwachsen und Betreuen von Kindern in Afrika, in Asien und in Europa. Und es werden sogar Unterschiede im Aufwachsen und Betreuen von Kindern über den zeitlichen Verlauf der letzten Jahrzehnte innerhalb Europas festgestellt. All das muß man sich noch genauer anschauen. Es kommt einem jedenfalls spannend vor.

Interessant auch, was die "Zeit" im Jahr 2004 über den Lebensweg von Heidi Keller berichtete, die im Jahr 1945 geboren wurde (Zeit 2004):
Es war die feministische Bewegung der frühen siebziger Jahre, die Heidi Keller zur Kleinkindforschung gebracht hat. Um herauszufinden, ob geschlechterspezifisches Verhalten nun angeboren oder anerzogen ist, wollte sie ganz am Anfang beginnen, kurz nach der Geburt. Mehr oder weniger durch Zufall geriet sie in einen Forschungsschwerpunkt der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der fast ausschließlich aus Naturwissenschaftlern bestand. Durch eine "gnadenlose Schule" sei sie damals gegangen, die ihr manch "feministisch bewegten" Glaubenssatz austrieb, erinnert sie sich.
Und weiter:
Zehn Jahre dauerte das Forschungsprojekt zur "frühen Sozialisation". Keller war die einzige Psychologin, die bis zum Ende durchhielt, infiziert freilich von der Soziobiologie, deren Leitgedanken die 58-Jährige noch heute fasziniert: dass alles menschliche Streben letztlich der optimalen Weitergabe der eigenen Gene dient. Bis heute fühlt sie sich der evolutionären Psychologie verpflichtet. Nicht als Tabula rasa sei der Mensch geboren, sondern mit einer festen psychischen Grundausstattung, die alle Menschen teilen.

Die Frage, welche Verhaltensmuster im Eltern-Kind-Verhalten dies sind und wie Kultur und Lebensumstände diese immer wieder modellieren, ist der rote Faden ihrer Veröffentlichungen. Immer neue Beispiele und Geschichten fallen ihr ein, wie festgefügte Vorstellungen in der Konfrontation mit einer anderen Kultur plötzlich fragwürdig erscheinen und scheinbar Unvereinbares in anderen Breiten sehr wohl zusammengeht. Da kommt die nüchtern wirkende Forscherin ins Erzählen. ...
Und an anderer Stelle erfährt man (Pampers):
Prof. Keller forschte in Costa Rica, Kamerun, Indien und den USA, wo sie Eltern beim Umgang mit Neugeborenen gefilmt und sie nach Erziehungszielen befragt hat. Mit solchen Studien kann sie erklären, warum Afrikanerinnen Babys schütteln – und deutsche Mütter ihren Nachwuchs mit Lernspielzeug überhäufen.
Aber nun kurz angedeutet einigen Forschungs-Ergebnisse:

.... "(Europäische) Eltern schauen ihren Säuglingen heute viel häufiger direkt ins Gesicht als früher und reden mehr mit ihnen", sagt Heidi Keller, "dafür hat der Körperkontakt mit den Jahren deutlich abgenommen." Zur Illustration legt die Forscherin ein weiteres Video ein, einen Schwarzweißstreifen aus den siebziger Jahren. Auch da trägt der Vater das Kind auf dem Schoß, doch die Blickwechsel sind seltener, richten sich mehr zur Welt als zueinander. ... (Zeit 2004)
Da man selbst (geboren 1966) als Kleinkind noch in der "Schwarzweiß-Film"-Zeit betreut worden ist, drängt sich einem die Frage auf, ob es auch an solchen Veränderungen liegt, wenn später geborene Kinder ein anderes Generationengefühl zum Ausdruck bringen.

Mit dem Jahr 1968 hat sich ja gesellschaftsweit etwas sehr deutlich verändert, nämlich das Verhältnis zur Geschlechtlichkeit. Und dadurch könnte sich ja - über psychische Umwege - auch das Eltern-Kind-Verhältnis verändert haben. Und noch kurz zu geographischen Kulturunterschieden. Dazu heißt es in der "Zeit" von 2004 zum Beispiel:
Anders als die deutsche Mutter möchte die Nso-Frau in Kamerun, dass ihr Kind schnell motorisch selbstständig wird, damit es bei der Erziehung des nächsten Kindes nicht stört und bald als Teil der Gemeinschaft kleine Aufgaben erfüllen kann. (Zeit 2004)
Dazu möchte man bemerken: Was hier als "Wollen" definiert wird, könnte aus der Sicht der Forschungen der amerikanischen Psychologen Daniel G. Freedman und J. P. Rushton auch einfach als das Abspulen eines anderen, genetisch vorgegebenen körperlichen und seelischen Reife-Entwicklungs-Programms interpretiert werden, das von der Umwelt gar nicht besonders stark beeinflußt werden kann, höchstens dadurch, daß die Umwelt genau jene Reifung unterstützt und dann davon redet, sie "wolle" sie unterstützend, die sich sowieso mehr oder weniger von selbst abspult.

