Freitag, 30. November 2007

Ist die Kunst der Mutter die Mutter der Kunst?


Liegen die evolutionären Wurzeln der Kunst in der Mutter-Kind-Bindung?

Eine bestechende These hat Ellen Dissanayake aufgestellt, zuletzt in ihrem Buch "Art and Intimacy: How the Arts Began".

"Her books are considered classics among Darwinian theorists and art historians alike," las man vor drei Tagen in der New York Times.

Ihre These erinnert wieder einmal an die hier auf dem Blog schon behandelte These der Anthropologin Barbara King, nach der die tiefste evolutionäre Wurzel menschlicher Religiosität im "Zugehörigkeitsgefühl", im Gefühl der Verbundenheit mit den Mitmenschen liegen sollte. Das sagt Ellen Dissanayake auch über die Kunst - aber sie geht noch weiter (NYT):
After studying hundreds of hours of interactions between infants and mothers from many different cultures, Ms. Dissanayake and her collaborators have identified universal operations that characterize the mother-infant bond. They are visual, gestural and vocal cues that arise spontaneously and unconsciously between mothers and infants, but that nevertheless abide by a formalized code: the calls and responses, the swooping bell tones of motherese, the widening of the eyes, the exaggerated smile, the repetitions and variations, the laughter of the baby met by the mother’s emphatic refrain. The rules of engagement have a pace and a set of expected responses, and should the rules be violated, the pitch prove too jarring, the delays between coos and head waggles too long or too short, mother or baby may grow fretful or bored.

To Ms. Dissanayake, the tightly choreographed rituals that bond mother and child look a lot like the techniques and constructs at the heart of much of our art. “These operations of ritualization, these affiliative signals between mother and infant, are aesthetic operations, too,” she said in an interview. “And aesthetic operations are what artists do. Knowingly or not, when you are choreographing a dance or composing a piece of music, you are formalizing, exaggerating, repeating, manipulating expectation and dynamically varying your theme.” You are using the tools that mothers everywhere have used for hundreds of thousands of generations.
Die gelungene Kommunikation zwischen Mutter und Kind ist also eine Kunst. Und alles, was der Mensch seither gemacht hat, ist eine Imitation dieser frühen Kommunikation mit seiner Mutter. Klar! Wie sollte es denn auch sonst sein?

Auf geht's also, Ihr Mütter und Väter und Ihr, die Ihr's werden wollt! Werdet wieder Künstler! Werden Euch Eurer Künstlerschaft bewußt. Das ist jene Vereinigung von Kunst und Leben, von der so viele Menschen träumen oder geträumt haben:
.... Sprache der Liebenden
Sei die Sprache des Landes
Ihre Seele der Laut des Volks!

(Friedrich Hölderlin, Die Liebe)

Nachdenken über Altruismus - (2. Teil)

Der fließende Übergang zwischen dem Erleben, Beurteilen und eigenen Ausführen sozialen Handelns nach dem Gegenseitigkeits-Prinzip und nach anderen Formen von Altruismus

Das "Nachdenken über Altruismus" hier auf dem Blog soll über qualitative Überlegungen schrittweise näher an die modernen quantifizierbaren theoretischen Konzepte der modernen Altruismus-Forschung (Soziobiologie) herangeführt werden, um diesen Konzepten vielleicht später, in einem weiteren Schritt, neue Konzepte hinzuzufügen, beziehungsweise um diese Konzepte besser widerspruchslos mit dem in Übereinstimmung zu bringen, was man in der gesellschaftlichen und historischen Wirklichkeit - im Alltag und in außergewöhnlichen Zeiten - vorfindet.

In rein vorläufiger Überlegung soll zunächst von folgenden Unterscheidungen bei den Formen von Altruismus ausgegangen werden:
1. familiärer Altruismus
2. patriotischer / ethnischer Altruismus
3. religiöser / ideologischer Altruismus
4. Einzelgänger-Altruismus
A. Prägungsähnliches Lernen von Altruismus (in der Kindheit und Jugend)

Fast alle eben genannten Formen von Altruismus werden von prägungsähnlichen Lernvorgängen in frühen Lebensphasen zum Guten oder zum Schlechten hin "vorgebahnt", vorgeprägt (siehe Eckart Voland, "Die Natur des Menschen - Grundkurs Soziobiologie", behandelt auf: St. gen. 1, 2):
zu 1. - Wenn man viele jüngere Geschwister hat, hat man (kulturübergreifend, statistisch gesehen) selbst im Leben mehr Kinder (nach A. Chasiotis), es würde sich hier also um ein prägungsähnliches Lernen von Kinderfreundlichkeit handeln.
- Die Art der eigenen Paarbeziehung im späteren Leben wird über das elterliche Vorbild in bestimmten, genauer eingrenzbaren Lebensjahren vorgeprägt (besonders um das 7. Lebensjahr herum).

zu 2. - muttersprachliche Prägung auch von Wahrnehmungen, emotionalen Reaktionen, von Gruppenmoral und vielem anderen
- Prägung auf die heimatliche Landschaft in der Jugend, der man sich also besonders verbunden fühlt, für die man sich - vielleicht (?) - gerne einsetzt

zu 3. - Prägungen durch die religiöse Erziehung (tägliches Beten, Gottesdienst, Kommunion, Konfirmation etc.)
- ideologische (oder sozial-moralische) Beeinflussungen durch weltanschaulichen, politischen Unterricht, durch Gruppenerlebnisse, durch "Bravo" etc. (leichtere jugendliche Beeinflußbarkeit)
B. Modifizierungen des geprägten Altruismus in späteren Lebensphasen

Es ist nun so, daß jede dieser Formen von Altruismus weniger oder stärker vernunft-gesteuerte, Lohn-/Straf-gesteuerte An- oder Abtrainierungsvorgänge kennt ("Lernen durch Versuch und Irrtum" - siehe auch K. Lorenz/Die Rückseite des Spiegels). Das heißt: Gänzlich irreversibel sind die prägungsähnlichen Lernvorgänge der Kindheit und Jugend nicht. Dies kann geschehen beispielsweise durch starke Lust- und Leiderlebnisse im Leben (individuelle und gesellschaftliche "Lebenskrisen", "Revolutionen"). Dadurch kann es auch zu inneren Neuumstellungen kommen, zu verbesserter Anpassung des eigenen Handelns an die sozialen Lebensbedingungen, in denen man lebt. (siehe auch Wiliam Sargant.)

Somit hat die altruistische Psyche des Menschen sowohl stark konservative wie stark wandlungsfreudige Elemente, was bei der Beurteilung im Einzelfall jeweils möglichst fein gegeneinander abgewogen werden muß. (Individuell-unterschiedliche genetische Komponenten sind bis zu diesem Punkt der Überlegungen noch unberücksichtigt geblieben.)

Familiär, patriotisch und religiös(-ästhetisch) motivierter Altruismus funktionieren eigentlich ideal nur dann, wenn irgendwelche äußeren Signale, Verstärker gegeben werden, die bestimmtes Verhalten als vorbildlich erscheinen lassen oder anderes als wenig vorbildlich. (Stichworte wären: "Public Relations-Industrie", "Umerziehung", "Bekehrung", "Geschichten-Erzählen" etc..)

Diese Signale schaffen eine innerpsychische Situation, durch die man stärker oder weniger stark das "Gegenseitigkeits-Prinzip" in sozialen Handlungen erlebt. Die menschliche Psyche wertet nicht nur, wie Signale auf sie selbst wirken, sondern auch, wie stark sich andere Menschen durch diese beeinflussen lassen, das heißt, wie sehr künftig Handeln auf der Grundlage des Gegenseitigkeits-Prinzips und dieser Signale in der sozialen Umwelt erwartet werden darf. (Hier geht es also um die "Isolationsangst" im Sinne von Elisabeth Noelle-Neumann's Klassiker "Schweigespirale".)

Sind diese Signale nicht oder weniger gegeben, besitzt der Mensch aber immer noch die Möglichkeit, ohne auf das Prinzip Gegenseitigkeit zu setzen, altruistisch zu sein:
"Das Prinzip der Schweigespirale eröffnet dem einzelnen oder kleinen Gruppen die Möglichkeit, die Schweigespirale zu durchbrechen, wenn sie Isolationsangst nicht kennen oder sie überwinden."
(Sinngemäß zitiert nach E. Noelle-Neumann's "Schweigespirale", in dem viele historische Beispiele zu dieser These analysiert werden - etwa das Leben von Jean-Jaques Rousseau.)

C. "Selbstverantwortlicher" Altruismus versus "kollektiver" Altruismus

Ein solches letzteres Verhalten wird eher in Gesellschaften ausgeprägt sein, die genetisch und kulturell die individuelle Freiheit und Verantwortung und nicht nur das "Kollektiv-Angepaßte" im Verhalten betonen und positiv werten. Also zum Beispiel heute eher in westlichen als in ostasiatischen Gesellschaften. Auch z.B. eher in Gesellschaften, in denen es mehr Menschen mit erblicher Neigung zu ADHS gibt, in denen es geschichtlich gesehen weniger "Selektion gegen rebellische Charaktere" gegeben hat (wie das der chinesische Humangenetiker Bruce Lahn unlängst für China in den letzten Jahrtausenden vermutet hat). Bei diesen Gesellschaften könnte es sich dann grundsätzlich auch um innovationsfreudigere Gesellschaften handeln, die dann jedoch partiell von anderen Gefahren bezüglich sozialem Zerfall und Untergang bedroht sind als Gesellschaften mit dem Typus "kollektiv-angepaßtem" Altruismus.

Familiärer, ethnischer oder religiöser/ideologischer Altruismus könnten widerspruchslos miteinander im Einklang stehen im Leben des einzelnen und der jeweiligen Gesellschaft. Es können aber auch einzelne dieser Prinzipien auf Kosten anderer besonders stark gelebt werden. Auf jeden Fall ist von der typischen Situation der "Mehrebenen-Selektion" ("Multi-Level-Selection") auszugehen. Das heißt, es gibt in jedem Fall überall direkte und indirekte "Fitneß-Anteile" am altruistischen Verhalten (Altruismus bezogen auf direkte Nachkommen [direkte Fitneß], bzw. letztlich bezogen auf näher oder ferner verwandte Nachkommen [indirekte Fitneß]).

In einer Gesellschaft, in der alle altruistisch sind (familiär, patriotisch und/oder religiös/philosophisch), fällt es dem einzelnen nicht schwer, selbst ebenfalls altruistisch zu sein. In einer Gesellschaft, in der dabei stark religiös oder Schönheits-motivierter "selbstverantwortlicher" Altruismus vorherrscht (etwa im antiken Griechenland), könnte es dabei auch mit Augenzwinkern leichter toleriert werden, wenn der eine oder andere an der einen oder anderen Stelle auch einmal ein bischen weniger altruistisch ist, als alle anderen Angehörigen der Gesellschaft. Da würde man dann "locker drüber stehen". Man wäre sehr "wohlwollend", "großzügig", "gutmütig", würde vielleicht nur darüber lachen. Ja, man würde ein weniger altruistisches Verhalten als das allgemein Vorherrschende vielleicht sogar eher nur mit Befremden und als eine Art "Kuriosum" ansehen.

Vielleicht sind das alles Kennzeichen der antik-griechischen Gesellschaft im Umgang mit Altruismus. Diese könnten in krasserem Gegensatz stehen zum Umgang mit Altruismus in monotheistisch geprägten (despotischeren oder monarchischeren) Gesellschaften. Schiller dichtete über das antike Griechenland in einer Zeit des Vorherrschens des Monotheismus: "Damals war nichts heilig als das Schöne ..." - gemeint: "das Schöne" auch in Bezug auf moralisches Handeln. Das Schöne ist gut und umgekehrt.

Herrscht jedoch in einer Gesellschaft der Typus des hier "kollektiv-angepaßt" genannten Altruismus vor, so wird dieser stabilisiert dadurch, daß alle Menschen gegenseitig (und/oder despotische, monarchiche Strukturen) viel stärker darauf achten, daß man selbst und auch die anderen sich gesellschaftlich "angepaßt", "korrekt" verhält, daß die gesellschaftlichen Spielregeln sehr rigide eingehalten werden. (Auch durch das allgegenwärtige gesellschaftliche "Third-party-punishment-Spiel", sowie durch den Monarchen/Diktator oder durch "Gott als dritten Bestrafer" - siehe spätere Beiträge dazu hier auf dem Blog.) Allen, denen ein solches "angepaßtes" Verhalten leicht fällt, fällt es auch leicht, "altruistisch" im Sinne einer solchen Gesellschaft zu sein. Die anderen, die "Rebellischen" werden in solchen Gesellschaften leicht als Egoisten oder schlimmer empfunden.

