Montag, 21. April 2008

"Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder ..." - Evolutionärer Fortschritt durch die Kindheit?

Die Evolution der Kindheit war eines der wichtigsten Forschungsthemen des bedeutenden Schweizer Biologen Adolf Portmann (1897 - 1982). Er war es, der aufgrund des Vergleichs von Gehirngrößen zwischen verschiedenen Arten (abgeglichen jeweils nach ihren sehr unterschiedlichen Körpergrößen), Progressionen (Weiterentwicklungen) im Verlauf der Evolution feststellte, und der feststellte, daß Gehirngröße und die Intensivität und Länge der Kindheitsphase gemeinsam evoluieren. Und zwar das sowohl bei den Vögeln wie bei den Säugetieren. Er war es, der aufgrund dessen erstmals feststellte, daß der "Nestflüchter" eine ursprünglichere, nicht eine fortgeschrittenere Stufe der Evolution von Kindheit und Intelligenz gewesen ist. "Nesthocker"-Dasein, also Hilflosigkeit in der Kindheit, ist gemeinsam mit Intelligenz evoluiert. (Dazu gibt es auch eine schöne Grafik im dtv-Atlas für Biologie.)

Kindheit hat also etwas mit unserer Intelligenz zu tun. Der Mensch ist nach Adolf Portmann ein "sekundärer Nesthocker", also evoluiert aus einer evolutiven Nestflüchter-Stufe heraus und zwar aufgrund einer "physiologischen Frühgeburt", das heißt gegenüber Schimpansen-Babys werden menschliche Babies physiologisch um ein Jahr zu früh geboren. - Aber warum das alles? Warum legt die Evolution - übrigens auch im Pflanzenreich - so einen deutlichen Schwerpunkt auf alles, was mit Fortpflanzung und "Brutfürsorge" zu tun hat?

- Schon die wesentlichsten Pflanzengruppen unterscheiden wir ja aufgrund ihrer Unterschiede im "Brutfürsorge"-Bereich, nämlich die "Nacksamer" und die "Bedecktsamer", also jene, die ihrer Nachkommenschaft "nackt" und "bloß" lassen und jene, die sie stärker "bedecken" und "schützen". Also die ursprünglicheren Gymnospermen, die in der Dinosaurier-Zeit die vorherrschende Pflanzengruppe waren, und die erst gemeinsam mit den Säugetieren (!) ökologisch vorherrschend gewordenen Angiospermen, die Blütenpflanzen. Liegen denn nicht auch hier evolutionäre Konvergenzen vor, sogar - letztlich - zwischen Pflanzen und Tieren? Auch das Säugetier schützt und pflegt ja seine Nachkommen mehr als die Reptilien.

Und warum kam das alles zustande? Der Neodarwinismus für sich genommen weiß auf diese Fragen oft nur erbärmlich bescheidene Antworten. Oft leugnet er ja heute sogar, daß mehr Intelligenz eine evolutive "Höher"-Entwicklung darstellen würde. Es wäre reiner "Zufall", daß es so intelligente Wesen wie Menschen auf der Erde gibt, so noch vor wenigen Jahren Stephen Jay Gould. Ein Wesensunterschied zu Bakterien würden Menschen und Säugetiere nicht aufweisen, schon gar nicht würden sie eine Höherentwicklung darstellen. -

Aber auch bei der "jüngsten Humanevolution" in den letzten Jahrzehntausenden sind offenbar noch einmal die Dauer der Kindheit und die Intelligenz gemeinsam evoluiert. - Im "American Scientist" wird ein neues Buch zu diesem Thema (Amazon) besprochen (siehe Bild), das sicherlich wieder viele neue spannende Fragen zu diesem, wie ich finde, sehr wesentlichen Thema aufwirft.

Es könnte einmal mehr aufzeigen, wie tagesaktuelle Diskussionen in der Familienpoliitk - etwa um die "pauschalere", weniger individuelle Betreuung von Kindern in Kinderkrippen statt durch die Eltern - in tiefster Weise unser in der Evolution entstandenes Humanum, unsere Menschlichkeit betreffen. "Der Mensch ist nur da ganz Mensch," sagt Schiller, "wo er spielt". Wer also ist mehr Mensch als die Kinder? Und wie gehen wir heute mit diesem unserem Menschentum um?