Wenn man sieht, daß jemand gut laufen kann, hilft man ihm und macht Laufen zum Lern-Programm. (Afrika) Wenn man sieht, daß jemand nicht besonders viel Lust zum Aufstehen und Bewegen hat in einer bestimmten Altersstufe, macht man andere Erziehungsziele zum Programm. (Europa) Solchen Zusammenhängen sollte noch detaillierter nachgegangen werden.

[leicht überarbeitet, gekürzt, einige Verweise aktualisiert; 29.6.09]

Die Verbreitung genetisch bedingter Krankheiten

"Heute wächst zusammen, was zusammen gehört," gilt längst nicht mehr nur für politische oder gesellschaftliche Fragen. Dieser Satz gilt immer mehr auch für Fachrichtungen in den naturwissenschaftlichen Humanwissenschaften. Leser Reinhard, der diesem Blog schon manchen guten Tipp gegeben hat, hat die Aufmerksamkeit gelenkt auf das soeben neu erschienene Buch "Einführung in die genetische Epidemiologie" von Prof. Heike Bickeböller (Göttingen) und Dr. Christine Fischer (Heidelberg). (Amazon) Ohne einen solchen Anstoß würde man wohl ein Buch mit einem solchen Titel - ehrlich gesagt! - so schnell nicht in die Hand nehmen.

Die Genetische Epidemiologie ist ein Kind der jüngst neu geschlossenen Ehe zwischen traditioneller Humangenetik und traditioneller Krankheits-Verbreitungs-Lehre (wissenschaftlich: Epidemiologie). Dieses neue, unscheinbare Fach ist ein Teil des Paradigmenwechsels, der sich gegenwärtig in den naturwissenschaftlichen Humanwissenschaften vollzieht, und der sich in dem immensen Anwachsen der Datenmengen in Datenbanken wie "OMIM" (Online Mendelian Inheritance of Man) manifestiert, und über den auch "Studium generale" versucht, so regelmäßig wie möglich Auskunft zu geben. Es gibt dazu noch so wenig deutschsprachige Literatur, daß eine solche "Einführung" sehr zu begrüßen ist.

Man erfährt in Exkursen und Einschüben viel über die Geschichte dieses neuen Faches. Dies mag ein Zugang sein, der für den Außenstehenden zunächst der naheliegendste sein könnte. Für diese Geschichte spielen Forscher und ihre Arbeiten eine Rolle, die hier nur mit Namen und Jahreszahlen kurz angedeutet seien: Maupertius 1752, Thomas Bayes 1763 (Wahrscheinlichkeits-Rechnung), Gregor Mendel 1865, Francis Galton 1865, Garrod 1902. Die Lebensleistung solcher und anderer, auch dem naturwissenschaftlich Gebildeten oft nur schleierhaft bekannter Forscher, auch weiblicher, auch deutscher Forscher wird jeweils knapp in dem Lehrbuch in Exkursen erläutert.

So war einem als sporadischem Leser amerikanischer Forschungliteratur bislang nur der Name des Humangenetikers Neil Risch bekannt, der wesentliche Arbeiten zu der in der genetischen Forschung heute so wichtigen Koppelungs-(Ungleichgewicht-)Analyse geleistet hatte. Mit dieser Analyse erkennt man Abschnitte im menschlichen Genom, die aufgrund jüngster Selektionsereignisse, aufgrund von populationsgenetischen Gründerereignissen, Aussterbe-Ereignissen, Inzucht und aus anderen Gründen weniger durch "Crossing Over" in der Meiose der Geschlechtszellen-Reifung zerbrochen worden sind, als es statistisch zu erwarten sein müßte - wenn eben keiner der eben genannten Vorgänge etwas an diesem Genom-Abschnitt bewirkt hätte. Ein wesentlicher Teil dieses Lehrbuches dient der Erläuterung aller damit zusammen hängenden Fragen.

