Dienstag, 31. Juli 2007

Neues zur Gruppenpsychologie von Großfamilien, Stämmen und Völkern

In einem Beitrag für das amerikanische "Mitte-Links"-Journal "The New Republic" erörtert der Bestseller-Autor, "Sprach-" und Soziobiologe Steven Pinker das gewachsene Interesse der US-Amerikaner für Genealogie und genetische Herkunfts-Forschung. (TNR, via Steve Sailer) Er kommt dabei vor allem auch auf Verwandten-Heiraten, auf Cousin-Cousinen-Heiraten zu sprechen, die heute noch sehr stark das politische Leben in vielen islamischen Ländern bestimmen, und die die genetische Geschichte wohl fast aller großer Völker in früheren Jahrhunderten sehr ausgeprägt bestimmt haben. Das ist sowohl aus sozialgeschichtlichen Tatsachen zu schlußfolgern wie aus der puren Logik der Genealogie heraus (siehe unten). Zu diesen Völkern zählt ja auch das aschkenasisch-jüdische Volk, das nach derzeitigem Forschungsstand zur Hälfte von nur wenigen Frauen abstammt, die vor etwa tausend Jahren am Rhein gelebt haben. Solche Abstammungsverhältnisse müssen ja schon von vornherein während der Ethnogenese selbst (also vor tausend Jahren) viele Verwandtenheiraten mit sich gebracht haben. Aber wie auch schon an früheren Stellen dieses Blogs erörtert, könnte der hohe Intelligenz-Quotient der aschkenasischen Juden überhaupt auch oder vor allem aufgrund Jahrhunderte langer - religiös nicht nur tolerierter, sondern sogar geförderter - Verwandtenheiraten zustande gekommen sein.

Um so stärker also Stämme, Völker und Rassen - wie das aschkenasisch-jüdische Volk - in früheren Jahrhunderten oder Jahrtausenden Bevölkerungsengpässe oder -abspaltungsvorgänge durchgemacht haben (populationsgenetische Flaschenhals-Ereignise, Gründerpopulationen) - und diese sind wahrscheinlich für alle Stämme, Völker und Rassen der heutigen Menschheit zumindest irgendwann anzunehmen - um so stärker müssen auch in bestimmten geschichtlichen Phasen Verwandten-Heiraten die genetischen Eigenschaften späterer großer Völker bestimmt haben.

Aus all diesen Gründen heraus können auch die neuen Erörterungen von Steven Pinker von keineswegs geringer Bedeutung eingeschätzt werden für künftige historische, humangenetische und anthropologische Forschungen.

"Wer seine genetische Herkunft kennt, kennt seinen Wert"

Pinker schreibt einleitend:
... Watson and Crick could not have foreseen a day when an analysis of Oprah Winfrey's DNA would tell her that she was descended from the Kpelle people of the Liberian rainforest. "I feel empowered by this," she said upon hearing the news, overcoming her disappointment that her ancestors were not Zulu warriors. (...) The rewards of genealogy are mostly psychological. As Winfrey put it, "Knowing your family history is knowing your worth."
Und zu solchen Haltungen gibt Pinker dann einige Erläuterungen aus biologischer, genetischer Sicht:
... The first is the simple fact that blood relatives are likely to share genes. To the extent that minds are shaped by genomes, relatives are likely to be of like minds. Close relatives, whether raised together or apart, have been found to be correlated in intelligence, personality, tastes, and vices. The discovery of an ancestor is thus felt to reflect on the descendant, who may feel he has an explanation for the kind of person he is, and who can claim to have a dose of the ancestor's praiseworthy traits. (...)

The similarities among blood relatives mean that they are likely to share values, and shared values can lead to easy solidarity because of what ecologists call mutualism and economists call positive externalities. A pair of associates with the same interests can benefit each other just by being selfish--always the most painless route to altruism. (...) To identify a blood relative, then, is to identify a potential soul mate. Adoptees who track down their biological parents and siblings often report an instant solidarity as they quickly discover shared quirks and passions.

A more direct tug of shared genes on family emotions comes from the phenomenon that biologists call inclusive fitness, kin selection, and nepotistic altruism. The overlap of genes among relatives does more than make them similar; it alters the dynamics of natural selection. Over evolutionary time, any gene that predisposed a person to be nice to a relative would have had some chance of helping out a copy of itself inside that relative, and the gene would have been favored by natural selection and entrenched in the genome (as long as the average benefit to the relative, discounted by the probability that the gene is shared, exceeds the average cost to the favor-doer). A sharing of genes at the genetic level sets the evolutionary stage for feelings of solidarity and affection at the emotional level, and that in turn shapes much of human life. In traditional societies, genetic relatives are more likely to live together, work together, protect each other, and adopt each other's orphaned children, and are less likely to attack, feud with, and kill each other. Even in modern societies, which tend to weaken ties of kinship, studies have shown that the more closely two people are genetically related, the more inclined they are to come to each other's aid, especially in life-or-death situations.
Genetische Verwandte haben ähnliche angeborene Psychologie und damit ähnliche Einstellungen und Werte: Blutsverwandte = Seelenverwandte

Pinker führt dann weiter aus, daß die typischen genealogischen Forschungen - Stichwort: "Ahnenschwund" - sehr schnell zu der überraschenden Erkenntnis führen, die wir oben schon angeführt hatten, nämlich daß Verwandtenheiraten verschiedener Grade in früheren Epochen nicht nur nicht selten, sondern wahrscheinlich sogar die Regel dargestellt haben. Pinker führt aus, einfache genealogische Überlegungen zeigen schnell,
that medium-distant-cousin marriages must have been the rule rather than the exception over most of human history. This chronic incest, by the way, did not turn our ancestors into the cast of Deliverance. The degree of relatedness, and hence the risk that a harmful recessive gene will meet a copy of itself in a child, falls off a cliff as you move from siblings to first cousins to more distant cousins.
Nun, dennoch gibt es in einigen Volksgruppen - wieder: z.B. bei den aschkenasischen Juden oder den Amisch-People oder den Hutterern - besondere Häufungen von Erbkrankheiten, die eben doch auch auf genetisch schädliche Verwandtenheiraten zurückzuführen sind. Im Grunde wird gesagt werden können, daß jedes Volk, jede Abstammungsgruppe das ihm eigene und spezifische Muster von Häufigkeiten von Erbkrankheiten aufweist, oftmals auch Erbkrankheiten, die irgendeinen Selektionsvorteil heute immer noch mit sich bringen oder in früheren Jahrhunderten mit sich gebracht haben müssen (z.B. die Mukoviszidose bei den nordeuropäischen Völkern, wobei sich die Forschung auf den Selektionsvorteil noch nicht hat einigen können). (Und einige Forscher vermuten ja den Selektionsvorteil bestimmter spezifisch aschkansisch-jüdischer Erbkrankheiten in einer damit parallel gehenden IQ-Evolution.)

Aber insgesamt ist Pinker sicherlich zuzustimmen. Das gleiche genealogische Denken führt schnell zu der inzwischen wohl auch schon trivialen Erkenntnis, daß die genetische Herkunftsforschung allein aufgrund von nur mütterlich oder nur väterlich weitergegebener DNA (mitochondriale oder Y-chromosomale) zu großen Verzerrungen im Herkunftsbild führen kann. Pinker:
Winfrey's mitochondrial DNA does not show that she is a Kpelle, but rather that she is one-sixty-fourth (or perhaps even 1/128th or 1/256th) Kpelle.
Dann aber diskutiert Pinker notwendigerweise nicht nur die genetischen Mechanismen, die zu Verwandten- und Gruppen-Zusammenhalt führen, sondern auch die kulturellen. Hier ist ganz wichtig die allgemeine soziale Prägung durch das gemeinsame Aufwachsen in der Familie, sowie die muttersprachliche und sonstige kulturelle Prägung in derselben.

"Die erweiterte Familie, der Klan oder der Stamm können als mächtiger, kohäsiver Block auftreten"

Dann kommt er auf die Verwandtenheirat zurück:
The extended family, clan, or tribe can emerge as a powerfully cohesive bloc--and one with little common cause with other families, clans, or tribes in the larger polity that comprises them. The anthropologist Nancy Thornhill has shown that the prohibitions against incestuous marriages in most societies are not public-health measures aimed at reducing birth defects but the society's way of fighting back against extended families.
- Das ist eine ganz erstaunliche und bestimmt nicht unwichtige Erkenntnis von Nancy Thornhill, die man sicherlich im Auge behalten muß. Umgekehrt könnte das nämlich auch heißen: In Verwandtenheirat kann ja auch - je nach dem - eine Stärke liegen. (Ich zum Beispiel habe gleich mehrere Cousinen, die mir selbst immer schon attraktiv vorkamen ... Woran das wohl liegt? ...)

Interessanterweise erwähnt Steven Pinker zum Schluß seinen Diskussionspartner schon von früheren Jahren her, den Journalisten Steve Sailer, der für den "American Conservative" von Patrick Buchanan schreibt, und der schon seit Jahren wissenschaftlich informierten Journalismus betreibt und auch gut durchdachte Vorstellungen zu Völkern als "erweiterten Familien" ("extended families"), also als "Abstammungsgemeinschaften" vertritt. Aus diesen Vorstellungen heraus konnte er 2003 gute Voraussagen dahingehend machen, was passieren würde, wenn man ein Land wie den Irak besetzen würde, in dem Klan-Bewußtsein immer noch eine viel größere Rolle spielt als beispielsweise - - - "Verfassungs-Patriotismus". (Eigentlich hätten auf den Trichter auch die Gegner Patrick Buchanan's in der amerikanischen Regierung damals kommen können ...)

Ergänzung (7.8.): Steve Sailer hat einen Beitrag zu Pinker's Beitrag verfaßt: (Vdare.com)

Christa Müller - "es ist das Lachen einer Kämpferin"

Die "Vorbotin einer neuen Zeit"

Im "Spiegel" (s. St. gen.) wurde das gar nicht erwähnt. Was ist das bloß heute für eine Berichterstattung. Man muß doch sagen, daß Christa Müller über ihre Thesen schon im Dezember letzten Jahres ein Buch herausgebracht hat, daß sie in der Linkspartei Saarland detailierte Konzepte ausgearbeitet hat. Entdeckt man wieder mal nur durch Zufall und bei genaueren Recherchen! (Google)

Amazon schreibt zu dem Buch:
Aus ökonomischer und gesellschaftspolitischer Sicht diskutiert Christa Müller die Leistung der Hausfrau und die Bedeutung von Familie, Kindern und Erziehung in diesem Land. Persönlich, provokant, hoch aktuell und zukunftsweisend! Nach ihrem Wirtschaftsstudium ging Christa Müller 1988 als Wirtschaftsexpertin in die SPD-Zentrale. 1993 heiratete sie Oskar Lafontaine und brachte ihren Sohn zur Welt. Heute ist sie Mutter und Altenpflegerin in Vollzeit und leitet den Verein «Intact».
Eine Politikerin, die Staatssekretärin hätte werden können, arbeitet als "Altenpflegerin in Vollzeit". Hat hier schon mal jemand richtig hingehört? Was das für eine Lebensentscheidung ist? Macht ihr die irgend ein heutiger deutscher Politiker, eine deutsche Politikerin nach? Ich empfinde das sogar als außergewöhnlich vorbildlich. Zum ersten mal eine Frau, die nicht lammentiert, sondern einfach das Notwendige tut. Sie weiß sicher besser als wir, daß gute Altenpflegerinnen oft dringender gebraucht werden als Staatssekretäre ...

Schon im Juni 2005 fand sich ein erstaunlicher Bericht über Christa Müller in der Presse (Tagesspiegel):
Christa Müller, das war mal die Vorbotin einer neuen Zeit, eine linke Intellektuelle mit atomblondem Kurzhaarschnitt, die an der Seite des damaligen SPD-Kronprinzen die politische Arena betrat und all die muttchenhaften Politikergattinnen ziemlich alt aussehen ließ. (...)