In beiden eben genannten Formen altruistischer Gesellschaften jedoch, in der die Menschen nur noch subjektiv, nicht mehr objektiv alturistisch sind (im Sinne von Familie, Ethnie, Religion, Fortschritt der Menschheit), in der also Formen von Heuchelei, Selbsttäuschung, Unwahrhaftigkeit vorherrschen, in der also die gesellschaftlichen Mentalitäten "erstarrt" sind, "verkrustet" sind, "ideologisch vernagelt", in denen mangelnde echte, das heißt objektive Innovations-Freudigkeit vorherrscht, hat der einzelne mit viel innerpsychischem Druck und Leid zu rechnen, wenn er sich darum bemüht, auf bestimmten Gebieten dennoch "objektiv altruistisch" zu handeln, also ausgerichtet auf die langfristige (und nicht nur kurzfristige) Wohlfahrt, das Gedeihen der Gesellschaft, in der er lebt. Ausgerichtet also auf innere Wahrhaftigkeit. Denn er tut dies ja dann im Gegensatz zu den vorherrschenden Mentalitäten. (Die vorausgesetzte These bei letztgenanntem Ausgerichtetsein auf "Wahrhaftigkeit" ist: "das objektiv Wahre ist auch gut", bzw. langfristig evolutionär angepaßt.)

D. Weltgeschichtliche Entwicklungen mit Bezug zu menschlichem Altruismus

Es sind weltgeschichtliche Epochen denkbar, in denen weltweit die menschlichen Stämme und Völker jeweils weitgehend im Einklang mit ihrer eigenen Gruppenmoral gelebt haben. Das menschliche Handeln könnte zu jenen Zeiten viel stärker von einer einheitlichen Gruppenmoral, Stammesmoral geprägt gewesen sein, als dies heute - zumindest in westlichen Gesellschaften - der Fall ist. Noch im 19. Jahrhundert wird man ähnliches auch von den europäischen Völkern sagen können, in denen die gesellschaftliche Moral durch eine Form vorherrschender Religiosität (Christentum) stabilisiert und vereinheitlicht worden war. Das trug auch zur Stabilität aller familiären und sonstigen gesellschaftlichen Verhältnisse bei. (Nur wurde es oft eben von den gesellschaftlich fortschrittlichen Kräften nicht mehr als "wahrhaftig" empfunden.)

Eine solche Situation kann leicht zur Stagnation, zum Stillstand in der Weltgeschichte führen, wenn auch die fortschrittlichen Kräfte zu Hedonisten werden und sich anfangen, über ihren eigenen Altruismus zu täuschen. Denn psychische Zufriedenheit aufgrund ausreichender gegenseitiger moralischer Anerkennung innerhalb der eigenen Gruppe fördert nicht gerade die Innovationsfreudigkeit innerhalb einer Gruppe, fördert nicht gerade die kulturelle Weiterentwicklung hin zu komplexeren Gesellschaften, hin zu einer fortgeschritteneren, humaneren Form der menschlichen Kultur. Dies schafft erst die unbewußtere oder bewußtere "Unruhe", die "Unzufriedenheit" mit den vorherrschenden privaten oder gesellschaftlichen Zuständen und Verhältnissen.

Und letztere kommt wahrscheinlich weltgeschichtlich vor allem durch biologische und kulturelle Überlagerungen zustande, wie sie - im Prinzip - schon G.F.W. Hegel und Karl Marx beschrieben haben. Gegensätzliche Prinzipien, kulturelle und genetische Mentalitäten und Interessen (etwa solche gegensätzlichen wie oben genannt) stoßen weltgeschichtlich aufeinander und aus der beidseitigen "Entfremdung", "Verfremdung" der jeweils früher vorherrschenden Gruppenmoral, an die sie auch genetisch angepaßt gewesen sein mögen, - aus dieser psychischen und kulturellen "Krise" heraus erfolgt möglicherweise ein weltgeschichtlich starker Antrieb zum Schaffen von kulturell und zivilisatorisch Neuem, besonders dann in den bekannten Hochkulturen der Menschheit während der sogenannten "Achsenzeit". Es wird ja oft die These vertreten, daß diese Hochkulturen entstanden sind durch den weltgeschichtlich vielgestaltigen Zusammenprall und die gegenseitige Überlagerung von seßhaften, städtischen Kulturen durch stärker nomadisch geprägte Kulturen und umgekehrt. Dies geschah natürlich nicht nur in der "Achsenzeit", sondern auch davor und danach (seit etwa 10.000 v. Ztr bis heute).

E. Der Altruismus von "Kulturheroen" in arbeitsteiligen Gesellschaften

In solchen Situationen also würde erst "wahrer", echter Altruismus ins Leben treten, Altruismus also, in dem die innerpsychische oder äußerliche Gegenseitigkeits-Komponente immer geringer wird, in dem auf das Wohlwollen und die Bestätigung durch die Gemeinschaft zeitweise oder auf immer verzichtet wird. Die großen Altruisten der Menschheitsgeschichte haben ohne nach "Anerkennung" und "Dank" zu fragen, ja, oftmals unter dem größten Schwall von "Undank", "Mißachtung" und Mißverständnis, ja, Verleumdung, Verachtung ihr altruistisches Leben für die Familie, für die Ethnie, für "höhere menschliche Zwecke" (für die Religion, für den Fortschritt, für die Kunst, die Philosophie, die Wissenschaft) gelebt. Sie lebten oft unerkannt wie Odysseus im eigenen Haus mit den lärmenden "Freiern" zusammen, die niemals Besonderes geleistet hatten im Leben, und denen das "Haus der Kultur" - letztlich - gar nicht gehört. Denn dazu lärmen sie zu viel.

Große "Kulturheroen" der Menschheit - Prometheus, Herkules, Atlas, Buddha, Jesus, Nikolaus Kopernikus, Michelangelo, Giordano Bruno, Ludwig van Beethoven usw. - sind alle im wesentlichen Einzelgänger, "Einzelkämpfer", haben ihre kulturellen Leistungen größtenteils im Gegensatz zu den zu ihrer Zeit vorherrschenden gesellschaftlichen Meinungen erbracht. Gilt dies nicht auch für den chinesischen Philosophen Laotse? Sie kannten also keine oder weniger "Isolationsangst" (E. Noelle-Neumann), bzw. überwanden sie. Hier spielt auch die außerweltliche und innerweltliche Askese eine Rolle. Mönche wohnen gemeinsam, um die "außerweltliche Askese" nicht mehr in der Einsamkeit, sondern in gegenseitiger (!) Bestärkung gemeinsam zu leben. Genauso auch die "innerweltliche Askese" des Protestantismus. Durch rigide Sozialmoral der frühneuzeitlichen Gesellschaften (Abendmahls-Ausschluß) wurde sicher gestellt, daß diese Form der Askese auf der Grundlage der Gegenseitigkeit gelebt werden konnte, was den Menschen im allgemeinen viel leichter fällt, als wenn Gegenseitigkeit auf dem Gebiet der Askese gesellschaftlich nicht vorherrscht.

Aber natürlich haben die "Kulturheroen" des Protestantismus - Martin Luther und so viele andere - ebenfalls ihre Kulturleistungen zunächst einmal im Gegensatz zu gesellschaftlich vorherrschenden Meinungen erbracht ("Mönchlein, Mönchlein, du gehst einen schweren Gang," raunte der Ritter Sickingen dem Mönch Luther auf dem Reichstag zu Worms zu, auf dem letzterer hinwiederum als der große einsame Bekenner ausrief: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen!", wodurch er damals ein ganzes Volk, das ganze Abendland in Erschütterung versetzte).

Solche Menschen also vor allem hat man schon immer als die "großen", die "wahren", die "echten", die "vorbildlichen" Altruisten angesprochen. Das ist auch der Grund, weshalb sie besonders verehrt werden, man ihre Leidensfähigkeit als besonders vorbildlich erachtet, weshalb ihnen - vor allen Menschen sichtbar - Denkmäler errichtet werden. Diese Denkmäler sind "Signale", die günstigstenfalls zur moralischen Stabilität in einer Gesellschaft beitragen. Durch allgemeine gesellschaftliche Anerkennung eines "Kulturheroen" wird nämlich zugleich wieder das soziale, gesellschaftliche Handeln nach dem Gegenseitigkeits-Prinzip gestärkt, stabilsiert, es wird größere gesellschaftliche Übereinkunft erzielt dahingehend, was "gutes" Verhalten ist. Es wird größere Konformität, Übereinkunft in sozialen Fragen erzeugt, soziale Reibungsverluste werden verringert. Diese "Kulturheroen" haben also eine soziale Neuanpassung von Gesellschaften bewirkt, haben die Innovationsfreudigkeit und -fähigkeit von Gesellschaften bewahrt.

Auf diese und andere Weisen lassen sich also zunächst einmal rein "qualitativ" kontinuierliche Übergänge beschreiben zwischen einem Handeln und Erleben nach dem Prinzip der Gegenseitigkeit hin zu einem Handeln und Erleben nach Prinzipien von "echtem" ("echterem") Altruismus.Die Forschung hat zur evolutionären Erklärung des letztgenannten Altruismus in den letzten Jahren vor allem wieder den ethnischen/patriotischen/religiösen Altruismus in den Vordergrund gestellt, der aufgrund von "Gruppenselektion" evoluiert sein soll. (Siehe Kategorie "Gruppenselektion" hier auf dem Blog.)

Hier auf dem Blog soll aber nach und nach weiter die Frage verfolgt werden, ob nicht auch das Prinzip "arbeitsteilige Gliederung der Gesellschaft", "berufliche (oder ehrenamtliche) Spezialisierung" die evolutionäre Erklärung des Altruismus von Kulturheroen und ihren Nacheiferern - in besonderen Zeiten des Lebens und im Alltag - erleichtern kann (- Also die evolutionäre Erklärung ihres "commitment", ihres beruflichen und "ehrenamtlichen" Verantwortungsgefühls.)

Donnerstag, 29. November 2007

Europäisch-Stämmige im Nordosten Chinas um 500 v. Ztr.

Im Jahr 2000 veröffentlichten chinesische Forscher (Wang et. al.) eine Studie, die hier auf dem Blog schon einmal kurz erwähnt worden war. Sie untersuchten die DNA-Reste in archäologisch gefundenen Knochen aus der Zeit um 500 v. Ztr. aus Linzi, gelegen in der nordöstlichen, am chinesischen Meer liegenden Provinz Shandong. Und sie fanden in diesen DNA-Resten Gensequenzen, die typischer waren für europäische als für ostasiatische Bevölkerungen. Bei der Provinz Shandong handelt es sich übrigens um jene, aus der zum Beispiel der chinesische Philosoph Konfuzius stammt (nach der Legende). Diese Provinz spielte auch in der Zeit der "Kriegerische Reiche" eine Rolle und war eine der ersten, die eine Mauer zum Schutz gegen Invasoren aus anderen Provinzen errichtete.

Die Gültigkeit der aufsehenerregenden Ergebnisse dieser Studie ist aber von einer anderen chinesischen Gruppe unter Einschluß des deutschen Humangenetikers H. J. Bandelt 2002 infrage gestellt worden. (Literatur siehe auch mein Buchprojekt)

In "Human Nature", August 2006, ist aber nun unter dem Titel "Reanalysis of Eurasian Population History: Ancient DNA Evidence of Population Affinities" diese Frage erneut aufgerollt worden von zwei amerikanischen Forschern.

Inzwischen scheint wenigstens diesen Forschern auch die umfangreiche Präsenz des Fernhandels-Volkes der Sogder im chinesischen Reich um 500 n. Ztr. bewußter geworden zu sein. Über diese ist hier auf dem Blog ja schon umfangreich berichtet worden. Die Heimat der Sogder waren die damals reichen Städte und Fürstentümer im heutigen südlichen Afghanistan (Baktrien, Sogdiana und andere Gebiete). Die Sogder waren eines der Völker, das als letztes in das persische Weltreich "integriert" worden war, das auch an den Perserkriegen gegen das demokratische Griechenland teilnahm, und aus dem später Alexander der Große auf seinem Zug seine Frau Roxane, eine sogdische Prinzessin heiratete. Das Wissen um die Präsenz angesehener sogdischer Kaufleute, Schauspieler, Tänzer und Musiker im chinesischen Reich genauso auch wie das Wissen um die europäisch-aussehenden Wüstenmumien seit 2000 v. Ztr. im Tarimbecken (siehe derzeitige Ausstellung "Ursprünge der Seidenstraße" in Berlin) macht natürlich auch eine um Jahrhunderte früher gelegene Präsenz von (anderen?) europäisch-stämmigen Völkern im nördlichen China plausibler, also eine solche, wie sie in der ersten genannten Linzi-Studie postuliert worden war.

