Donnerstag, 27. März 2008

Neue Forschungen zur Evolution der menschlichen Religiosität

Der "Economist" vom 19. März bringt einen offenbar recht wichtigen Bericht über neue Forschungen zur Evolution der menschlichen Religiosität. (1) Ausführlich werden die Forschungen von Richard Sosis referiert. Dazu gibt es ja schon wertvolle Verweise hier auf dem Blog. Ebenso werden in diesem Bericht abschließend die Thesen von David Sloan Wilson erwähnt. Was aber neu ist - zumindest für mich, ist insbesondere die Erwähnung der Forschungen von Patrick McNamara. Dieser Forscher aus Boston geht laut Bericht der Frage nach,
"whether different religions foster different levels of co-operation, for what reasons, and whether such co-operation brings collective benefits, both to the religious community and to those outside it."
(Hervorhebung durch mich, I.B..)

Das Vorherrschen personaler Gottheiten

Das ist eine ungeheuer spannende Frage, die ich ja vor Monaten auch schon in Diskussionen mit Michael Blume erörtert habe. Die Hypothese, die auch schon von anderen formuliert worden ist in der Religionswissenschaft und in der Soziologie (besonders schon vor Jahrzehnten von Guy E. Swanson), lautete, daß es eine Entwicklung in der menschlichen Religiosität gäbe parallel zu der Entwicklung menschlicher gesellschaftlicher Komplexität. Konkret wurde insbesondere formuliert, daß das Vorherrschen personaler Gottheiten die Kooperation in komplexen, arbeitsteiligen Gesellschaften befördern würde, daß hier also eine Art "Koevolution" vorliegen könnte zwischen (der Größe) komplexer arbeitsteiliger Gesellschaften und der Ausgeprägtheit von vorherrschenden Vorstellungen über aktiv eingreifende - den einzelnen belohnende oder bestrafende - personale Gottheiten.

Das aber wiederum würde heißen, daß komplexe arbeitsteilige Gesellschaften vielleicht nur mit bestimmten komplexen Formen menschlicher Religiosität zu vereinbaren sind und mit ihnen aufrecht erhalten werden können. Die spannende Frage wäre dann aber weiter: Welche Formen könnten das sein? Und zwar doch insbesondere auch deshalb, weil sich in modernen, säkularen Gesellschaften seit Jahrhunderten die Ansicht ausbreitet, daß der Glaube an personale Gottheiten nicht jenem faszinierenden Weltbild adäquat ist, das uns die moderne Naturwissenschaft liefert. Hm! Könnte die Schlußfolgerung lauten, daß wir selbst wieder mehr "Person" werden sollten, statt an personale Gottheiten zu glauben? Dieser Gedanke kommt mir gerade und sei hier nur einmal so in den Raum gestellt. Denn der evolutive Vorteil von "Personhaftigkeit" in religiösen Zusammenhängen ist ja doch in der Forschung wohl inzwischen unübersehbar geworden.

Statt Gott als Person anzusehen sollte sich vielleicht künftig lieber der Mensch selbst wieder mehr als einzigartige Eigenpersönlichkeit sehen?

Die Vorstellung von Gott als dem "dritten Bestrafer" im allgegenwärtigen gesellschaftlichen "Third-Punishment-Spiel" ist ja ebenfalls schon hier auf dem Blog als höchstwahrscheinlich evolutiv erfolgreich erörtert worden. Im weiteren Nachdenken hier auf dem Blog wurde dann allerdings ebenso wichtig hervorzuheben, daß der evolutive Erfolg zumindest christlicher Religiosität nord- und mitteleuropäischer Herkunft der letzten 500 Jahre nicht vornehmlich korreliert mit dem Vorherrschen einer despotischen oder auch nur mild-despotischen Priesterschaft, an die der einzelne Gläubige so mehr oder weniger die Verantwortung für seine eigene Religiosität abtritt, sondern mit der betonten Übernahme von religiöser Eigenverantwortung durch die einzelnen Gemeindemitglieder (das vielgenannte protestantische Prinzip des "Priestertums aller Gläubigen"). Siehe dazu meine "Vorstudien zu einer Vergleichenden Religionsdemographie" hier auf dem Blog in diesem Monat.

Sollte also vielleicht darüber nachgedacht werden, ob man in der künftigen, evolutiv erfolgreichen westlichen Gesellschaft statt mächtigen Priestern gegenüber unterwürfig zu sein, bzw. ihren "despotischen", einem ihnen ähnlichen Gott zugeschriebenen Moralgeboten ("Du sollst ..."), viel lieber selbst - endlich einmal - "Person" werden sollte, ob man heraustreten sollte aus der farblosen und tendenziell apersonalen, keine Verantwortung übernehmenden "Massenmenschen-Haftigkeit", "Kollektivmenschen-Haftigkeit", die ja immer wieder auch totalitaristische Tendenzen befördert.

Wer selbst Gott ist oder Gott nahe ist, braucht vielleicht keine personale Gottheit mehr? Schöne Beispiele für dieses starke Selbstbewußtsein könnten Giordano Bruno sein oder Friedrich Hölderlin. Überhaupt geht ja auch der Grundgedanke vom eigenverantwortlich denkenden und handelnden demokratischen Staatsbürger in diese Richtung: "Mehr Demokratie wagen." Aber das geht wohl nur mit charaktervollen Eigenpersönlichkeiten, nicht mit einem farblosen Massenmenschentum, wie es heute durch die schrillen Medien und vieles dergleichen mehr gefördert wird. Es könnte viele Gründe, all diese Zusammenhänge noch genauer zu durchdenken. Sie gehören auch in die Zusammenhänge moderner commitment- (und damit Altruismus-) Forschungen.

Wie mißt man die Intensität der religiösen Durchdringung des Alltags?

McNamara jedenfalls scheint selbst - und in Eigenverantwortung!? - auch neuen Schwung in die Erforschung all dieser Zusammenhänge bringen zu wollen, wenn im "Economist" über diesen Forscher berichtet wird:
"Dr McNamara, plans to analyse a database called the Ethnographic Atlas to see if he can find any correlations between the amount of cultural co-operation found in a society and the intensity of its religious rituals."
Er scheint also nicht nach der Art der Gottvorstellungen zu fragen, sondern (wohl in Anlehnung an Richard Sosis) nach der Intensität religiöser Rituale. Er fragt also vielleicht so in etwa danach, mit welcher Intensität in einer bestimmten Gesellschaft Gewissensentscheidungen im Alltag und in außergewöhnlichen Zeiten des Menschenlebens durch religiöse oder "echtere" quasi-religiöse Werte beeinflußt werden. - Auch hier wird ja wieder deutlich, daß letztlich äußere Ritualbefolgung noch gar nichts über die innere Intensität der Durchdringung des Alltags von Religiosität sagen muß. Mehr darüber sagen könnte dann da wohl viel eher der daraus folgende eigenverantwortliche Altruismus, das commitment, die Selbstverpflichtung, die durch die Religiosität bewirkt werden. Lauter spannende Fragen, denen wir hier auf dem Blog auch schon in anderen Zusammenhängen nachgegangen sind ("Nachdenken über Altruismus").

Der "Economist" weist auch auf eine schon erschienene Buchveröffentlichung von Patrick McNamara hin. (siehe: Buchladen)

Was hat die Parkinson-Krankheit mit Religiosität zu tun?

Aber Ausgangspunkt für die Forschungen von Patrick McNamara scheinen ganz andere, ebenso interessante Befunde zu sein, nämlich daß Parkinson-Kranke im Durchschnitt weniger religiös sind als gesunde Menschen und zwar offenbar gut korreliert auch nach dem Ausmaß und dem Grad der Erkrankung. Wenn man davon nun weiß, wird man sich künftig wohl Berichte über die Erforschung der Parkinson-Krankheit mit ganz anderen Augen und viel größerem Interesse anschauen. Im "Economist" heißt es:
"Patrick McNamara is the head of the Evolutionary Neurobehaviour Laboratory at Boston University's School of Medicine. He works with people who suffer from Parkinson's disease. This illness is caused by low levels of a messenger molecule called dopamine in certain parts of the brain. In a preliminary study, Dr McNamara discovered that those with Parkinson's had lower levels of religiosity than healthy individuals, and that the difference seemed to correlate with the disease's severity. He therefore suspects a link with dopamine levels and is now conducting a follow-up involving some patients who are taking dopamine-boosting medicine and some of whom are not."
Da man also weiß, daß die Parkinson-Krankheit mit niedrigerer Dopamin-Ausschüttung in bestimmten Gehirnbereichen zu tun hat, vermutet McNamara auch eine Korrelation der Religiosität mit dieser Dopamin-Ausschüttung. Das wird in diesem "Economist"-Artikel zu kurz erläutert. Auch dieser Frage wird es hochgradig sinnvoll sein, weiter nachzugehen.

Übrigens gibt es auch ein ganzes neues Forschungsprojekt, einen Forschungsverbund zu all diesen Themen, genannt "Explaining religion".
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Abschließend seien noch die längeren und sehr guten Erläuterungen der Forschungen von Richard Sosis des "Economist" zitiert:
"Richard Sosis, an anthropologist at the University of Connecticut, has already done some research which suggests that the long-term co-operative benefits of religion outweigh the short-term costs it imposes in the form of praying many times a day, avoiding certain foods, fasting and so on."

"To test whether religion might have emerged as a way of improving group co-operation while reducing the need to keep an eye out for free-riders, Dr Sosis drew on a catalogue of 19th-century American communes published in 1988 by Yaacov Oved of Tel Aviv University. Dr Sosis picked 200 of these for his analysis; 88 were religious and 112 were secular. Dr Oved's data include the span of each commune's existence and Dr Sosis found that communes whose ideology was secular were up to four times as likely as religious ones to dissolve in any given year.

A follow-up study that Dr Sosis conducted in collaboration with Eric Bressler of McMaster University in Canada focused on 83 of these communes (30 religious, 53 secular) to see if the amount of time they survived correlated with the strictures and expectations they imposed on the behaviour of their members. The two researchers examined things like food consumption, attitudes to material possessions, rules about communication, rituals and taboos, and rules about marriage and sexual relationships.

As they expected, they found that the more constraints a religious commune placed on its members, the longer it lasted (one is still going, at the grand old age of 149). But the same did not hold true of secular communes, where the oldest was 40. Dr Sosis therefore concludes that ritual constraints are not by themselves enough to sustain co-operation in a community—what is needed in addition is a belief that those constraints are sanctified.

Dr Sosis has also studied modern secular and religious kibbutzim in Israel. Because a kibbutz, by its nature, depends on group co-operation, the principal difference between the two is the use of religious ritual. Within religious communities, men are expected to pray three times daily in groups of at least ten, while women are not. It should, therefore, be possible to observe whether group rituals do improve co-operation, based on the behaviour of men and women.

To do so, Dr Sosis teamed up with Bradley Ruffle, an economist at Ben-Gurion University, in Israel. They devised a game to be played by two members of a kibbutz. This was a variant of what is known to economists as the common-pool-resource dilemma, which involves two people trying to divide a pot of money without knowing how much the other is asking for. In the version of the game devised by Dr Sosis and Dr Ruffle, each participant was told that there was an envelope with 100 shekels in it (between 1/6th and 1/8th of normal monthly income). Both players could request money from the envelope, but if the sum of their requests exceeded its contents, neither got any cash. If, however, their request equalled, or was less than, the 100 shekels, not only did they keep the money, but the amount left was increased by 50% and split between them.

Dr Sosis and Dr Ruffle picked the common-pool-resource dilemma because the communal lives of kibbutz members mean they often face similar dilemmas over things such as communal food, power and cars. The researchers' hypothesis was that in religious kibbutzim men would be better collaborators (and thus would take less) than women, while in secular kibbutzim men and women would take about the same. And that was exactly what happened."