Christa Müller ist eine andere geworden, auch wenn sie sich äußerlich nur wenig verändert hat. An einem kühlen Mittwochmorgen kreuzt sie in einem dünnen Sommerkleid in der Altstadt von Saarbrücken auf, parkt ihren verbeulten Kleinbus vor der Ausländerbehörde, um dann an Asylbewerbern vorbeizusegeln, hinauf in ihr Büro. In einer winzigen Teeküche unterm Dach warten vier Kolleginnen mit Papier und vielen Fragen. „Lasst euch nicht abwimmeln“, wird Christa Müller ihnen sagen, und dass man beim Spendensammeln ruhig mal etwas lauter anklopfen darf bei den Begüterten der Nation.

Sie ist jetzt fast zehn Jahre Vorsitzende des Vereins „Intact“ und kämpft gegen die Beschneidung von Mädchen in Afrika. „Intact“ arbeitet mit Nicht-Regierungsorganisationen zusammen, die Sozialarbeiterinnen durch die Dörfer schicken und über die Folgen von Genitalverstümmelung aufklären. (...)

Sie ist jetzt Hausfrau und Altenpflegerin und versorgt hier nicht nur Mann und Sohn, sondern auch „die Omas“: ihre Mutter, die ist 87, und ihre Schwiegermutter, die ist 89. Die Omas wohnen im Seitenflügel des Hauses, Christa Müller kocht für sie, kauft ein und betreut die Hörgeräte. Sie tut das aus „moralischen Gründen“ und vielleicht auch, weil der Sozialismus manchmal gar nicht so weit weg ist von der christlichen Nächstenliebe. (...)

„Ich habe ein Problem mit den Wertvorstellungen in unserer Gesellschaft“, sagt sie. „Warum ist man keine ernst zu nehmende Frau, wenn man keiner Erwerbsarbeit nachgeht?“ Dass der Staat die „dumme Hausfrau“ für die häusliche Pflege von Angehörigen nur mit einem Taschengeld abspeist, ist das eine. Die Geringschätzung aber ist das andere.
Hier nun findet sich das offizielle Konzept der Partei "Die Linke - Saarland" zur Familienpolitik von der "Landesarbeitsgemeinschaft Familienpolitik". (Hier auch eine kleine Presseschau der Partei zum Thema.) In der Partei "Die Linke" gab es auch schon im März heftigen Widerstand gegen Christa Müller. (PDS-Brandenburg, Vorwärts - dort erwähnt am Ende auch die Zeitung "Neues Deutschland") Der "Cicero" gab damals eine absolute lächerliche Stellungnahme ab, obwohl er sich doch zuvor für Eva Herman stark gemacht hatte ... (Cicero) Ende Mai gab Christa Müller im Deutschlandradio ein Interview. (Dradio, 25.5.07) Ende Juni gab aber dann endlich die FAZ einen sehr brauchbaren Ein- und Überblick zur Lage rund um Christa Müller. (FAZ, 27.6.07) Er soll hier in Auszügen wiedergegeben werden:
Zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft Familienpolitik der Linken im Saarland hat sie ein Konzept für ein „Erziehungsgehalt“ entwickelt, das das „Betreuungsgeld“ weit überbietet. Im ersten Lebensjahr des Kindes sollen Eltern rund 1600 Euro brutto im Monat, im zweiten und dritten Lebensjahr rund 1000 Euro und bis zum 20. Lebensjahr rund 500 Euro erhalten. Dieses Geld soll jedoch an Hausbesuche von „Familienberatern“ geknüpft sein, die kontrollieren sollen, ob Familien ihre Erziehungsleistung „ordnungsgemäß“ erbringen. (...) In der Partei, in die sie vor zwei Jahren zusammen mit ihrem Mann eingetreten ist (damals hieß diese noch „Wahlalternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit“), erntet sie damit geteilte Reaktionen: von erbittertem Widerspruch bis hin zu Anerkennung - Letztere kommt aber nicht aus der Bundespartei, sondern aus ihrem und dem baden-württembergischen Landesverband. (...) Es gibt an der Saar aber auch Unterstützer Müllers, darunter Frauen aus Ostdeutschland, die ihren Kindern kein Krippensystem zumuten wollten. (...)

Ein paar Jahre lang hat sie darunter gelitten, ihren Beruf für die Familie aufgegeben zu haben. „Zur Staatssekretärin in einem Landesministerium hätte ich es schon bringen können“, sagt sie. (...) Das Papier, dem der Vorstand der saarländischen Linken zugestimmt hat, soll demnächst auf einem Landesparteitag beschlossen werden.

Frau Müllers Ausflug ins wertkonservative Milieu könnte ihrem Mann unter bürgerlichen Wählern zu Stimmengewinnen verhelfen. Lafontaine erreichte für die SPD an der Saar dreimal hintereinander absolute Mehrheiten - aber dass er mit der Linken noch einmal regiert, scheint gewagt. Das Saarland ist ländlich, strukturkonservativ, katholisch. Die „Familienpartei“, die schon seit langem ein „Erziehungsgehalt“ fordert, erhielt 2004 drei Prozent - wenn alle ihre Wähler beim nächsten Mal für die die Linke stimmen würde, wäre Lafontaine wohl immerhin im Landtag.
Auch Dorothea Böhm schrieb zu diesem Artikel eine Lesermeinung, wies aber die Öffentlichkeit außerhalb der FAZ (zumindest "Studium generale") gaaaaaar nicht auf das hin, was sie in der Presse so entdeckt und kommentiert. - Schade! Auch Heinrich Oldenburg von der "Familien-Partei" schrieb zu dem FAZ-Artikel einen Leserkommentar. Und dieser ist, wie man erwarten konnte klar, hieb- und stichfest:
Nicht nur demografisch wirksam, vor allem gerecht würde ein steuer- und versicherungspflichtiges Erziehungsgehalt sein. Die Forderung basiert auf dem Schreiberplan von 1956, dem Konstruktionsplan unseres Sozialsystems, nach dem über eine Kinderkasse für eine Kinderrente die Kosten des Kinderaufziehens von allen Bürgern finanziert werden sollten. Adenauer "amputierte" die Kinderkasse aus wahltaktischen Erwägungen.
Das Krippenmodell zielt auf Sofortbeiträge durch Mütter zum Sozialprodukt ab, negiert dagegen weiterhin die eigentliche Leistung, die Eltern für die Zukunftssicherung der Gesellschaft erbringen.
Wer unser Sozialsystem und seine demografischen Folgen im Politikunterricht mit 20jährigen diskutiert, erfährt völlige, handfest begründete Abwendung der Jugend. Sieht Biedenkopfs "Die Jungen werden das nicht bezahlen!" bestätigt. Warum auch nicht angesichts der benachteiligten eigenen Mütter.
Frau Müller allerdings geht es wohl nur darum, die Stimmen der besonders im Saarland erfolgreichen Familienpartei zur Linken herüber zu locken.
Heinrich Oldenburg, Minden
Den letzten Satz und vor allem das "nur" darin finde ich schlecht, sehr schlecht, Herr Oldenburg. Das muß man nicht tun. Warum sich nicht freuen, daß auch in anderen Parteien die Leute endlich auf die Gedanken kommen, die man schon lange vertritt? (- Ein Ludwig Paul Häußner von der Universität Karlsruhe (TH) übrigens möchte in seinem Kommentar lieber ein bedingungsloses Grundeinkommen statt ein Erziehungsgehalt. Mir scheinen da die Unterscheidungen nicht mehr so wichtig. Ich meine: Erst mal sollte man an Familien denken, der Rest ergibt sich.)

Fast alle Zeitungsartikel, die über Christa Müller berichten, wollen bei der Beurteilung ihrer Person und ihres Handelns irgend welche Klischee anwenden, sie in irgend eine Schublade stecken. Nichts davon paßt auf sie, wie mir scheinen will. Sie ist völlig frei und unabhängig in ihren Entscheidungen und in ihrem Handeln und gestaltet ihr Leben nicht nach vorgegebenen Schablonen. Ein Vorbild. Ermutigend. Der eingangs erwähnte Tagesspiegel-Artikel endete im Juni 2005 übrigens folgendermaßen:
Wenn ihr Mann geht demnächst (zurück in die Politik), wird sie hier bleiben. Es wird dann etwas stiller werden im Haus. Mal sehen, was passiert, sagt sie und lacht. Es ist das Lachen einer Kämpferin.
Inzwischen haben wir ja schon erfahren, was passiert, wenn man eine Politikergattin vom Schlage Christa Müller als Politiker allein zu Hause läßt. Sie fängt an, ebenfalls Politik zu machen. Und Bücher zu schreiben. Und Konzepte zu erarbeiten. Und Streitgespräche zu führen. Und allesamt: gute.

Montag, 30. Juli 2007

Christa Müller und Ursula von der Leyen

Die Auseinandersetzung der fortschrittlichen Kräfte auf dem Gebiet der Familienpolitik mit den konservativen, also einer Christa Müller (St. gen.) mit einer Ursula von der Leyen scheint in eine neue Phase getreten zu sein. Das wird deutlich in der neuesten Ausgabe des "Spiegel". (Spiegel) Das Interview mit beiden Damen sollte man vollständig kennen. Es sind der gereizte Ton, mit dem Ursual von der Leyen reagiert und die klar umrissenen Vorstellungen von Christa Müller, die die Bedeutung dieses Interviews ausmachen (siehe auch Bild unten). Mit den beiden "Spiegel"-Journalistinnen waren es übrigens vier Frauen in einer Runde.

Daß Edmund Stoiber schon gestern aus Anlaß dieses Interviews kräftige Worte gegen Ursula von der Leyen fand und sich damit auf die Seite der Partei "Die Linke" stellte, bleibt da dann fast nur noch am Rande zu bemerken. (Yahoo Nachrichten) Aber vielleicht sollten doch die Stoiber-Meldung vorweggenommen werden, weil man so klare und deutliche Worte aus seinem Mund noch nicht gehört hat:
Der Union droht eine Kontroverse über die Familienpolitik. CSU-Chef Edmund Stoiber wirft Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) vor, das Betreuungsgeld «ideologisch zu diffamieren». Darüber werde es «eine intensive Diskussion mit unserer Schwesterpartei» geben, sagte der bayerische Ministerpräsident der «Süddeutschen Zeitung» (Montagausgabe).

Auslöser für Stoibers Ärger ist ein Streitgespräch Leyens mit Christa Müller, der Ehefrau des Linke-Vorsitzenden Oskar Lafontaine, im «Spiegel». Die Ministerin kritisiert darin das Betreuungsgeld, das die CSU an Eltern auszahlen möchte, die ihre Kinder zu Hause betreuen und nicht in eine Kinderkrippe geben.

Leyen betonte: «Mit dem Betreuungsgeld verstärken wir den Teufelskreis, in dem Kinder, die von zu Hause keine Chance auf frühe Bildung, gute Sprache, wenig Fernsehen, viel Bewegung haben, vom Kindergartenbesuch ausgeschlossen werden, weil ihre Eltern mit 150 Euro lieber ihre Haushaltskasse aufbessern.» Die CDU-Politikerin plädierte stattdessen erneut dafür, ein Betreuungsgeld «in Bildungsgutscheinen auszuzahlen, so dass das Geld sicher in Bildung geht».

Stoiber nannte die Kritik «völlig unverständlich». Die Ministerin verkenne, dass sich eine große Mehrheit der Eltern darum bemühe, in den ersten Lebensjahren eine Bezugsperson für ihre Kinder zu sein. Der CSU-Chef kündigte massiven Widerstand seiner Partei an, sollte Leyen bei ihrer Linie bleiben. Stoiber wies darauf hin, dass in Bayern 70 Prozent der Bevölkerung für das Betreuungsgeld seien. «Auch in der CDU steht eine große, schweigende Mehrheit hinter dieser Idee», sagte er. Die CDU sei deshalb «gut beraten», diesen Mehrheitswillen aufzugreifen.
Und nun das "Spiegel"-Interview. Um den Lesefluß nicht zu stören, sind eigene Anmerkungen, die eigentlich auch Frau Müller hätte machen können, nummeriert an das Ende des Textes gesetzt worden. (Hervorhebungen nicht im Original.)

SPIEGEL: Frau Familienministerin, mit sieben Kindern haben Sie gleichzeitig noch einen Ganztagsjob. Sind Sie eine Rabenmutter?