Und man erfährt, daß es der deutsche Humangenetiker Jürgen Ott (geb. 1939) war, der den ersten Lehrbuch-"Klassiker" zur Koppelungsanalyse geschrieben hat (1992), die er schon seit 1972 erforscht. Als wichtige Namen werden außerdem genannt: Peter Emil Bicker (1908 - 2000) (S. 40) und Marie-Claire King (Erforscherin des Gens, das Brustkrebs hervorruft) (S. 146). Außerdem wird in einem Exkurs erläutert, wie genetische (Familien-)Beratung heute gehandhabt wird. (S. 293f) Diese ist ja eine der unmittelbarsten und direktesten Anwendungen dieser Forschungsrichtung.

Das Lehrbuch macht in einem weiteren Hauptabschnitt schließlich auf die Bedeutung der Populationsgenetik in der heutigen medizinischen Forschung aufmerksam und erläutert diese anhand gut erforschter erblich bedingter Krankheiten. Letztere sind heute alle in der OMIM-Datenbank verzeichnet. Es wird jeweils genannt, wie viele Genorte heute schon als mitverursachend für eine Krankheit wie Mukoviszidose oder Alzheimer erkannt sind und wie in verschiedenen Populationen oft ganz andere Genorte für das Auftreten der gleichen Krankheit verantwortlich sind, die auch in den Häufigkeiten oft ganz unterschiedlich auf Populationen verteilt sind. (Sind diese Krankheiten phänotypisch also tatsächlich identisch - oder hat man nur noch nicht genau genug verglichen, da die eigentlichen, jeweils unterschiedlichen genetischen Ursachen erst seit wenigen Jahren bekannt sind?)

In wenigen Sätzen wird z.B. der heutige Stand der Alzheimer-Forschung zusammen gefaßt (S. 46) und man erfährt, daß das wichtigste Gen, das Alzheimer hervorruft, erstmals in der ethnischen Gruppe der Wolga-Deutschen entdeckt wurde. Es wird darauf verwiesen, welche Methoden bislang schon gute Erfolge gebracht haben bei der Suche nach krankheitsverursachenden Genen (S. 45): a) Phänotyp sorgfältig beschreiben und von anderen Phänotypen abgrenzen, b) Subgruppen, in denen der jeweilige Phänotyp auftritt, jeweils sorgfältig abgegrenzen, also: ethnische Gruppen, Familien, Menschen, in denen der Krankheitsbeginn im gleichen Alter einsetzt (bei Alzheimer ist zum Beispiel früher Beginn genetisch anders verschaltet als später Beginn) oder bei denen der Schweregrad der Erkrankung ähnlich ist.

Da die Genetik des Menschen auf allen Ebenen seiner phänotypischen Eigenschaften nach allem, was wir wissen, sehr ähnlich funktioniert, kann man aus der medizinischen Forschung, die auf vielen Gebieten am weitesten fortgeschritten ist, sicherlich auch viel über die menschliche Genetik psychischer Eigenschaften lernen - sowohl auf individueller wie auf Gruppenebene. Das kann dann weitreichende Implikationen und Auswirkungen haben. Es wird auf diesem Blog immer wieder versucht, auf diese hinzuweisen und sie zu thematisieren. Deshalb auch das Interesse an einem - von weitem - so "abseitig" anmutenden Spezialgebiet wie der "Genetischen Epidemiologie", der Lehre von der Verbreitung und Verursachung genetisch bedingter Krankheiten.

Sonntag, 22. April 2007

Werde ich doch noch irgendwann einmal CDU-Wähler?

Die heutigen Meldungen zur CDU/CSU interessieren mich "irgendwie". Werden CDU und CSU vielleicht doch wieder wählbar? (Yahoo Nachrichten)

"Beliebigkeit schafft keine Bindung"

Germering (ddp-bay). Edmund Stoiber ist in seinem Element. Kämpferisch beschwört der Ministerpräsident und CSU-Chef am Samstag beim Auftakt der zweiten Programmkonferenz zum neuen Grundsatzprogramm seiner Partei in Germering bei München die rund 400 Mitglieder der Parteibasis. Die Querelen um seinen angekündigten Rücktritt und die Nachfolge im Amt des Parteivorsitzenden merkt man Stoiber nicht an.

Vielmehr versucht er während seiner knapp einstündigen Eröffnungsrede in einem großen Bogen von der Geschichte Bayerns und der CSU über die Leistungen seiner Zeit als Ministerpräsident bis hin zu den Herausforderungen durch Globalisierung und kulturelle Konflikte eines deutlich zu machen: Die Bindungskraft der CSU als Volkspartei kann nur durch Leidenschaft erhalten werden. «Die 50 plus X für die CSU stehen nicht in der Bayerischen Verfassung», betont der Parteichef und fordert von der Basis mehr Identifikation mit der Partei, auch abseits von Personaldiskussionen.