Und so schreiben die amerikanischen Genetiker auch gleich schon interdisziplinär informierter als die früheren Studien zu diesem Thema in der Einleitung (S. 414):
"(...) More highly attested are the Sogdians, sedentary Iranians of the Transoxus region. Further east, in present-day Xinjiang, there were possibly Indo-European peoples such as the Tokharians (a group of Indo-European speakers attested with recorded documents) and the peoples represented by the various mummified remains from the region in the second millennium b.c. through the first few centuries a.d. Along with these peoples there are of course many others of whom we know very little or nothing in this period (e.g., Ob-Ugrians)."
Die Skythen und die Chinesen

Hermann Parzinger sagt übrigens, wie ich gerade noch einmal in seinem spannenden Buch (1) nachgelesen habe, daß (auch) die Kultur der Skythen in Auseinandersetzung mit der chinesischen Kultur entstanden sei (1, S. 35ff):
"Wie kommt es dazu, daß beispielsweise der für sämtliche Gruppen mit 'skythischer' Sachkultur nahezu gleichermaßen charakteristische Tierstil zunächst in Südsibirien entsteht und sich erst später durch den eurasischen Steppengürtel nach Westen bis in die Schwarzmeerregion und darüber hinaus ausbreitet? (...) Schon der bekannte Heidelberger Zentralasienforscher Karl Jettmar dachte dabei in seiner fundamentalen Untersuchung über die Steppenkulturen an China. Sicher nicht mit Unrecht verglich er frühskythische Rolltierplaketten vom Pferdegeschirr, wie sie unter anderem auch aus dem Kurgan Arzan 1 vorliegen, mit in ähnlicher Weise kreisförmig angeordneten Tierbildern auf Plattenknebeln der Westlichen Zhou-Dynastie (1027 - 771 v. Chr.). (...) Es ist somit kaum zu übersehen, daß die nördlichen Teile des heutigen chinesischen Staatsgebietes bei der Herausbildung des frühen skytho-sibirischen Tierstils eine entscheidende Rolle spielten."
(Anmerkung: "Kurgan" ist ein Hügelgrab. Diese sind in Osteuropa und in Asien oft noch viel größer als man sie etwa aus der Lüneburger Heide kennt.)

Die skythische Kultur, die - wie heute gut bekannt ist - zu großen Teilen getragen ist von Menschen anthropologisch europäischer Herkunft, breitete sich von ihrem Kerngebiet des Altai-Gebirges aus weit in den Westen aus und brachte somit Anregungen, die sie von der chinesischen Kultur erhalten hatte, nach Europa. Es wird somit kaum weniger plausibel erscheinen, daß sich auch Völkergruppen dieses Menschentypes in ähnlicher Zeit in China selbst angesiedelt haben könnten.

Ein stolzer Skythe sagte übrigens einmal zu einem Griechen: "Lieber noch als der Gesang zu eurer Harfe ist mir das Wiehern meines Rosses." Sie waren das steppenbeherrschende Volk, reich an Goldschmiede-Handwerk, das jedoch schon zeitlich vor den antiken Griechen etwa um 200 n. Ztr. untergegangen ist, unterworfen von den Sarmaten.

Geschichte und Kultur des nördlichen China
- in archäologisch erforschten Zeiten sehr unterschiedlich zu den historisch bekannten?


Die amerikanischen Forscher der neuen genetische Studie rollen nun aber sogar die Indogermanen-Frage auf und die Frage früher Kulturkontakte zwischen Indogermanen und Chinesen - ungeheuer spannend (S. 416):
"The connections of these eastern peoples of the putative Indo-European family farther east, such as into China, is subject to much scholarly debate, although there is some evidence of Indo-European loan words in Old Chinese as well as cultural and technological changes in northern China in the 3rd and 2nd millennia b.c. (Pulleyblank 1996; Kuzmina 1998; Beckwith 2002; Di Cosmo 2002). Certainly, sites such as Zhukaigou (roughly 2000 b.c.; Linduff 1995) and Linzi (Liangchun site, roughly 500 b.c.; Wang et al. 2000) in northern China as well as mummies of the eastern Tarim basin suggest that the history of the region, both culturally and biologically, may be quite different from what it is today or even in known historical times. These differences may indicate alterations in the biological and cultural makeup of the region occurring as early as the Bronze Age or late Neolithic and possibly even earlier."
Also übersetzt: Archäologische Funde legen nahe, "... daß die Geschichte des nördlichen China sowohl kulturell wie biologisch sehr unterschiedlich gewesen sein könnte gegenüber dem, was wir heute dort vorfinden und sogar von dem, was wir aus historischen Zeiten kennen."

Ergebnisse der neuen Studie

Die Forscher haben nun einen sehr großen Datenbestand von Gensequenzen, der viele heutige Bevölkerungen Eurasiens repräsentiert, statistisch ausgewertet und mit den Gen-Sequenzen von Linzi 500 v. Ztr. und ähnlichen Sequenzen von einem archäologischen Ort in der Mongolei (Egyin Gol) etwa um 0 v. Ztr. verglichen. (S. 418ff)

Von allen am ähnlichsten zu den Gensequenzen von Linzi 500 v. Ztr. waren nach Tabelle 2 die Ungarn, auf sie folgen: Armenier, Katalanen, Slowaken, Basken, Isländer, Marokkaner, Mari, Slowakische Roma ("RomaS"), Georgier, Kuman, Deutsche, Moksha. Und dann mit deutlich größerem Abstand: Saamen, Bulgarische Roma ("RomaB"), Egyin Gol, Biaka, eine weitere slowakische Romagruppe ("Roma2S"). Die Forscher schreiben nun dazu (S. 425f):
"The Linzi and Egyin Gol data were compared to European populations. The results from these runs are shown in Table 2. (...) What is important is to see the general relative order: that certain populations are near the top, others are in the middle, and still others are at the bottom.
We can see several interesting things in Table 2. First, the Linzi material seems to be closer to the European populations than to the Egyin Gol individuals, except for the RomaS sample. However, the calculated distances between ancient populations seem to be consistently greater than those between modern populations or between modern and ancient populations, perhaps reflecting increases in modern population sizes and/or gene flow. (...) Another possible explanation is that there was nonrandom fission (such as along familial or clan lines) in ancient populations in contrast to the larger social units of modern populations, which are less dependent on familial relationships."
Das würde also heißen, daß in diesen früheren Stämmen, die nicht so große Bevölkerungszahlen aufwiesen, auch noch stärkere Endogamie vorherrschte als in heutigen größeren Völkern, wodurch diese größeren genetischen Abstände untereinander zustande gekommen sein könnten. Ein eher beiläufig zustande gekommenes Forschungsergebnis, das weitere, allgemeinere Implikationen für das Verständnis der Populationsgenetik früher Völker haben könnte! Dem sollte von der Forschung näher nachgegangen werden. - Waren sich die Menschen in Völkern früherer Jahrtausende untereinander genetisch ähnlicher und die Unterschiede zu anderen Völkern größer als heute? Das sollte dann Altruismus gegenüber dem eigenen Volk erleichtern und den "ethnischen Zusammenhalt", das ethnische Zusammengehörigkeitsgefühl (Stichwort: "Verwandten-Erkennung") verstärken. Die Forscher schreiben jedenfalls weiter:
"We can also see in Table 2 that the Egyin Gol samples do have some affinity with the Bulgarian Roma and the Moroccans; however, this is only relative within the European populations, as we will see later. We note that the Icelanders are near the top of the Linzi list [as Wang et al. (2000) suggested], but several populations are closer, including the Hungarians at the top."
Auf der Tabelle 3 werden die alten Sequenzen mit modernen Gen-Sequenzen von Süd- und Südwestasien verglichen, wobei man zu ähnlichen Ergebnissen kommt. Die größte Ähnlichkeit weist die Linzi-Gruppe auf mit: Türkei, Iran, Kaschmir, Irak etc. und wieder fast am Ende der Liste befindet sich Egyin Gol. Die Forscher schreiben dazu unter anderem:
"There is a definite difference between the two ancient populations in the ordering of this table. The Egyin Gol list has the populations of India mostly at the top (save maybe for Uttar Pradesh, which is still in the top half) with the Pakistani populations and the Tunisians. (...) The populations of the Near East (Iranians, Iraqis, Kurds, and Turks) are all at the bottom. In the Linzi list we see the opposite trend, with the populations of the Near East mainly at the top."
Und in der Tabelle 5 wird die Gesamtauswertung gegeben unter Einschluß der heutigen asiatischen Sequenzen. Hier steht wieder Ungarn an erster Stelle, gefolgt von Türkei, Iranern, Armeniern, Katalanen etc.. (Daß Vietnam in dieser Liste an vierter Stelle steht, wissen die Forscher nicht näher zu erklären, es ist auf jeden Fall ein "Ausreißer" aus dem allgemeinen Trend.) Zu dieser Liste schreiben die Forscher nun:
"What is clear is that the Linzi material does have an affinity to the West, most highly to the groups mentioned. The East Asians that made the list are generally toward the bottom. (...) It has been noted that Near Eastern Turks actually bear more affinity with Europeans and Near Easterners than with their linguistic cousins in Central Asia and that the Turks came to dominate Turkey through an elite dominance process, meaning that the effect on maternal heritage should be minimal (Comas et al. 1996, 1998). Thus we may be able to include them with the Iranians and other Near Easterners, who bear a close affinity with Linzi, although the relatively high distance between the ancient Linzi sample and Central Asian Turks may actually be from more recent East Asian admixture. (...)
The other highaffinity groups, mostly from Eastern Europe in the Slovakians and Hungarians, may be related either directly or through the indirect process of east-west settlement in Central Eurasia that has been occurring in Eastern Europe for at least the past several thousand years, beginning possibly with the Indo-Europeans and definitely by the time of the Iranian Scythians and Sarmatians."

"The Egyin Gol list (...). The top matches are all the same ones from the East Asia regional table."
Im Diskussions-Teil schreiben die Forscher:
"The Linzi population was quite possibly related to the Karsuk or Saka (putative Iranian groups who fit temporally and spatially) or also more distantly to the Andronovo, Afanasievo, Scythians, Sarmatians, or even the Sogdians. The Karsuk and Saka are the most likely, given their existence in the first millennium b.c. in the central and possibly eastern parts of Central Eurasia, although these ethonyms are a little ambiguous and precise connections are not really possible.
However, Harmatta (1992) argued that early Iranian groups were spread across Central Eurasia from Eastern Europe to north China in the first millennium b.c., and Askarov (1992) pointed out the existence of cist kurgan burials (with ‘‘Europoid’’ remains bearing some ‘‘Mongoloid’’ admixture, they suggest) in northwestern Mongolia in the same millennium.
Although speculative, this line of reasoning fits in with other lines of evidence from archeology and linguistics for the aforementioned changes in Chinese Bronze Age culture—the loan words in Old Chinese (Pulleyblank 1996; Kuzmina 1998; Beckwith 2002; Di Cosmo 2002) and possibly sites such as Zhukaigou and the Qijia culture Linduff 1995)—as well as evidence of Iranians on the steppe and possibly the Altai region at that time."
Zu der Kritik von 2003 wird unter anderem ausgeführt, daß sie etwas gar zu besorgt kritisch vorgegangen wäre und dabei Erkenntnisquellen zurückgewiesen hätte (aufgrund zu kurzer Gensequenz-Längen), die aber doch Erkenntnisse bergen würden. (S. 435) Im Großen und Ganzen bestätigt, bekräftigt und präzsiert also diese neue Studie die ursprünglichen Ergebnisse aus dem Jahr 2000: Um 500 v. Ztr. lebte eine für diese Region heute ganz ungewöhnliche Bevölkerungsgruppe in der Provinz Shandong, die mehr genetische Verwandtschaft mit heutigen europäischen als mit heutigen asiatischen Bevölkerungsgruppen aufweist.
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1. Parzinger, Hermann: Die Skythen. C.H. Beck, München 2004

Mittwoch, 28. November 2007

Mukoviszidose - ein "Gründereffekt" bei nordamerikanischen Ureinwohnern

In diesem Beitrag nur ein kleines Detail aus der Forschung. Schon im Januar haben wir eine typisch (nord-)europäische Erbkrankheit behandelt, die Mukoviszidose (Zystische Fibrose). (Studium generale) Sie ist die häufigste europäische Erbkrankheit. Sie ist deshalb interessant, weil sie offenbar erst einige zehntausend Jahre alt ist und lokal unterschiedlich auf der Erde evoluiert ist. Literatur darüber ist auch schon zusammengestellt und gesichtet (s. mein Buchprojekt).