Von der Leyen: Das Wort gehört schon lange auf den Müllhaufen der Geschichte. Der Rabenvogel ist bekanntlich eine fürsorgliche Vogelart. Insofern tun wir auch den Tieren unrecht, wenn wir sie mit einem solchen Vorwurf konfrontieren.

SPIEGEL: Sind Ihre Kinder denn nie sauer, weil Sie zu wenig Zeit mit Ihnen verbringen?

Von der Leyen: Diesen Konflikt hat es immer gegeben, sowohl in der Zeit, als ich viel gearbeitet habe, als auch in den Jahren, als ich mit den Kindern zu Hause war. Das gehört einfach zum Alltag dazu, gerade bei sieben Kindern mit ganz unterschiedlichen Interessen. Ich kann schließlich nicht gleichzeitig beim Fußballspiel, im Schwimmbad und beim Ponyrennen dabei sein. (1)

SPIEGEL: Frau Müller, Sie haben nach der Geburt Ihres Sohnes Ihre Karriere beendet. Sind Sie glücklich als Heimchen am Herd?

Müller: Der Begriff "Heimchen am Herd" diffamiert Millionen Frauen, welche die gesellschaftlich unverzichtbare Arbeit der Kindererziehung und Pflege ihrer Eltern leisten. Früher war ich auch davon überzeugt, dass man als Mutter natürlich weiter erwerbstätig sein sollte. Aber unser Sohn Carl-Maurice, der 1997 zur Welt kam, brauchte meine Anwesenheit mehr, als ich vorher gedacht hatte. Heute ist mir das Glück meiner Familie einfach wichtiger als ein Job. Meine Familie macht mich glücklich.

SPIEGEL: Können berufstätige Frauen denn überhaupt gute Mütter sein?

Müller: Nur wenn die Mütter genug Zeit für die Kinder haben. Und wer sagt, dass Mütter unbedingt Karriere machen wollen? Nur für 20 Prozent aller Mütter ist Vollzeiterwerbsarbeit das Ideal.

Von der Leyen: Sie unterschlagen, dass 60 Prozent der jungen Frauen mit Kindern Teilzeit arbeiten möchten. Damit sind wir in der Summe schon bei der überwältigenden Mehrheit von 80 Prozent, die Kindererziehung und Beruf vereinbaren wollen. Und genau dies zu schaffen ist unser Ziel. Wenn wir junge Frauen genauso gut ausbilden wie junge Männer, dann möchten sie zu Recht auch ihre Talente einsetzen.

SPIEGEL: Führen Hausfrauen in Ihren Augen ein rückständiges Leben?

Von der Leyen: Nein. Entscheidend ist nicht, ob Mütter oder Väter erwerbstätig sind, sondern wie zufrieden sie mit ihrer Lebenssituation sind. Wenn eine Frau gern zu Hause ist, ist alles in Ordnung. Wenn sie zu Hause bleiben muss, weil sie keine Kinderbetreuung findet und damit nicht die Wahl hat, ein Jobangebot anzunehmen, dann wird sie frustriert sein, und das wirkt sich negativ aufs häusliche Klima aus. (2) Umgekehrt gilt: Eltern, die glücklich sind in ihrem Job und die Balance zwischen Familie und Beruf gut meistern, sind motivierende, zugewandte, aufmerksame Mütter und Väter. (3)

SPIEGEL: Die Bundesregierung will bis 2013 die Anzahl der Krippenplätze verdreifachen. Wäre das eine Lösung?

Müller: Die 500.000 neuen Plätze für die Fremdbetreuung von Kindern entsprechen doch gar nicht der Nachfrage. So viele brauchen wir nicht. Durch ein Überangebot entsteht Druck auf die Frauen, ein Jahr nach Geburt ihres Kindes arbeiten zu gehen. Das nenne ich Zwang zur Fremdbetreuung.

Von der Leyen: Erstens unterstellen Sie mit dem bösartigen Wort Fremdbetreuung (4) allen Eltern, die ihre Kinder stundenweise bei einer Tagesmutter oder in einer Kita haben, sie wären nicht die Erzieher ihrer Kinder, sondern Fremde würden dies übernehmen. Zweitens: Sie haben offenbar seit März nicht mehr die Nachrichten verfolgt: Den Bedarf an Krippenplätzen haben Bund, alle Landesjugendminister und die kommunalen Spitzenverbände natürlich längst ermittelt. Wir brauchen Betreuungsplätze für ein Drittel der unter Dreijährigen. Das Angebot wäre dann gerade mal im europäischen Durchschnitt und entspricht dem Wunsch der Eltern.

Müller: Aber Sie unterscheiden ja nicht zwischen dem, was die Eltern wollen, und dem, wozu sie gedrängt werden. Bei uns im Saarland gibt es Fälle, da werden Hartz-IV-Empfängerinnen, die ihre drei kleinen Kinder zu Hause betreuen, dazu gezwungen, einen Ein-Euro-Job anzunehmen und ihre Kinder in eine Kindertagesstätte zu geben. Das ist Arbeitszwang für die Mütter. Die haben überhaupt keine Wahl.

Von der Leyen: Natürlich haben sie die! Was Sie hier verbreiten, entspricht absolut nicht der Gesetzeslage. Das wissen Sie doch auch! Auch für Hartz-IV-Empfängerinnen gibt es das Recht, in den ersten drei Jahren Elternzeit zu nehmen. (5) Im Übrigen wollen zwei Drittel dieser Frauen mit Kindern unter drei Jahren lieber arbeiten, denn sie wollen aus Hartz IV raus und auf eigenen Füßen stehen. Was ihnen fehlt, ist Kinderbetreuung. Es sind 75 000 alleinerziehende Frauen mit Kindern unter drei Jahren in Hartz IV, von denen 60 000 arbeiten wollen. Sie können das nicht, weil sie keine Kinderbetreuung finden. Das ist doch ein Armutszeugnis für unser Land! (6)

SPIEGEL: Frau Müller, Sie warnen davor, Kinder "wegzuorganisieren", und sind auf einer Linie mit dem Augsburger Bischof Walter Mixa, der die Krippenpläne der Bundesregierung für "kinderfeindlich und ideologisch verblendet" hält.

Müller: Bischof Mixa hat gesagt, die Familien würden der Ökonomie untergeordnet, und das mache die Familie kaputt. In dieser Beurteilung hat er recht. Es geht nicht, dass wir das gesamte Leben nur noch wirtschaftlichen Erfordernissen unterwerfen. In den fünfziger Jahren, als noch das Hausfrauenmodell dominierte, hat die Familie durchschnittlich 48 Stunden Erwerbsarbeit geleistet. Heute arbeiten Männer und Frauen 60 Stunden, und in Zukunft sollen es bei Vollerwerbstätigkeit beider Elternteile 80 Stunden sein. Für die Familie bleibt dann kaum noch Zeit.

Von der Leyen: Sie tun so, als ob sich nur die Arbeitsweise verändert hat, bei sonst gleichen Bedingungen. Seit den fünfziger Jahren haben wir den Übergang zur Wissensgesellschaft und zu einer globalisierten Welt erlebt. Leute wie Sie fordern für Familien nur die Verhältnisse der Fünfziger, anstatt Familien konkret in der Welt, wie sie heute ist, zu unterstützen. (7)

SPIEGEL: Frau Müller, wollen Sie zurück zum Hausfrauenmodell der fünfziger Jahre?

Müller: Nein. Mir geht es um das Wohl der Kinder. Umfragen zeigen: Sobald Kinder selbst entscheiden können, ob sie in die Betreuung wollen oder nicht, gehen sie nicht mehr hin. Kinder fühlen sich in den Familien am besten aufgehoben, in denen Vater und Mutter Teilzeit arbeiten oder die Mutter Hausfrau ist. Am unwohlsten fühlen sich die Kinder, deren Eltern beide Vollzeit arbeiten.

Von der Leyen: Belästigen Sie uns bitte nicht (8) mit Ihren persönlichen Umfragen, sondern lesen Sie nach, was die Wissenschaft zum Kindeswohl geforscht hat.

SPIEGEL: Selbst konservativere Bindungsforscher sagen, dass Fremdbetreuung ab einem Alter von 15 Monaten nicht schadet.

Müller: Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen belegen: Es gibt Kinder, die Fremdbetreuung gut verkraften, und solche, die es schlecht verkraften.

Von der Leyen: Frau Müller, Sie sollten aufhören, den Familien ein schlechtes Gewissen zu machen. (9) Die Wirklichkeit ist komplexer. Männer und Frauen können mit ihrem Beruf und ihren Kindern glücklich werden, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

Müller: Aber genau die stimmen nicht, denn Familien sind gegenüber Kinderlosen finanziell extrem benachteiligt. Das Ifo-Institut hat ausgerechnet, dass ein Kind im Durchschnitt rund 77.000 Euro mehr an Steuern und Sozialleistungen zahlen wird, als es jemals zurückbekommt. Das heißt, dass Familien in Deutschland Kinderlose subventionieren. Daran muss etwas geändert werden.

Von der Leyen: Okay, jetzt spielen Sie also nicht mehr Familien gegeneinander aus, sondern jetzt geht's gegen die Kinderlosen. Hören Sie auf mit der Negativdebatte. (10) Wir müssen uns doch fragen, wie wir in Zukunft gut miteinander leben wollen, und deshalb will ich konstruktiv verbessern und verbinden. Deshalb haben wir das Elterngeld eingeführt.

Müller: Viele Familien würden sich gern auch nach diesen 14 Monaten selbst um ihre Kinder kümmern, aber ihnen fehlt oft das Geld dafür. Deswegen fordern die Linke im Saarland und christliche Familienverbände ein Erziehungsgehalt, und zwar für alle, nicht nur für die Besserverdienenden. Im ersten Jahr monatlich 1600 Euro pro Kind, 1000 Euro im zweiten und dritten Jahr und zwischen dem 4. und 20. Lebensjahr 500 Euro. (11) Zudem verfügen dann Millionen Hausfrauen über ein sozialversicherungspflichtiges Einkommen und würden endlich fast so viel verdienen wie die Männer. Ihre Geringschätzung der Familienarbeit ist rückständig. (12)

Von der Leyen: Ihr Ansatz ist ein hohles Versprechen. Sie sagen zwar, dass Ihr Schlaraffenland (13) brutto 116 Milliarden Euro kostet. Sie haben schlankweg mal eben fast die Hälfte des gesamten Bundeshaushalts ausgegeben. (14) Kein Wort davon, woher das Geld kommt. Kein Wort davon, dass es erarbeitet werden muss. Ich sage: Im Grundsatz kann ein Staat nur funktionieren, wenn die Menschen die Möglichkeit haben, ihr Einkommen selber zu verdienen. Ich bin der festen Überzeugung, dass Familien damit auf Dauer besser fahren.

Müller: Aber das Erziehungsgehalt ist doch verdientes Geld, da wird doch Leistung bezahlt! (15)

Von der Leyen: Ihr Vorschlag klingt natürlich toll, aber als Volkswirtin sollten Sie eigentlich wissen, dass Wohlstand erarbeitet werden muss. (16) Ich denke, dass sich im Prinzip jeder bemühen soll, seine Talente einzusetzen, um auf eigenen Beinen zu stehen. (17) Das gilt auch für Familien mit Kindern. Sie gaukeln zudem vor, dass der Staat eine große Gelddruckmaschine sei. Das ist absurd. (18)

Müller: Absurd ist das, was Sie sagen. Ohne Familienarbeit gibt es keinen Wohlstand. Wenn Betreuung, Erziehung und Fürsorge für Kinder institutionell geleistet wird, dann wird sie bezahlt, dann ist sie etwas wert, dann gilt das als Arbeit. Wenn aber Mutter und Vater dieselbe Tätigkeit zu Hause ausüben, dann wollen Sie diese Arbeit nicht vergüten. (19) Obwohl die Eltern das oft viel besser machen als professionelle Kräfte, weil sie motivierter sind, wenn es ihr eigenes Kind ist.

Von der Leyen: Familienarbeit muss von uns allen geleistet werden, ob es die Pflege der alten Eltern ist oder die Erziehung der Kinder. Und weil uns das so wichtig ist, fördern wir dies als Gemeinschaft jedes Jahr mit rund 30 Milliarden allein durch das Ehegattensplitting und die beitragsfreie Kranken- und Pflegeversicherung der Ehegatten zu Hause. Jetzt frage ich mich immer noch, woher nehmen Sie Ihren zusätzlichen dreistelligen Milliardenbetrag?