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1. The science of religion - Where angels no longer fear to tread. In: Economist, 19.3.2008

Mittwoch, 26. März 2008

Kulturweitergabe in traditionellen Gesellschaften

In einem neuen "Science"-Artikel über die archäologische Erforschung der sozialen Weitergabe von Wissen beim Menschen (Science, 14.3.08) findet sich das folgende Foto:

Erläuterung: "Das Lernen der traditionellen mikronesischen Navigations-Kenntnisse"

So also haben die Polynesier, das heißt die Bewohner der weit verstreuten Inseln im Südpazifik, die Samoaner und all die anderen, in den letzten 3000 Jahren ihre bedeutenden Kenntnisse in Bezug auf die Navigation bei der Hochsee-Schiffahrt an ihre heranwachsende Jugend weitergegeben. Kontakte auch zwischen weit entfernten Inseln bestanden ja über viele Jahrhunderte wie inzwischen archäologisch hat nachgewiesen werden können.

Als eine der bedeutendsten Arbeiten zu dieser Thematik der Kultuweitergabe überhaupt wird man immer noch die umfangreiche emprische Studie "Semes and Genes in Africa" (Current Anthropology, 2002) ansprechen müssen, die in diesem "Science"-Artikel nicht genannt wird. Wenn die Archäologie auf dieser Linie weiteres beitragen kann zu dem, was die Völkerkunde schon zusammen getragen hat - das Hauptanliegen des neuen "Science"-Artikels -, dann können viele neue Erkenntnisse gewonnen werden.

Als ein anschauliches, paralleles Beispiel werden auch die Handels- und Seefahrtbeziehungen in der bronzeitliche Ägäis genannt. Und noch detaillierter heißt es zu dem obigen Foto (Literaturnachweis für die Ausführungen siehe daselbst):
... Large-scale models can be enhanced by considering the small-scale processes revealed by ethnography. For example, among Micronesian sailors, the traditional skills of navigation are passed down between generations, often from father to son. From a very young age, children are immersed in discussion of canoes and navigation, and from the age of perhaps five upwards, teaching becomes more explicit. Knowledge is acquired through rote learning, the rehearsal of drills, chants, and stories, and the construction of "star charts" and "stick maps" that transmit the details of voyages covering more than 1400 miles of ocean (see the photo). But this data is only part of the package; over more than 10 years, children are educated into a practical, physical understanding of how to use stars, ocean swells, currents, and wildlife in the actual performance of navigation.

Stalins Angriffspläne für den Westen

Die Tageszeitung "Welt" hat in den letzten beiden Wochen zwei im Netz viel kommentierte zeitgeschichtliche Artikel gebracht:
1. "Stalins Angriffspläne für den Westen" und
2. "1939 - Churchill soll Hitler zum Krieg angestachelt haben".
Diese Themen beschäftigten mich auch in meiner Magisterarbeit. (Hier) - Obwohl also die zeitgeschichtliche Forschung in den letzten Jahrzehnten zu beiden Themen schon vielfältige Studien vorgelegt hat (siehe etwa die entsprechende Rubrik in unserem "Buchladen"), müssen solche geschichtsbild-verändernden Thesen natürlich immer noch Aufsehen erregen in der deutschen Öffentlichkeit.

Von These Nummer 2 wußte schon kein geringerer als George Orwell, wie - schon - im Jahr 1988 sehr gründlich und akribisch Orwell-Biograph Hans Christoph Schröder herausgearbeitet hatte. (siehe hier) Weiteres dazu hat etwa 1997 Rainer F. Schmidt vorgelegt (siehe hier). Auch Dietrich Aigner ist in diesem Zusammenhang ein wichtiger Autor (schon 1969) unter vielen weiteren.

Zu Thema Nr. 1 schreibt nun der Historiker Bogdan Musial in der "Welt":
... Die neuesten Aktenfunde in den Moskauer Archiven belegen nämlich, dass die Sowjetunion ab Ende der 1920er Jahre, besonders intensiv nach dem sogenannten Schwarzen Freitag (Beginn der Weltwirtschaftskrise, 25. Oktober 1929), zum ideologisch bedingten Vernichtungskrieg gegen den Westen massiv aufrüstete. Stalin und seine Genossen gingen davon aus, dass die Krise bald in einen „imperialistischen Krieg“ münden würde, der wiederum die Voraussetzungen für den revolutionären Angriffskrieg schaffen würde.

Im Januar 1930 entwarf der spätere Marschall Michail Tuchatschewski die Konzeption des „Vernichtungskriegs“ gegen den Westen, die einen massenhaften Einsatz von Panzern (50 000), Flugzeugen (40 000) sowie den „massiven Einsatz von chemischen Kampfmitteln“ vorsah. Das Ziel des Angriffskrieges war, die kommunistische Herrschaft in Europa und der Welt mit Waffengewalt zu verbreiten.

Im Laufe des Jahres 1930 gelang es Tuchatschewski, Stalin für seine Idee des Vernichtungskrieges zu gewinnen. Ab Herbst 1930 wurden die sowjetischen Streitkräfte nach dieser Konzeption tiefgreifend umstrukturiert und umgerüstet sowie massiv ausgebaut. Die Rote Armee wuchs von 631.000 Soldaten im Jahre 1930 auf 1.033.570 im Jahr 1934 an; die Zahl der Flugzeuge stieg von 1149 auf 4.354, die der Panzer von 92 im Jahr 1928 auf 7.574 im Jahr 1934. Nach 1934 setzte die UdSSR die massive Aufrüstung fort. 1939 bestand die Rote Armee aus 1.931.962 Soldaten, sie verfügte über 10.362 Flugzeuge und 21.110 Panzer.
Man konnte immer schon die dumpfe Vermutung haben, daß der Höhepunkt des "Hungerholocaustes" in der Ukraine im Jahr 1932 (mit zehn Millionen Todesopfern) irgend etwas zu tun gehabt haben mußte mit der Weltkriegs-Krise Anfang 1934, auf die sich nicht nur der polnische Staatschef Pilsudski vorbereitet hatte. Stalin schuf sich also mit dem Hungerholocaust ein geschwächtes Hinterland, von dem er keinen Widerstand mehr befürchten brauchte, wenn er mit seiner massiven Militärrüstung offensiv werden würde.

Ähnlich hat er sich 1939/40 in Ostpolen (Katyn) und in den baltischen Staaten verhalten.

"Kampfplatz Deutschland" heißt das Buch von Bogdan Musial, das zu diesem Thema soeben erschienen ist. (St.gen.-Buchladen) Mit einer gewissen Spannung darf man neuerlich erwarten, ob und wie sich die deutsche Öffentlichkeit mit diesem Thema auseinandersetzen wird.

Mittwoch, 19. März 2008

Der Kindergarten - oder: Die ausgelutschte Zitrone Kind

Wozu hat man Kinder? Um den Alltag nicht mit ihnen zu verbringen?

Ein Vater schreibt an "Stud. gen."*):
Wir haben eine entzückende, kleine, zweieinhalbjährige Tochter. Geradezu "wie aus dem Bilderbuch". Meine Lebensgefährtin geht Vollzeit arbeiten und ich gehe derzeit von zu Hause aus einer Halbtags-Beschäftigung nach und habe dabei bislang auf unsere Tochter aufgepaßt. Nun drängt sich der "Zeitgeist" in unsere Familie.

Meine Lebensgefährtin meint, die Tochter müsse "unbedingt" in den Kindergarten. Und heute hat unsere Tochter ihren fünften Kindergarten-Tag. Grade habe ich sie wieder hingebracht.

Aber wie sieht so etwas aus aus meiner Perspektive?

Bislang war jeder Tag mit meiner Tochter ein Tag voller Freude, Friede und Glück. Voller Ausgeglichenheit.

Vielleicht gelingt das nicht immer zwischen Eltern und Kindern. Aber die Tochter hat ein glückliches Naturell, mit dem ich als Vater gut zurecht komme. Während ich am Rechner sitze und arbeite, spielt sie - in Ruhe und vollkommener Harmonie. Natürlich, es fehlt etwas. Vor allem fehlen Spielkameraden für sie. Sie kann zwar - wie wohl jedes Kind in diesem Alter - viel für sich alleine spielen. Aber immer, das ist natürlich auch ein bißchen einseitig und langweilig.

Und freilich, ich muß mich oft von meiner Arbeit lösen, wenn ich sehe, das Kind muß rauss an die frische Luft, muß laufen, muß sich bewegen. Oft denke ich, ich müßte eigentlich weiterarbeiten. Aber das Kind geht vor. Frische Luft - was ist besser, als frische Luft für so ein Kind? Aber selbst wenn man nun hinaus geht: Alle Kinder in der Wohnsiedlung scheinen im Kindergarten zu sein und die wenigen, die es nicht sind, findet man auch nicht. Selbst nicht auf den zentralsten Spielplätzen. Also auch hier: Einsamkeit für die kleine Tochter. Nicht so schlimm. Sie kann stundenlang mit Sandkasten-Förmchen und ein bißchen Regenwasser in der kleinen, von ihr als "Küche" konzipierten Spielecke spielen - oder was immer sonst. Nur für mich als Vater und Aufsichtsperson wird es leicht ein bißchen langweilig, jedenfalls so "auf die Dauer".

Ja, da sind also mancherlei Gründe, daß man sich sagt, das Kind müßte eigentlich unter Kinder. Aber wie? Wo?

Vielleicht gäbe es noch andere Möglichkeiten (Spielkameraden ins Haus einladen? Welche?) Aber die naheliegendste ist: Kindergarten.

Kindergarten

Natürlich ist die Tochter begeistert. Wir haben die zwei nächstgelegenen zusammen besichtigt, Vater und Tochter. Und der, wo es am meisten Krach und Lärm gegeben hat, und wo die Kinder am chaotischsten herumliefen, der war ihr am liebsten. Klar! Aber man konnte ihr leicht verständlich machen, was auch die Kindergarten-Leitung dem Vater erklärte: Der Kindergarten ist "voll". Warteliste: "ein Jahr", "mindestens".

In einem anderen bekommen wir sofort einen Platz.

So. Und da soll sie nun - vorläufig - hin: drei Tage in der Woche von 9 Uhr bis 12 Uhr.

- Toll?

Ne.

Aus meiner Perspektive als Vater: Ich bin nur noch der Müllablade-Platz für meine Tochter, die - viel - seelischen Müll abzuladen hat nach einem solchen Kindergarten-Tag. Merkwürdig, daß das - offenbar - so wenige andere Eltern erleben. Oder reden sie nur nicht darüber? Versuchen sie es, sich nicht bewußt zu machen? Sie geben wahrscheinlich allem möglichen die schuld, wenn ihre Kinder nervös, unruhig, unerzogen, unaufmerksam, "fahrig" oder "völlig durch den Wind" sind. Bestimmt nicht dem Kindergarten. Dem Kindergarten, dem Kindergarten, dem Kindergarten.

Oh, das ist eine grausame Erfindung. Einem vielgerühmten Friedrich Wilhelm August Fröbel (1782 - 1852) haben wir Deutschen und die Welt - offenbar - diese "Erfindung" zu verdanken. (Wikipedia 1, 2) Vorher nannte man das auch - wie ich es treffender benannt finde: "Kinderbewahranstalt". Das ist es doch - und mehr nicht. Und dann lese ich auch, daß Kindergärten in Preußen zehn Jahre lang (zwischen 1851 und 1860) verboten gewesen sind. Was? Waren die damals schon so klug?

(Das preußische Kultusministerium verbot sie am 7. August 1851 wegen „destruktiver Tendenzen auf dem Gebiet der Religion und Politik“ und weil sie „atheistisch und demagogisch“ wären. ...)

Sieht denn das keiner?

Muß man noch mehr sagen? Zu was bin ich "degradiert"? Morgens bin ich nur damit beschäftigt, meine Tochter fertig zu machen: Töpfchen, Anziehen, Kämmen, Essen, Anziehen, in den Kindergarten fahren. Dabei der "Zwang zur Pünktlichkeit", der doch noch Grundschulkindern einigermaßen zu schaffen macht. Und jetzt schon bei einer Zweieinhalbjährigen? Ich muß sie dauernd drängeln, damit wir nicht "zu spät" kommen. Und das jetzt - - - "jeden Morgen"? Mittags kriege ich ein "völlig fertiges", übermüdetes Kind zurück, das so fertig ist, daß ein ruhiges, normales Mittagessen überhaupt nicht möglich ist. Bisher jedenfalls. Das Kind ist ein einziger Müllhaufen. Seelisch.