Und ein Schritt weiter wäre zu fragen: Was hat Kindheit mit Religiosität zu tun? Sind Kinder religiösere Menschen als Erwachsene? Ich bin fest davon überzeugt. Abgesehen von der wie ich finde, zu verwerfenden "Wenn-Dann"-Beziehung, Lohn-Straf-Beziehung in moralischen Fragen tat deshalb Jesus Christus sehr recht, den Menschen die Kinder zu zeigen:
Da rief Jesus ein Kind herbei, stellte es in ihre Mitte und sagte: "Ich versichere euch: Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet ..." (Matthäus 18:2-10)

Dienstag, 15. April 2008

Neues zur Gründerpopulation des aschkenasischen Judentums

Auf "Gene Expression" stellt der Humangenetiker Gregory Cochran aus Utah, der insbesondere durch seine Studie zur "Naturgeschichte der aschkenasischen Intelligenz" vom Jahr 2005 bekannt geworden ist (zusammen mit Henry Harpending und Jason Hardy) ("Natural History of Ashenazi Intelligence"), eine neue genetische Studie vor, von der er glaubt, daß sie im wesentlichen ihre Hypothesen aus dem Jahr 2005 bestätigen würde. Nun aber auf einer sehr stark erweiterten Datengrundlage. (Gene Expression 1, 2, Steve Sailer)

Trennung des aschkenasischen und sephardischen Judentums im Frühmittelalter

Er legt insbesondere Wert auf die Tatsache, daß das aschkenasische Judentum, also das traditionell jiddisch-sprachige, "osteuropäische" Judentum, von dem vermutet werden kann, daß es sich im Frühmittelalter am Oberrhein vom sephardischen (romanisch-sprachigen) westeuropäischen, mediterranen Judentum abgespalten hat, daß dieses aschkenasische Judentum, das 80 % des heute weltweit lebenden Judentums bildet, mit seinen ganz besonderen und spezifischen genetischen Eigenschaften, nicht als eine (populationsgenetische) Gründerpopulation, also nicht durch einen (populationsgenetischen) "Flaschenhals" entstanden ist.

Offenbar scheinen die neuen genetischen Befunde dafür sehr überzeugend zu sein.
Gerade in den letzten Jahren war vermutet worden, daß die aschkenasischen Juden vor etwa tausend Jahren aus einer sehr kleinen Ausgangspopulation hervorgegangen wären, daß die mütterliche Linie (das mitochondriale Genom) aufzeigen würde, daß sie zu etwa 40 % von nur acht nichtjüdischen Frauen abstammen würden, was ja nur durch eine Gründerpopulation und einen Flaschenhals würde erklärt werden können. (Literaturangabe siehe die Kommentare, in denen diese damalige These nur sehr kritisiert wird.)

Nur Selektion, keine Gründerpopulation?

Sollte also diese Meinung nun aufgegeben werden müssen?

Das wäre immerhin recht interessant. Auch ich selbst hatte bislang vermutet, daß genetische Unterschiede zwischen Völkern viel besser durch Flaschenhals-Ereignisse zu erklären sein würden, als durch bloße "Selektion" wie nun neuerdings - nach Cochran - vermutet wird. Also bloß Selektion (durch Heiratswahl und unterschiedliche Nachkommenzahlen der einzelnen Individuen innerhalb einer gegebenen Population, also durch Heiratsschranken zu anderen Populationen) in einer nach hunderttausenden von Angehörigen zählenden Population innerhalb von nur gut tausend Jahren bringt so markante genetische Unterschiede zwischen Völkern hervor, wie sie diese neue Studie ebenfalls offenbar wiederum deutlicher als jemals zuvor aufzeigt (- nach Cochran)?