Müller: Das Erziehungsgehalt ist problemlos zu finanzieren. Netto brauchen wir rund 38 Milliarden Euro, die über eine Börsenumsatzsteuer, die Wiedereinführung der Vermögensteuer und die Erhöhung der Erbschaftsteuer aufgebracht werden können.

Von der Leyen: Das ist gerade mal ein Drittel Ihrer Rechnung, und es sind doch alles nur schöne Luftschlösser.

SPIEGEL: Frau von der Leyen, Sie gönnen den Vollzeitmuttis nicht einmal die 150 Euro Betreuungsgeld, auch "Herdprämie" genannt, die Ihre Schwesterpartei CSU fordert. Ist Ihnen die Leistung dieser Frauen nichts wert? (20)

Von der Leyen: Darum geht es nicht. Mit dem Betreuungsgeld verstärken wir den Teufelskreis, in dem Kinder, die von zu Hause keine Chance auf frühe Bildung, gute Sprache, wenig Fernsehen, viel Bewegung haben, vom Kindergartenbesuch ausgeschlossen werden, weil ihre Eltern mit 150 Euro lieber ihre Haushaltskasse aufbessern. Deshalb ist mein Vorschlag, ein Betreuungsgeld in Bildungsgutscheinen auszuzahlen, so dass das Geld auch sicher in Bildung geht.

Müller: Was sollen Eltern mit einem Bildungsgutschein, wenn sie sich mit ihrem Kind lieber selbst beschäftigen wollen?

Von der Leyen: Gerade die Eltern, die Wert auf Bildung legen, fragen heute ja schon am meisten Bildungsangebote nach. Sie profitieren also auch, wenn sie den Gutschein in der Musikschule einlösen.

Müller: Aus der Intelligenz- und Bindungsforschung weiß man aber auch, dass für die intellektuelle Entwicklung des Kindes die Bindung an eine feste Bezugsperson ganz entscheidend ist. Das ist normalerweise die Mutter, aber nicht wechselndes Personal in Kinderkrippen.

SPIEGEL: In vielen europäischen Ländern haben Krippen Tradition. In Dänemark etwa werden 83 Prozent der unter Dreijährigen fremdbetreut. Die sind ja auch nicht alle geistig und seelisch verkümmert.

Müller: Auch Frankreich dient immer als Vorbild, was die Krippenquote anbelangt. Dabei hat Frankreich gerade mal für neun Prozent der unter Dreijährigen Betreuungsplätze, genau wie Deutschland.

Von der Leyen: Das ist doch Unsinn. Lesen Sie die offizielle Statistik, die Betreuungsquote liegt bei 27 Prozent. Und in diesen Ländern profitieren die Kinder davon, dass Wert auf gute Qualität und Zusammenarbeit der Tagesmütter und Kinderkrippen mit den Eltern gelegt wird. Übrigens sind dort die Schulleistungen besser als bei uns. Die Frauenerwerbstätigenquote ist höher und mehr Kinder werden geboren, die Kinderarmut ist geringer. Da müssen wir hinkommen.

SPIEGEL: Frau Müller, Sie haben in den neunziger Jahren mal gesagt, Ihre Emanzipation basiere auf Ihrem Beruf und Ihrer finanziellen Unabhängigkeit. Sind Sie heute noch emanzipiert?

Müller: Natürlich, denn ich habe die gleichen Rechte wie mein Mann, trotz der klassischen Arbeitsteilung. Es ist für mich überhaupt keine Einschränkung. Ich vermisse nichts.

Von der Leyen: In diesem Punkt muss ich Frau Müller beispringen. Wenn sie diesen Lebensweg wählt und sich um ihr Kind kümmert und um die alte Mutter oder Schwiegermutter, dann ist das hoch anerkennenswert. Ich bin der Meinung, dass nachhaltige Familienpolitik nur dann gelingen kann, wenn wir diesen unseligen Streit darüber ein für alle Mal zu den Akten legen, wie Frauen, wenn sie Mütter werden, sich zu verhalten haben.

SPIEGEL: Wo bleiben in der ganzen Diskussion die Väter? Sind die nicht genauso verantwortlich für die Kindererziehung?

Müller: Leider werden die Väter bei uns immer noch ziemlich ausgeklinkt. Dabei stehen sie durchaus in der Verantwortung. Väter sind wichtig, vor allem für die Jungs. Ab einem gewissen Alter brauchen Söhne die Orientierung an männlichen Vorbildern. Deshalb brauchen wir Arbeitszeitverkürzungen für Väter.

SPIEGEL: Und wie läuft das bei Ihnen und Ihrem Ehemann Oskar Lafontaine?

Müller: Mein Mann hat sich in den ersten Jahren ziemlich eingebracht, bis er Finanzminister wurde. Das ließ sich dann nicht mehr vereinbaren. Ein guter Bundesfinanzminister und ein guter Vater zu sein, das war nicht möglich.

Von der Leyen: Auch berufstätige Männer können gute Väter sein. Es gibt in Deutschland viele Väter, die Zeit mit ihren Kindern verbringen und effektiv arbeiten. Es geht also darum, eine kinderfreundliche Arbeitswelt zu schaffen.

SPIEGEL: Frau Müller, Sie haben sich gegen Ihren Beruf und für die Familie entschieden, Frau von der Leyen kombiniert Kinder und Karriere. Versuchen Sie beide, mit Ihrer Politik nun den eigenen Lebensentwurf zu rechtfertigen?

Von der Leyen: Ich glaube nicht, dass man den persönlichen Lebensweg vollständig ausblenden kann. Meine eigenen Erfahrungen, die vielen Jahre, die ich zu Hause war, die vielen Jahre, die ich Teilzeit gearbeitet habe, und die vielen Jahre, die ich jetzt Vollzeit arbeite, haben unterschiedliche Spuren hinterlassen. Das fließt natürlich alles in die Politik ein, die ich jetzt für die Familien umsetze, die einen ganz normalen Alltag mit Kindern in unterschiedlichsten Lebenssituationen bewältigen.

Müller: Ich versuche, von meinen persönlichen Entscheidungen zu abstrahieren, weil ich ja weiß, dass alle Menschen letztendlich verschieden sind. Ich finde, es ist Aufgabe der Politik, Menschen den Lebensweg zu ermöglichen, für den sie sich selbst entscheiden. Wir wollen Freiheit für alle.

SPIEGEL: Das klingt jetzt ausnahmsweise mal nach Ihrer Linkspartei, meist stehen Sie mit Ihren wertkonservativen Ansichten ja quer zu den Genossen. Und Frau von der Leyens Krippenvisionen bedeuten für manchen Unionskollegen den Untergang des Abendlandes. Sollten Sie nicht lieber Ihre Parteibücher tauschen? (21)

Müller: Man ist ja nicht in allen Fragen in Übereinstimmung mit jedem Parteimitglied. Letztendlich kommt es auf die Mehrheiten an.

Von der Leyen: Ich fühle mich sehr wohl in meiner Union. Und wenn ich sehe, welche hohe Zustimmung wir in der Bevölkerung für unsere Familienpolitik haben, dann weiß ich uns auf dem richtigen Weg.

SPIEGEL: Frau Ministerin, Frau Müller, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Anmerkungen von "Studium generale":

Fremdbetreuung - bösartiger Begriff oder bösartiges Phänomen?

1. ... Gleichzeitig nicht, stimmt, das kann keine Mutter von vielen Kindern, wie schon an früherer Stelle dieses Blogs ausgeführt worden ist ...
2. Es gibt aber noch viele andere Gründe, zu Hause frustriert zu sein. Warum nur einen so speziell herausgreifen und nicht gleich alle mit einer Maßnahme beseitigen? Diese Maßnahme wird ja gleich weiter unten von Frau Müller genannt.
3. ... Die anderen auch, wenn sie keine finanziellen Verluste dadurch hinnehmen müssen, daß sie den verwegenen Gedanken verwirklichen, ihre eigenen Kinder selbst betreuen zu wollen.
4. Soll jetzt auch das Wort "Fremdbetreuung" in die Liste der politisch unkorrekten Worte aufgenommen werden? Was ist an diesem Wort bösartig? Wie sehr fürchteten sich die Menschen früherer Jahrhunderte allein schon vor der bösen Stiefmutter, außerdem vor böse segnenden Frauen nach der Geburt eines Kindes (siehe diverse Märchen und völkerkundlich erforschte Sitten). Weil man eben das Gefühl hatte, man muß die Kinder vor bösen, fremden Einflüssen mehr schützen als erwachsene Menschen. Und die Unterscheidung "fremd"/"eigen" ist - zumindest für Kinder eine sehr wichtige. Das wird ja schon allein aus dem Wort und Phänomen "Fremdeln" deutlich.

Alle müssen argumentieren, das heißt, klar denken lernen

5. Wenn man es recht versteht, darf Frau Müller dieses Argument nicht gegen Kinderkrippen vorbringen. Sie spricht von einer Mutter mit drei kleinen Kindern. Diese kann nach derzeiger Gesetzeslage (versteht man es richtig?) die Elternzeit nehmen, so lange das jüngste Kind unter drei Jahre alt ist, das ist die Kinderkrippen-Zeit. Wenn das jüngste Kind aber ein Jahr älter ist, unterliegt die Mutter sehr wohl - sieht man das richtig? - dem von Frau Müller angesprochenen Arbeitszwang. Und das kann man durchaus absurd nennen. Denn die Betreuungsquote für Kinder im Kindergarten soll ja auch drei Kinder pro Betreuerin betragen. Absurd hoch zehn, da nicht der Mutter gleich selbst das Geld zu geben, das die Betreuerin auch bekommt. Nur ist es eben - da hat Frau von der Leyen recht - kein Argument gegen Kinderkrippen. Die liegen vor allem auf medizinischen Gebieten (siehe frühere Blog-Einträge).
6. Es ist bei weitem nicht das einzige Armutszeugnis in unserem Land, so hätte Frau Müller antworten müssen. Und sie hätte sagen können, daß die Wahlfreiheit sofort hergestellt ist, wenn die Mütter das von ihr geforderte Erziehungsgehalt bekommen, das sie ja auch für Krippenbetreuung ausgeben können. (- Genauso übrigens wie für Zigaretten-Automaten, insofern würde der bösartige frühere Vergleich von Frau von der Leyen dann endlich stimmig werden). (Da müssen offenbar alle noch üben, richtig zu argumentieren.)

Frau von der Leyen ist der Vergangenheit verhaftet

7. Das ist ein ganz dummer Vorwurf, schließlich ist Erziehungsgehalt genau das Gegenteil der rückwärtsgewandten fünfziger Jahre der Adenauer-Zeit. Man könnte da viel nachdrücklicher Frau von der Leyen entgegnen. Frau von der Leyen ist es, die die windschiefen Verhältnisse der Adenauer-Ära aufrecht erhalten will, nicht Frau Müller. Sie will das Gegenteil.
8. Das ist ein sehr gereizter Ton, den man unangebracht finden kann.
9. Das ist absurd. Wenn man vor Rauchen warnt, macht man Menschen auch ein schlechtes Gewissen. Biologie ist nun einmal Biologie. Und Psychologie genauso. Man kann die Welt der Fakten nicht an Ideologien anpassen - das geht nur umgekehrt.
10. Ja, darauf wiesen wir gestern schon hin: Es sollten keine Grabenkriege gegen Kinderlose geführt werden, sondern exakt deren Interessen vertreten werden. 8 Millionen Menschen in Deutschland wünschen sich Kinder, da sind Millionen von kinderlosen Menschen darunter.