Und mir ist inzwischen auch klar, warum. Äußerlich geht alles freundlich zu in einem Kindergarten, man möchte sagen "superfreundlich". Daran kann es nicht liegen. Der Grund ist, daß die Situation an sich boshaft ist. Kein Kind trennt sich gern von seinen Eltern. Und ihm wird im Kindergarten eingeflößt, daß das "normal" ist. Alle Kinder machen das ja. Und alle sind ja "superfreundlich". Aber alle Reaktionen, die es danach zeigt, zeigen mir, daß das normal nicht ist. Und daß das Unbehagen, wenn meine Tochter andere Mütter sich von ihren Kindern an der Tür des Kindergarten verabschieden sieht, ein wesentliches ist. Es wird von ihr registriert, sie sieht es.

Seit sie im Kindergarten ist, ist sie viel aggressiver. Warum? Weil die Situation selbst aggressiv ist. Meine Meinung jedenfalls. Niemand einzelner ist Schuld. Schuld sind allein die Eltern, also ich, die das zulassen, um die Beziehung nicht auf eine Zerreiß-Probe zu stellen und - natürlich - der Zeitgeist. Es sind wunderbare Erzieherinnen im Kindergarten. An ihnen liegt es nicht.

Also so schnell wie möglich zum Mittagsschlaf mit diesem seelischen Müllhaufen. Essen ist doch sowieso nicht mehr möglich. Nun, zwei Stunden später scheint äußerlich alles wiederhergestellt. Aber die tiefe, gemütvolle, harmonische Beziehung, die entspannte Freude, der Spaß will sich - nach diesem tiefen Einschnitt der drei Stunden Kindergarten, diesen ungeheuer reichhaltigen und vielfältigen Eindrücken für so ein kleines Kind - offenbar auch nachmittags nicht mehr zwischen uns einstellen. Sie kann nicht mehr, wie sonst, still, harmonisch und friedlich spielen. "Fahrig" läuft sie in der Wohnung herum, macht dies, macht das. Macht meistens Mist und Unsinn. Findet keinen Frieden, keine Ruhe mehr in sich, also das, was doch zuvor - für Vater und Tochter - das Schönste war am Tag.

Wozu? Wozu, wozu? Wir hatten so schöne Stunden. Tage. Jeder Tag war ein Fest mit ihr. Und nun?

Und nun? "Auf den Hund gekommen." Eine Kindheit und ihre Frieden zerstört.

Und wie man in der Umgebung sieht, gibt es viele Kinder, die nicht nur drei Tage in der Woche drei Stunden im Kindergarten sind. Nein, sie gehen früher und kommen später, erst am Nachmittag nach Hause. Ganz und gar "kaputt". Nur noch ein "Haufen Elend". Ich sehe es doch. Bei Nachbarkindern. Und das fünf Tage die Woche. - Hat Gott diese Welt wirklich verlassen? Die Hand von ihr abgezogen? Oder bin ich einfach "zu zimperlich", "zu sensibel"? Wir sind doch sonst in allem so ... "supersensibel"? Und in diesen Fragen nicht?

Habe ich meine Tochter nur, um sie die schönsten Zeiten, die man überhaupt mit ihr haben kann im Leben, um sie diese im Kindergarten verbringen zu lassen? Und um mir selbst dann nur den "faden Rest" zu lassen, die "ausgelutschte Zitrone"? Ist das der Sinn? Ist es das, wo wir wollen und zu preisen würdig finden?

Ich finde es ekelhaft und könnte erbrechen.
- Soweit dieser Vater. - Ja, schade, was soll iman dazu noch sagen? So wie dieser Vater erlebt vielleicht noch so mancher und so manche die Welt, soziale Beziehungen und Kinder.

Zur Bebilderung dieses Beitrages wurden noch ein paar Fotos von dem F.W.A. Fröbel herausgesucht. Kann man diesen Menschen freundlich nennen? War er ein "Menschenfreund"? War das gut, was er getan hat? Konnte er ahnen, was er tut? Oder hat der preußische Kultusminister nicht doch auch eine gewisse richtige "Ahnung" gehabt über dessen Tun - ? Waren ihm die möglichen Folgen seines Tuns nicht bewußt? Das "düsterste" Portrait von ihm (ganz oben) scheint einem jedenfalls am ehesten jene Menschlichkeit zum Ausdruck zu bringen, die von ihm und seiner "Erfindung" auf die heutige Gesellschaft ausstrahlt. ...

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*) Die drei Fotos dieses Beitrages stellen Friedrich Wilhelm August Fröbel dar.

Mittwoch, 5. März 2008

Giordano Bruno-Denkmal in der Mitte Berlins

Der Potsdamer Platz liegt im Zentrum Berlins und ihm wird traditionell eine große Bedeutung zugesprochen. Seit der Wiedervereinigung ist er mit moderner Architektur neu aufgebaut worden. Dabei bildete er zeitweise die größte Baustelle Europas. Man muß nicht unbedingt mit der dort heute gebotenen Architektur etwas anfangen können. Ob der neue Platz irgendwie "individuell" geworden ist oder ob er wieder nur das "Dutzend-Gesicht" von hunderten von modernen Großstadt-Plätzen heute auf dem Erdball zeigt, kann hier dahingestellt bleiben. Nachdem der "Rausch der Neuheit" vergangen sein wird, wird sich, wie man vermuten kann, allmählich auch diesbezüglich sehr bald eine Mehrheitsmeinung in der Bevölkerung herausbilden. Und wenn es in einigen Jahrzehnten um Abbruchgenehmigungen gehen wird, werden die "berühmten" Architekten wieder der Tatsache hinterhertrauern, daß man ihre Gebäude nicht unter Denkmalschutz stellt - was ein gültigeres Kriterium dafür wäre, daß es sich um eher "überzeitliche" Architektur handelt.

Am 2. März ist nun auf diesem Platz ein Giordano Bruno-Denkmal enthüllt worden. Über die Ästhetik der kopfüber dargestellten Giordano Bruno-Statue neben einer Rolltreppe wird man sicherlich ebenfalls geteilter Meinung sein dürfen. Das Denkmal soll nicht nur an das Leiden eines einzelnen Denkers, sondern an das aller religiös Verfolgten erinnern.

"Heldenverehrung" im Sinne des 19. Jahrhunderts wird hier bestimmt nicht betrieben. Was man nicht will, wird deutlich. Was man will, nicht wirklich ... Eine neue Art "Jesus-Kult"? Anbetung des Leidens einer - nun auf wissenschaftlich-philosophischem Wege - die Menschheit "erlösenden" Kreatur? Es kann sich einem auch die Frage stellen, warum ein solches Denkmal vertieft stehen muß und warum eine Statue, die an einen solchen Feuergeist wie Giordano Bruno erinnern will, ein Dach über dem Kopf tragen muß. Erinnerung an seinen Kerker?

Und warum gerade Berlin?

Ein sicherlich beabsichtigter Symbolgehalt eines solchen Denkmals ist also nicht übersehbar. Er wird insbesondere durch seine Nähe zu dem nur wenige hundert Meter entfernten Holocaust-Mahnmal, zum Bundeskanzleramt (wo auch oft "leidende" Mienen aufgesetzt werden und man gerne mal - sinnbildlich gesprochen - "Kopf steht"), zum Reichstagsgebäude und zum Brandenburger Tor unterstrichen. Sowie zu zahlreichen sonstigen bedeutungsvolleren "Institutionen" und Erinnerungsstätten im Zentrum der deutschen - und früheren preußischen - Hauptstadt.

Aber: Giordano Bruno in Berlin? Ausgerechnet in Berlin? Ist er dort nicht immer noch "irgendwie" ein Fremdkörper? Giordano Bruno weilte, bevor er in die Kerker der römischen Inquistition geriet, in Deutschland, an den damals protestantischen Universitäten Marburg, Wittenberg, Prag, Helmstedt und Frankfurt am Main. Nicht jedoch in dem damals noch ganz unbedeutenden Berlin. Wären da nicht jene genannten Orte zur Aufstellung eines solchen Denkmales viel naheliegender gewesen? Und besonders in Wittenberg, der Kernstadt des Protestantismus weltweit, jener Stadt, die mit dem "Intercity" nur eine halbe Stunde vor der preußisch-protestantischen Stadt Berlin gelegen ist? (Stud. gen.) Hätte man dort ein Giordano-Bruno-Denkmal aufgestellt, hätte man zugleich bewußt gemacht, daß die europäische Aufklärung gar nicht möglich war ohne die vormalige Reformation.

Hat man sich denn gar nicht klar gemacht, daß gerade auf kulturellem Gebiet Deutschland nicht dadurch geprägt ist, daß es - wie etwa Frankreich - eine einzelne, besondere Hauptstadt hat, sondern viele kleinere kulturelle Zentren? So würde man es doch als bedeutende Aufwertung jeder einzelnen dieser "kleineren" genannten Städte empfinden, wenn in diesen daran erinnert würde, daß hier Giordano Bruno, einer der bedeutensten Denker der europäischen Geschichte auf seinem schweren Lebensweg Zuflucht gefunden hatte - und sei es auch nur für einige Monate. Es kostet Mühe, sich einen solchen Feuerkopf selbst heute noch in einer unserer modernen Städte vorzustellen. Feuerköpfe passen hier irgendwie gar nicht mehr hin. Und schon gar nicht in akademische Zirkel ...

Aus Anlaß der Denkmal-Enthüllung wurde aber auch eine ganz nützliche Internet-Seite eingerichtet, der man mancherlei Auskünfte entnehmen kann: www.bruno-denkmal.de.

Nützliche Auskünfte über Giordano Bruno

Giordano Bruno ist ja nicht eine Geistesgröße, die uns Heutigen noch besonders leicht zugänglich wäre. Seine Werke lesen sich nicht einfach. Sie sind aus einem ganz anderen Zeitgeist heraus entstanden, auch aus einem ganz anderen akademischen Zeitgeist. Zudem sind sie original in Italienisch und Latein erschienen und Standard-Übersetzungen ins Deutsche haben sich bis heute nicht durchgesetzt. Man erfährt auf der angegebenen Seite, daß der Meiner-Verlag eine Gesamtausgabe in deutscher Sprache vorbereitet.

Der Lebensweg von Giordano Bruno wird dort ebenfalls skizziert, sowie seine Hauptwerke genannt. Auch wird eine offenbar gut ausgewählte Liste von jüngst erschienener Literatur über Giordano Bruno geboten. Erstaunlich viele Neuerscheinungen in den letzten zehn Jahren.

Die auf der Seite gebrachten Zitate aus den Werken Bruno's sind nicht alle selbsterklärend. Aber auch in ihnen wird besonders deutlich, wie sehr Giordano Bruno Zeit seines Lebens damit beschäftigt war - und offenbar damit beschäftigt sein mußte -, sich zunächst einmal nur die bombastische ("barocke") Dummheit seiner Zeitgenossen vom Leibe zu halten. Schön auch ein gebrachtes Zitat des deutschen Philosophen Georg Friedrich Wilhelm Hegel über Bruno:
... seine Philosophie zeugt von einem eigentümlichen, überlebendigen und sehr originellen Geist. Der Inhalt seiner allgemeinen Gedanken ist die Begeisterung für die schon erwähnte Lebendigkeit der Natur, Göttlichkeit, Gegenwart der Vernunft in der Natur.

Viele Phrasen und Urteile in den Werken Hegels wird man sich als entstanden vorstellen müssen in den langen philosophischen Gesprächen mit seinem Freund Friedrich Hölderlin, der selbst von allen Deutschen sicherlich noch am ehesten als ein Geistesverwandter Giordano Bruno's angesprochen werden kann. (Jedenfalls gewiß nicht Hegel selbst ...)

Auch ein Zitat von Friedrich Nietzsche ist schön - Giordano Bruno hat auch Gedichte geschrieben, die er unter dem Titel "Heroische Leidenschaften" herausgebracht hat:
Mein lieber Herr Doktor, diese Gedichte von Giordano Bruno sind ein Geschenk, für welches ich Ihnen von ganzem Herzen dankbar bin. Ich habe mir erlaubt, sie mir zuzueignen, wie als ob ich sie gemacht hätte und für mich - und sie als stärkende Tropfen „eingenommen“. Ja. wenn Sie wüssten, wie selten noch etwas Stärkendes von außen zu mir kommt!
- - - Merkwürdig überhaupt: Die Giordano Bruno-Stiftung, die maßgeblich an der Errichtung dieses Denkmales beteiligt war, "verwaltet" ein breites geistesgeschichtliches europäisches Erbe, für das sich außer ihr kaum noch eine andere gesellschaftliche Gruppierung heute in größerem Umfang und fokussierterer Weise verantwortlich fühlen würde. Und doch könnte es sich dabei um zentralste Bestandteile der abendländischen Kultur handeln. Beispielsweise die Werke eines Hegel, eines Nietzsche waren von Anliegen erfüllt, von Anliegen, deren gesellschaftliche Verwirklichung auch heute noch aussteht.