Ausgeschlossen darf diese Möglichkeit scheinbar jetzt nicht mehr. Wie sollen dann aber die 40 % nichtjüdischen (weiblichen) Vorfahren in den Abstammungslinien der aschkenasischen Juden erklärt werden? Das würde heißen, daß sich im Frühmittelalter, während der Ethnogenese der heutigen europäischen Völker, viele tausende von nicht-jüdischen Frauen (deutschsprachigen höchstwahrscheinlich, wie schon der jiddische Dialekt impliziert) zum Judentum bekehrt hätten.

Man darf auf die weitere Forschungsdiskussion in diesem Bereich gespannt sein.

Die neuen Erkenntnisse müssen doch relativiert werden

- Aha, Cochran sagt in den Kommentaren noch einiges letztlich doch stark Relativierende:

(...) Montgomery Slatkin used a historical population model with _two_ population bottlenecks. The first bottleneck in that model was the founding of the Roman Jewish population, which he modeled using a range of population sizes (150, 600, and 3,000), with a second bottleneck around 1350 (600, 3,000, and 6,000). These are the census sizes: he assumes that the effective population size was 1/3rd of census size.

You need to have populations in those size ranges - low thousands or fewer - to have any significant chance of perturbing gene frequencies enough to get the sort of mutation spectrum we see among the Ashkenazim. Even then you won't see clustering in a couple of metabolic pathways. And those scenarios have other effects on genetic statistics, effects we do not observe. Moreover, any really strong bottleneck would make a population somewhat dumber.
Das präzisiert die Sache allerdings erheblich. Eine Population von nur tausend oder mehreren hundert Individuen ist aber für mich doch eine Flaschenhals-Population! Wenn später ein Volk von Millionen Menschen daraus hervorgeht!? Natürlich handelt es sich dabei um "Gründereffekte"!

Worms oder Straßburg - oder wo?

Die Diskussion in den Kommentaren, an der sich zum Schluß auch Henry Harpending beteiligt, geht eigentlich nur darum, ob es plausibel ist, bloß wenige zig Angehörige in der Gründerpopulation anzunehmen, oder mehrere hundert. Diesen Unterschied finde ich nicht mehr gar so bedeutsam. Eine Population von tausend Menschen ist nicht mehr als ein heutiges Dorf, sicherlich nicht größer als eine durchschnittliche jüdische Gemeinde in einer frühmittelalterlichen Stadt. Ich finde das eine sehr winzige Ausgangspopulation.
- Bliebe weiter die spannende Frage: in welcher Stadt? In Straßburg? In Worms? Wäre doch ungeheuer spannend, wenn man das herausbekommen würde. Wenn man sagen könnte: Hier in dieser Stadt, an diesem Ort entstand das heute zu Millionen weltweit verbreitete aschkenasische Judentum. Ich habe noch nirgends irgendwelche guten Hypothesen von Frühmittelalter-Historikern oder -Archäologen oder Judaistik-Professoren zu dieser Frage gehört. Die wissen wahrscheinlich gar nichts von den derzeitigen Diskussionen in der Humangenetik? ... Oder interessieren sich nicht dafür?

Dienstag, 8. April 2008

Von der Religiosität eigenverantwortlichen Handelns

- ein paar frei schweifende Gedanken

Eigenverantwortlichkeit ist dadurch gekennzeichnet, daß man auch gegen Widerstände, auch gegen Mehrheitsmeinungen, auch gegen den Zeitgeist an dem festhält, was man für wahr und richtig hält. Diese Selbstbehauptung des eigenen Lebensprinzips in einer Umwelt, die anderen Lebensprinzipien folgt, (und ohne sich eine Kugel durch den Kopf zu schießen wie etwa Heinrich von Kleist im Jahr 1811), eine solche Selbstbehauptung könnte als eine der bedeutendsten Bewährungen erachtet werden, die wir im menschlichen Leben und in der Kulturgeschichte überhaupt kennen.