Bundesverdienstorden für Frau Christa Müller

11. Das ist exakt das, was auch die Familien-Partei Deutschlands vertritt. Ist man der falschen Partei beigetreten? Hätte man Mitglied von "Die Linke" werden sollen? Es gibt Gründe, das als bedenkenswert anzusehen.
12. Da ist es genau gesagt, was gesagt werden muß.
13. Das ist Unsinn.
14. Aber so erreicht man etwas beim Finanzminister. Anders wird da niemand aus seinem Tiefschlaf aufgerüttelt.
15. Christa Müller aus dem Saarland sollte der Bundesverdienstorden verliehen werden.
16. Allerdings. Das - und zwar exakt das - ist es, was deutsche Mütter tun. Sie ziehen die bis dato immer noch besten Fachkräfte der Welt heran.
17. Sehr richtig. Und zwar genau mit jenem Erziehungsgehalt, das Frau Müller fordert.
18. Schon die deutschen Sozialreformer der 1950er Jahre haben das nicht absurd gefunden. Frau von der Leyen sollte sich besser von ihren Beraterstäben informieren lassen. Jeder Fachwissenschaftler muß darüber Auskunft geben können - und die meisten wissen das auch.
19. Ungeteilte Zustimmung.
20. Gut gefragt.
21. ... Der Gedanke kam einem auch schon ...

- Damit könnten die Auseinandersetzungen in einer neue Phase getreten sein. Was bisher nur diverse Randgruppen vertreten haben, könnte zunehmend - und mit großer Dringlichkeit - in die Mitte des politischen Spektrums rücken. Von rechts und links, so könnte man sagen, werden sie derzeit eingekreist die reform-aufhaltenden Kräfte. Unruhe jedenfalls könnte weiterhin die erste Bürgerpflicht in diesen Dingen sein.

Sonntag, 29. Juli 2007

Zum Geist der Bronzezeit

Der vorige Beitrag soll noch durch eines der ältesten Schriftzeugnisse der Menschheit, durch einen Auszug aus der "Ilias", erläutert werden. In der berühmten Szene des Abschieds Hektors, des Königs von Troja, von seiner Frau und seinem kleinen Sohn, ist auch von dem wehenden Helmbusch die Rede, der die Helme der damaligen Zeit schmückte. Der kleine Sohn Hektors fürchtet sich vor dem wehenden Helmbusch des Vaters, so daß der Vater den Helm absetzt, um sich von seinem Sohn - vermutlich für immer - zu verabschieden.

Es sind solche Details in der Homerischen Dichtung, die mit dazu beigetragen haben, daß dieselbe über so viele Jahrhunderte und Jahrtausende immer wieder so gern gehört und gelesen worden ist. (Homer, Ilias, 6. Gesang, nach der Übersetzung von J.H. Voß)
...
Denn ich will in mein Haus zuvor eingehn, um zu schauen
Mein Gesind', und das liebende Weib, und das stammelnde Söhnlein.
Denn wer weiß, ob ich wieder zurück zu den Meinigen kehre,
Oder jetzt durch der Danaer Hand mich die Götter bezwingen.
Dieses gesagt, enteilte der helmumflatterte Hektor.
Bald erreicht' er darauf die wohlgebauete Wohnung.
...

Kam die reiche Gemahlin Andromache eilendes Laufes
Gegen ihn her, des edlen Eëtions blühende Tochter:
Denn Eëtion wohnt' am waldigen Hange des Plakos,
In der plakischen Thebe, Kilikiens Männer beherrschend,
Und er vermählte die Tochter dem erzumschimmerten Hektor,
Diese begegnet' ihm jetzt; die Dienerin aber ihr folgend
Trug an der Brust das zarte, noch ganz unmündige Knäblein;
Hektors einzigen Sohn, dem schimmernden Sterne vergleichbar.
Hektor nannte den Sohn Skamandrios, aber die andern
Nannten Astyanax ihn, denn allein schirmt' Ilios Hektor.
Siehe mit Lächeln blickte der Vater still auf das Knäblein,
Aber neben ihn trat Andromache, Tränen vergießend,
Drückt' ihm freundlich die Hand, und redete, also beginnend:
Trautester Mann, dich tötet dein Mut noch! und du erbarmst dich
Nicht des stammelnden Kindes, noch mein des elenden Weibes,
Ach bald Witwe von dir! denn dich töten gewiss die Achaier.
...

Ihr antwortete drauf der helmumflatterte Hektor:
Mich auch härmt das alles, o Trauteste; aber ich scheue
Troias Männer zu sehr, und die saumnachschleppenden Weiber,
Wenn ich hier, wie ein Feiger, entfernt das Treffen vermeide.
Auch versagt es mein Herz; denn ich lernete tapferes Mutes
Immer zu sein, und voran mit Troias Helden zu kämpfen,
Schirmend zugleich des Vaters erhabenen Ruhm, und den meinen!
...

Also der Held, und hin nach dem Knäblein streckt' er die Arme;
Aber zurück an den Busen der schöngegürteten Amme
Schmiegte sich schreiend das Kind, erschreckt von dem liebenden Vater,
Scheuend des Erzes Glanz, und die flatternde Mähne des Busches,
Welchen es fürchterlich sah von des Helmes Spitze herabwehn.
Lächelnd schaute der Vater das Kind, und die zärtliche Mutter.
Schleunig nahm vom Haupte den Helm der strahlende Hektor,
Legete dann auf die Erde den schimmernden; aber er selber
Küsste sein liebes Kind, und wiegt' es sanft in den Armen;
Dann erhob er die Stimme zu Zeus und den anderen Göttern:
Zeus und ihr anderen Götter, o lasst doch dieses mein Knäblein
Werden dereinst, wie ich selbst, vorstrebend im Volk der Troer,
Auch so stark an Gewalt, und Ilios mächtig beherrschen!
Und man sage hinfort: Der ragt noch weit vor dem Vater!
Wann er vom Streit heimkehrt, mit der blutigen Beute beladen
Eines erschlagenen Feinds! Dann freue sich herzlich die Mutter!
Jener sprach's, und reicht' in die Arme der liebenden Gattin
Seinen Sohn; und sie drückt' ihn an ihren duftenden Busen,
Lächelnd mit Tränen im Blick; und ihr Mann voll inniger Wehmut
Streichelte sie mit der Hand, und redete, also beginnend:
Armes Weib, nicht musst du zu sehr mir trauren im Herzen!
...

Als er dieses gesagt, da erhob der strahlende Hektor
Seinen umflatterten Helm; und es ging die liebende Gattin
Heim, oft rückwärts gewandt, und häufige Tränen vergießend.
...
Die selbe Szene faßte Friedrich Schiller (in den "Räubern") in die Gedichtzeilen:
Hektors Abschied

Andromache:
Willst dich, Hektor, ewig mir entreißen,
Wo des Äaciden mordend Eisen
Dem Patroklus schrecklich Opfer bringt?
Wer wird künftig deinen Kleinen lehren
Speere werfen und die Götter ehren,
Wenn hinunter dich der Xanthus schlingt?

Hektor:
Theures Weib, geh, hol' die Todeslanze,
Laß mich fort zum wilden Kriegestanze!
Meine Schultern tragen Ilium.
Über Astyanax unsre Götter!
Hektor fällt, ein Vaterlands Erretter,
Und wir sehn uns wider in Elysium.

Andromache:
Nimmer lausch' ich deiner Waffen Schalle,
Einsam liegt dein Eisen in der Halle,
Priams großer Heldenstamm verdirbt!
Du wirst hingehn, wo kein Tag mehr scheinet,
Der Cocytus durch die Wüsten weinet,
Deine Liebe in dem Lethe stirbt

Hektor:
All mein Sehnen, all mein Denken
Soll der schwarze Lethefluß ertränken,
Aber meine Liebe nicht!
Horch! der Wilde rast schon an den Mauern -
Gürte mir das Schwert um, laß das Trauern!
Hektors Liebe stirbt im Lethe nicht.

Der "helmumflatterte Hektor" - Spätbronzezeitliche Krieger-Kulturen im Mittelmeer-Raum, in Nebra und an der Nordsee

In der Nordsee sind neue archäologische Funde gemacht worden, die auf kulturelle Beziehungen mit dem Mittelmeer-Raum hindeuten. (s.u.) Doch bevor darüber berichtet wird, soll der bisherige Forschungsstand zu solchen kulturellen Kontakten rekapituliert werden anhand der Fundgruppe der sogenannten "Kammhelme". Schon im Jahr 1928 hat man in der Weser einen Helm gefunden in derselben Form, wie er in der späten Bronzezeit auch in der mykenischen Kultur in Griechenland verwendet wurde, einen sogenannten bronzenen Kammhelm (Focke-Museum Bremen 1, 2, 3):


Auf der Bremer Museums-Seite heißt es dazu heute: "Einzigartig in Nordeuropa ist der aus der Lesum stammende Kammhelm aus Bronze." Aber auch im Main im Landkreis Bamberg wurde ein solcher Helm gefunden (Landschaftsmuseum Obermain):
Und ebenso fand man solche Helme in Bayern (Archäologie in Bayern.de, Noricum):

Zu dem zuletzt abgebildeten Ausstellungsstück wird erläutert:
In Süddeutschland sind Metallhelme erstmals seit der Spätbronzezeit nachgewiesen. Vom Orient aus breitete sich diese Innovation im letzten Drittel des 2. Jahrtausends über den spätmykenischen Kulturbereich und Italien bis nach Mittel- und Nordeuropa aus. Nach ihrer Form werden Kappen-, Glocken- und Kammhelme unterschieden.
Ein solcher Kammhelm ist der hier gezeigte von der Pockinger Haid (Lkr. Griesbach). Er besteht aus zwei getriebenen Blechhälften, die sich unten an der Stirn- und Nackenseite überlappen und hier mit großen Kegelnieten verbunden sind. Oben laufen die Bleche zu einem Kamm aus, an dessen Rand das eine über das andere geschlagen ist.

Der Helm ist sicher nicht nur beim Kampf getragen worden, sondern ebenso bei zeremoniellen Anlässen als Würdezeichen eines hohen Herrn. Darauf weisen unter anderem die merkwürdigen Fundumstände aller vergleichbaren Helme in ihrem Verbreitungsgebiet von Norditalien bis Norddeutschland hin, die niemals in den Gräbern ihrer Träger, sondern stets in Horten oder Gewässern deponiert wurden. Auch der Helm von Haid wurde in ehemals sumpfigem Gelände entdeckt.

In der Nachbildung sieht ein solcher Helm dann so aus (Noricum):


Außer diesen wunderschönen Helmen, an denen wohl noch ein wehender Helmbusch befestigt war, gibt es noch vielfältige andere archäologische Hinweise auf kulturelle Kontakte zwischen dem Mittelmeer-Raum und dem nordeuropäischen Raum in der späten Bronzezeit. Neue, überraschende Funde werden, wenn sich ihre Gültigkeit bestätigen sollte, unser bisheriges Wissen um ein Beträchtliches erweitern (Yahoo News):
Der Kulturgeschichtler Hans Peter Duerr hat nach Angaben des Nachrichtenmagazins «Focus» Objekte aus der bronzezeitlichen Hochkultur der Minoer auf Kreta in der Nordsee gefunden. (...) Duerr habe bei Ausgrabungen im Watt nördlich der Hallig Südfall ein minoisches Siegel mit Linear-A-Schriftzeichen aus dem 15. vorchristlichen Jahrhundert gefunden, hieß es. Eine Isotopenanalyse habe ergeben, dass ebenfalls im Watt gefundene Küchenkeramik minoischen Stils in der Gegend der antiken Hafenstadt Kommos an der Südküste Kretas produziert worden sei.
Das wären sensationelle Ergebnisse, wenn sie sich bestätigen sollten. Duerr ist in Fachkreisen, soviel man hört, nicht ganz unumstritten, da er selbst kein gelernter Archäologe ist. Vielleicht werden die neuen Funde aber die Glaubwürdigkeit seiner bisherigen Forschungs-Ergebnisse auch bekräftigen. Passen sie doch wunderbar hinein in das sonstige, angedeutete Bild, das die Forschung schon seit Jahrzehnten von den damaligen kulturellen Kontakten hat.

Auch die Himmelsscheibe von Nebra weist ja zahlreiche überraschende Übereinstimmungen mit der Beschreibung eines Schildes in der "Ilias" des Homer auf. Und tatsächlich sind es ja auch mitteleuropäische, spätbronzezeitliche Völker gewesen, die in Verbindung gebracht werden können mit der "Dorischen Wanderung" in Griechenland und dem "Seevölkersturm" im Mittelmeer-Raum um 1200 v. Ztr.. Kulturen aus Süddeutschland jener Zeit haben sich laut archäologischer Grabungen im Libanon und in Palästina angesiedelt.