Dienstag, 4. März 2008

Vorstudien zu einer "Vergleichenden Religionsdemographie" (Teil 3)

Aus heutiger Sicht und Perspektive könnten die im vorigen Beitrag (aus dem Jahr 1995) zusammengestellten Beispiele für (menschliche) "Erfolgsmodelle der Evolution" anders gegliedert werden. Dazu soll eine Grafik des Religionswissenschaftlers Michael Blume über die derzeitige Religionsdemographie der Schweiz gebracht werden:

Wenn man nun versucht, grundlegende, weltgeschichtliche, sozioökonomische Entwicklungen in den Kulturen der Erde mit den im vorigen Beitrag genannten und in dieser Grafik angeführten Daten zu einer sich andeutenden "Vergleichenden Religionsdemographie" in Beziehung zu setzen, dann soll in erster Annäherung zunächst einmal nur eine "Rangfolge" von jenen Glaubensgemeinschaften gegeben werden, die europäischen Ursprungs sind:
Hutterer: 11 Kinder pro Frau
Amische: 8 Kinder pro Frau
Jüdische Glaubensgemeinschaft in der Schweiz: 2,06 Kinder pro Frau
Freiprotestanten in der Schweiz: etwa 2 Kinder pro Frau
Anthroposophen in Westdeutschland: etwa 1,7 (?) Kinder pro Frau (1)
(Schweiz gesamt: 1,4 Kinder pro Frau)
Katholiken in der Schweiz: 1,4 Kinder pro Frau
Evangelisch-reformierte Kirche: 1,35 Kinder pro Frau
Zeugen Jehovas in der Schweiz: 1,2 Kinder pro Frau
Konfessionslose in der Schweiz: 1,1 Kinder pro Frau
Man kann es als einen sehr auffälligen Befund erachten, daß von allen religiösen Gruppierungen, die - anzunehmenderweise - eine traditionelle europäische Bevölkerungsweise aufzeigen (oder Reste davon), die höchsten Geburtenraten heute solche christlichen Gemeinschaften aufzeigen, bei denen es keinen eigenen, abgesonderten Priesterstand gibt, sondern höchstens "Laienprediger". Die Laienprediger bei den Hutterern und Amischen sind Bauern und Handwerker wie alle anderen auch. Mit besonderer Absicht bilden sie keine besondere Berufsgruppe. Es gilt konsequent das protestantische Prinzip des "Priestertums aller Gläubigen". Ähnliches gilt in Abstufungen auch für die zahlreichen und diversen freiprotestantischen Gemeinden im heutigen Mitteleuropa, denen ja gerade die seelischen "Verkrustungen", die durch einen abgesonderten Berufsstand, nämlich den des Priesters, in der offiziellen evangelischen Kirche entstanden sind, Anlaß gegeben haben, diese Kirche zu verlassen und ihr Gemeindeleben selbstverantwortlich zu gestalten.

Ein besonderer Priesterstand wirkt sich - heute - nicht besonders positiv auf die Geburtenrate aus, sondern ...

Dieser Umstand scheint auch auf die Anthroposophen zuzutreffen, die trotz überdurchschnittlicher Rate an Konfessionslosen unter sich eine überdurchschnittliche Geburtenrate aufweisen. (1)

Die niedrigsten Geburtenraten unter den Christen haben die Angehörigen der großen etablierten "Priester-Kirchen" - oder soll man sagen "Theologen-Kirchen", nämlich der evangelischen und der katholischen Kirche. Überall dort, wo Christentum stärker selbstverantwortlich gelebt wird, wo sich praktisch jedes Gemeindemitglied mit verantwortlich fühlt für die Lebendigkeit des christlichen Glaubens in der Gemeinde, in jeder dieser religiösen Gemeinschaften steigt die Geburtenrate.

Man könnte nun meinen, daß die Jüdisch-Gläubigen dabei eine Ausnahme machen. Das würde aber eine gesonderte Untersuchung verlangen. Leben die gläubigen Juden nicht auch eine Religiosität, die der der genannten, sich selbstverantwortlich fühlenden Gemeinden nahekommt,da sie sich ja auch geradezu als "das" "Priestervolk" schlechthin begreifen. Und wird es nicht schon von daher unter ihnen weniger "Namensjuden" geben als es in den großen christlichen Kirchen "Namenschristen" gibt? Aber auch das nur als Vermutung formuliert.

... Übernahme von Eigenverantwortung der Gläubigen auf religiösem Gebiet

Man könnte nun natürlich in der oben angeführten Rangfolge zwischen Amischen und Juden noch zahlreiche andere europäische Bevölkerungen der Geschichte einfügen, die etwa bis 1900 dazwischen liegende Geburtenhöhen aufwiesen und zugleich stärker christlich geprägt gewesen waren als die meisten Menschen, die heute noch Mitglieder einer Großkirche sind. Und es wird sich dann doch auch die Frage stellen, ob man solche Bevölkerungen als eher den heutigen Großkirchen nahestehend empfinden wird oder als nahestehend jenen, die heute ihr Gemeindeleben selbstverantwortlicher gestalten. Man wird eher zu letzterer Vermutung neigen wollen.

Außerdem finden sich im vorigen Beitrag auch Beispiele für wenig wachsende Bevölkerungen in der europäischen Geschichte, auch in Zeiten, als es gar keine Alternativen zum Christentum gab. Als also "Konfessionslosigkeit" zumindest äußerlich gar nicht möglich war. Vielleicht wären das dann eher Bevölkerungen, die dem heutigen, auf dem Glaubensgebiet eher passiven "Namens-Christen" näher stehen würden.

Jedenfalls: All solche vergleichenden religionsdemographischen Betrachtungen noch näher an den historischen oder heutigen Einzelfall heranzuführen, könnte die Aufgabe einer künftigen "Vergleichenden Religionsdemographie" sein.
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Literatur:

1. Bading, Ingo: Der "anthroposophische Lebensstil" als demographischer Faktor. Vorläufiger Entwurf eines Forschungsartikels. Auf Wissenschaftsblog "Studium generale", 26.2.2008

Vorstudien zu einer "Vergleichenden Religionsdemographie" (Teil 2)

„Erfolgsmodelle der Evolution“

Reproduktionserfolge in ausgewählten Populationen (Ausbreitungschancen der Gene)

(Manuskript, entstanden Dezember 1996, Erstveröffentlichung. Erläuterung siehe voriger Beitrag)

Einleitung und Zusammenfassung

Die entscheidenden Abschnitte in der Geschichte der menschlichen Kulturen sind die Phasen des rapiden Bevölkerungs-Wachstums.

Von 1700 bis 1972 hat sich die Bevölkerung auf dem Gebiet des heutigen Deutschland verfünfacht: von 15 Millionen auf 75 Millionen. Eine Verfünfachung der Bevölkerung lag auch bei der Besiedlung Schlesiens durch die Deutschen im 13. und 14. Jahrhundert vor. Eine Verzehnfachung der Bevölkerung ergab sich bei den ersten landwirtschaftlichen Siedlungen im Vorderen Orient (nach 8.000 v. Ztr.). Von einer Verhundertfachung der Bevölkerung über Zwischenstufen geht man für die Zeit der ersten landwirtschaftlichen Siedlungen Mitteleuropas aus (nach 6.000 v. Ztr.). Bevölkerungs-Wachstum kann sich ergeben entweder
1. wenn sich die Produktion ausweitet,
2. wenn neue Besiedlungsmöglichkeiten erschlossen werden (Übersee-Kolonien, Deichbau, Entwässerung von Flußniederungen, Sümpfen, Rodung von Wäldern)
3. bei Verarmung der Bevölkerung, d. h. auf Kosten des Wohlstandes (und sogar auf Kosten ausreichender Nahrungsmittelversorgung), wenn sich während des Bevölkerungswachstums die Produktion nicht ausweitet (s. Dritte Welt).
Merkmale, die mit Reproduktions- und Produktionserfolg in menschlichen Populationen korrelieren

Wodurch sind Gemeinschaften bestimmt, die in einem starken Bevölkerungswachstum stehen und dabei nicht verarmen? Durch intensives Gemeindeleben (vgl. 1, 2):
a) Sie haben eine hohe Kinderzahl.
b) Sie sind religiös bestimmt.
c) Sie sind arbeitsteilig gegliedert.
d) Nachbarschaftshilfe, häufige Verwandten-Besuche, gemeinsame kulturelle Betätigungen herrschen vor.
e) Erschwerte äußere Bedingungen und/oder selbst auferlegte Anstrengungen sind vorherrschend.
f) „Barrieren“ (geographische, kulturelle, Heiratsschranken) zu anderen Gruppen liegen vor.

Beispiele

1. Die Hutterer

a) Die Population mit dem größten Bevölkerungswachstum der Welt: „Alle 15 bis 20 Jahre verdoppelt sich die Bevölkerung in den fruchtbaren Kolonien.“ (3, S. 142) 10 bis 12 Kinder pro Frau keine Seltenheit.
b) radikale Christen (pazifistische, protestantische Wiedertäufer) (3)
c) „Welche Bauern der Umgebung können sich so moderne Maschinen leisten? ... Wer hat die stärksten Ochsen, und wer erntet den besten Weizen?“ (3, S. 53) Vielseitigkeit, Ökonomie des verteilten Risikos
d) „... erinnert mich diese Gesellschaft hier an einen fleißigen Ameisenhaufen oder einen emsigen Bienenstock, in dem jeder dem anderen zuarbeitet ... für ‚unsre hailiga Gmah’“ (3, S. 110)
e) legen sich selbst Steine in den Weg: "gute Zeiten machen schlechte Christen", das „böse Fleisch“ soll leiden
f) gegenüber den „Englischen“

Geschichtlicher Hintergrund: 1875 - 1877 Einwanderung in die USA aus der Ukraine („Odyssee“ der Hutterer: zuvor in Siebenbürgen, davor bis 1593 in Mähren). 1756 stieß in Siebenbürgen eine aus Kärnten vertriebene 65-köpfige Gruppe von Kryptoprotestanten dazu, von der heute die meisten der 30.000 bis 33.000 Hutterer in den 300 (200?) Kolonien im Grenzgebiet USA/Kanada (1986) (4, S. 2, 19) abstammen (4, S. 199, 203): Es gibt bei ihnen im Wesentlichen nur 15 Familiennamen, die auf drei Dörfer im Drautal in Kärnten zurückverfolgt werden können. Von den 33.000 leben 11.300 in Kanada (4, S. 124, 305).