Am Anfang seiner politischen Karriere im CSU-Kreisverband Bad Tölz-Wolfratshausen sei es noch um «Freiheit oder Sozialismus» gegangen. Er habe sich von Anhängern Rudi Dutschkes «aus dem Audimax der Universität prügeln lassen», berichtet Stoiber wie zum Beweis seiner These. Heute erkenne er jedoch eine «Renaissance der bürgerlichen Werte», insbesondere bei der Jugend.

Die CSU sieht er mit den Eckpunkten Familie, Nation und der Bewahrung bürgerlicher Werte daher gut aufgestellt. «Beliebigkeit schafft keine Bindung», betont er. ...

Bis hierher kann ich - irgendwie - folgen. (Obwohl ich mir Rudi Dutschke nicht mies machen lassen möchte.) Also: "Klingt gut".

Auch das "klingt gut":

Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) hat gefordert, die zu erwartenden Steuermehreinnahmen auch zur Förderung von Eltern zu verwenden, die ihre Kinder zu Hause erziehen. "Wenn jetzt die Kinderbetreuung in den ersten drei Lebensjahren zu Recht massiv ausgebaut wird, sollen auch die Eltern besser gestellt werden, die ihre Kinder in den ersten drei Jahren selber betreuen", sagte Stoiber der "Welt am Sonntag". So könne etwa der bisherige Sockelbetrag beim Elterngeld in Höhe von 300 Euro monatlich weiter ausgebaut werden.

Und das klingt grauenhaft:

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) will mit einer «Bildungsoffensive 2020» schon bei den Kleinkindern beginnen: Schwerpunkt der Reformen im Bildungssektor werde in den nächsten Jahren «die Profilierung der frühkindlichen Bildung sein. Wir werden sehr viel stärker diese Phase der drei- bis zehnjährigen Kinder in den Blick nehmen», sagte die CDU-Vizechefin im rbb-Inforadio.

"Frühkindliche Bildung ab dem dritten Lebensjahr." Kann man ekelhaftere Konzepte haben? Aber was sagt man dazu:

Die CDU bekennt sich in ihrem neuen Grundsatzprogramm zum Patriotismus und zum umstrittenen Begriff Leitkultur. Im Entwurf für das Grundsatzprogramm, das der «Frankfurter Rundschau» (Samstagausgabe) vorliegt, heißt es: «Die Gesellschaft hält zusammen, wenn sich alle auf den Boden dieser Leitkultur in Deutschland stellen und sie mit Leben erfüllen». Ihre «europäische Dimension» werde im Fortgang der Einigung Europas «an Bedeutung gewinnen».

Propagiert wird ein Patriotismus, der Stolz auf das Gemeinwesen und Bereitschaft zu Pflichterfüllung einschließt. «Wir bekennen uns ohne jede Überheblichkeit zu unserer schwarz-rot-goldenen Fahne, zu unserer Nationalhymne und zu Symbolen der Demokratie und der deutschen Einheit», heißt es. Deutschland wird als «Integrationsland» definiert, das «attraktive Zuwanderungs- und Aufnahmebedingungen für gutausgebildete Menschen» schaffen müsse. Wer hierzulande leben möchte, müsse nicht seine Herkunft verleugnen oder seine Wurzeln aufgeben, wo «aber Menschenrechte und Demokratie in Frage gestellt werden», gebe es kein Recht auf kulturelle Differenz. Integrationsverweigerung dürfe nicht folgenlos bleiben.»

Großer Raum wird der Familie eingeräumt. «In der bürgerlichen Familie des 21. Jahrhunderts werden sich zumeist beide Eltern sowohl um die ökonomische Basis als auch um die emotionale Qualität der Familie kümmern», heißt es. Familie sei überall, wo Eltern für ihre Kinder und Kinder für ihre Eltern Verantwortung trügen. Die CDU hält am Leitbild der Ehe fest. Andere Partnerschaften werden toleriert, sie mit der Ehe zwischen Mann und Frau gleichzustellen, lehnt die Partei jedoch ebenso ab wie das Adoptionsrecht für Homosexuelle. ...

Samstag, 21. April 2007

Eine Frau schreibt über die Evolution menschlicher Religiosität

Ich habe auf Studium generale englisch gerade einen Beitrag über das neue Buch der Primatologin Barbara J. King "Evolving god" (Amazon) eingestellt. Spannend ist, daß es das erste von einer Frau geschriebene Buch über die Evolution menschlicher Religiosität zu sein scheint. Mir ist jedenfalls kein weiteres von einer Frau bekannt, während ja doch die Literatur zu dem Thema derzeit kräftig anschwillt. Aber: alles männliche Autoren! Und dies ist doch deshalb so merkwürdig, weil wir von verschiedendsten Untersuchungen her doch inzwischen viel zu genau wissen, daß Frauen in der Regel "religiöser" sind, mehr religiöse Verbundenheiten aufweisen als Männer, daß Religion eine "Gretchenfrage" ist und nicht vornehmlich eine Frage des Grüblers "Faust".