Würde man nun der Ilias-Deutung durch Joachim Latacz (s. Bücher) folgen, nach der die Ilias nur die schriftliche Niederlegung einer langen mündlichen Tradition von Heldenliedern ist, die von Generation zu Generation weiter erzählt werden, dann hätte man in der "Ilias" eine ganz allgemeine Schilderung des Geistes der Spätbronzezeit vor sich, nicht nur des Mittelmeerraumes, sondern auch Mittel- und Nordeuropas. - Dieser Geist wird im nächsten Beitrag anhand der Szene des Abschieds des "helmumflatterten Hektor" von seiner Gattin Andromache und seinem Sohn Astyanax noch ein wenig veranschaulicht.

(Es sollte nicht unerwähnt bleiben, daß die minoische Kultur auf Kreta deutliche Unterschiede aufweist zur mykenischen Kultur in Griechenland oder jenen zeitgleichen Kulturen in Italien.)

Literatur:

- Jud, Peter: Neues vom Helm von Weil. In: Archäologie der Schweiz, 8/1985, S. 62 - 66
- Cordier, Gerard: La sépulture de l'Age du Bronze final du Theil à Billy (Loir-et-Cher, France). In: Archäologisches Korrespondenzblatt, 27/1997, S. 73 - 92.
- Pescheck, Christian: Ein Kammhelm aus dem Oberen Maintal. In: Jahrbuch des Röm.-Germ. Zentralmuseums, Mainz 13/1966, S. 34 - 36
- Jorns, Werner: Die Kammhelme von Biebesheim. In: Fundberichte aus Hessen, 12/1972, S. 76 - 85
- Merhart, Gero von: Zu den ersten Metallhelmen Europas. In: Bericht der Röm.-Germ. Kommission, 30/1941, S. 4 - 41

Der gar zu "sanfte Revolutionär" Rainer Langhans

"Focus Online TV" hat unter dem Titel "Post für Langhans" eine Art Video-Blog für Rainer Langhans eingerichtet. 18 Folgen sind inzwischen schon erschienen (Focus Videos - weiter unten rechts). Der Alt-68er (und Struwwelpeter) Rainer Langhans, die "Legende" (Kommune I, Freund von Uschi Obermayr) kommt einem in diesen Video's lustlos, innerlich müde und satt vor. Fast "überlebt". Das Groteske und Peinliche ist vor allem, daß er einen erinnert an die altkluge, "mädchenhafte" (?) Seite der "grün-ökologischen Szene" der 1980er Jahre. Alte Leute werden ja oft wieder zu Kindern ...

Er glaubt alles besser zu wissen, ist dabei aber dennoch so voller Verständnis für alles und jedes und ist dafür, daß die anderen eben für alles noch ein bischen mehr Zeit brauchen als er selbst. Und immer sanft. Da ist Rainer Langhans noch besser als jeder Dalai Lama.

Werden die 68er wirklich "alt"? Und dabei immer auch irgendwie skuril? Liegt's daran, daß sie fast alle keine Kinder haben? Und die bedeutenden, die welche hatten (Rudi Dutschke) schon tot sind? Man möchte Herrn Langhans noch einen Tipp geben, nachdem er vom Internet für die Zukunft so viel zu erhoffen scheint und dann vielleicht auch einmal hier vorbeikommt: Wenn die Haare weiß sind, das Gesicht ziemlich weiß ist, dann muß man doch nicht auch noch die ganze Kleidung, den Intellektuellen-Schal und die Schuhe in weiß halten?

Zum Beispiel sagt er in Folge 11 zu dem Attac-Motto "Eine andere Welt ist möglich", das wäre ihm zu ängstlich, nach seiner Meinung sollte man lieber sagen: "Eine bessere Welt ist möglich." Hm. So genau hatte man es ja nun auch nicht wissen wollen.

Gemeinsam sind wir stark: Kinderlose und Eltern haben die gleichen Interessen

Eine Wort der Kritik am "Deutschen Familien-Verband"

Der frühere "Bund der Kinderreichen" heißt heute "Deutscher Familienverband". Sein offenbar sehr maßgebender Präsident ist der schon ältere Herr Dr. Albin Nees. Ich habe mir einmal Informationsmaterial kommen lassen von diesem Verband, dessen Mitgliederzeitschrift immerhin eine Auflage von 100.000 hat. (DFV) Und es liest sich natürlich auf jeden Fall gut. Aber im Grunde hört man durch alle Stellungnahmen hindurch: Wir wissen alle, daß ein echter Familienleistungsausgleich, daß Leistungsgerechtigkeit für Familien heute völlig anders aussehen müßte, als es gegenwärtig geschieht. Aber da die Forderungen viel zu kraß und "wirklichkeitsfremd" aussehen würden, wenn man sie formulieren würde, formuliert man sie gar nicht erst. Aber wie kann denn Politik auf Forderungen reagieren, die gar nicht konkret aufgestellt und ausgesprochen werden?

So wird in einer Grundlagenschrift des Verbandes ("Politik für Familien - Vorstellungen und Forderungen", Mai 2004) unter der Überschrift "Steuergerechtigkeit und Familienleistungsausgleich" (S. 6) sehr viel sehr Notwendiges und Dringliches gesagt, was offenbar im Familienministerium immer noch ungern gehört wird. Aber dann heißt es zum Schluß wirklich zu verschwommen: "Ein wirklicher Familienleistungsausgleich kostet richtiges Geld - und dieses Geld ist vorhanden. (...) Bei den Familien findet man es nicht." Schön und gut. Aber warum wird dann nicht gleich klar gesagt, wieviel es kostet? Warum hält man damit so hinter dem Berg ?

"Familienleistungsausgleich kostet richtiges Geld"

Genauso Seite 9, Kapitel "Erziehungsgeld und Elternzeit": "Das (...) Erziehungsgeld ist (...) auf 600 Euro zu erhöhen und zu dynamisieren." Diese Forderung von 600 Euro ist eigentlich schon ganz ordentlich. Die "Deutsche Familien-Partei" fordert zwar bis 1.875 Euro in den ersten Jahren, was ich für weitaus wirklichkeitsnäher halte - aber nun gut: sei's drum! Dann heißt es aber weiter: "Das Bundeserziehungsgeld ist auf zunächst drei Jahre zu verlängern." Himmel Herrgott Sakrament! Warum "zunächst"? Und warum sagt man nicht gleich klar, wie lang es der Verband denn tatsächlich zukünftig bezahlt sehen möchte? Das finde ich nirgends. Was soll denn dieses Versteckenspielen? Würde je auch nur irgendeine deutsche Gewerkschaft so bescheiden und geradezu auf Zehenspitzen auftreten mit ihren Lohnforderungen? Aber Hallo! Aber Hallo!

Die schönste Freizeit-Beschäftigung der Welt: Kinder haben. Und weil sie so
schön ist, muß sie auch nicht bezahlt werden (- meinen weltfremde Politiker) ...

Und auch in der neusten Ausgabe der Verbands-Zeitschrift (DFV-Familie 3/07) findet man wieder "nicht Fleisch, nicht Fisch". Da wird (pdf.) - natürlich vollkommen zu Recht und notwendigerweise - das politische und populistische Jonglieren mit Milliarden-Summen kritisiert, wie es heute bezüglich Familienförderung und vor allem vorgeblicher Familienförderung in unserem Staat geschieht. Aber warum bringt man auch hier seine Kritik nicht klar auf den Punkt? Paul Kirchhoff fordert schon seit langem echte Transparenz und Übersichtlichkeit, die in dem derzeitigen Förderungswirrwarr in keiner Weise gegeben ist. In überhaupt keiner Weise. Letztlich hat das schon der Sozialreformer Gerhard Mackenroth unter Konrad Adenauer gefordert!

Man bleibt mit dem Gefühl zurück: Himmel, Herrgott, Sakrament, die Herrschaften des "Deutschen Familien-Verbandes" sind einfach zu alt. Wenn ich meine Eltern die Interessen heutiger junger Familien vertreten lassen würde, würde das wahrscheinlich auch sehr betulich werden, oder? Man muß energischer, deutlicher, konkreter und sehr präzise auftreten. Es geht hier schlicht um die Sicherung der mittel- und langfristigen Zukunft unserer Gesellschaft.

Kinderlose integrieren, nicht ausgrenzen!

Was mich aber auch stört, immer mehr stört, ist, daß Organisationen, die die Interessen von Familien vertreten, weder in der Sache noch auch in ihrer Sprache und in ihren Stellungnahmen berücksichtigen, daß in Deutschland Millionen von Kinderlosen leben, die sich Kinder wünschen. (siehe St. gen.) Die muß man doch ansprechen. Deren Interessen vertritt man doch auch! Ihre Kinderwünsche werden oft nicht erfüllt wegen der politischen und atmosphärischen Rahmenbedingungen, die man ja selbst die ganze Zeit kritisiert.

So wird zum Beispiel in Folge 5/05 der Verbandszeitschrift der Grünen-Bundestags-Abgeordnete Alexander Bonde zum Them "Generationengerechtigkeit" befragt. Er sagt Wertvolles. Zum Beispiel das folgende (wiederum arg verschwommen - aber die Zielrichtung stimmt): "Bereits Adenauer wußte, daß das Rentenversicherungsniveau auf Dauer nicht gehalten werden kann und hat sich aus wahltaktischen Gründen nicht mit dieser Entwicklung beschäftigt. Bereits in den 1950er Jahren wäre es nötig gewesen, sukzessive Änderungen durchzusetzen, dann ständen wir heute nicht vor diesen großen Schwierigkeiten, den Generationenvertrag einzuhalten." (S. 24)

"Bereits Adenauer wußte ..."

Das sind wichtige, sehr, sehr wichtige und notwendige Worte und Gedankengänge eines jungen Menschen. Das könnte man nun gemeinsam mit den "Grünen" begeistert weiterverfolgen und zu Ende denken. Aber dann folgt folgende Abschlußbemerkung des DFV zu dem Interview: "Wir hatten Alexander Bonde noch eine vierte Frage gestellt, nämlich die, wie es mit dem Nachwuchs in der jungen Abgeordnetengruppe aussieht. Aber private Fragen möchte Bonde nicht beantworten. Dafür kann man Verständnis haben. (...) Aber: Politische und gesellschaftliche Haltung ist ja immer auch geprägt von privatem Erleben und Erleben. Deshalb ist es durchaus eine Frage wert, ob Politiker selbst Kinder haben, und fragwürdig, wenn immer mehr Verantwortungsträger selbst nicht Eltern sind."

Sachlich vollkommen korrekt. Vollkommen korrekt. Aber es ist auch eine Frage der Atmosphäre. Wenn ich eine solche Frage stelle schon mit einem unausgesprochenen Vorwurf oder einer unausgesprochenen Bitterkeit in den Augen, wird man die Bereitschaft zur Fortsetzung des Gespräches nicht fördern. Vielleicht machen sich ältere Menschen heute nicht ausreichend klar, wie schwierig es für junge Menschen ist, selbst wenn sie ernsthaften Kinderwunsch haben, diesen auch umzusetzen. Mit Vorwürfen kommt man hier überhaupt nicht weiter, sondern: mit Einbindung! Lieber Herr Nees! Sie vertreten auch die Interessen derjenigen, die kinderlos sind aber sich Kinder wünschen. Sagen sie das allen. Besonders auch den Kinderlosen. Auch den kinderlosen Abgeordneten im Bundestag und den kinderlosen Journalistinnen und Journalisten in den Zeitungs-Redaktionen. Nur gemeinsam kommen wir voran, nicht durch Grabenkriege und nicht durch gegenseitige Vorwürfe. - Niemand will, wenn er ehrlich ist, von anderen parasitieren.

Gebt doch den jungen Leuten erst einmal einen ordentlichen, deftigen Vertrauensbonus dahingehend, daß auch sie später einmal auf ein nach allen Richtungen hin gelungenes Leben zurückblicken wollen. Und setzt voraus, daß sie darunter leiden, wenn sie es nicht werden tun können.

Die 100 beliebtesten Liebesgedichte Englands ...