In dem Artikel "Cystic Fibrosis Gene Variability in Two Southern Brazilian Amerindian Populations", erschienen in "Human Biology" im Februar 2007, wird einmal aufs Neue aufgezeigt , welche Fülle an Erkenntnissen bezüglich "lokaler Humanevolution" die Untersuchung der genetischen Geschichte nur einer einzigen solchen Erbkranheit mit sich bringen kann. Die Studie kommt nur zu dem negativen Ergebnis, daß europäische Mukoviszidose-Gene in drei südamerikanischen Ureinwohner-Völkern, die bisher weitgehend unvermischt gelebt haben, nicht zu finden sind.

Aber es es wird darin auch viel vorherige Forschungsliteratur referiert. Davon soll hier einiges angeführt werden. Denn es ist spannend zu sehen, wie Mukoviszidose-Fälle bei dem nordamerikanischen Ureinwohner-Stamm der Zuni schlüssig auf Vermischung mit Südeuropäern, mit Spaniern (um das Jahr 1890 herum) zurückgeführt werden kann. Die damals eingegangen Mischehe(n) von Spaniern und Zuni müssen in diesem Stamm besonders viele Nachkommen gehabt haben:
Cystic fibrosis (CF) is an autosomal recessive disorder with an incidence of about 1/2,500 live births in European and other European-descended populations; this incidence corresponds to a carrier frequency of about 1/25 (Welsh et al. 1995). In European Brazilians the incidence is estimated as 1/7,500, whereas in African Brazilians this incidence is approximately 1/15,300 (Raskin et al. 2007b).

(...) the incidence of CF in Amerindians, it has been assumed that the incidence may be similar to or less than those of other non-European groups, that is, 1/15,300 live births for blacks (Hamosh et al. 1998) and 1:90,000 for Hawaiians (Wright and Morton 1968). On the other hand, high frequencies of CF have been detected in a few North American Amerindian populations (Grebe et al. 1992; Mercier et al. 1994; Kessler et al. 1996). Grebe et al. (1992) showed that CF occurs among southwestern Native American Pueblo populations and especially in the geographically isolated community of Zuni, in New Mexico, with an incidence of 1/3,970 in the Pueblo and 1/1,347 in the Zuni, although in the Navajo the incidence may be as low as 1/186,000. Based on the direct analysis of the R1162X mutation, Kessler et al. (1996) estimated the CF incidence in the Zuni to be 1 in 333, with a carrier frequency of the R1162X mutation of 6.7%. They suggested that these high frequencies could be secondary to founder effects. However, Mercier et al. (1994), using both intra- and extragenic CFTR markers, showed that all these 11 CFTR R1162X mutations occurred in a single haplotype, the same one found in southern European CF patients with that mutation, suggesting that the high frequencies were most probably a result of admixture with Spanish settlers (around 1890), followed by genetic drift. Mercier et al. (1994) stated that if one assumes a frequency of 0.02 for mutant CFTR alleles in the general population and a European population average frequency of 0.7 for the ∆F508 mutation among the mutant alleles (CFGAC 2007), then the total population frequency for all the remaining CFTR mutations would be 0.006. Therefore, in the case of the absence of the ∆F508 mutation (as we found in this sample of Brazilian Amerindians), if no other mutation reaches its unusual high frequency, CF would be expected to occur at a frequency of only about 1 in 30,000 live-born. The previous estimate suggests that CF may be relatively rare in Amerindians, and according to Mercier et al. (1994), it supports the theory of random drift of the major mutation (Gerdes and Murphy 1985; CFGAC 2007).

Dienstag, 27. November 2007

„Die Zusammensetzung der Bevölkerung Deutschlands hinsichtlich der genetischen Abstammung“

Vor wenigen Wochen berichteten wir über die Buchneuerscheinung "Das Werden der Völker in Europa", ein Buch, in dem auch neueste genetische Forschungen in der Darstellung mitberücksichtigt wurden. (Stud. gen.) Nun hat sich erfreulicherweise auch "Bild am Sonntag" dieses Themas angenommen und schreibt:
Noch schlummert die Studie mit dem sachlichen Titel „Die Zusammensetzung der Bevölkerung Deutschlands hinsichtlich der genetischen Abstammung“ hinter verschlossenen Türen des Schweizer Unternehmens Igenea in Zürich.

Ein Jahr lang haben die Diplombiologin Joëlle Apter und die stellvertretende Geschäftsführerin der Firma, Inma Pazos, 19 457 Genanalysen von Deutschen verglichen. Das Ergebnis ihrer Arbeit ist sensationell: Deutsche Frauen sind wesentlich häufiger germanischer Abstammung als deutsche Männer, und ein Zehntel der Deutschen hat jüdische Vorfahren.

Inma Pazos: „Die moderne Genetik führt den Rassismus ad absurdum. Denn alle Genanalysen beweisen ohne jeden Zweifel, dass jeder Mensch unzählig viele Wurzeln hat, weil die Urvölker über Jahrtausende gewandert sind. In jedem Menschen steckt ein Mischmasch. Hätten wir Genmaterial von Adolf Hitler, könnten wir unter Umständen nachweisen, dass auch Juden zu seinen Vorfahren gehört haben. Die Wahrscheinlichkeit beträgt zehn Prozent.“

Die wichtigsten Resultate der Schweizer Studie über die Abstammung der Deutschen:

• Nur sechs Prozent aller Deutschen sind väterlicherseits germanischen Ursprungs.

• Mehr als 30 Prozent der Deutschen stammen von Osteuropäern ab.

• Ein Zehntel der Deutschen hat jüdische Wurzeln.

Um die Abstammung eines Menschen zu klären, müssen die väterlichen und die mütterlichen Linien analysiert werden, was mittels einer Speichelprobe wie bei einem Vaterschaftstest möglich ist.

Bei der Erforschung der väterlichen Linien der Deutschen kam heraus: 45 Prozent gehören zur Haplogruppe – dieser Begriff bezeichnet in der Expertensprache einen großen Ast des menschlichen Stammbaums – R1b, die ursprünglich aus Sibirien stammt. Sie ist die größte in Europa. 25 Prozent entstammen der Haplogruppe 1, Skythen und Wikinger. Sie ist etwa 20 000 Jahre alt und wanderte vom Norden in den Süden, wird auch „Wikingerstamm“ genannt.

15 Prozent der Deutschen gehören zur Haplogruppe R1a, die Wikinger und Slawen umfasst. Sie ist vor 30 000 Jahren in Nordasien entstanden und heute vor allem in England und Osteuropa verbreitet. „Hebräischer Stamm“ heißt die Haplogruppe J, da ihr 40 Prozent aller Juden angehört. In Deutschland ist sie mit zehn Prozent vertreten. Die Haplogruppe E3b mit nur fünf Prozent Anteil an der deutschen Bevölkerung hat phönizische Wurzeln.

Auf den ersten Blick widersprüchlich erscheint das Ergebnis der Untersuchung der mütterlichen Linien anhand der „mitochondrialen DNA“, die nur von Frauen vererbt wird. 50 Prozent der Deutschen haben nach der Schweizer Studie mütterlicherseits eine germanische Abstammung, doch väterlicherseits nur sechs Prozent.

Die Deutung der beiden Wissenschaftlerinnen: Die kürzere Lebenszeit und die höhere Sterblichkeit unserer Vorväter zum Beispiel durch Kriege habe dazu geführt, dass sich die germanische Abstammung im ehemaligen Germanien so deutlich reduziert hat.

Unwissenschaftlich ausgedrückt: Deutsche Frauen sind deutscher als deutsche Männer.

Die Tatsache, dass ein Zehntel der Deutschen jüdische Wurzeln hat, kommentiert Professor Dr. Salomon Korn (64), Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, so: „Die Geschichte der Juden in Deutschland ist über 1700 Jahre alt – und damit älter als die vieler während der Völkerwanderung zugewanderter Stämme.“

Bis zum ersten Kreuzzug 1096 und nach der Emanzipation der Juden im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert habe es Mischehen zwischen Juden und Christen gegeben. Berücksichtige man die Generationenfolge seit dieser Zeit, „dann ist es nicht mehr verwunderlich, dass zehn Prozent der Deutschen Juden als Vorfahren haben“, so Korn zu BILD am SONNTAG.

Ahnenforschung mithilfe einer Genanalyse ist vor allem in den USA ein weit verbreitetes Hobby. Auf diese Weise kam 172 Jahre nach dem Tod des dritten US-Präsidenten Thomas Jefferson (1743–1826) heraus, dass der Verfasser der Unabhängigkeitserklärung mit der schwarzen Sklavin Sally Hemings mindestens ein Kind gezeugt hat. Die Schauspielerin Whoopi Goldberg konnte klären, dass ihre Vorfahren zum Volk der Papel in Guinea-Bissau gehörten.

Da alle Menschen auf der Welt von einer Urmutter Eva und einem Urvater Adam abstammen, die vor etwa 200 000 Jahren in Ostafrika lebten, ist unsere DNA (Desoxyribonukleinsäure, die Trägerin der Erbinformationen) zu 99,9 Prozent absolut identisch. Vor etwa 100 000 Jahren begannen die Nachfahren Adams und Evas ihren langen Marsch „out of Africa“.

Nur ein Zehntelprozent der DNA, entstanden durch Veränderungen beim Kopieren des Erbguts über Jahrtausende hinweg, bestimmt, ob ein Mensch groß oder klein, schwarz oder weiß, blond oder braun ist.

Diese Mutationen erlauben es den Genetikern, für jeden einzelnen Menschen festzustellen, woher seine Vorfahren stammen.

Das Schweizer Unternehmen Igenea hat sich auf individuelle Herkunftsanalysen per Speichelprobe spezialisiert. Eine Analyse der väterlichen Linie kostet 105, die der mütterlichen 120 Euro.

„Wir gehen nur bis zu 40 Generationen, also 800 bis 1000 Jahre zurück“, erläutert Igenea-Managerin Inma Pazos, „ginge man weiter zurück, gäbe es zu viele Kopierfehler, die das Ergebnis verfälschen würden.“
"Deutsche Frauen sind" (genetisch) "deutscher als deutsche Männer," ist eine ganz unsinnige These - auch vom wissenschaftlichen Standpunkt. Man könnte das höchstens von den X- und y-Chromosomen behaupten. Aber alle anderen Chromosomen und die dort verschalteten Erbmerkmale sind in der statistischen Häufigkeit, soweit wir wissen, durch die Rekombination in jeder neuen Generation gleich auf Männer und Frauen verteilt worden. Deutsche Frauen sind also vom genetischen Standpunkt aus keineswegs "deutscher" als deutsche Männer. Es könnte höchstens sein, daß wir in der männlichen Linie von weniger "Deutschen" abstammen als in der weiblichen Linie - was etwas ganz anderes ist und im Grunde nur eine historische Aussage, die dann aber auch die Historiker sehr interessieren könnte. (Wenn sie denn überhaupt stimmen sollte.)

Daß sich der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland zu den Ergebnissen einer Studie äußert, die noch nicht veröffentlicht und von Wissenschaftlern diskutiert und bewertet worden ist, scheint mir auch ein Novum zu sein. Hätte er da nicht Gelegenheit, sich zu zahlreichen anderen Forschungsergebnissen, über die sich die Forschung schon einigermaßen einig ist, zu äußern?

Genauso wenig könnte man sagen, daß (aschkenasisch-)jüdische Männer "jüdischer" sind als jüdische Frauen, nur weil ihre y-Chromosome möglicherweise statistisch mehr Gensequenzen aufweisen, die typisch sind für den Vorderen Orient als das für die X-Chromosome der jüdischen Frauen gilt. Allerdings ist es kennzeichnend, daß die Frauen in der jüdischen Religion eine ganz andere Bedeutung haben als die Männer. Für sie gab es noch nie die Pflicht, regelmäßig in die Synagoge zu gehen oder anderes mehr.