Und so hat die erste weibliche Autorin und Forscherin auch gleich einen ganz anderen Ansatz und Zugang als die bisherigen männlichen Denker. Er lautet "belonging", das heißt, sich zugehörig fühlen, sich verbunden fühlen mit nahestehenden Mitmenschen. Wäre auf eine solche Eigenschaft als die Grundlage aller Religiosität jemals irgend ein Mann gekommen? Und gibt es Naheliegenderes? Hat nicht schon Platon die Liebe als den direktesten Zugang zu - und nächsten Verwandten von - Metaphysik angesehen? Ist nicht große Liebe nur eine andere Form von Religions-Ausübung? So wie der Gläubige sagt: "Kein Heil außerhalb der Kirche." So sagt der Liebende: "Kein Heil in einem Leben ohne sie/ohne ihn."

Und geht eine Liebe doch zu Ende, ist dies oft der erste Zeitpunkt im Leben, wo sich die große Frage nach Gott stellt, nach dem Sinn des Lebens. Aber auch Glück kann einen so stark und ernst machen, daß man über das persönliche Glück hinausfragt - nach Gott. Barbara King jedenfalls scheint genau diese Intuition gehabt zu haben.

"Biological anthropologist King contends that religion, conceived as a system not of beliefs but of actions, not as theology but as worship, is a consequence of primate evolution. It proceeds, she posits, from the sense of group membership that highly developed mammals, especially the great apes, demonstrate in many ways but most saliently for religion when they show concern for a group member that has died." (Amazon)

"King draws upon cutting-edge research in primatology to demonstrate that once animals are capable of emotional attachments and cognitive empathy, they are ready for—and even appear to require—certain intangibles like a belief in something greater than themselves." "It's true that the book requires some enormous argumentative leaps; it's a long stretch from demonstrating that contemporary primates have emotional attachments to claiming that they are then capable of creating religions, as King maintains human beings once did. But even readers who close the book unconvinced will be impressed by King's fresh insights and her lucid writing, which is a jargon-free, story-filled model." (Amazon)

... The origins of the religious impulse. King finds this in what she calls belongingness, "mattering to someone who matters to you," a trait found in contemporary humans but also in our human and non-human primate ancestors. (Amazon, Customer Reviews)

'Evolving God' has the added merit of pushing beyond the Abrahamic "big three," including a handy account of religious archaeology. King's touchstone is "belongingness," the idea that "hominids turned to the sacred realm because they evolved to relate in deeply emotional ways with their social partners, ... and because the human brain evolved to allow an extension of this belongingness beyond the here and now." David Barash (The Chronicle of Higher Education ) Barbara King says (according to Barash): "At bedrock is the belief that one may be seen, heard, protected, harmed, loved, frightened, or soothed by interaction with God, gods, or spirits."