Wenn man viel mit der englischen Sprache zu tun hat, was sich für einen Akademiker heute fast zwangsläufig ergibt, bekommt man vielleicht selbst als Fremdsprachen-Muffel irgendwann einmal "Hunger" darauf, "Durst" danach, mit der englischen Sprache nicht nur in den sachlichen, wissenschaftlichen Texten in Verbindung zu treten. Man beginnt also vielleicht "Romeo und Julia" zu lesen. Man liest "Hamlet".

Oder aber man stößt irgendwann - etwa in einer Bahnhofsbuchhandlung in London - auf eine viel aufgelegte Gedicht-Sammlung der BBC "The Nation's Favorite Love Poems": Die hundert beliebtesten Liebesgedichte Englands entsprechend einer großen BBC-Umfrage von 1997. Hier, so könnte dann der Fremdsprachen-Muffel meinen, bekommt man mit einem Schlag leicht einen guten und dichten Überblick und auch Einblick in die Seele Englands - sowohl des alten England wie des heutigen.

Im folgenden sollen einmal sieben Gedichte aus diesem Buch zusammen gestellt werden. Gewiß ist die Auswahl auch davon bestimmt, daß der Fremdsprachen-Muffel diese sieben Gedichte schneller - ohne allzu viele Worte nachschlagen zu müssen - verstehen kann. Oft kann man auch erst einmal nur den Tonfall und Rhythmus auf sich wirken lassen.

Wedding-wind

The wind blew all my wedding-day,
And my wedding-night was the night of the high wind;
And a stable door was banging, again and again,
That he must go and shut it, leaving me
Stupid in candlelight, hearing rain,
Seeing my face in the twisted candlestick,
Yet seeing nothing. When he came back
He said the horses were restless, and I was sad
That any man or beast that night should lack
The happiness I had.

Now in the day
All's ravelled under the sun by the wind's blowing.
He has gone to look at the floods, and I
Carry a chipped pail to the chicken-run,
Set it down, and stare. All is the wind
Hunting through clouds and forests, thrashing
My apron and the hanging cloths on the line.
Can it be borne, this bodying-forth by wind
Of joy my actions turn on, like a thread
Carrying beads? Shall I be let to sleep
Now this perpetual morning shares my bed?
Can even death dry up
These new delighted lakes, conclude
Our kneeling as cattle by all-generous waters?

Philip Larkin (1922 - 1985)

(chipped pail = angeschlagener Eimer; apron = Schürze; thread = Faden; conclude = beenden)


After the Lunch

On Waterloo Bridge, where we said our goodbyes,
The weather conditions bring tears to my eyes.
I wipe them away with a black woolly glove,
And try not to notice I've fallen in love.

On Waterloo Bridge, I am trying to think,
"This is nothing - you're high on the charm and the drink."
But the jukebox inside me is playing a song,
That says something different, and when was it wrong?

On Waterloo Bridge with the wind in my hair,
I am tempted to skip. "You're a fool." I don't care.
The head does it's best, but the heart is the boss,
I admit it before I am halfway across.

Wendy Cope (geb. 1945)
To Lucasta
Going to the Warres

Tell me not (Sweet) I am unkinde,
That from the Nunnerie
Of thy chaste breast, and quiet minde,
To Warre and Armes I flie.

True; a new Mistresse now I chase,
The first Foe in the Field;
And with a stronger Faith imbrace
A Sword, a Horse, a Shield.

Yet this Inconstancy is such,
As you too shall adore;
I could not love thee (Deare) so much,
Lov'd I not Honour more.

Richard Lovelace (1618 - 58)

(Nunnerie = Nonnenkloster; chaste = keusch, unschuldig, rein; Foe = Feind; adore = anbeten)


Giving Up Smoking

There's not a Shakespeare sonnet
Or a Beethoven quartet
That's easier to like than you
Or harder to forget.

You think that sounds extravagant?
I haven't finished yet --
I like you more than I would like
To have a cigarette.

Wendy Cope (geb. 1945)
Und zum Schluß vielleicht fast mein Lieblingsgedicht in diesem Buch - Achtung, jetzt wird's länger:

The Courtship Of The Yonghy-bonghy-bo

I

On the Coast of Coromandel
Where the early pumpkins blow,
In the middle of the woods
Lived the Yonghy-Bonghy-Bò.
Two old chairs, and half a candle,—
One old jug without a handle,—
These were all his worldly goods:
In the middle of the woods,
These were all the worldly goods,
Of the Yonghy-Bonghy-Bò,
Of the Yonghy-Bonghy-Bò.

II

Once, among the Bong-trees walking
Where the early pumpkins blow,
To a little heap of stones
Came the Yonghy-Bonghy-Bò.
There he heard a Lady talking,
To some milk-white Hens of Dorking,—
‘’Tis the lady Jingly Jones!
‘On that little heap of stones
‘Sits the Lady Jingly Jones!’
Said the Yonghy-Bonghy-Bò,
Said the Yonghy-Bonghy-Bò.

III

‘Lady Jingly! Lady Jingly!
‘Sitting where the pumpkins blow,
‘Will you come and be my wife?’
Said the Yonghy-Bonghy-Bò.
‘I am tired of living singly,—
‘On this coast so wild and shingly,—
‘I’m a-weary of my life:
‘If you’ll come and be my wife,
‘Quite serene would be my life!’—
Said the Yonghy-Bonghy-Bò,
Said the Yonghy-Bonghy-Bò.

IV

‘On this Coast of Coromandel,
‘Shrimps and watercresses grow,
‘Prawns are plentiful and cheap,’
Said the Yonghy-Bonghy-Bò.
‘You shall have my chairs and candle,
‘And my jug without a handle!—
‘Gaze upon the rolling deep
(’Fish is plentiful and cheap)
‘As the sea, my love is deep!’
Said the Yonghy-Bonghy-Bò,
Said the Yonghy-Bonghy-Bò.

V

Lady Jingly answered sadly,
And her tears began to flow,—
‘Your proposal comes too late,
‘Mr. Yonghy-Bonghy-Bò!
‘I would be your wife most gladly!’
(Here she twirled her fingers madly,)
‘But in England I’ve a mate!
‘Yes! you’ve asked me far too late,
‘For in England I’ve a mate,
‘Mr. Yonghy-Bonghy-Bò!
‘Mr. Yonghy-Bonghy-Bò!’

VI

‘Mr. Jones—(his name is Handel,—
‘Handel Jones, Esquire, & Co.)
‘Dorking fowls delights to send,
‘Mr. Yonghy-Bonghy-Bò!
‘Keep, oh! keep your chairs and candle,
‘And your jug without a handle,—
‘I can merely be your friend!
‘—Should my Jones more Dorkings send,
‘I will give you three, my friend!
‘Mr. Yonghy-Bonghy-Bò!
‘Mr. Yonghy-Bonghy-Bò!’

VII

‘Though you’ve such a tiny body,
‘And your head so large doth grow,—
‘Though your hat may blow away,
‘Mr. Yonghy-Bonghy-Bò!
‘Though you’re such a Hoddy Doddy—
‘Yet I wish that I could modi-
‘fy the words I needs must say!
‘Will you please to go away?
‘That is all I have to say—
‘Mr. Yonghy-Bonghy-Bò!
‘Mr. Yonghy-Bonghy-Bò!’.

VIII

Down the slippery slopes of Myrtle,
Where the early pumpkins blow,
To the calm and silent sea
Fled the Yonghy-Bonghy-Bò.
There, beyond the Bay of Gurtle,
Lay a large and lively Turtle,—
‘You’re the Cove,’ he said, ‘for me
‘On your back beyond the sea,
‘Turtle, you shall carry me!’
Said the Yonghy-Bonghy-Bò,
Said the Yonghy-Bonghy-Bò.

IX

Through the silent-roaring ocean
Did the Turtle swiftly go;
Holding fast upon his shell
Rode the Yonghy-Bonghy-Bò.
With a sad primæval motion
Towards the sunset isles of Boshen
Still the Turtle bore him well.
Holding fast upon his shell,
‘Lady Jingly Jones, farewell!’
Sang the Yonghy-Bonghy-Bò,
Sang the Yonghy-Bonghy-Bò.

X

From the Coast of Coromandel,
Did that Lady never go;
On that heap of stones she mourns
For the Yonghy-Bonghy-Bò.
On that Coast of Coromandel,
In his jug without a handle
Still she weeps, and daily moans;
On that little heap of stones
To her Dorking Hens she moans,
For the Yonghy-Bonghy-Bò,
For the Yonghy-Bonghy-Bò.

Edward Lear (1812 - 88)

(pumpkins = Kürbisse; jug = Krug; shingly = kieselig; serene = heiter; prawns = Garnelen; gaze = starren; twirl = ringen; cove = Zuflucht, Schlupfwinkel, kleine Bucht; shell = Flügel)


Oh, when I was in love with you

Oh, when I was in love with you,
Then I was clean and brave,
And miles around the wonder grew
How well did I behave.

And now the fancy passes by,
And nothing will remain,
And miles around they 'll say that I
Am quite myself again.

A. E. Housman (1859 - 1936)
... "Eins hab' ich noch, eins hab' ich noch ...":

Jenny kiss'd Me

Jenny kiss'd me when we met,
Jumping from the chair she sat in;
Time, you thief, who love to get
Sweets into your list, put that in!
Say I'm weary, say I'm sad,
Say that health and wealth have miss'd me,
Say I'm growing old, but add,
Jenny kiss'd me.

Leigh Hunt (1784–1859)


_______________
  1. The Nation’s Favourite Love Poems. (Introduction by Daisy Goodwin) BBC Books, London 1997, 1998

Freitag, 27. Juli 2007

Matthias Matussek und - - - Hölderlin

"Matussek's Kulturtipp" von dieser Woche ist deshalb zu loben, weil Herr Matussek jüngst in Bad Driburg Kur gemacht hat, und weil er dies zum Anlaß nimmt, direkt vor Ort davon zu berichten. Und er ruft dabei in Erinnerung, daß der größte deutsche Lyriker, Friedrich Hölderlin, im August und September 1796 ebenfalls in Bad Driburg gelebt hat. Es geschah dies in der glücklichsten Zeit seines Lebens, nämlich zusammen mit Susette Gontard, der "Diotima" seiner Dichtung. Die Spekulationen, die auch Matthias Matussek anklingen läßt, daß das Verhältnis zwischen beiden mehr als "platonisch" gewesen sei, kann man getrost unbeachtet lassen. Es ist das sicherlich auch nicht die einzige Frage, die in diesem Zusammenhang von Interesse sein könnte.

Es gibt in Bad Driburg heute, so berichtet Matussek, einen "Hölderlin-Hain" mit Bäumen, die die Namen der Freunde Hölderlins tragen. Auch eine Büste Susette Gontards ist dort aufgestellt von derselben Grafen-Familie, die heute immer noch wie damals im Besitz dieser Kur-Liegenschaften ist.

Bad Driburg - eine Hölderlin-Stadt

Ganz offenbar also nimmt man sich des Andenkens an Friedrich Hölderlin in Bad Driburg, wo Hölderlin nur zwei Monate gelebt hat, wesentlich intensiver an, als in Frankfurt am Main, wo er mehrere Jahre im Hause Gontard lebte. Das Haus der Bankiersfamilie von Gontard von damals am "Großen Hirschgraben" ist heute in Frankfurt abgerissen. An seiner Stelle steht das Hotel "Frankfurter Hof". Über den ehemaligen weitläufigen Garten rast eine vierspurige Durchgangsstraße hinweg. Nur im nicht weit entfernten Goethe-Haus kann man sich heute noch einen Eindruck von der damaligen Zeit in Frankfurt verschaffen. Das Museum des Goethe-Hauses zähle ich zu den sehenswertesten Museen in Frankfurt.

Frankfurt am Main sollte genauso als Stadt Friedrich Hölderlins gelten, wie sie viel gepriesene "Goethe-Stadt" genannt wird. Denn Hölderlin ist als Dichter und Denker mindestens gleichrangig und hat in Frankfurt seine wesentlichsten Lebensjahre verbracht, nicht in Tübingen und auch nicht in Bad Homburg. Aber um sich dieser großen Bedeutung bewußt zu werden, fehlt es heute in der großen Stadt Frankfurt am Main an Ruhe, Besinnung und bürgerlicher alteingesessener Behaglichkeit. - - Steht es damit aber nun im ländlichen Bad Driburg oder in der Kulturredaktion des "Spiegel" wesentlich anders?