Interessant ist, daß man Vorsitzende anderer großer Religionsgemeinschaften oder von Atheisten in Deutschland zu solchen Themen kaum sinnvoll wird befragen könnte, denn der Zusammenhang zwischen Religiosität und genetischer Kontinuität ist in keiner heutigen Religion oder Weltanschauung so ausgeprägt wie bei der jüdischen. Deshalb gibt es wahrscheinlich auch so verhältnismäßig viele jüdische Humangenetiker und an dieser Thematik interessierte populärwissenschaftlich schreibende Menschen, die sich - wie sie selbst sagen natürlich auch aus religiösen und patriotischen Gründen für die Humangenetik interessieren.

Schon bei der Veröffentlichung der Studie zur Evolution des aschkenasischen Intelligenzquotienten im Jahr 2005 waren deshalb viele führende Vertreter des Judentums bereit, sich zu diesen Themen zu äußern, da - offenbar - bei diesen Interesse für diese Themen vorhanden ist.

Spannend nun, daß die Ergebnisse einiger genetischer Forschungen zur Geschichte des aschkenasischen Judentums, nämlich daß dieses zur höheren Anteilen von deutschen Frauen abstammen könnte, hier nun in umgekehrter Weise scheint gedeutet zu werden: Die Juden leben (möglicherweise) schon länger am Rhein als die zugewanderten germanischen Frauen, deren genetisches Material damals - möglicherweise - in den jüdischen Genpool mit hinein gekommen ist. Wie da diese neue Studie die Daten interpretiert, ist mir noch nicht ganz klar. Wie unterscheidet man zum Beispiel typisch phönizische von typisch jüdischen Gensequenzen???

Und das gilt auch für die anderen hier genannten Vorfahrengruppen. Bei solchen Studie und der Interpretation ihrer Ergebnisse kommt alles darauf an, wie die Definition der jeweiligen Haplogruppen zustande gekommen ist und ob sie jeweils schlüssig ist. Da muß man dann halt auf die Veröffentlichung der Studie selbst warten. Solange man darüber nichts weiß, bleibt alles im Dunkeln.

Merkwürdig aber, wie breit diese Meldung in die Wissenschafts-Rubriken der Medien hineingeschwabbt ist mit Schlagzeilen wie den folgenden: "Deutsche Frauen sind deutscher als deutsche Männer" (Bild am Sonntag), "Nur wenige Deutsche sind echte Germanen" (Welt), "Jeder Zehnte hat jüdische Vorfahren" (Berliner Morgenpost). Sachlichere und kritischere Überschriften wären zu wünschen.

Aber schön, daß durch eine solche Berichterstattung die öffentliche Aufmerksamkeit stärker als bisher auf diese spannenden Themen gelenkt wird. Natürlich wird das auch der Firma "Igenea" - bislang besser bekannt unter dem Namen "FamilyTreeDNA" - zugute kommen. Sie schreibt auf ihrer Seite:
Möchten Sie Ihre ursprüngliche Herkunft erfahren? Haben Sie vielleicht keltische, germanische oder jüdische Wurzeln? Eine Speichelprobe genügt, um Ihre Herkunft in mütterlicher und in väterlicher Linie zu bestimmen. Nach der Analyse Ihrer DNA erhalten Sie ein ausführliches schriftliches Resultat mit Ihrem Urvolk, Ihrem Ursprungsland und Ihrer Haplogruppe. Das Resultat enthält Karten und genaue Erklärungen.

Urvolk: Aufgrund spezifischer Mutationen in Ihrer DNA können wir bestimmen, ob Sie zum Beispiel keltische, phönizische, jüdische oder germanische Wurzeln haben. War einer Ihrer Vorfahren vielleicht ein kriegerischer Wikinger?

Ursprungsland: Durch den Vergleich Ihres DNA-Profils können wir das Ursprungsland Ihrer Vorfahren vor 1'000 Jahren bestimmen. Sie wohnen heute in Deutschland, doch möglicherweise war Ihr Urahn ein Soldat aus England, der während des Dreißigjährigen Krieges ins Land kam?
Auch hier wird deutlich, daß es immer nur einzelne Vorfahrenlinien sind, die über das X- oder y-Chromosom des einzelnen gekennzeichnet werden. Ein einzelner Vorfahre sagt aber gar nichts darüber aus, wo die Mehrheit meiner Gene insgesamt eigentlich herstammt.

In den seriösen Wissenschaftszeitungen wie "Science" und "Nature" wird der Boom was Angebote bezüglich dieser "Ahnentests" betrifft, ja ausführlich behandelt und kritisch beobachtet. Das ist auch sehr nötig. Die Schlußfolgerungen aus solchen genetischen Ahnentests sind nämlich allzu oft allzu kurzatmig.

Montag, 26. November 2007

Nachdenken über Altruismus (1. Teil)

Erste vortastende Erkundungen

"Studium generale" ist ein Blog, der mit manchem Recht zu "Altruismus-Blog" umbenannt werden könnte. Denn das ist - letztlich - sein Hauptthema.

Abb.: Gorillamutter mit Kind - Der Altruismus einer Tierfamilie geht oft "bis zum Letzten"
Um in freier Wildbahn einer Gorilla-Familie ein Baby lebend zu entreißen, musste in der Vergangenheit in der Regel die gesamte Familie zuvor getötet werden (Foto: National Zoo in Washington, D.C. / Wiki)
Echter Altruismus, der auf "Gegenseitigkeit" verzichtet, heißt, Gutes auch dann noch zu tun, wenn einem Anerkennung, Achtung, Ehrung nicht zuteil wird.

"Das Leben lehrt, auf Dank zu verzichten - aber es gebietet, seine Schuldigkeit zu tun."(Friedrich der Große [?])
Diese Form des Altruismus ist - im menschlichen Bereich - eher etwas Seltenes. Ein verwöhnter Mensch - und welcher Mensch ist heute nicht verwöhnt - möchte für jede Leistung, die er erbringt, eine Gegenleistung haben, er möchte auch für jedes Leid, das er erlitten hat, andere leiden sehen. "Wie du mir, so ich dir".

Das ist auch die typische mittelalterliche Lohn-Straf-Moral: Ich tue Gutes, damit ich in den Himmel komme. Ohne Himmelsverheißungen tue ich nichts Gutes. Martin Luther war der erste neuzeitliche Mensch, weil er sich gegen diese Lohn-Straf-Moral auflehnte:
Nicht durch gute Taten wird des Menschen Seligkeit erlangt,
lehrte er, sondern
allein durch Glauben.
Der Mensch handele tatkräftig aus seinem Wollen zum Guten heraus, aber er schiele nicht ständig nach einer Belohnung für jede gute Tat, sei es im Diesseits, sei es in irgendeinem gotteswahnbehafteten "Jenseits". Eine unglaublichen Aufschwung im Geistsleben und im kulturellen Leben erbrachte diese grundlegende Erkenntnis von Martin Luther. Eine völlig neue Geisteswelt und Lebenshaltung entstand dadurch in Nord- und Mitteleuropa. Moralische Kräfte wurden entfaltet. Und schließlich bäumte sich ein Friedrich Schiller auf:
Männerstolz vor Königsthronen -
Brüder, gält es Gut und Blut, -
Dem Verdienste seine Kronen
Untergang der Lügenbrut.
(Aus: "An die Freude")

Sonntag, 25. November 2007

Seefahrt und früheste Ackerbauern im Mittelmeer-Raum

Von dem amerikanischen Archäologen Albert Ammerman wird in "Science" eine neue Hypothese berichtet, nach der sich der Ackerbau rund um das Mittelmeer nicht über das Meer hinweg ausgebreitet habe, wohl aber vor-bäuerliche Kulturen, die vornehmlich vom Fischfang gelebt haben. (John Bohannon: Profile: Albert Ammerman - Exploring the Prehistory of Europe, in a Few Bold Leaps, Science, Vol. 317, 13.7.07, S. 188f)

Er hat noch wenig stichhaltige Beweise dafür, ich halte das aber durchaus für plausibel. Was mich nur wundert, ist, daß er - offenbar - glaubt, daß die ersten Ackerbau-Kulturen sich über das Land rund um das Mittelmeer ausgebreitet hätten. Ist das plausibel? Er sagt:

“I think agriculture didn’t spread along the coasts because they were already frequented by a stable culture of voyaging foragers.”

Nein, das halte ich nicht für plausibel. Wir wissen, daß sich die Bandkeramik ausschließlich auf dem Landweg ausgebreitet hat, allerdings nicht, wie in dem Artikel behauptet, über "Massen-Einwanderungen", sondern höchstwahrscheinlich schlicht über die hohen Geburtenraten von Rodungsbauern im zuvor wenig besiedelten, stark bewaldeten Mitteleuropa (ausgehend von der Region rund um den Plattensee). Andererseits stießen die Bandkeramiker in der Rheingegend auf Kulturen mit ganz andersartiger Keramik, die Verwandtschaft zeigt mit Keramik vom Baltikum (!) den Küsten entlang bis hin ins Mittelmeer (Rhone-Tal) (große, spitzbödige Gefäße, sogenannte „Cardial-Keramik“).

Das war doch schon vor Jahren ein starker Hinweis darauf, daß sich rinderzüchtende Ackerbauern etwa seit 6.500 v. Ztr. vom östlichen Mittelmeer-Raum und vielleicht von der nordafrikanischen Küste aus rund um die Mittelmeer-Küsten ausbreiteten und dann auch gleich die Meeresenge von Gibraltar überwanden. Es ist doch hochplausibel, daß das mit Schiffen vor sich gegangen ist.

Und so raten denn auch andere Archäologen (A.H. Simmons; R.D. Mandel: How Old Is the Human Presence on Cyprus? Science, Vol. 317, 21.9.07, S. 1679) zur Vorsicht gegenüber dieser These:

An early human presence on Cyprus has been well established at Akrotiri Aetokremnos for nearly two decades. It is thus no surprise that there may be other sites dating to this time period, and many of us hope that Ammerman’s sites are as old as he claims. But until this can be confirmed by defensible dating of materials in good context, these sites should not enter the literature as examples of a pre-Neolithic presence on Cyprus.


Ammerman wird in dem "Science"-Artikel als "Archaeology’s Renaissance man" dargestellt. Aber bei Archäologen muß man immer ein bischen aufpassen. Die archäologischen Funde möglichst widerspruchsfrei mit gesellschaftlichen Entwicklungsmodellen in Einklang zu bringen, die man auch sonst aus der Weltgeschichte und Völkerkunde kennt, fällt vielen Archäologen noch schwer.

*

Aber schön ist, was über die Karriere von Ammerman berichtet wird - vielleicht ein kleines Anschauungsbeispiel für die Altruismus-Forschung: Er hatte ursprünglich Literaturwissenschaften studiert und arbeitete erfolgreich in einem renommierten Verlag, der ihm schließlich sogar den leitenden Posten für seine europäische Abteilung anbot. Stattdessen ging Ammerman 1967 aber nach England, um sich erneut als Student, diesmal für Archäologie einzuschreiben:

“My friends told me I was crazy to consider being a student,” Ammerman recalls. His employer had just agreed to make him the new editor in chief of their European operation, with “my own London office and two secretaries.” Instead, Ammerman ended up “in Italy, searching for the origins of agriculture, living on $10 a day,” he says. “Those were the great years.”

"So waren die großen Jahre!"

Samstag, 24. November 2007

Ist Moral und Religion ähnlich evoluiert wie die Milchverdauung?

Jonathan Haidt mit neuen Gedanken über Gruppenselektion in "Science"

Der amerikanische Psychologe Jonathan Haidt (Virginia) (siehe Bild) ist einer der derzeit führenden Forscher auf dem Gebiet der "Moral-Psychologie" oder allgemeiner der Evolutionären Psychologie. Seinem jüngst erschienenen Buch "The Happiness-Hypothesis - Finding Modern Truth in Ancient Wisdom", auch auf deutsch erschienen, muß man bei flüchtigerem Durchsehen außer ein paar wertvolleren Grundgedanken nicht unbedingt etwas Außergewöhnliches abgewinnen können. Aber vielleicht hat man dabei noch nicht gründlich genug geschaut. Schon seine Antwort im "Weltfragezentrum" von 2007, in der er - einmal aufs Neue - auf die Bedeutung der Zwillingsforschung aufmerksam gemacht hat, die von vielen Forschern immer noch viel zu wenig beachtet wird, hätte einen hellhörig werden lassen können.