2. Die Amischen

a) 7 Kinder pro Ehe (1, S. 37) „Verdreifachung in jeder Generation“ (5, S. 76)
b) radikale Christen (pazifistische, protestantische Wiedertäufer, s. a. pazifistische Hinnahme des „Hochstetler Massacre“ an ihnen durch Indianer 1757 ohne Gegenwehr).
c) In einer Gemeinde von 200 Personen ein „Völliger Diener“ (Bischof), zwei „Prediger“, ein „Armendiener“ (Arbeitsorganisator) (5, S. 60f), Lehrer(in) (5, S. 78, 108; 6), landwirtschaftliche und handwerkliche Selbstversorgung (5, S. 54 - 66), Barn-raising („Dieses eindrucksvolle Ergebnis kann nur erreicht werden, weil bis zu 200 Amish-Männer gleichzeitig zusammenarbeiten.“) (5, S. 82 - 85; 2, S. ..), “Quilts” (Patchworkdecken) (5, S. 100) “Today, although 30 percent of married Amishmen are not farming, many of their jobs indirectly support farm economy.” (6, S. 197)
Luftpumpen und Luftpumpen-Systeme, Bäckerei, Batterien und Elektronik, Bienenhaltung-Zubehör, Buchhändler, Metzger, Tischlerei, Kutschen, Uhrenreperatur, Stoffe, Textilien, Motorreperatur, Zäune, Fließenleger, Gießerei, Möbel, Lebensmittelläden, Eisenwaren, Hut-Herstellung, Apotheke, Hufschmied, Haushaltsgeräte, hydraulische Systeme, Laternen-Herstellung, Leder und Pferdegeschirr, Holzhaus-Bau, Maschinen-Montage, Maschinen-Bau, Maschinen-Reperatur, Maurer, Klemptner, Drucker, „Quilts“, Einzelhandel, Straßenstände, Dachdecker, Wasserkraft, Anstreicher, Speicherhaus-Bau, Sturm-Fenster und Glas, Blech-Fabrikation, Grabsteine, Spielzeug, Polstermöbel, Gemüse, Floristen, Waschmaschinen-Handel u. v. m.
„In general, the products and services must be compatible with Amish values. ... Few Amish work in service or information roles that require formal education and extensive interaction with the outside world. ... Not all the nonfarm jobs cater to the peculiar needs of the Amish community; many serve the larger society.” (6, S. 201 - 206)
Es gibt „keine Armut unter den Mitgliedern der untersuchten Gruppe. Im Gegenteil, die Amish sind relativ vermögend.“ (5, S. 101)
d) „Diese Besuche bei Verwandten oder Freunden in anderen Gemeinden spielen eine hervorragende Rolle im Leben der Old Order Amish People.“ (5, S. 63, 53, 59) Abendliches Bibel-Lesen in der Familie (5, S. 99, 105); „Rum-Springa“ der Jugend (5, S. 110ff); „Barn-Dance“ (6).
e) Kein elektrischer Strom, kein Blitzableiter, keine Schädlingsbekämfungsmittel, Pferdewagen usw.
f) gegenüber den „Englischen“

Hintergrund: Seit 1713 aus der Schweiz und dem Elsaß in den USA eingewandert. (5, S. 34f) 1980 87.000 Personen Old Order Amish (5, S. 23). Während die Hutterer ihr Bevölkerungs-Wachstum in die Gründung neuer Kolonien einmünden lassen, geht dieser bei den Amischen derzeit in weitere berufliche Spezialisierung ein, da für sie neuer Landkauf meistens zu teuer ist.

3. Die Mennoniten allgemein

Besiedlung des Dollart?, Eindeichungen in Ostfriesland, in der Weichselniederungen, in Rußland und in den USA (Pennsylvania, Ohio u. a.)
a) ?
b) protestantisch
c) ?
d) ?
e) ja
f) ja? (7)

4. Bergbauern-Gemeinde Embd (Schweiz, Wallis)

a) Geburten-Überschuß von 18,9 auf Tausend (1931 - 1954) (Schweiz allgemein: 6,1 auf Tausend); jede 4. Ehe 9 und mehr Kinder (8, S. 21f)
b) katholisch (8, S. 25)
c) Schreiner, Maurer, Zimmerleute, Schmiede, Schuhmacher, Stör-Metzger, Korbmacher, zwei Mühlen, Steinbruch (8, S. 59f), sowie zwei Lehrer (8, S. 97), eine Hebamme
d) „... Dagegen hilft man sich heute noch bei den verschiedensten Arbeiten gegenseitig aus.“ (8, S. 29, 83) Zahlreiche „Geteilschaften“ (8, S. 83f) Kulturelles Gemeindeleben (8, S. 82f).
e) sehr stark (z. T. urtümlichste Wirtschaftsweise infolge stärkster Neigung der bewirtschafteten Hänge)
f) geographische Abgeschlossenheit, geringe verkehrsgeographische Erschließung (keine Straße, nur Seilbahn und Bergpfade).

1798: 149 Einwohner (8, S. 16), 1950: 395 Einwohner (= 84 Familien, aber nur 10 Familiennamen) (8, S. 19, 63, 76) (Geburtenüberschuß mündete in starke Abwanderung in die Täler, zum Teil in Auswanderung nach Übersee.)

5. Familie schlesischer Leinenfabrikanten im Eulengebirge (1709 - 1958) (n = 6 Ehefrauen)

a) 8,1 Kinder pro Frau
b) evangelisch
c) Weber, Firmengründung mit Filiale in Warschau, Gutsbesitz
d) wahrscheinlich
e) wahrscheinlich (- die berühmten schlesischen Weberunruhen im Nachbardorf)
f) Heiratsschranken (?) (9)

6. Eine deutsch-baltische Adelsfamilie (1520 - 1918) (n = 9 Ehefrauen)

a) 7,2 Kinder pro Frau
b) Evangelisch. (Der gemeinsam mit dem schwedischen Kanzler Axel Oxenstierna geadelte Stammvater der Familie war Superintendent in Riga.)
c) Bürgermeister, Burggrafen, Gerichtsassesoren, Landrichter, Landmarschälle von Livland, Ärzte
d) ?
e) ?
f) lettische Bauern (9)

7. Eine englische Fabrikantenfamilie (1730 - 1930) (n = 4 Ehefrauen)

a) 5,2 Kinder pro Frau
b) Puritaner
c) „manufacturer“, Landräte, Regierungs-Geologen (9)

8. Besiedlung der USA im 19. Jahrhundert

a) “American birth rates began the century far above European rates.” (10, S. 18) “By European standards, American birth rates were exceptionally high at the start of the nineteenth century.” (10, S. 13) “Also relativly unambiguous is the proximate cause of this exceptional growth: a birth rate which, by European standards, was high at the beginning of the century.” (10, S. 15) Die Einwanderung “was a factor of secondary importance, contributing one quarter of the total population increase in the first half of the century.” (10, S. 18f, 15)
b) überwiegend protestantisch
c) Landwirtschaftliche und Industrielle Revolution gleichzeitig.
d) ?
e) hohe Wochenstunden-Zahlen
f) (Indianer)

9. Erste landwirtschaftliche Siedlungen in Mitteleuropa (Bandkeramiker)

a) Verhundertfachung der Bevölkerung über Zwischenstufen (11, S. 28, 87), z. T. in nur 100 bis 200 Jahren
b) z. B. Jungfrauen- und andere "Bau"-Opfer
c) Steinbeil-, Keramik- und Feuerstein-Produktion zentral für ein ganzes Tal (für mehrere 100 Personen) (12).
d) ?
e) vermutlich sehr stark
f) vermutlich gegenüber den einheimischen Spätmesolithikern (Jäger-Sammler-Völker)

10. Rodungsbauern in Wolhynien (Ostpolen/Ukraine) im 19. und frühen 20. Jahrhundert

a) „allgemein hohe Kinderanteile“, Geburtenüberschuß von 22,2 auf 1.000 (13, S. 111f, 72)
b) evangelisch, „betonte Kirchlichkeit“ (13, S. 72)
c) Schuster, Schneider, Schlosser, Wagner, Brunnenmeister, Zimmerleute, Mühlenbauer, Müller (1, S. 75)
d) Nachbarschaftshilfe (13, S. 51)
e) „Sibirienarbeit“ (13, S. 43)
f) Ukrainer, Polen, Juden (13, S. 27f, 75f)

20 Familien pro Dorf (13, S. 14f)

11. Siebenbürger Sachsen

a) ?
b) ?
c) und d) Das "Nachbarschaftswesen":
„Aus ihrer Sorge um die Sicherheit und ein reibungsloses Zusammenleben waren in der Siedlung - vom Brunnen bis zur Bäckerei - gemeinsame Einrichtungen entstanden, das Schroten von Weinfässern gehörte ebenso zur Aufgabe der gesamten Nachbarschaft wie etwa die Dorfwache oder Beschlußfassung über gemeinsame Angelegenheiten. An der Spitze der Gemeinde stand der aus ihrer Mitte demokratisch gewählte ‚Nachbarhann’ - das ‚Hann’ erinnert an Hunno, den Vorsteher der alten Hunschaft -, der sein Amt, wenn er einmal dazu bestellt war, genau wie bei den Hutterern nicht ablehnen durfte. Und wie bei den Täufern erstreckte sich sein Aufsichtsrecht bis in die Wohnstuben, wurde hier mit Hilfe einer Lebensordnung rechtzeitig gebannt, was den Frieden und die Sicherheit der Gemeinschaft beeinträchtigen konnte. Der Nachbarhann wachte darüber, daß sich kein fremdes Element in seine vom deutschen Gruppengeist geprägte Dorfgemeinde drängte, wobei ihm eine ‚Altschaft’ - vergleichbar mit den hutterischen Zeugbrüdern - beratend zur Seite stand. Dieses Nachbarschaftswesen weckte den Sinn für die Notwendigkeit gemeinsamer Ordnungen, für Selbstbeschränkung, Zucht und Sitte.“ (4, S. 220) (Dorfwache, der Nacht- oder Taghut; Halten und Stellen von Soldaten)
e) Militärgrenze zum Osmanischen Reich; aus Moselfranken im 12. Jahrhundert „als rodender Arm und kriegerische Faust“ in Siebenbürgen eingewandert (4, S. 204)
f) gegenüber Rumänen

12. Schlesien im 14. Jahrhundert

a) Verfünfachung der Bevölkerung im 13. und 14. Jahrhundert
b) Klöster als Vorreiter der Besiedlung
c) Städtegründungen (Handwerk)
d) wie in Siebenbürgen?
e) Rodung
f) ?

13. Deutschland 1770 – 1972

a) Von 1700 bis 1972 hat sich die Bevölkerung auf dem Gebiet des heutigen Deutschland verfünfacht: von 15 Millionen auf 75 Millionen. (1, S. 67ff) „Diese Bevölkerungsvermehrung erfolgte nicht in allen deutschen Staaten gleichmäßig. Sie stieg zwischen 1816 und 1910 beispielsweise in Bayern und Württemberg um das Doppelte, in Preußen und Sachsen aber um das Vierfache der ursprünglichen Bewohnerschaft.“ (14, S. 192) Geborenenüberschuß (Zuwachsrate) nach 1750: 3 auf Tausend; 1816 - 1825: 16 auf Tausend; 1900/1910: 14,2 pro Tausend, 1925/1933: 5,1 pro Tausend (14, S. 150 - 153) Auswanderung im 19. Jahrhundert: rd. 5 Mio. (1, S. 69)
b) normal
c) Industrielle Revolution
d) ...
e) hohe Wochenstunden-Zahlen
f) wenig

14. Erste landwirtschaftliche Siedlungen im Vorderen Orient (akeramisches Neolithikum)

a) Verzehnfachung beim Übergang von Erntewirtschaft zu Getreideanbau (15, S. 15)
b) viele Hinweise auf Ahnenkult u. a.
c) Arbeitsteilung in Jagd und Ackerbau, zentrale Nahrungsaufbereitung für die ganze Siedlung (15, S. 24f)
d) enges stadtartiges Zusammensiedeln, Bau der Mauer von Jericho (15, S. 15)
e) sehr arbeitsintensive landwirtschaftliche Produktion (16) („Desperate times forced rise of farming“, [New Scientist, 25. 6.1994, S. 17])
f) umwohnende Jäger-Sammler- und Erntevölker-Populationen

15. Frankreich (1650 – 1730)

a) „Wir sind allesamt Kinder der ‚kinderreichen’ Familien der Vergangenheit.“ Hier „werden über 53 vom Hundert aller Kinder in kinderreichen Familien mit 6 und mehr Kindern geboren. Von 1.000 im 17. Jahrhundert in Frankreich geborenen Kindern sind beziehungsweise entstammen
42 Einzelkinder
68 Familien mit 2 Kindern
94 Familien mit 3 Kindern
131 Familien mit 4 Kindern
131 Familien mit 5 Kindern
133 Familien mit 6 Kindern
136 Familien mit 7 Kindern
120 Familien mit 8 Kindern
75 Familien mit 9 Kindern
29 Familien mit 10 Kindern
21 Familien mit 11 Kindern
11 Familien mit 12 Kindern
6 Familien mit 13 Kindern
3 Familien mit 14 Kindern.“ (17, S. 102f)

b), e) und f) „Regulierungsmechanismus Heirat“: Keine Empfängnis außerhalb der Ehe. Keine Eheschließung ohne ‚Niederlassung’. (17, S. 95f) Hohe Zahlen Unverheirateter. „Modell der Enthaltsamkeit, das die Landgeistlichen dem Bauernvolk vorlebten.“ (17, S. 85) „Uneheliche Geburten überaus selten.“ „In den Jahren 1650 - 1730 - es sind die Jahre, in denen die Instinktbeherrschung durchschnittlich am höchsten liegt - schwankt das christliche Europa zwischen 7 - 8 vom Hundert mit vorehelichem Geschlechtsverkehr in den am stärksten triebbeherrschten Kreisen und 20 - 25 vom Hundert in den laschesten Gegenden.“ (17, S. 96f)