Was sind Daseinskompetenzen? - Mein Eintrag bei Wikipedia

Fünfter Familienbericht, 1994
Gerade hat der Bloginhaber seinen ersten Wikipedia-Artikel geschrieben. Und zwar nachdem er festgestellt hatte, dass dieser Blog "Studium generale" als erster Treffer bei Google angezeigt wird, wenn man den Begriff "Daseinskompetenzen" eingibt. Und damit mag man natürlich als Bloginhaber eine gewisse Verantwortung verbinden, da dieser Begriff bisher offenbar noch nirgendwo im Internet ausführlicher erläutert worden ist. Dabei ist er schon über zehn Jahre alt. Der erstellte Eintrag zum Begriff "Daseinskompetenz" (Wikipedia) ist nur ein erster Entwurf. Er bedarf noch vieler Präzisierungen und Ergänzungen (Hervorhebungen im folgenden nicht im Original):
Daseinskompetenz ist ein Begriff, der von der Gießener Haushaltswissenschaftlerin Prof. Dr. Rosemarie von Schweitzer in die Diskussion eingebracht worden ist. Dies geschah vor allem in dem unter ihrer Federführung erstellten 5. Familienbericht der Bundesrepublik Deutschland von 1994 (fertiggestellt im Oktober 1993). Im gleichen Bericht wurde auch ein Schwerpunkt auf das Konzept "Humanvermögen" gelegt (Humankapital). Dafür ist ihr im Jahr 2003 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen worden. Größere Diskussionen scheint der Begriff Daseinskompetenz allerdings bisher nur in der Schweiz ausgelöst zu haben.
Der 5. Familienbericht kritisiert, dass im westlichen Bildungssystem nur Fachkompetenzen vermittelt werden für den jeweiligen beruflichen Lebensweg aber keine Daseinskompetenzen für den privaten und familiären zukünftigen Lebensweg des einzelnen jungen Menschen. Die Familienberichtskommission bezeichnet als Daseinskompetenzen die "Fähigkeit, sich selbst in komplexe Felder sozialer Beziehungen einzuordnen und mit diesen gestaltend umzugehen".
Der Familienbericht führt aus: Frauen und Männer "werden durch keinerlei kompetent und pflichtmässig angebotene Bildungsgüter auf die Gestaltung des Familienalltags vorbereitet. Gleichzeitig nehmen die Anforderungen an die Gestaltungsaufgaben rasant zu, bedingt durch die Pluralisierung der Lebensformen, der Erweiterung der Handlungs- und Entscheidungsspielräume und der hohen Glücks- und Zufriedenheitserwartungen an das Zusammenleben in Partnerschaft sowie mit Kindern. Probleme der Trennung und Scheidung, der Unterhalts- und Vermögenssicherung sowie der Begründung neuer Partner- und Elternschaften und neuer Lebenskonzeptionen werden durch Anwälte, Gerichtsentscheidungen, Sozialämter und Steuerberater begleitet. Eine Instanz zur Unterstützung der familialen Gestaltungskompetenz gibt es nicht. Hier muß jeder sehen, wie er zurecht kommt mit den Krisen und möglichen Katastrophen. Nicht unerhebliche Kranken- und soziale Kosten, Delinquenz, Drogen- und Medikamentenmißbrauch sowie gestörte Biographien dürften hier ihren Ursprung haben." (S. 115) "Fachkompetenzen sind für die Erfüllung bestimmter, in der Regel beruflicher Aufgaben erforderlich, Daseinskompetenzen dagegen betreffen die Lebensführung als Ganzes."
Im einzelnen werden genannt (S. 244):
  • "Die Kompetenz des Aktivierens der eigenen Kräfte und Anlagen, um den eigenen Lebensentwurf in jeder Lebensphase zu verwirklichen und dadurch den Trend selbst mitzubestimmen (partnerschaftliche eheliche Bindung, Weitergabe des Lebens).
  • Die Kompetenzen des Alleinlebens und des Zusammenlebens (Sozialkund schließt Gemeinschaftskunde und Alleinseinkunde ein).
  • Die Kompetenz, wegen der Unterschiedlichkeit der Entscheidungen und der Entwicklungsspielräume in sozialer Vielfalt zu leben (Pluralität der Lebensweisen in der eigenen - erweiterten - Familie und im Gemeinwesen).
  • Die Kompetenz der Unterscheidung zwischen Selbstverwirklichung zugunsten anderer oder auf Kosten anderer (Egoismus oder partnerschaftliche Solidarität? Dienen und Teilen als Schlüsselkompetenzen der Daseinsbewältigung).
  • Die Kompetenz des Denkens in Wirkungsketten, um die möglichen Folgen von Handlungen und Unterlassungen für sich selbst, für die Lebensgemeinschaft, für das Gemeinwesen abschätzen zu können (Folgen der Übernahme von Elternverantwortung oder von Kinderlosigkeit).
  • Die Kompetenz der Unterscheidung von Planbarem und Unplanbarem, da das menschliche Leben zwar unplanbar, die Rahmenbedingungen jedoch planbar sind (Stabilität der Ehe, Nutzungsmöglichkeiten der Wohnung im Familienzyklus, Alterssicherung).
  • Die Kompetenz der Integration von ökonomischem, ökologischem und anthropologischem Wissen, damit das Leben und die Lebensgrundlagen in ihrer Ganzheit gesehen, gepflegt und geschützt werden (Pflege der Gesundheit und der Netzwerke, Leben in ethnischer, religiöser und kultureller Vielfalt).
  • Die duale Kompetenz der Kritik- und Lobfähigkeit, um das gegenseitige Verdecken von Glück und Unglück zu vermeiden (alltäglicher Kritiküberschuß und alltägliches Lobdefizit).
  • Die Kompetenz, mit Krankheit, Schmerzen und Sterben, mit Gebrechen, chronischen Krankheiten und Behinderungen in Würde umzugehen (Gesundheitserziehung schließt Krankheitslehre ein, Gesundheit ist keine Bringschuld anderer Personen oder Institutionen).
  • Die Kompetenz der eigenverantwortlichen und partnerschaftlichen Lebensführung in den verschiedenen Lebensaltern des Jungseins, Älterwerdens und Altseins (Gemeinsames Altwerden, Integration von Neuwissen und Erfahrungswissen, Leistungsausgleich der Generationen).
  • Die Kompetenz, durch Veränderungsdenken dem Wandel die gewünschte Richtung und Prägung zu geben. Besitzstandsdenken dagegen blockiert die Gestaltung des Wandels. (Jede Familie, jedes Unternehmen, jeder Verband, jedes Gemeinwesen unterliegt Veränderungsdynamik.)
  • Die Kompetenz des Vereinbarens langfristigen Denkens zugunsten der Zukunft sowie langfristig bindender biographischer Entscheidungen mit kurzfristiger Optimierung der eigenen Lebensverhältnisse und des gemeinschaftlichen Lebens unter Unsicherheitskonstellationen (Ehe und Kinder, Lebensunterhalt und Alterssicherheit)."
Quellen:
Ergänzung 10.5.07: Puh, der Artikel wurde gleich zur Löschung vorgeschlagen. Na, wenigstens lernt man dadurch, dass es in diesem Bereich auch noch die Begriffe "Humankompetenz", "Alltagskompetenz" und "Sozialkompetenz" gibt. Alle noch wenig ausgearbeitet auf Wikipedia. Das sollte man sich alles einmal genauer vergleichend anschauen, wenn man Zeit dazu findet.