Im Mai ist nun ein ziemlich grundlegender und wohl auch innovativer "Review"-Artikel von Haidt in "Science" erschienen: "The New Synthesis in Moral Psychology" (Vol. 316, 18.5.2007, S. 998 - 1002). Auf ihn wurde man aufmerksam gemacht durch eine - sehr oberflächliche - Kritik an diesem Aufsatz von einem Veteranen der Forschung in der Evolutionären Psychologie, von David Barash ("Evolution and Group Selection", Science, Vol. 317, 3.8.2007, S. 596f).

Die kritisierte Kern-Passage dieses "Review"-Artikels, die man allerdings stattdessen für die spannendste Passage desselben erachten kann, stellt den grundlegenden Prinzipien des Verwandten-Altruismus und des Gegenseitigkeits-Prinzips in sozialen Interaktionen von Menschen noch ein drittes Prinzip an die Seite, das Prinzip der Gruppenselektion. Haidt schreibt (Literaturangaben nicht vollständig wiedergegeben):
Nearly every treatise on the evolution of morality covers two processes: kin selection (genes for altruism can evolve if altruism is targeted at kin) and reciprocal altruism (genes for altruism can evolve if altruism and vengeance are targeted at those who do and don’t return favors, respectively). But several researchers have noted that these two processes cannot explain the extraordinary degree to which people cooperate with strangers they’ll never meet again and sacrifice for large groups composed of nonkin (23, 29). There must have been additional processes at work, and the study of these processes — especially those that unite cultural and evolutionary thinking — is an exciting part of the new synthesis. The unifying principle, I suggest, is the insight of the sociologist Emile Durkheim (30) that morality binds and builds; it constrains individuals and ties them to each other to create groups that are emergent entities with new properties.

(...)

Ant colonies compete with each other, and group selection therefore shaped ant behavior and made ants extraordinarily cooperative within their colonies. However, biologists have long resisted the idea that group selection contributed to human altruism because human groups do not restrict breeding to a single queen or breeding pair. Genes related to altruism for the good of the group are therefore vulnerable to replacement by genes related to more selfish free-riding strategies. Human group selection was essentially declared offlimits in 1966 (34).
Ist Moral wie Milchverdauung evoluiert?

Und dann vermutet Haidt, daß Gene für moralisches Verhalten sich in Völkern ähnlich schnell ausbreiten können wie Gene für Erwachsenen-Milchverdauung. Wenn das keine spannende Hypothese ist. Sie ist natürlich schon an vielen Stellen hier auf dem Blog ebenfalls ventiliert worden:
In the following decades, however, several theorists realized that human groups engage in cultural practices that modify the circumstances under which genes are selected. Just as a modified gene for adult lactose tolerance evolved in tandem with cultural practices of raising dairy cows, so modified genes for moral motives may have evolved in tandem with cultural practices and institutions that rewarded group-beneficial behaviors and punished selfishness. Psychological mechanisms that promote uniformity within groups and maintain differences across groups create conditions in which group selection can occur, both for cultural traits and for genes (23, 35).
Man könnte also tatsächlich auch mutmaßen, daß sich im aschkenasischen Judentum ebenso wie Intelligenz-Gene Gene für bestimmtes moralisches Verhalten angereichert haben in den letzten tausend Jahren. Man könnte vermuten, daß Nordeuropäer unter bestimmten kulturellen und natürlichen Selektionsbedigungen andere Moral-Gene evoluiert haben, als Ostasiaten oder Afrikaner.

Aber Haidt hält sich alles offen. Auch ohne genetische Evolution kann nach ihm in der Moral-Evolution auf Gruppenebene noch viel passieren:
Even if groups vary little or not at all genetically, groups that develop norms, practices, and institutions that elicit more group-beneficial behavior can grow, attract new members, and replace less cooperative groups.
Aber insbesondere hält Haidt genetisch Gruppenselektion in voragrarischen Jäger-Sammler-Völkern für plausibel:
Furthermore, preagricultural human groups may have engaged in warfare often enough that group selection altered gene frequencies as well as cultural practices (36). Modified genes for extreme group solidarity during times of conflict may have evolved in tandem with cultural practices that led to greater success in war.
Religionen wirken auf Unterordnung von Individual-Interessen zugunsten von Gruppeninteressen hin

Diese selektiven Ereignisse könnten also die Voraussetzung gebildet haben für jene Gruppenmoral, die wir heute auch in agrarischen und post-agrarischen Gesellschaften feststellen können. Und dann bringt Haidt auch Religion ins Spiel:
Humans attain their extreme group solidarity by forming moral communities within which selfishness is punished and virtue rewarded. Durkheim believed that gods played a crucial role in the formation of such communities. He saw religion as “a unified system of beliefs and practices relative to sacred things, that is to say, things set apart and forbidden—beliefs and practices which unite into one single moral community called a church, all those who adhere to them” (30). D. S. Wilson (35) has argued that the coevolution of religions and religious minds created conditions in which multilevel group selection operated, transforming the older morality of small groups into a more tribal form that could unite larger populations. As with ants, group selection greatly increased cooperation within the group, but in part for the adaptive purpose of success in conflict between groups.

Whatever the origins of religiosity, nearly all religions have culturally evolved complexes of practices, stories, and norms that work together to suppress the self and connect people to something beyond the self. (...)
So ziemlich alle Religionen also, so sagt Haidt, haben auf kulturellem Wege Komplexe von Praktiken, Geschichten und Normen entwickelt, die alle zusammen daraufhinwirken, das Selbst zurückzuschrauben und es mit anderen Menschen zu verbinden zu etwas, das über das Selbst hinausgeht.

Alle Religionen und Ideologien, nicht nur Ethnien, kennen ingroup/outgroup-Denken
If group selection did reshape human morality, then there might be a kind of tribal overlay (23) — a coevolved set of cultural practices and moral intuitions — that are not about how to treat other individuals but about how to be a part of a group, especially a group that is competing with other groups. (...)

There are also widespread intuitions about ingroup-outgroup dynamics and the importance of loyalty; there are intuitions about authority and the importance of respect and obedience; and there are intuitions about bodily and spiritual purity and the importance of living in a sanctified rather than a carnal way. And it’s not just members of traditional societies who draw on all five foundations; even within Western societies, we consistently find an ideological effect in which religious and cultural conservatives value and rely upon all five foundations, whereas liberals value and rely upon the harm and fairness foundations primarily.
Hier spricht Haidt also die Ansicht aus, daß religiös und kulturell konservative Menschen Altruismus hochwerten, der auf Gruppensolidarität ausgerichtet ist, während liberale Menschen vornehmlich auf soziales Verhalten orientiert wären, das auf Gegenseitigkeits- und Gerechtigkeits-Prinzipien beruht. Würde man frühere sozialistisch-kommunistische Gesellschaften mit ins Bild nehmen, würde diese Unterscheidung aber sicherlich nicht so reinlich aufgestellt bleiben. Fast alle Religionen und Ideologien kennen ingroup/outgroup-Denken, nur daß sie es jeweils an verschiedenen Kategorien (ethnischen, ideologischen, religiösen) festmachen - egal, ob konservativ, liberal oder sozialistisch.

Im jeden Fall, diese Dinge sind es, die Haidt künftig unter anderem genauer erforscht wissen will:
What about the development of patriotism, respect for tradition, and a sense of sacredness?
Seine abschließenden Sätze lauten:
Even though morality is partly a game of selfpromotion, people do sincerely want peace, decency, and cooperation to prevail within their groups. And because morality may be as much a product of cultural evolution as genetic evolution, it can change substantially in a generation or two. For example, as technological advances make us more aware of the fate of people in faraway lands, our concerns expand and we increasingly want peace, decency, and cooperation to prevail in other groups, and in the human group as well.
Die oben schon erwähnte Kritik von Barasch übrigens kommt mir ganz langweilig vor, weil sie weniger mit inhaltlichen Argumenten befaßt ist, sondern mehr damit, ob eine Ansicht oder die andere die derzeit vorherrschende Meinung in der Forschung wäre. Als ob "Mehrheits-Meinungen" in einem Forschungsgebiet, in dem sich derzeit so viel ändert wie in der Evolutionären Psychologie, so besonders viel wichtiger wären als inhaltliche Argumente. Haidt antwortet deshalb eigentlich auch nur damit, daß er noch einmal die reichhaltige Literatur nennt, die er sowieso schon genannt hatte, und die von anerkanntesten Forschern der Disziplin stammt.

Es wird wohl künftig mit schnellen Fortschritten in der Forschung auf diesen Gebieten gerechnet werden können.
(Ausschnitt aus den Literatur-Anmerkungen zum Haidt-Aufsatz:)
23. P. J. Richerson, R. Boyd, Not by Genes Alone: How Culture Transformed Human Evolution (Univ. of Chicago Press, Chicago, IL, 2005).
29. E. Fehr, J. Henrich, in Genetic and Cultural Evolution of Cooperation, P. Hammerstein, Ed. (MIT Press, Cambridge, MA, 2003).

Vergoogelt und veräppelt?

Fragen zur "Politik" von Google

Hab ich was gegen Apple? Nichts habe ich gegen Apple. Warum denn auch. Aber habe ich vielleicht etwas gegen Google? Aber ja doch, ja. Seit Neuestem hab ich vielleicht was gegen Google. Gegen Google, Google, Google.

Und das kam so. Gebe ich doch gestern das Suchwort "Robin Dunbar" in die Google-Suche ein und vergleiche die Treffer dort mit denen bei der Yahoo-Suche. Bei Yahoo kommt der entsprechende neueste (und - wie ich finde - nicht ganz unwichtige) "Studium generale"-Beitrag zu diesem Thema an 14. Stelle (Seiten auf Deutsch) und an 19. Stelle (international). Aber bei Google? Was ist denn da los? Google, Google, Google! - ???

Erste Verwunderung: Auf Platz 6 erscheint der Buchladen von "Studium generale" mit dem entsprechenden "Robin Dunbar"-Buch. Nun gut, nichts dagegen. Aber was ist mit "Studium generale" selbst? Darauf kommt's doch eigentlich an. Ich blättere und blättere und blättere (Suchfunktion "Seiten auf Deutsch"). Und auf Seite 6 habe ich immer noch keinen "Studium generale"-Treffer gefunden und bin mit meiner Geduld am Ende. Nur über "Bloggerei.de" (am 10. Platz) und über einen beiläufigen Kommentar bei Michael Blume (auf dem 41. Platz) stolpere ich schon vorher mal - mit viel Glück - über "Studium generale". - Aber Hallo! Aber Hallo! Was ist denn hier los? Warum wird die Kommentar-Funktion von Michael Blume von Google besser bewertet als die Beiträge selbst von "Studium generale"? Ich gönne es Michael ja ...

... aber: Was macht denn Google hier für eine "Politik"?

Entwicklung von Besucherzahlen

Zum ersten mal beginne ich, mir wirklich ernsthaft Gedanken über die Entwicklung der Besucherstatistik von "Studium generale" zu machen. Im Januar dieses Jahres gegründet verzeichnete "Studium generale" bis Juli einen rasanten Besucher-Anstieg - zumindest einmal für mich "rasant". Anstieg von Februar bis Juni von monatlich 750 zu monatlich 3.000 Besuchen. Das hätte doch eigentlich so weitergehen können? Aber dann, im letzten Drittel des Monats Juli ein ganz plötzlicher und abrupter Einbruch in den Besucherzahlen, wonach seither die Zahl der monatlichen Besuche weitgehend gleich geblieben ist. Aber wieso denn nun das?

Nun ist (mir) ja schon längst klar, daß der größte Teil der Besucher auf einem Blog über Google-Suche bei diesem landet. Das ist - beispielsweise - auch bei "Gene Expression" so. Und bei "Studium generale" nicht anders. Das sieht man ja auf dem eingebauten "Sitemeter" (hier auf dem Blog ganz unten) sehr deutlich. Und wenn man eben über Inhalte schreibt, nach denen viele Menschen bei Google suchen, kriegt man halt viele Besucher. So einfach ist das. - Dachte ich.

Seit Juli redete ich mir immer noch ein, daß vielleicht Google-Suche nach Häufigkeit neuer Einträge auf einem Blog mitwertet, und daß möglicherweise deshalb "Studium generale" offenbar seit Ende Juli nicht mehr auf den vorderen Treffenrängen landet. Denn Anfang August begann ich für zwei Monate weniger zu schreiben als in den Monaten davor (wie man an der Randspalte "Blog-Archiv" deutlich sieht).