Beispiele für eher stationäre oder schrumpfende Bevölkerungen

1. Eine niederösterreichische Bauernfamilie (1826 - 1996) (n = 3 Ehefrauen)

a) 4,3 Kinder pro Frau
b) katholisch
c) Kleinhäusler, vermögende Bauern, Offiziere, Beamte (9)

2. Eine brandenburgische Bauernfamilie (1810 - 2000) (n = 6 Ehefrauen)

a) 3,3 pro Frau
b) evangelisch
c) Bauern
d) ?
e) ?
f) nein (9)

3. Vorindustrielle Handwerkerfamilien in Oppenheim am Rhein(1650 – 1794)

a) 2 überlebende Kinder pro Ehe (4 Kinder überhaupt) (18, S. 193f)

4. Bauern der Krummhörn (Ostfriesland) (18. und 19. Jahrhundert)

a) 3,2 bis 4,2 überlebende Kinder pro Familie (4,3 bis 5,9 Lebendgeburten) (19, S. 69)
b) calvinistisch
c) Bauern
d) ?
e) ?
f) gewisse Heiratsschranken

5. USA (Los Angeles, weiße Mittelklasse) (heute) (n = 300)

a) 2,16 Kinder pro Frau (katholisch: 2,36; konfessionslos: 1,83) (2, S. 227, 232)
b) protestantisch 44 %, konfessionslos 25 %, katholisch 18 %, jüdisch 10 % (2, S. 225)
c) (70 % haben irgendwann in ihrem Leben professionelle psychiatrische Beratung aufgesucht: Psychologen [31 %], Pfarrer [25 %], Psychiater [21 %]) (2, S. 226)
d) lebende enge Verwandte (bis r = 0, 25): 14,1 (2, S. 226)
e) ?
f) ?

6. Amerikanische Ureinwohner (1490 – 1570)

a) Bevölkerungszusammenbruch von 80 bis 90 Millionen auf 12 - 15 Millionen innerhalb von 70 Jahren. „Dieser Zusammenbruch eines Fünftels der Menschheit binnen 70 Jahren ist historisch mit nichts exakt vergleichbar.“ (17, S. 118)

7. Römisches Weltreich im 4./5. Jahrhundert

a) Bevölkerungszusammenbruch von 65 bis 70 Millionen auf 18 bis 20 Millionen. Dies betrifft ein Viertel der damaligen Menschheit. (17, S. 60, 118)
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Literatur:

1. Miegel, Meinhard; Wahl, Stefanie: Das Ende des Individualismus. Die Kultur des Westens zerstört sich selbst. Verlag Bonn Aktuell, München 1993
2. Essock-Vitale, Susan M.; McGuire, Michael T.: What 70 million years hath wrought: sexual histories and reproductive sucess of a random sample of American women. In: Betzig, Laura; Borgerhoff Mulder, Monique; Turke, Paul (eds.): Human reproductive behaviour. A Darwinian perspective. Cambridge University Press, Cambridge 1988, S. 221 - 235
3. Holzach, Michael: Das vergessene Volk. Ein Jahr bei den deutschen Hutterern in Kanada. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München (11. Aufl.) 1992
4. Längin, Bernd G.: Die Hutterer. Gefangene der Vergangenheit, Pilger der Gegenwart, Propheten der Zukunft. Goldmann-Verlag, Hamburg 1986
5. Merk, Kurt Peter: Die Amish People. Modell einer alternativen Lebensform. Verlag Peter Lang, Frankfurt/M. 1986
6. Kraybill, Donald B: The Riddle of Amish Culture. The John Hopkins University Press, Baltimore, London 1989
7. Gerlach, Horst: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. 300 Jahre Amische. 1693 - 1993. Weierhof 1993
8. Imboden, Adrian: Die Produktions- und Lebensverhältnisse der Walliser Hochgebirsgemeinde Embd und Möglichkeiten zur Verbesserung der gegenwärtigen Lage. Verlag Schweizerische Arbeitsgemeinschaft der Bergbauern, Brugg 1956
9. Bading, Ingo: Meine Ahnen und ihre Zeit. Facharbeit für die Mittlere Reife. (Aufarbeitung der genealogischen Unterlagen der eigenen Familie) Realschule Homberg/Efze 1982
10. McClelland, Peter D.; Zeckhauser, Richard J.: Demographic Dimensions of the New Republic. American Interregional Migration, Vital Statistics, and Manumissions, 1800 - 1860. Cambridge University Press, Cambridge 1982
11. Lüning, Jens: Frühe Bauern in Mitteleuropa im 6. und 5. Jahrtausend v. Chr. Jb. Röm. Germ. Zentralmus. Mainz 35/1988 (I), S. 27 - 93
12. Keeley, Lawrence H.; Cahen, Daniel: Early Neolithic Forts and Villages in NE Belgium: A Preliminary Report. Journal of Field Archaeology 16/1989, S. 157 - 176
13. Seraphim, Hans-Jürgen: Rodungssiedler. Agrarverfassung und Wirtschaftsentwicklung des deutschen Bauerntums in Wolhynien. Verlagsbuchhandlung Paul Parey, Berlin 1938
14. Marschalck, Peter: Bevölkerungsgeschichte Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt/M. 1984
15. Bading, Ingo: Populationsstrukturen und Transitionsvorgänge im Levanteraum vom Epi-Paläolithikum zum PPNB. Anthropologisches Seminar, Mainz 1995 (unveröffentlichtes Manuskript)
16. Wright, Katherine I.: Ground-stone tools and hunter-gatherer subsistence in Southwest Asia. Implications for the transition to farming. American Antiquity, 59(2), 1994, S. 238 - 263
17. Chaunu, Pierre: Die verhütete Zukunft. Seewald-Verlag, Stuttgart 1981
18. Zschunke, Peter: Konfession und Alltag in Oppenheim. Beiträge zur Geschichte von Bevölkerung und Gesellschaft einer gemischtkonfessionellen Kleinstadt in der Frühen Neuzeit. Franz Steiner Verlag, Wiesbaden 1984
19. Voland, Eckart: Differential reproductive success within the Krummhörn population (Germany, 18th and 19th Centuries. Behavioral Ecology and Sociobiology 26/1990, S. 65 - 72

Vorstudien zu einer "Vergleichenden Religionsdemographie" (Teil 1)

Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen war der oft von Religionskritikern geäußerte Einwand und Vorwurf gegen die Deutung derzeitiger religionsdemographischer Befunde: Wie kann es sein, daß es ausgerechnet und vor allem "Priesterherrschaft" wäre - heute und seit tausend Jahren -, die bei monotheistisch Gläubigen die hohen Geburtenzahlen hervorbringen? Sind das nicht ganz unmoralische Verhältnisse - zumindest aus heutiger Sicht? Da werden die Frauen und Männer mehr oder weniger "gezwungen", hohe Kinderzahlen zu haben. Oder ihnen wird durch Sündenbewußtsein und ähnliche Dinge von männlichen Beichtvätern und Pfarrern eingeflößt, die eigenen Kinderzahlen nicht zu beschränken, treu in der Ehe zu sein, treue Familienmütter und -väter zu sein. Und das immer auch mit dem Hinweis auf eine "himmlische" Belohnung oder "höllische" Bestrafung für das jeweilige Verhalten in einem jenseitigen Weiterleben.

Bei nur flüchtigem Überdenken dessen, was zu einem solchen Einwand alles zu sagen wäre, sowohl an Zustimmendem als auch an zu Differenzierendem, und beim Überlegen, in welchen Argumentationsrahmen man das am günstigsten stellen könnte, kam mir der Gedanke, daß die Zeit längst überfällig ist für die Gründung einer neuen Wissenschafts-Disziplin, die da benannt werden sollte: "Vergleichende Religionsdemographie". (Suchwort "Vergleichende Religionsdemographie" bringt derzeit nur Ergebnisse beim "Fischblogger" und bei "Studium generale" [Google, Yahoo] ;-) - Und auch nicht genau in dieser Kombination bisher. Es handelt sich also um einen ganz neuen Begriff .)

Meine eigenen Vorstudien vor mehr als zehn Jahren

Ich selbst habe schon vor mehr als zehn Jahren als Vorstudien zu meiner damals geplanten Doktorarbeit zur "Soziobiologie arbeitsteiliger Gesellschaften" eine ganz vorläufige Zusammenstellung von "Erfolgsmodellen der (Human-)Evolution" unternommen. Ich werde sie als nächstfolgenden Beitrag hier auf dem Blog erstmals veröffentlichen. (1) Schon damals, vor zehn Jahren, war mir bewußt, daß die jeweiligen "Erfolgsmodelle der Evolution" sehr häufig auch davon beeinflußt gewesen zu sein scheinen, daß dieselben etwas mit Religion und Religiosität zu tun gehaben haben - neben anderen wichtigen Merkmalen (siehe dort). Aber damals gab es die Forschungen von Michael Blume, Richard Sosis, Dean Hamer und so vielen anderen Forschern ja noch gar nicht. (2 - 5) Man macht sich selten bewußt, was sich alles allein in den letzten zehn Jahren auf diesen Erkenntnisgebieten verändert hat. Auch war vor zehn Jahren Demographie an sich noch längst nicht ein Thema, das in der Öffentlichkeit so präsent war wie es das heute ist.

Deshalb hingen meine Überlegungen damals noch ziemlich im "luftleeren" Raum. Und ich fand in meiner damaligen akademischen und privaten Umgebung auch nur wenig Unterstützung beim Weiterverfolgen meiner Gedanken. Heute jedoch sieht man schon gut, wie sich meine damaligen Überlegungen fast nahtlos einordnen in eine sich wahrscheinlich bald formierende Disziplin der "Vergleichenden Religionsdemographie". Und eine solche Einordnung ist auch notwendig, wie ich sehe, um widerspruchslos und erkenntniserweiternd argumentieren zu können.