Matussek und die derzeitige Gräfin in Bad Driburg äußern viele Dummheiten und Unkenntnisse über Hölderlin in diesem kleinen Video. Hölderlin war keineswegs "ungeeignet" zur Kindererziehung. Der Sohn von Susette Gontard erwies Hölderlin eine große Anhänglichkeit und zeigte nicht geringe Bestürzung als Hölderlin so plötzlich das Haus verlassen mußte aufgrund eines Zwistes mit dem Hausherren.

Viele Fehldeutungen zur Person Hölderlins

Ein riesen großer Unsinn wird verzapft, wenn vermutet wird, Susette Gontard wäre die "einzige" gewesen, die Hölderlin "zugehört" hätte. Matussek könnte derart groteske Unkenntnisse einmal zum Anlaß nehmen zu einem langen Spiegel-Interview mit dem Münchener Philosophen und derzeit bedeutendsten Hölderlin-Forscher weltweit: Dieter Henrich.

Die Philosophie Hegels wäre gar nicht denkbar, wenn man nicht viele, tiefschürfende Gespräche zwischen Hölderlin und Hegel in ihrer gemeinsamen Frankfurter Zeit voraussetzen würde. Hölderlin hatte unzählige Freunde, mit denen er intensiven Austausch pflegte. Nicht zufällig sind fast alle damaligen deutschen Geistesgrößen darunter. Aber auch viele weniger bekannte Studenten. Freilich konnte er sich - gerade aufgrund dieser Intensität - ebenso abrupt abwenden vom Austausch mit den Freunden, um - wie es gerade für Hölderlin so typisch ist - die besondere, eigene, sehr fortschrittliche, weit seiner Zeit voraus eilende Individualität zu wahren.

Außerdem wird von der heutigen Bad Driburger Gräfin vermutet, daß Hölderlin vom regelmäßigen Weintrinken ständig "duhn" gewesen sei. Das ist natürlich ein eben solcher Quatsch und Unfug. Es muß also geschlußfolgert werden, daß man auch im ländlichen, alteingesessenen Bad Driburg in betreff von Hölderlin-Unkenntnis heute nicht wesentlich hinter der Stadt Frankfurt am Main zurückbleibt. Aber daß so viel Halb- und Fehlinformation auch noch vom Leiter der Kulturredaktion des wohl bedeutendsten Intellektuellen-Blattes Deutschlands weitergegeben wird, spricht gleich bibliotheksweise Bände. Nichtsdestoweniger ist man ja schon froh, wenn man sich überhaupt eines Hölderlin erinnert ... Wir sind ja schon so anspruchslos geworden ...

(16. 9. 2012: Bei der Abfassung dieses Beitrages war dem Autor noch nicht bewußt, daß Matthias Matussek katholische Lobbyarbeit macht. Sein allseitig flappsiges Reden über Kultur - so wie hier über Hölderlin - ist paßgenau auf diese Lobbyarbeit zugeschnitten. Hölderlin war ja Heide und auf der Suche nach einer neuen Religion.)

Religionsunterricht? ... - Wann wird die Welt ehrlich?

Eine kleine Online-Umfrage hat ein einigermaßen beruhigendes Ergebnis (Geo):
Gehört die Bibel in den Biologieunterricht?

Insgesamt wurden 357 Stimmen abgegeben - so haben Sie abgestimmt:

Die Schöpfungsgeschichte gehört in den Religionsunterricht. ------80 %

Ja, denn es gibt überraschende Parallelen. ------------------------12 %

Bin mir nicht sicher. -----------------------------------------------8 %
Die drei Antwort-Alternativen sind allerdings auch blöd. Man kann nämlich erhebliche Zweifel haben, ob die Bibel überhaupt an die Schule gehört. Da war schon Arthur Schopenhauer wesentlich weiter als noch viele heutige Zeitgenossen:
Wenn die Welt erst ehrlich genug sein wird, um Kindern vor dem 15. Jahre keinen Religionsunterricht zu erteilen, dann wird etwas von ihr zu hoffen sein.

Donnerstag, 26. Juli 2007

Fortschritt oder Rückschritt? - Die Kinder im "Bibel-Belt" der USA ...

Die Welt ist ziemlich verrückt. Das, was wir an den USA und (oft) auch an Israel am meisten kritisieren, ja, fürchten, eine bigotte Religiosität, scheint geradezu allein verantwortlich zu sein dafür, daß die USA (und sicher auch Israel) eine ausgeglichenere demographische Bilanz haben als die Europäer (Berlin-Institut):
... Die Gründe für den verhältnismäßigen Kinderreichtum der Amerikaner liegen unter anderem in den Wertvorstellungen der Gesellschaft. "Das hat viel mit Religiosität zu tun", sagt Nicholas Eberstadt. "Auswertungen des "World Values Survey" haben ergeben, dass die Menschen, die sich selbst als religiös bezeichnen würden, sowohl in Europa als auch in den USA gleichermaßen kinderreich sind. Klammert man diesen Effekt aus, bleibt kaum ein Unterschied in den Geburtenziffern." In den USA gebe es eben mehr religiöse Menschen. Ob in Zukunft auch in Europa mehr Menschen aufgrund ihrer Religiosität mehr Kinder bekommen werden (...) oder ob sich Amerikas breite Bevölkerung einmal von der Kirche abwenden könnte, ist schwer vorauszusagen.
Die Tatsache, daß mittelalterliche Mentalitäten durchschnittlich zu mehr Kindern führen, als neuzeitliche, deutet nicht darauf hin, daß die westliche Welt sich derzeit auf einem fortschrittlichen Ast der gesellschaftlichen Entwicklung befindet. Klar scheint doch, daß man trotz der eher grotesken Bemühungen eines Jürgen Habermas Menschen, die heute nicht mehr bibelgläubig sind, auch nicht dorthin zurück bekommen wird. Denn Wahrheit und Wahrhaftigkeit sind die fortschrittlichsten Werte überhaupt. Also wird es mit der traditionellen bibelgläubigen Form der Religiosität auch keine Wende in der demographischen Entwicklung geben. Daß Resignation die Schlußfolgerung sein sollte oder müßte, erscheint geradezu absurd und ein Verrat an allen neuzeitlichen, abendländischen Werten.

Man muß sich also über andere Arten von Religiosität Gedanken machen als über die traditionelle bibelgläubige. - Hat denn das Abendland da so wenig Alternativen zu bieten? Sind denn die hilflosen Worte eines Peter Sloterdijk, eines Frank Schirrmacher, eines Matthias Matussek die letzten Worte, die das Abendland zu sagen hat zu Fragen nach dem Sinn des Lebens?

Auch "Die Linken" beginnen, ein Erziehungsgehalt für alle zu fordern

Anfang Dezember findet in Augsburg ein familienpolitischer Kongreß statt. (Familiennetzwerk) Veranstalter sind die Paneuropa-Union und Bischof Mixa. Ob man mit den Veranstaltern dieses Kongresses an sich besonders konform geht, ist nicht so wichtig wie die Themen, die hier laut Ankündigung diskutiert werden sollen:
... Dabei geht es quer durch die politischen Parteien um die Grundsatzfrage, welches Modell der Kindererziehung und des familiären Zusammenlebens wir in Zukunft bevorzugen. Sollen Konsum und Erwerbstätigkeit oder menschliche Werte wie Vertrauen, Geborgenheit und emotionale Bindung Priorität haben; wollen wir mehr Staat oder mehr Menschlichkeit? Sind junge Mütter die Arbeitskräftereserve der Industrie oder steht das Wohl der Kinder im Mittelpunkt? Wie können junge Familien unterstützt werden, um in den ersten Lebensjahren ihre Kinder selbst zu erziehen, ohne von der Wohlstandsentwicklung abgekoppelt zu werden?
Auch Maria Steuer, die Vorsitzende des "Familiennetzwerkes", wird sprechen. Leider ist dem Programm kein Vertreter der "Familien-Partei Deutschlands" zu entnehmen. Was mir aber am Bemerkenswertesten erscheint, ist die Tatsache (die zumindest mir selbst neu ist), daß Christa Müller, die Ehefrau von Oskar Lafontaine und familienpolitische Sprecherin von "Die Linke", Saarland, neuerdings (?) ebenfalls für ein Erziehungsgehalt eintritt. Ihr Vortragstitel lautet:

„Die Familien stärken – das Erziehungsgehalt für alle“. Es wäre zu hoffen, daß bei diesem Thema niemand vergißt, daß es die "Familien-Partei Deutschlands" ist, die diese Forderung - im Gegensatz zu den großen Parteien - schon seit Jahren als ersten Programm-Punkt ihrer Partei vertritt. Ich für meinen Teil halte es für eine Schande, daß die anderen Parteien darauf nicht schneller gekommen sind - und auch jetzt noch sich allzu zögerlich darauf zubewegen.

Gerade gestern erst hat mir wieder eine alleinerziehende Mutter von einem Kind gesagt: Mehr Kinder? Sehr gerne. Aber nicht, wenn ich damit an der Armutsgrenze leben muß. Deshalb sucht sie sich lieber eine Ganztags-Arbeit ... Und die großen Parteien diskutieren lieber über Einwanderung, Integration und - - - "Leitkultur"!!! ... Wir sind alle viel zu höflich solchen "Politikern" gegenüber. Viel zu höflich.

Mittwoch, 25. Juli 2007

Bonobos - wirklich die "politisch korrekten" Primaten?

Der Titel dieses Blog-Eintrags ist in Anlehnung an Larry Arnhart formuliert. Anlaß ist ein sehr langer Artikel im New Yorker über die Bonobo-Forschung. Das Bild von den Bonobo's ist ja geprägt von den Forschungen des niederländischen Primatologen Frans de Waal. Er hat aber Bonobo's immer nur im Zoo beobachtet. Und es mehren sich jetzt Hinweise, daß sich Bonobo's in Gefangenschaft einfach sehr deutlich anders verhalten als Schimpansen, daß sie aber in der freien Natur ein so deutlich unterschiedliches Verhalten zu den Schimpansen nicht aufweisen.

Die Feldforschungen im Kongo betreibt ein internationales Forschungsteam unter der Leitung des Deutschen Gottfried Hohmann. Trotz Jahre langer Forschung sind die Ergebnisse noch mager, da das Beobachten der Bonobo's in der freien Natur sehr schwierig ist. Aber einiges können die Forscher schon sagen und das ist im "New Yorker"-Artikel - im hinteren Drittel vor allem - zusammen getragen: Die in den Zoos beobachtbaren "Sexorgien" konnten in der freien Natur noch nicht beobachtet werden. Da sieht man die Bonobo's immer nur gruppenweise in den Bäumen sitzen und essen oder schlafen oder hinunter auf den Boden klettern, um weiterzuziehen. Möglicherweise ist also das Verhalten in Gefangenschaft auch durch den engen Raum bedingt, in dem die Bonobo's gehalten werden.

Was schon beobachtet werden konnte, ist, daß Bonobo's durchaus auch jagen (wie die Schimpansen), und daß sie auch in der freien Natur Aggressionen untereinander kennen, möglicherweise auch Mord und Kindesmord - wie bei den Schimpansen. Aggressiv sind die Bonobo's übrigens auch in den Zoo's, wofür in diesem Artikel zahlreiche Beispiele gegeben werden. (Zahlreiche abgebissene Finger- und Zehenglieder sowohl bei Bonobo's wie auch bei menschlichen Betreuern.)

Möglicherweise ist also unser Bild von den Bonobo's nur das Bild von "verhausschweinerten" Bonobo's. ("Verhausschweinerung" ist ein Begriff von Konrad Lorenz, der hier ganz passend erscheinen könnte ...) Also von Bonobo's, die in irgend einer Weise schon "Domestikations-Erscheinungen" aufweisen. Man darf gespannt sein, was die weiteren Forschungen im Kongo erbringen werden. Man gewinnt den Eindruck, daß dort noch eine so geduldige und einfallsreiche Beobachterin wie Jane Goodall fehlt ...
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