Aber ich hatte auch schon damals - Ende Juli - das dumpfe Gefühl, daß das mit der Zahl der wöchentlichen Beiträge eigentlich nicht viel zu tun haben kann, denn die Besucherzahlen sanken schon recht abrupt früher als die wöchentliche Zahl meiner Beiträge. Außerdem sind die letzteren längst seit Monaten wieder auf einem höheren Stand, insofern hätte sich längst wieder eine Steigerung der Besucherzahlen ergeben müssen, wenn ein solcher Zusammenhang bestehen würde. Aber nichts davon zu sehen:


Was hat denn Google gegen "Studium generale"?

Und diese "Robin Dunbar"-Probe macht dies für mich nun ganz eindeutig. Eine zweite Probe ist das Suchwort "Daseinskompetenzen", über das ich schon am 21. April geschrieben hatte. Mein damaliger Beitrag begann mit den Worten:
Ich habe gerade meinen ersten Wikipedia-Artikel geschrieben, nachdem ich festgestellt habe, daß "Studium generale" als erster Treffer bei Google angezeigt wird, wenn man den Begriff "Daseinskompetenzen" eingibt. (...)
Man gebe heute einmal den Begriff "Daseinskompetenzen" bei Google ein. Wiederum von "Studium generale" weit und breit nichts zu sehen. Und wiederum bei Yahoo-Suche gleich auf dem dritten Platz (wie zuvor ja auch bei Google). Auf dem 8. Platz bei Google nur wieder eine weitere "Filiale" von "Studium generale", nämlich sein "Archiv" bei Yahoo-Groups, das nun wiederum von Google besser bewertet wird als "Studium generale" selbst.

Was hat denn Google gegen "Studium generale"? Früher gepäppelt, heute veräppelt? Oder gibt es dafür eine rein technische Erklärung, die mit bewußter "Politik" nichts zu tun hat? Leide ich schon an Verfolgungswahn? Aber sprechen die Tatsachen nicht für sich selbst?

Zum Thema "Google in der Kritik" findet man bei Wikipedia einiges Nützliche.

Freitag, 23. November 2007

Kitschig oder nicht - das ist hier die Frage ...

Noch ein Beitrag zum Thema Kitsch (siehe Diskussion zum vorvorigen Beitrag). Ein Gedicht, das einem dauernd im Kopf herum geht. Man weiß nicht, warum (- Freud wüßte es sicherlich ;-) ):
Zur Hochzeit

Was das für ein Gezwitscher ist!
Durchs Blau die Schwalben zucken
und schrei’n: „Sie haben sich geküßt!",
vom Baum Rotkehlchen gucken.

Der Storch stolziert von Bein zu Bein;
„Da muß ich fischen gehen -"
der Abend wie im Traum darein
schaut von den stillen Höhen.

Und wie im Traume von den Höhen
seh ich Nachts meiner Liebsten Haus,
die Wolken darüber gehen
und löschen die Sterne aus.

Josef Freiherr von Eichendorff (1788 - 1857)

Donnerstag, 22. November 2007

"Das Judentum ist zur gänzlichen Vernichtung des Heidentums bestimmt."

Durchgeknallte neokonservative amerikanische Intellektuelle

Letztes Jahr starb in den USA ein führender neokonservativer Intellektueller, Milton Himmelfarb. Und seine Schwester Gertrude Himmelfarb hat schon dieses Jahr posthum eine Essay-Sammlung von ihm herausgebracht unter dem Titel "Jews and Gentiles". Es umfaßt vor allem Essay's, die seit vielen Jahrzehnten in der renommierten Zeitschrift "Commentary" unter der Herausgeberschaft von Norman Podhoretz erschienen sind. Dieses Buch wurde schon im April von David Gelernter, der beim konservativen "American Enterprise Institute" arbeitet, rezensiert. Die Rezension birgt allerhand Überraschungen. (AEI) Sein Urteil über dieses Buch gleich zu Beginn:
Should you happen to be a Jew or a Gentile, you will find it indispensable.
Also übersetzt:
Sollten Sie zufällig Jude oder Nichtjude sein, so werden Sie dieses Buch unentbehrlich finden.
Als gäbe es keine wichtigere Unterscheidung in der Welt als die zwischen Juden und Nichtjuden. Nun, für - manche - Juden offenbar auf jeden Fall. - Aber wer spricht denn hier eigentlich? Der nächste Satz stellt dann als geradezu selbstverständliche Tatsache hin, was in dem Buch "Israel-Lobby" von Mearsheimer und Walt gerade als heftig öffentlich umstritten - und kritikwürdig - erörtert wird (neuerdings sogar von Richard Dawkins in die öffentliche Diskussion eingebracht [siehe Michael Blume]):
Of the imposing, mostly Jewish, intellectuals who changed America forever by inventing neoconservatism (i.e., "new conservatism," progressive conservatism), Milton Himmelfarb was the one who cared first and most about religion--in particular, Judaism. Repeatedly, he described the mood of the moment with absorbing precision, but kept his eye fixed on politics and historical and religious truth.
Also übersetzt:
Von den eindrucksvollen, zumeist jüdischen Intellektuellen, die Amerika für immer umwandelten dadurch, daß sie den Neokonservatismus einführten (bzw. den "neuen Konservatismus", den fortschrittlichen Konservatismus), war Milton Himmelfarb derjenige, der zu allererst und am intensivsten Religion mitberücksichtigte - besonders die jüdische. Wiederholt beschrieb er das Tagesgeschehen mit erschöpfender Präzision. Aber er hielt sein Auge auf Politik und auf historische und religiöse Wahrheiten gerichtet.
"Die eindrucksvollen, zumeist jüdischen Intellektuellen ..."

Man höre genau hin, hier wird - wiederum ganz selbstverständlich - von "religiösen Wahrheiten" in Bezug auf das Judentum gesprochen. Weiter heißt es:
The essays here span nearly half a century, from 1949 through 1996--the time during which intellectuals took over America's universities, the universities took over American culture, and the left replaced the right as America's "Establishment" (a word that was far more popular in olden times when the Establishment was right-leaning and fun for professors to attack).
Offensichtlich ist doch der Autor der Rezension selbst Jude. Will er denn absichtlich provozieren, indem er die Thesen über die "Israel-Lobby" so schnodderig als selbstverständliches Schuljungen-Wissen voraussetzt?
Die Essay-Sammlung "Jews and Gentiles", so werden wir weiter von ihm belehrt, hat "ein Thema":

The rise of paganism in our times, and the fundamental, irreconcilable antagonism between paganism and Judaism. We must carefully distinguish (the author writes) between paganism and mere atheism. Paganism is a positive system of beliefs. Atheism dominated the "modern" age, but modernism collapsed in the turmoil of the late 1960s.

Das Thema ist also:
Der Aufstieg des Heidentums in unserer Zeit und die fundamentale, unversöhnliche Gegnerschaft zwischen dem Heidentum und dem Judentum. Wir müssen sorgfältig unterscheiden (so schreibt der Autor) zwischen Heidentum und bloßem Atheismus. Heidentum ist ein positives Glaubenssystem. Atheismus dominierte zwar das "moderne" Zeitalter. Aber diese Modernisierungsbewegung brach in den Unruhen der späten 1960er Jahre zusammen.
"Heidentum steht für Promiskuität, Not und Tod."

Der Atheismus brach schon in den späten 1960er Jahren zusammen? Merkwürdige These. Gerade damals kam er doch erst so richtig in Fahrt!? Weiter heißt es:

For Himmelfarb, paganism is the characteristic religion of today's elite--and it stands for promiscuity, misery, and death. He traces the taste for paganism to Enlightenment philosophes such as Diderot, to their 20th-century academic admirers, and to the psychotic sixties, when nature-worship and sexual promiscuity began to seem positively good and Christianity (and Judaism even more, to the extent anyone ever thought about it) began to seem evil.

Also:
Für Himmelfarb ist Heidentum die charakteristische Religion der heutigen Elite - und sie steht für Promiskuität, Not und Tod. Er führt die Vorliebe für das Heidentum auf die Philosophen der Aufklärung zurück wie Diderot und auf ihre Bewunderer im 20. Jahrhundert und auf die psychotischen 68er, als man begann, Natur-Anbetung und sexuelle Promiskuität als positiv anzusehen und das Christentum (und das Judentum noch mehr - in einem Ausmaß wie es niemand zuvor geglaubt hatte) als schlecht.
Zwischenfrage: Von welcher Elite ist denn jetzt die Rede? Doch nicht etwa jene, die mit Himmelfarb Amerika veränderte? Weiter heißt es:
Himmelfarb rottet beiläufig aber gründlich den letzten Splitter des Glaubens aus, daß Heidentum bewundernswürdig wäre.
Und das weitere ist einem viel zu dumm und geradezu absurd, als daß man es hier alles übersetzen möchte:

Himmelfarb casually but thoroughly annihilates to the last splinter the idea that paganism is admirable. Diderot admired pagan Tahiti, for example, which still (in the 21st century) strikes many people as romantic, exotic, and generally lovable. But a little research discloses that, in pagan Tahiti, an organized priesthood handled the worship of the "greater gods," who sometimes required human sacrifice; cannibalism was also on the menu, occasionally. Himmelfarb notes the bloodthirsty, "sick-making" entertainments staged in the amphitheaters of pagan Rome, a civilization much praised by Diderot and his Enlightenment colleagues. As for the Eastern spirituality sometimes admired by "soft-boiled modern pagans," as recently as 1968, India's prime minister saw fit to denounce the ritual murder of a 12-year-old boy to appease the gods at the outset of a large construction project. Bloodshed, says Himmelfarb, is "the piety of paganism."

Das absurde Allgemeinurteil lautet also:

(...) Blutvergießen, sagt Himmelfarb, ist "die Frömmigkeit des Heidentums".
"Das Judentum ist zur gänzlichen Vernichtung des Heidentums bestimmt."

Weiter heißt es in der Rezension:
Das Judentum ist der andere Teil seines Hauptthemas. Das Judentum ist zur gänzlichen Zerstörung des Heidentums bestimmt.
Im Originaltext wird dieser archaische, ganz und gar alttestamentarisch anmutende Satz im weiteren irgendwie eingeschränkt:
Judaism is the other part of his main topic. Judaism is dedicated to paganism's utter destruction. (Even though--Himmelfarb never neglects a nuance--the prophet Micah said, "For let the peoples walk each in the name of its god, but we will walk in the name of the Lord our God for ever and ever." "Sometimes I like to think," Himmelfarb writes, "that maybe [the rabbis] had a quiet weakness for pluralism.")
Also:
(Obwohl - Himmelfarb verneint niemals diese Nuance - der Prophet Micha sagte: "Laßt die Völker jedes im Namen seines Gottes leben wir werden stattdessen im Namen des Herrn, unseres Gottes für immer und ewig leben." "Manchmal möchte ich glauben," so schreibt Himmelfarb, "daß die Rabbiner eine stille Schwäche für Pluralismus hatten.")
Hört man denn hier ganz richtig ein ... zynisches Lächeln über ... "Pluralismus", religiösen Pluralismus ... heraus? Die "stille Schwäche für Pluralismus" wird nur in Klammer gesetzt aber als Hauptaufgabe des Judentums hier in der Welt wird - ganz und gar im wortwörtlichen Sinne des Alten Testamentes bestimmt: die gänzliche Zerstörung des Heidentums. Man sollte das doch festhalten. Was führende amerikanische Konservative zu äußern fähig sind am Beginn des 21. Jahrhunderts. Sollen hier nur in zynischer Weise einige Klischees bedient werden? Oder gleich alle auf einmal?

(Religiöser) Pluralismus - ja oder nein, das ist hier die Frage ...

Sodann wird - das soll hier nur kurz erwähnt werden - die Unterscheidung von Judentum und Christentum behandelt. Das Judentum würde kaum eine Hölle kennen und sei darum weniger "rachsüchtig" als das Christentum. Liest man genau, so erfährt man: Das Judentum kennt nur für Juden selbst keine Rache von Gottes Seite. Aber diese Absätze seien hier übergangen. Es ist 'eh alles schon absurd und archaisch genug. Angesehene, neokonservative Intellektuelle in den USA schreiben so etwas? - Weiter heißt es dann:

Yet Himmelfarb is careful to note that only paganism, and never Christianity, could have sponsored the Holocaust: "If one sentence could summarize Church law and practice over many centuries, it is this: the Jews are allowed to live, but not too well." This sentence is worth a couple of academic monographs and a journal paper all by itself.

Also, das Christentum kann am Holocaust nicht schuld sein, da ein Grundsatz des kirchlichen Rechtes und der kirchlichen Praxis über viele Jahrhunderte hin gelautet hätte: es ist den Juden erlaubt zu leben - aber nicht zu gut. Dieser Satz wäre eine ganze Reihe von akademischen Monographien und Zeitschriftenartikeln für sich selbst wert, so Gelernter.