Anschluß an die allgemeine Historische Demographie an sich

Eine solche "Vergleichende Religionsdemographie" wird sich auch bald erweitern, bzw. Anschluß finden an die noch viel allgemeinere "Bevölkerungslehre" des Bevölkerungswissenschaftlers (und Historischen Demographen) Gerhard Mackenroth. (6) Der Grundgedanke dieser "Bevölkerungslehre" des bedeutendsten deutschen Bevölkerungswissenschaftlers des 20. Jahrhunderts (7) war der von der "Bevölkerungsweise". Dies ist die Art und Weise, wie die Demographie einer Bevölkerung in der jeweiligen Gesellschaft und Epoche durch die vorherrschenden Ideologien und Wirtschaftsweisen gesteuert wird und wie umgekehrt die Demographie auf die anderen Bereiche zurückwirkt (ein typischer Rückkopplungs-Prozeß). Man kann für den Begriff "Bevölkerungsweise" auch die Begriffe verwenden: "demographisches (oder reproduktives) Regime" oder im weiteren Sinne: "gruppenevolutionäre Strategien". (8)

Soweit nur die Vorbemerkungen zu dem folgenden Beitrag. (1) Es folgen danach noch Nachbetrachtungen.
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Literatur:

1. Bading, Ingo: Erfolgsmodelle der Evolution. Reproduktionserfolge in ausgewählten Populationen. Manuskript (entstanden im Dezember 1996), Erstveröffentlichung auf Wissenschaftsblog "Studium generale", 4.3.2008
2. Wilson, David Sloan: Darwin's Cathedral. Evolution, Religion, and the Nature of Society. University of Chicago Press 2002
3. Sosis, Richard (2000 - 2008) (deutschsprachiger Beitrag in "Gehirn & Geist", 2006)
4. Blume, Michael (2006 - 2007) (deutschsprachige Beiträge ---> hier)
5. Hamer, Dean: Das Gottes-Gen. 2006
6. Mackenroth, Gerhard: Bevölkerungslehre. Berlin 1953
7. Bading, Ingo: Ein deutscher Sozialreformer unter Konrad Adenauer - Gerhard Mackenroth (1903 - 1955) und die deutsche Bevölkerungssoziologie.
Auf: Wissenschaftsblog "Studium generale, 29.5.2007, 30.5.2007, 14.8.2007 (und andere Beiträge)
8. Bading, Ingo: Der "anthroposophische Lebensstil" als demographischer Faktor. Vorläufiger Entwurf eines Forschungsartikels. Auf Wissenschaftsblog "Studium generale", 26.2.2008

Samstag, 1. März 2008

Unbekannte Lichtbilder der Gebrüder Grimm

Die Bedeutung der Gebrüder Grimm für die Geistes- und Wissenschaftsgeschichte Deutschlands, Europas und der Welt kann man nicht überschätzen. Jacob Grimm (1785-1863) war der Begründer der deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft, der Germanistik. Das Gründungsjahr der Germanistik datiert auf das Jahr 1817, das Ersterscheinungsjahr der "Deutschen Grammatik" von Jacob Grimm. Bekannt auch außerhalb der Wissenschaft wurden die Brüder weltweit natürlich durch die Veröffentlichung der deutschen Märchen, die sie insbesondere in Nordhessen gesammelt hatten. Außerdem legten sie in unermüdlicher, jahrelanger Arbeit den Grundstein zum ersten großen deutschen Wörterbuch, jenes, dessen letzter Band erst 1961 erschienen ist. Noch viele andere Gebiete der deutschen und europäischen Kulturgeschichte, Sprach- und Literaturwissenschaft, ja sogar der Politik - Jacob Grimm war Abgeordneter des Paulskirchen-Parlaments von 1848 - befruchtete ihr Schaffen und Wirken.

Die Gebrüder Grimm wurden in Hanau geboren, verbrachten aber schon ihre wichtigeren Schuljahre nach dem frühen Tod des Vaters in Kassel bei einer Tante. Diese Tante war Hofdame am Hof des Kurfürsten. Nach dem Studium in Marburg kehrten sie wieder nach Kassel zurück, wo sie als Bibliothekare vom König Jerome angestellt wurden. Nach zwei Jahren als Professoren in Göttingen kehrten sie 1837 wiederum - mit ihrer berühmten Entlassung als Köpfe der "Göttinger Sieben" - nach Kassel zurück. Im Jahr 1840 fanden sie dann Anstellung durch den neuen preußischen König Wilhelm IV. an der Universität Berlin. Sie lebten in einer damals stillen Wohnung ganz in der Nähe des heute so belebten und völlig neu bebauten Potsdamer Platzes. Hier in Berlin starben sie schließlich auch und sind dort begraben.

Die Gebrüder Grimm in Kassel

Somit verbrachten die Gebrüder Grimm ihre prägendsten Jahre und viele der bedeutendsten ihrer Lebensjahre in Kassel. Wer als aufmerksamer Mensch durch Kassel geht, kann sich ihrer überall leicht erinnern. Geht er zum Beispiel in die Hessische Landesbibliothek, auch "Murrhardt'sche Bibliothek" genannt, gelegen am heutigen Brüder-Grimm-Platz, befindet er sich fast im Mittelpunkt des Lebens der Gebrüder Grimm im damaligen Kassel.

Und verschafft man sich - etwa im Gebrüder-Grimm-Museum - einen Eindruck von der Schönheit Kassels in früheren Jahrhunderten, wird einem klar, dass auch die damaligen Wohnstätten der Gebrüder Grimm heute als solche in besonders günstiger Lage gelten würden. Da ist zunächst ihr heute noch vorhandenes Wohnhaus direkt am Anfang der Wilhelmshöher Allee (ebenfalls am Gebrüder-Grimm-Platz), eines der beiden Stadttor-Gebäude, wo sie lange Jahre im zweiten Stock als Mieter des Kurfürsten, bzw. des Königs lebten. Von dort aus müssen sie damals einen herrlichen Blick hinüber zum Schloss Wilhelmshöhe und seinem heute noch berühmten Bergpark gehabt haben. Denn damals endete die Stadt schon hier bei diesen Gebäuden. Und von dort aus gingen die Brüder Grimm täglich nur wenige Minuten die (Obere) Königsstraße hinunter, die auch heute noch die große Einkaufsstraße Kassels ist, zum heute ebenfalls noch vorhandenen "Fridericianum", damals die Bibliothek, in der sie arbeiteten. (Heute das Hauptgebäude der "Documenta".)

Und von dort wiederum sind es nur wenige Schritte zur "Schönen Aussicht", wo sie in späteren Jahren wohnten, und wo sich heute noch das "Gebrüder-Grimm-Museum" befindet im letzten noch erhaltenen Haus des alten Kassel an der "Schönen Aussicht". Von der "Schönen Aussicht" hat ihr Malerbruder Ludwig Grimm, wie im Museum besichtigt werden kann, unzählige Gemälde und Zeichnungen geschaffen, so dass man sich heute einen guten Eindruck von der Herrlichkeit der Landschaft machen kann, von der die Gebrüder Grimm und alle ihre Zeitgenossen in Kassel damals umgeben gewesen sind. - Zwar ist auch heute noch die von dort aus sichtbare Orangerie und die Karlsaue weitgehend unverändert. Aber welch ein Unterschied zu heute, wenn man sich nur allein jene "Atombombe" städtebaulicher Architektur ansieht, genannt "Cinema". Ein solches ganz unmögliches Kinogebäude beherrscht heute städtebaulich den damaligen Lebensmittelpunkt der Gebrüder Grimm in Kassel und erdrückt alles um sich herum. (Um von den vielen anderen städtebaulichen Unmöglichkeiten des heutigen Kassel gar nicht erst zu reden.)

Weniger bekannte Photographien der Gebrüder Grimm

Im Gebrüder-Grimm-Museum in Kassel, das derzeit erweitert werden soll, wird eine kleine Schrift verkauft, die schon vor Jahren viele überraschende, unbekannte Photographien der Gebrüder Grimm, insbesondere von Jacob Grimm, zusammen gestellt hat (1). Photographien geben ja zumeist ein viel lebendigeres und lebensnäheres Bild von einem Menschen, als dies gemalte, gezeichnete oder gemeißelte Bildnisse könnten, selbst wenn diese von den bedeutendsten Künstlern geschaffen worden sein sollten. Deshalb sollen hier einmal die viel weniger bekannten auch zusammengestellt werden (2).

Abb. 1: Wilhelm und Jacob Grimm, 1847
Man erfährt aus dieser Schrift, dass Jacob Grimm über die von den Brüdern Grimm heute noch am meisten verbreitete Photographie selbst aus dem Jahr 1847 (Abb. 1) überhaupt nicht erfreut war.

"Wilhelm sitzt da wie ein Kranker ..."

Diese Photographie war von einem der frühesten Photographen der damaligen Zeit gemacht worden und von dem Verleger des "Deutschen Wörterbuches" in Leipzig dem ersten Band desselben als Stahlstich beigegeben worden. Jacob Grimm schrieb an seinen Verleger Hirzel (1, S. 49):
"Die ganze Komposition ist mir zuwider."
Und im August 1852 nochmals (1, S. 50):
"Lieber Hirzel (...) Die Geschichte mit dem Bild ist mir nicht recht und tut mir leid. Der Biow" (der Photograph) "quälte uns zum Daguerreotyp für seine Sammlung und ich überließ die getroffene Anordnung damals ganz seiner Phantasie, weil wir das Bild nicht für uns bestellten. Nun sitzt Wilhelm da im Stuhl wie ein Kranker und ich habe das Ansehn eines herangerufenen Hausverwalters. Mehr in meinem Sinne gewesen wäre, wenn wir (...) auf zwei Stühlen gerade neben einander sitzend aufgenommen und der Welt vorgestellt worden wären. Das hätte sich ruhiger und natürlicher ausgenommen."
Interessanterweise scheint ausgerechnet diese Photographie dann später auch noch die Vorlage und Idee gegeben haben zum deutschen Nationaldenkmal von den Gebrüdern Grimm in Hanau. Ganz sicherlich kommt die Eigenwilligkeit der Persönlichkeit Jacob Grimms auf dieser Photographie nicht so deutlich heraus wie auf anderen Photographien von ihm und offensichtlich wirkt Wilhelm Grimm auf der Photographie tatsächlich "kränker" als er in seinen besten Lebensjahren ausgesehen hat.

Abb. 2: Wilhelms Frau, Jacob Grimm, Wilhelm Grimm, um 1854
Tatsächlich scheint wenige Jahre später ein Gruppenbild gemacht worden zu sein, das mehr im Sinne von Jacob Grimm gewesen sein könnte. Hier sind jedenfalls die Brüder zusammen mit Wilhelms Frau abgebildet und auch Wilhelm sieht gesund aus. Allerdings war dieses Foto wohl nur für den familiären Kreis hergestellt worden und ist in schlechter Qualität erhalten.

Wahrscheinlich im Oktober 1856 schrieb Jacob Grimm an seinen Verleger Hirzel (1, S. 58):
"Neulich bin ich von einem Photographen etwas besser behandelt worden und ich hebe Ihnen einen Abdruck des Bildes auf."
Abb. 3: Jacob Grimm, 1856 (aus:1)
Welche Photographie hiermit gemeint sein könnte, ist der Forschung nicht ganz klar. Es könnte sich um Abbildung 3 handeln.

"Großes Vergnügen an photographischen Portraits"

Herman Grimm, der Neffe Jacob Grimms, schreibt über seinen Onkel in dessen Altersjahren (1, S. 57):
"Jacob hatte in den letzten Jahren großes Vergnügen an kleinen photographischen Portraits. Es kam bald eine ziemliche Anzahl davon zusammen und wir versäumten keine Gelegenheit, sie zu vermehren."
Abb. 4: Jacob Grimm, 1860 (Wiki)
Fast alle Menschen in der Verwandtschaft und Bekanntschaft der Grimms begannen in der damaligen Zeit, Photographien in Visitenkarten-Format von ihren Verwandten und Freunden zu sammeln und untereinander auszutauschen. Diese waren sehr oft gar nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Sie sind deshalb auch bis heute einer breiteren Öffentlichkeit gar nicht bekannt geworden.

Abb. 5: Jacob Grimm, 1860 (aus:1)
Eine von diesen Photographien von sich selbst sandte Jacob Grimm 1860 an eine Verehrerin, die in seinem Geburtsort Hanau wohnte. Und er schrieb dazu (1, S. 100):
"Zu den früher übersandten Bildern sende ich Ihnen noch eine Photographie, die neulich von mir aufgenommen wurde und die vor ihrem betrachtenden Auge nicht einmal den Hut abzieht, sondern still stehen bleibt."
Abb. 6: Jacob Grimm, 1860 (aus:1)
Die Hanauerin Luise Gies schickte eine eigene Photographie und schrieb (1, S. 100):
"Ihr Bildchen muß sprechend ähnlich sein, dies sagt mir jeder Zug desselben; und so eifrig habe ich es studiert, daß ich es, wie man sagt, auswendig kann. Was mich aber so besonders freut, daß Sie so deutsch darauf aussehen; auf den ersten Blick erkennt man den deutschen Gelehrten (...). Wenn Sie aber scherzhafter Weise bedauerten, daß Ihr Bild vor meinem betrachtenden Auge den Hut nicht abnehmen könne, was müßte ich dann sagen, daß das Meinige nicht einmal ehrerbietig aufstehen kann vor seinem hohen Freunde."
Abb. 7: Jacob Grimm, 1862 (aus:1)
Auf einer anderen Photographie (siehe oben) steht rückseitig verzeichnet (1, S. 102):
"Jacob Grimm - die Rose ist vom Grab seines Bruders Wilhelm."
Welche große Bedeutung Jacob Grimm solchen Photographien tatsächlich beimaß, wird vielleicht noch an seinem Verhalten auf dem Sterbebett deutlich. Sein Neffe Herman Grimm berichtet darüber (1, S. 81):
"Einmal glaubten wir ihn schon verloren, als er eine Photographie Wilhelms, die dalag, plötzlich ergriff, mit der gesunden Hand rasch und wie er zu tun pflegte, dicht vor seine Augen führte, einige Momente betrachtete und dann auf die Decke legte."
Jacob Grimm - trotz aller Anteilnahme ein Einsamer?