Ergänzung 15.5.07: Puh, er ist gelöscht. ... Aber womöglich hat die Sache doch insofern etwas gebracht, als sich Wikipedianerin "Carolin2006" auf unseren Einspruch hin noch einmal Arbeit damit gemacht hat und etwas zur Erkenntniserweiterung beiträgt. Sie schreibt im letzten Eintrag zur "Lösch-Diskussion":
Soweit ich es sehen kann, geht es gar nicht so sehr um diesen einen Artikel, sondern ums Gesamtprinzip: auch um zu vermeiden, dass Leute Wikipedia dazu missbrauchen, ihre persönlichen Meinungen und Wortschöpfungen an die Leute zu bringen, wird auf "Relevanz" gepocht. Bei "Daseinskompetenz" käme es m.E. auf historische_Relevanz und Statistische Relevanz bzw. öffentlicher Bekanntheitsgrad an. - Unter den ca. 300 Google-Einträgen habe ich jetzt mal gesucht und einen recht schönen gefunden, im Online-Familienhandbuch: http://www.familienhandbuch.de/cmain/f_Programme/a_Familienpolitik/s_266.html . In http://www.ph-heidelberg.de/wp/methfess/Soziooekonomie/HuG_script_11_04.pdf wird es offenbar auch gleichgesetzt mit "Vitalvermögen" (das hat aber erst recht wenig Google-Hits, nur 38). Auch "Vitalkompetenz" gibt's, hat aber offenbar mehr mit Rehabilitation zu tun. Als besten Artikel zu Daseinskompetenz, der nicht in ausschließlich in Bezug zum 5. Familienbericht steht, fand ich unter http://www.hss.de/downloads/argumente_materialien_30.pdf , eine Veröffentlichung der Hanns-Seidel-Stiftung von 2001. Einen Bezug zum Unterricht in der Schule stellt http://www.gymnasium-blomberg.de/wiki/FruehkindlicheEntwicklung/StartSeite dar; es stellt außerdem "Daseinskompetenz als Bildungsziel" und zitiert Krappmann (vermutlich ist Lothar Krappmann gemeint), dessen Dissertation wohl als soziologisches Standardwerk gilt. - "Daseinskompetenz" bezieht sich offenbar mehr auf die gesamte Lebensführung (über den gesamten Lebenslauf hinweg), und "Alltagskompetenz" wohl mehr auf unmittelbare, eben alltägliche, Situationen. - Aber jetzt viel mehr Zeit in einen Artikel zu stecken, der schon vom Löschungsantrag bedroht ist, lohnt ja auch nicht... nachdem ich das alles gesehen habe, ändere ich meine Meinung insofern, als dass ich mich enthalte. --Carolin2006 19:00, 10. Mai 2007 (CEST)
Carolin's Enthaltung hat offenbar nichts genutzt. Sicherlich ein neuerlicher Beleg für manchen, dass einen die Mitarbeit bei Wikipedia mitunter in zu kleinliche Diskussionen hineinziehen kann.*)

Da Familienberichte breite gesellschaftliche Relevanz haben, von der deutschen Regierung quasi "autorisiert" sind und Gemeinschaftswerke von interdisziplinär zusammenarbeitenden Wissenschaftlern und Ministerialbeamten sind, hätte man meinen sollen, dass doch eigentlich schon von vornherein sichergestellt ist, dass es sich hier nicht um eine einzelne "persönliche Meinung" handelt.