Bleibt also nur das Heidentum, das am Holocaust schuld ist. Von anderen Menschheitsverbrechen muß bei dem Thema "Jews and Gentiles" ja sowieso nicht die Rede sein. (... Oder wäre nicht auch Juri Slezkine zu behandeln?) Von dem Essay über Hitler als die Ursache des Holocaust ist Gelernter dann auch nicht so recht befriedigt:

We don't hear enough about General Erich Ludendorff's anti-Christian views and Teutonic paganism. We do learn that Hitler "scorned Judaism and Christianity not like Ludendorff the Teutonizer but like Voltaire the Enlightener." But no explanation follows. There are Hitler pronouncements that support this claim (although Himmelfarb doesn't cite them); there are also pronouncements that suggest other wise--and there is the Wagner cult Hitler belonged to, the pseudo-Teutonic rites and ceremonies he loved. Himmelfarb emphasizes that the Holocaust was a pagan and not Christian phenomenon, but doesn't tell us nearly enough about Germany's paganism or Hitler's.

Übersetzt:

Wir hören nicht genug über Erich Ludendorffs antichristliche Ansichten und teutonisches Heidentum. Wie lernen, daß Hitler "das Judentum und das Christentum verachtete nicht wie Ludendorff, der Teutonisierer, sondern wie Voltaire, der Aufklärer." Aber keine Erklärung folgt. Es gibt Äußerungen von Hitler, die diese Behauptung stützen (obwohl Himmelfarb sie nicht zitiert), aber es gibt auch Äußerungen, die anderes nahelegen - und da gibt es den Wagner-Kult, dem Hitler anhing, die pseudo-teutonischen Riten und Zeremonien, die er liebte. Himmelfarb betont, daß der Holocaust ein heidnisches und nicht ein christliches Phänomen war aber er sagt uns nahezu nichts über Deutschlands Heidentum oder über das Hitlers.

Eben war noch geradezu selbstverständlich das Judentum "zur gänzlichen Vernichtung des Heidentums bestimmt" angesprochen worden (wobei offen geblieben war, mit welchen Mitteln diese Vernichtung vorangetrieben werden sollte - doch nicht etwa mit Auslands-Einsätzen amerikanischer Soldaten?), und dann macht man sich Gedanken darüber, aus welchen Gründen Antisemiten im Deutschland der 1930er Jahre "Vernichtungs-Absichten" gehegt hätten.

Keine sehr schöne gedankliche Welt jedenfalls, in der da führende amerikanische Konservative zu leben scheinen.

Costabella - Berg meiner Jugend

"Costabella - Berg meiner Jugend" (1) - über das Erleben des Ersten Weltkrieges durch Karl Springenschmid (1897-1981). Das sind keine "ganz normalen" Kriegserinnerungen. Kein Schildern heroischen Ausharrens auf den Bergen in Eis und Schnee, in Kälte und Nässe, Wochen lang, Monate lang, Jahre lang. Das ist kein Schildern von verbissenem Ringen um Stellungen und Bergkuppen, um Grabensysteme und Nachschubwege, um Orden und Ehrenzeichen ... Das ist auch kein Verfluchen des Krieges, keine große, gewaltige Anklage des Krieges "an sich". Kein neues "Im Westen nichts Neues". In diesem Buch ist nirgends vom "Kampf als innerem Erlebnis" die Rede. Nein, in ihm ist überall nur von einem die Rede - von der Liebe. Von der Liebe, der Liebe, der Liebe.

Und darum ist dies ein ganz eigentümlicher autobiograpischer "Kriegs-"Roman. Und man darum ist noch ganz gefangen von ihm, wenn man ihn in einem Zug in eineinhalb Tagen durchgelesen hat.

Schützengraben im Gebirge (1915 - 1918)
In der reich bebilderten und darum doppelt eindrucksvollen Biographie über den Schriftsteller Karl Springenschmid war zu lesen (2, S. 17ff), dass er in "Costabella" über seine Jugend, über sein Kriegserlebnis im Ersten Weltkrieg als zwanzigjähriger Gebirgssoldat berichtet habe. Und wenn man schon einen anderen autobiographischen Roman von ihm gelesen hat, "Der Waldgänger", erschienen 1975 - in ihm berichtet Springenschmid über seine persönlichen Erlebnisse in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg - hat man gewisse Vorstellungen darüber, was einen erwarten könnte.

Und erwartet man ein ganz anderes Buch als man dann zu lesen bekommt. Ein ganz anderes. Denn wieder einmal ist es Springenschmid gelungen, ein Buch zu schreiben, das auf den ersten Blick in keine der "vorgepassten" Erwartungen und "Schubladen" passt.

Kein normaler Kriegsroman

Und dennoch: Nachdem man es gelesen hat, weiß man, dass - letztlich - dennoch alle gehegten Erwartungen erfüllt worden sind. Nur eben auf eine ganz andere Weise als man es gedacht hatte.

Springenschmid hatte ja schon einen eher typischen Kriegs-Roman nach dem Ersten Weltkrieg geschrieben: "Der Sepp - das Leben des Bergführers Sepp Innerkoflers". Innerkofler starb bei der Erstürmung eines schwer zugänglichen Gipfels seiner Heimat. Durch diesen Roman war Springenschmid als Schriftsteller überhaupt ab 1931 einem breiteren Lesepublikum bekannt geworden.

Aber man muss fast alle alle Bücher von Springenschmid lieben. (Vielleicht unter Ausnahme der "Sizilianischen Venus" [1959], zu der man - wenigstens bislang - keinen rechten Zugang finden konnte.) Jeder Springenschmid-Roman ist ein "echter" Springenschmid und überrascht auf's Neue. Aber hinterher weiß man wieder: Das, was aus diesem Roman spricht, spricht aus allen Romanen. Springenschmid schreibt sich tief in die Herzen seiner Leser hinein.

Auch etwa in "Der Jörg" (1980) oder in "Aktion Eisvogel" (1975) oder "Am Seil vom Stabeler Much" (1933), "Nove" (1951), "Das goldene Medaillon" (1952). Alles einzigartige Romane und einzigartige Roman-Erlebnisse. Oder auch in seinen Bänden mit Erzählungen: "Engel in Lederhosen" (1959), "Kleine Lebensbeichte" (1967), "Wieder ein Tiroler mehr" (1973), "Rundherum Abgrund" (1977).

"Costabella - Berg meiner Jugend" jedenfalls ist kein Kriegs-Roman. Es ist ein Roman über die Liebe. Über die Liebe zwischen einem jungen Mann und einer jungen Frau - und über beider Liebe zu den Bergen und zum Bergsteigen. Er handelt davon, wie sie sich, beides Salzburger - in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, in der niemand an Krieg dachte - auf einem Gipfel der Berchtesgadener Alpen, auf dem Hochkalter, kennen lernen. Aus dem schüchternen Kennenlernen wird eine Bergkameradschaft, eine Liebe. Gemeinsam erobern sie sich die Berge ihrer Heimat in immer neuen Bergfahrten.

Blutjung in den Krieg

Als sie bergfroh an einem Abend vom Großglockner herunterkommen, der bislang schwierigsten Tour ihres Bergsteiger-Lebens, erfahren sie auf der Hütte: Der Krieg ist ausgebrochen. Blutjung zieht Springenschmid in den Krieg. Aber eigentlich geht es ihm in diesem Roman nicht um den Krieg. Sondern um seine Liebe und um die Berge. Schließlich meldet er sich zu den Hochgebirgsjägern und hofft und erwartet, auf die Marmolata versetzt zu werden. Doch der Berg, auf den er versetzt wird, ist ein unbekannter, unauffälliger (damaliger) "Grenzberg" "neben" der Marmolata - die Costabella.

Seine neuen Kameraden sind ein buntes Gemisch von Menschen der Habsburger-Monarchie. Wer selbst einmal Militärdienst abgeleistet hat und die Rohheit solcher "Männergesellschaften" kennen gelernt hat, sobald Thema Nr. 1 angesprochen wird (Frauen), versteht fast jedes Wort der hier geschilderten Erinnerungen von Springenschmid. Aber wie gelingt es ihm, sich in dieser Umgebung seine Liebe zu erhalten - zu den Bergen, zu der liebsten Bergkameradin seines Lebens? Davon handelt dieser Roman. Davon allein. Denn nach einem weiteren Krieg weiß Springenschmid womöglich, dass es darum allein auch während des Ersten Weltkrieges schon für ihn gegangen war. Was nützen alle Heldentaten, wenn die Liebe verloren geht?

Durch Höhen und Tiefen wird der Leser geführt, eine Verwundung bringt Springenschmid in ein Lazarett in Bozen. Dort kann er sich mit seiner Freundin treffen und sie können unvergessliche Frühlingstage erleben. Zum Teil begleitet von einem eigentümlichen "Anstands-Wauwau", einer schwadronierenden Generals-Witwe. Dann die Rückkehr an die "Front aus Eis und Schnee", in Kälte, Nässe und Erbarmungslosigkeit. - Auf die Costabella. Nie wird der Leser diesen Berg vergessen. Springenschmid versinkt in monatelange Depressionen, schreibt nicht mehr an seine Freundin.

Schließlich werden Geräusche im Innern des Berges vernehmbar und Nachforschungen und Berechnungen ergeben: Am soundsovielten werden die italienischen "Alpini" diesen Gipfel in die Luft sprengen. Einer der vielen unsinnigen Haltebefehle dieses Krieges kommt aus dem Tal. Der Gipfel darf nicht geräumt werden. Springenschmid muss mit seinen Männern auf dem Gipfel ausharren. Es ist ein Himmelfahrtskommando. Plötzlich, auf dem Höhepunkt der Spannung wird er abgelöst ausgerechnet von jenem Kameraden, der immer versucht hatte, ihn, Springenschmid das Leben mies zu machen mit den dreckigsten "Weiber-Geschichten". Angeblich auf Befehl. Aber wie sich herausstellt - später - aus echter Freundschaft und Kameradschaft. Doch der Berg wird nicht gesprengt, weil die Italiener plötzlich, kurz vor der Sprengung Hals über Kopf abziehen müssen. Das ist der spannendste Teil des Romans.

Kriegsversehrt in die Nachkriegszeit hinein

Springenschmid kehrt mit verwundetem Knie in die Nachkriegszeit zurück und glaubt, nie wieder Berge besteigen zu können. Aber die Liebe hilft ihm.

Viele Menschen könnten diesen Roman kitschig finden. Aber das muss nicht die Meinung eines jeden Lesers sein. Wer einen solchen Roman kitschig finden kann, war - vielleicht - selbst noch nie in den Bergen, hat - vielleicht - selbst noch nie eine wirklich "große Liebe" erlebt. Oder er hat sich das Leben durch Ekel-Pakete miesmachen lassen wie sie heute zu Hundert-Tausenden herumlaufen. Ob beim Militär und anderswo. Die anderen aber - die wenigen, die seltenen - sie wissen es anders. Dieser Roman handelt - letztlich - von Idealen. Von echten Idealen. Und das heißt: Von echter, tiefst empfundener Liebe.

Noch ein paar Bemerkungen zu den hier anfangs eingestellten Fotos (aus: [2]). Man sollte meinen, die Kriegsfotos von Karl Springenschmid zeigen, dass dieser blutjunge Soldat tatsächlich heiß verliebt gewesen war, dass also sein "Roman" auch von innen heraus, sozusagen "historisch" wahr ist. Das reich bebilderte Buch verleitete einen, gleich noch weitere Bilder einzustellen. Springenschmid als späterer Lehrer und Puppenspieler. Er war Wandervogel. Springenschmid zusammen mit Luis Trenker. Springenschmid zusammen mit dem Dichter Josef Weinheber. Und zusammen mit seinem Freund, dem Dichter Karl Heinrich Waggerl (siehe sein "Servus Heiner"). Aber bevor dieser Blog mit irgendwelchen Urheberrechten in Konflikt kommt, hat er diese Abbildungen lieber wieder herausgenommen und durch eine einzige von Wikipedia ersetzt.
_______________________________
  1. Springenschmid, Karl: Costabella, Berg meiner Jugend. Ein Roman aus den Dolomiten. Leopold Stocker Verlag, Graz, Stuttgart 1973
  2. Laserer, Wolfgang: Karl Springenschmid - Leben, Werke, Fotos, Dokumente. Biographie. H. Weishaupt Verlag, Graz 1987
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