Was mich selbst an diesen Photographien von Jacob Grimm so frappierte, das war, wie doch offenbar so einsam dieser Mann inmitten seiner Zeit vielleicht doch gelebt hat trotz all der Anteilnahme, die er in seiner Familie und bei seinen Zeitgenossen fand. Dieser Mann würde, so scheint mir, nicht nur in unserer Zeit eine ziemlich "fremde" menschliche Erscheinung bilden. Er war es - wahrscheinlich - in vielerlei Hinsicht schon für seine eigenen Zeitgenossen. Bedeutende Menschen stehen wohl auf die eine oder andere Weise immer irgendwie "abseits".

Viele Menschen, die Jacob Grimm begegnet sind, haben das auch so empfunden. Sie fanden keinen Zugang zu seiner Persönlichkeit. So schrieb etwa ein Emil Kuh 1857 (1, S. 63):
"So angenehm Wilhelm auf mich wirkte, so abstoßend war mir Jacob Grimm. Er frug mich, ob ich Philolog sei, und Ähnliches mehr. Der stiere Blick, der stes bloß das Weiße des Auges und spärlich die Pupille blicken läßt, sodann seine Schwerhörigkeit vermehren das Unbehagen. Als ich mich (...) verabschiedete (...), da trat Jacob Grimm, während ich noch in der Tür war, buchstäblich wie ein aus der Ruh gestört gewesener Biber in seine viereckige Bücherwohnung zurück, und ich dankte dem Himmel, daß ich die Begegnung hinter mir hatte."
Und ein Julius Rodenberg schrieb 1853 aber unter anderem auch etwas günstiger über Jacob Grimm (1, S. 63):
"Er ist ein kleiner Mann, der in seinem altfränkischen Frack aussieht wie ein Stück der guten, alten Zeit, gar nichts von einem Stubengelehrten und noch weniger von dem vornehmen Berliner Professor an sich hat. Die hohe Stirn umgraut ein volles Haar, und die Augen funkeln."

Abb. 8: Jacob Grimm, 1863 (aus:1)

_________________________________________
1. Wiegand, Thomas: Die Brüder Grimm und die Photographie. In: Jahrbuch der Brüder Grimm-Gesellschaft VI, 1996, S. 41 - 104. Auch als Sonderdruck: Brüder Grimm-Gesellschaft e.V., Kassel 2000

2. Als Blogger muss man sich neuerdings viele Gedanken über das Urheberrecht machen, weil Abmahn-Räuber durch die Wälder ziehen und hinter jedem Baum lauern können mit der Forderung der Zahlung von nachträglichen Lizenz-Gebühren und Rechtsanwaltskosten. Soweit übersehbar, werden die Photographien dieses Beitrages heute "gemeinfreisein im Sinne des Urheberrechts (auf englisch "Public Domain"): "Dies gilt für alle Staaten mit einer gesetzlichen Schutzfrist von 100 Jahren oder weniger nach dem Tod des Urhebers," heißt es auf Wikipedia. In Deutschland gelten 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers. Wenn ein Fotograf 1862 25 Jahre alt war, wäre er im Jahr 1837 geboren und im Jahr 1937 100 Jahre alt geworden. 2007 wäre damit die gesetzliche Schutzfrist abgelaufen. (Erst 2007! ...)

Falls dennoch mit der Veröffentlichung dieser Photographien aus der vorgenannten Schrift hier auf dem Blog irgendwelche Urheberrechte verletzt sein sollten, bittet der Bloginhaber, ihn davon in Kenntnis zu setzen, damit er das korrigieren kann. 

Die Unvollkommenheit des Menschen und der Altruismus

Nachdenken über Altruismus (6. Teil)

Der vorige Beitrag dieser Reihe findet sich hier: 5. Teil. Um so älter die Beiträge dieser Reihe sind, um so weniger gelungen, inhaltsvoll erscheinen sie mir aus der Rückschau. *)

Was ist Altruismus in allgemeinstem Sinne? Was könnte Altruismus in allgemeinstem Sinne sein? Altruismus, so sei hier einmal die Behauptung aufgestellt, ist die Fähigkeit, mit der Andersartigkeit anderer Menschen im tiefsten Sinne human, das heißt weise, reif und in tieferem Sinne verständnisvoll umgehen zu können. Nun könnte es sich der Altruist leicht machen und sagen: Alles an der Andersartigkeit anderer Menschen ist "gut" und ich versuche, dieser "guten" Andersartigkeit Verständnis entgegenzubringen.

Allerdings weiß jeder Mensch, daß die Welt, daß insbesondere die eigene unmittelbare Mitwelt und die eigene Gesellschaft voll Egoismus, boshafter Rücksichtslosigkeit, voller Verbrechen, voller Heuchelei, voller Seichtigkeit und Oberflächlichkeit und so vieler anderer schlechter menschlicher Eigenschaften ist. Es kann doch gar nicht sein, daß man all diesen vielen schlechten Eigenschaften des Menschseins an sich "Verständnis" entgegenbringt, ohne selbst denselben zu erliegen. Aber vielleicht will man das ja gar nicht, da man nicht selbst diesen Kakao auch noch trinken will, durch den man zuvor gezogen wurde (nach dem bekannten Wort von Erich Kästner).

Nein, dadurch, daß ich mich mit all diesen schlechten Eigenschaften bei mir selbst und bei anderen auseinandersetze und sie bei mir selbst (und vielleicht auch anderen) zu überwinden trachte, erst dadurch werde ich doch ein guter Mensch. Das "Gutsein" ist mir doch nicht in die Wiege gelegt, sondern quasi mit der Muttermilch sauge ich all die gesellschaftliche Schlechtigkeit und Seichtigkeit auf, die mich umgibt. Und das Gutsein selbst ist mir im besten Falle als Aufgabe meines Menschseins an sich gestellt, fällt mir aber nicht wie ein "Geburtstagsgeschenk" zu.

Umgang mit der Andersartigkeit anderer Menschen

Die Andersartigkeit anderer Menschen bedeutet nun, daß jeder Mensch aufgrund seiner angeborenen und erworbenen Charaktereigenschaften und Persönlichkeitsmerkmale auf der einen Seite besondere Begabungen und Fähigkeiten für bestimmte Dinge hat und auf der anderen Seite besondere Schwächen und "Unfähigkeiten" für bestimmte Dinge. Jeder Mensch weist "Borniertheiten" auf. Jeder. Denn niemand ist vollkommen geboren und vielleicht nur ganz wenige erreichen irgendeinen Grad von Vollkommenheit in diesem Leben. Das heißt: Wenn wir uns bemühen, gute Menschen sein zu wollen, dann wird das jeder Mensch aufgrund seiner Stärken und Schwächen für bestimmte Formen des Gutseins oder Böseseins auf seine ganz eigene, besondere Weise auf vielleicht nur sehr beschränkten Bereichen tun, während er auf anderen Bereichen seine "Borniertheit" glänzen läßt.

Aber diese "Borniertheit" nimmt er meist selbst gar nicht wahr. Die Unvollkommenheit des Menschen ist dadurch sicher gestellt, daß er sich über sich selbst täuscht, täuschen kann. Wenn er sich nicht über sich selbst täuschen könnte, würde der Mensch wohl entweder in tiefste Depressionen über seine vielen "Unfähigkeiten zum Gutsein" verfallen oder es würde ihm relativ leicht - vielleicht zu leicht - fallen, ein vollkommener Mensch zu werden. Wenn aber Vollkommenheit im menschlichen Sein das Ziel der Schöpfung, der Evolution ist, gewesen sein sollte, gewesen sein könnte, dann sollte dies wohl doch ein so anspruchsvolles Ziel sein, daß dasselbe nicht allzu leicht zu erreichen ist. (Jedenfalls scheint es wohl doch keine kulturgeschichtlichen Zeugnisse zu geben, die nahelegen, daß es dem Menschen jemals in der Geschichte besonders leicht gefallen wäre, in moralischem Sinne vollkommen zu sein oder zu werden. Viele leiten daraus ab, daß es sowieso borniert ist, in moralischem Sinne vollkommener werden zu wollen. Aber mit solchen flachen Meinungen will ich mich hier jetzt nicht auseinandersetzen.)

Darum also vor allem wird der Mensch die "Fähigkeit" zu Täuschung und Selbsttäuschung sich selbst und anderen gegenüber besitzen: damit er nicht quasi "determiniert" das Gute tut und das Böse läßt.

Fehler kleinreden, Stärken herausstellen

Nun besteht selbstverständlich die natürliche Neigung des Menschen dazu, sich selbst und anderen gegenüber seine eigenen Schwächen und Fehler "kleinzureden" und seine eigenen Stärken und Fähigkeiten sich selbst und anderen gegenüber möglichst groß herauszustellen. Wer gibt schon gerne zu, daß er Fehler hat? Das ist also von vornherein wohl ein ganz natürlicher Drang.

Wie aber verhält sich der Altruist diesen grundlegenden menschlichen Umständen gegenüber? Der Altruist weiß zunächst einmal das folgende - oder versucht es sich immer wieder klar zu machen: Daß man leichter den Dorn im Auge des anderen sieht, als den Balken im eigenen Auge. (Eine Weisheit, die z.B. im Neuen Testament der Bibel überliefert ist, die aber - wie so vieles andere im Neuen Testament - vielleicht aus ganz anderen oder früheren Kulturen übernommen worden ist.) Wer sich das klar macht, wie schwer es ist - oder sein könnte - statt des Dornes beim anderen möglichst auch den Balken im eigenen Auge zu sehen, wer sich das klar macht, der bekommt vielleicht eine gewisse Ahnung darüber, was das eigentlich sein könnte: menschlicher Altruismus. Menschliche Entsagung. Darauf zu verzichten, recht zu haben. Darauf zu verzichten, per se "der Gutmensch" zu sein ...

Und das würde dann tatsächlich einen reiferen Umgang mit den Andersartigkeiten anderer Menschen bedeuten: Denn um so mehr ich von dem Balken im eigenen Auge weiß, um so treffsicherer werde ich doch wohl - mehr oder weniger selbstverständlich - mit den Dornen im Auge eines anderen umgehen können.

Fehler und Stärken möglichst treffsicher und ausgewogen erkennen und benennen zu können

Denn das wird wohl immer die Hauptschwierigkeit im Umgang zwischen Menschen untereinander sein: Erstens daß man eher die Schwächen des anderen sieht als die eigenen. Daran muß zunächst nichts Verwerfliches sein. Denn auch, indem ich mich mit Schwächen meiner Mitmenschen auseinandersetze, kann ich mich selbst im Gutsein stärken. Aber die zweite Hauptschwierigkeit ist dann, daß man die Schwächen der anderen nicht treffsicher genug benennen kann. Indem ich andere kritisiere, verletze ich vielleicht Stärken, die ich bei ihnen übersehen habe zugleich mit den Schwächen, da ihr ganz "persönlicher" Weg zum Gutsein ein ganz anderer ist als meiner und da ich zunächst geneigt bin, von mir selbst auf andere zu schließen und von anderen genau das zu erwarten, wozu auch ich selbst fähig bin. Das heißt, ich erwarte von anderen die gleichen Stärken und Schwächen wie von mir selber. Das ist aber per se eine Unmöglichkeit, denn andere Menschen sind nun einmal anders.

Eines jedenfalls ist klar: Um so unterschiedlicher die Andersartigkeit der anderen Menschen ist, mit denen man versucht zu kooperieren aufgrund genetischer oder kultureller Umstände, um so schwieriger wird es, nach dem schlichten Prinzip der "Gegenseitigkeit", des "tit for tat" zu kooperieren. Und da sollte es dann erst anfangen, in tieferem und echterem Sinne altruistisch zu werden.
_______________

*) D
er Vollständigkeit halber seien sie hier noch genannt: 1. Teil, 2. Teil, 3. Teil, 4. Teil. Oder einfach die Kategorie "Altruismus" benutzen, unter der sich freilich auch noch andere Beiträge finden.
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