Und ohne das jetzt weiter nachprüfen zu können, ist doch der Eindruck vorhanden, dass der von Rosemarie von Schweitzer in die Diskussion eingebrachte Begriff "Daseinskompetenz" der beste und am schärfsten umrissene Begriff für allgemeinere Diskussionen in diesem Bereich darstellt, worin wir ja auch von Carolin bestätigt wurden. Man sollte diesen Begriff kennen. Und deshalb hätte er - unsere Meinung - auf Wikipedia nicht gelöscht werden sollen. Aber Wikipedia, zumal das deutsche, hat so seine eigenen Gesetzmäßigkeiten.

Ergänzung (26.6.16): Der Hauptgrund für die Löschung des Artikels auf Wikipedia liegt darin, dass weder die Bundesregierung, noch die großen Parteien des Bundestages, noch die gesellschaftliche, noch die innerwissenschaftliche Debatte die sehr wegweisenden, zukunftsweisenden Gedanken des 5. Familienberichts auch nur in irgendeiner konkreteren Weise aufgenommen haben und weitergeführt haben. Das könnte höchstens von einer solchen Kleinpartei gesagt werden wie der Familienpartei Deutschlands. Warum ist das so? Natürlich liegt das vor allem daran, was die großen Medien in die Berichterstattung aufnehmen und was nicht. Bekanntlich sind die großen Medien mit anderen Themen beschäftigt und der Eindruck hat sich schon längst verflüchtigt, als ob es den großen Tonangebern in den Medien darum ginge, unsere Gesellschaft sozial nachhaltig gesund und zukunftsfähig zu machen. (Sie zu letzterer Thematik - kurz gesagt zur Thematik "Zombifizierung der Politik durch Okkultlogen" - inzwischen zahlreiche Artikel auf unserem Parallelblog "Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!")

Wir für unseren Teil halten an der Meinung fest, dass der Begriff Daseinskompetenzen und mit ihm durch Rosemarie von Schweitzer verbundenen Inhalte einen wesentlichen Beitrag darstellen zur nachhaltigen Zukunftssicherung der fortgeschrittenen Gesellschaften auf der Nordhalbkugel.

/Letzte Überarbeitung und Ergänzung: 26.6.2016/

____________________________________________
*) Ursprünglich war hier weiter geschrieben worden, was aber nicht mehr Meinung des Bloginhabers ist: Das ist schade. Es müßte so sein, dass sich die Wikipedia-Einträge mehr von selbst "selektieren" und weniger durch eher willkürliche Einschätzungen von diversen Wikipedianern, die oft doch von der Materie selbst nicht den leisesten Schimmer haben - oder sich machen. (Womit natürlich nicht Carolin2006 angesprochen ist!!!) Sollte es so sein, dass ein akademischer Abschluß einem bei Wikipedia mehr Rechte einräumt als anderen? Ich habe zumindest das Gefühl, dass Wikipedianer ihn in ihr Profil reinschreiben sollten, und dass das in Diskussionen mehr berücksichtigt werden sollte. Werd ich gleich mal bei mir machen ...

Handy's am besten so wenig wie möglich benutzen

In den USA und Großbritannien scheint es ein mysteriöses Bienensterben zu geben. Manche Forscher vermuten, das könnte etwas mit dem überhandnehmenden Mobiltelefon-Gebrauch zu tun haben. (Independent, oe24.at) Das bleibe dahingestellt, denn es gibt auch Gegenargumente. Aber geradezu nur wie "nebenbei" erfährt man in dem Zusammenhang (Independent), daß sich die Hinweise immer mehr erhärten, daß Mobiltelefon-Gebrauch die Gehirntumor-Wahrscheinlichkeit um 40 Prozent erhöhen kann:

"Evidence of dangers to people from mobile phones is increasing. But proof is still lacking, largely because many of the biggest perils, such as cancer, take decades to show up. Most research on cancer has so far proved inconclusive. But an official Finnish study found that people who used the phones for more than 10 years were 40 per cent more likely to get a brain tumour on the same side as they held the handset.

Equally alarming, blue-chip Swedish research revealed that radiation from mobile phones killed off brain cells, suggesting that today's teenagers could go senile in the prime of their lives. Studies in India and the US have raised the possibility that men who use mobile phones heavily have reduced sperm counts. (...)

Professor Sir William Stewart, who has headed two official inquiries, warned that children under eight should not use mobiles and made a series of safety recommendations, largely ignored by ministers."
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