Alle großen Persönlichkeiten der Kulturgeschichte und oft auch der politischen Geschichte waren in der einen oder anderen Weise vor diese "Bewährung" gestellt. Und darin wird oft - oder zumeist - ihre eigentliche Bewährung gesehen, daß sie Wege gingen, die zuvor niemand gegangen war, daß sie die ersten waren, die in der Kunst, in der Wissenschaft, in der Technik, in der Politik neue "Erfindungen" machten, Prinzipien als "Avantgarde" gegenüber einer trägen Masse, die am Alten hing und bei demselben verharrte, geltend machte.

Dieses Tun, nämlich zwischen sich selbst und der großen Menge der Menschen einen "Unterschied" zu machen, zu etablieren, aufrecht zu erhalten, zu leben, diese "Spezialisierung" fordert oft große psychische Anstrengung und Überwindung. Der einzelne trifft "einsame" Entscheidungen, er stellt sich in Widerspruch oft sogar zu seinen nächsten Freunden.

Gerade deshalb auch wird der Weg dieser Einsamen, Seltenen oft zu einer "Gratwanderung", weil ihnen eben die schlafwandlerische Sicherheit verloren geht - oder verloren gehen kann - die darin besteht, daß man Rückhalt, Zustimmung, Anerkennung, Aufmunterung bei seinen Freunden und "Geistesverwandten" oder in einer Liebesbeziehung findet. Wer diesen Rückhalt nicht hat, muß ihn einzig und allein in sich selbst finden, in seinem eigenen Lebensprinzip. Oft gelingt es dem einzelnen, diesen Rückhalt in der Kunst, in der Natur zu finden. Oder allgemeiner: Im eigenen Gestalten, Zum-Ausdruck-Bringen des neuen oder selten gelebten Lebensprinzips.

Um so größer die Neigung ist, die ja vielleicht sogar "Begabung" genannt werden kann, sich an andere, an die Umgebung anzupassen, sich an andere anzuschließen, ein "verträglicher" Mitmensch und Zeitgenosse (resp. "Schwiegersohn") zu sein, um so größer sind oft die Gefahren für den einzelnen, wenn er plötzlich nicht mehr dem Lebensprinzip aller folgt. Um so größer aber sind möglicherweise auch die Gewinne des einzelnen, wenn es ihm gelingt, diese Gefahren längerfristig zu überwinden.

Denn diese Menschen sind die großen "Hoffnungsblüten" der Menschheit, sie sind vielleicht überhaupt Rechtfertigung dafür, daß es Menschen gibt. Sie leben jenes Menschentum, jene wahre Humanität, Weisheit, Güte, die zu gewissen Zeiten vielleicht nur den Seltenen zu leben gegeben und aufgegeben ist.

Oder sollten etwa Meier, Müller, Schulze, respektive Otto "Normalbürger" Rechtfertigung dafür sein, daß sich die Evolution die Mühe gegeben hat, Menschen hervorzubringen?

Willig nehmen sie, die Genialen, die Seltenen ihre Aufgabe auf die Schulter. Aber für wen tun sie es? Um der Müllers, Meiers oder Schulzes wegen, die fast durch jede Tat, durch jeden Gedanken das Göttliche, die Vollkommenheit, Güte, Weisheit leugnen, zu denen Menschen der Möglichkeit nach vielleicht fähig sein könnten? Um ihnen, ausgerechnet ihnen zu "helfen"?

Nein, sie tun es nicht um ihretwillen. Sie tun es um des Göttlichen selbst willen. "Auf daß das Gute in der Welt sei," wie Marie von Ebner-Eschenbach sagt. Es gibt Zeiten in der Menschheitsgeschichte, da hat sich die Menschheit so sehr von dem Göttlichen entfernt, entfremdet, daß sie, die Seltenen, wirklich keinen anderen Grund mehr nennen können.

Vom Heroenkult, Geniekult, vom Kult des Menschen, der nach Vollkommenheit strebt

In Zeiten des klassischen Athens mag vielleicht mancher helle Jüngling gesagt haben: Ich interessiere mich für das Edle, für die Wahrheit, für das Schöne um des Aufleuchtens in den Augen meines Freundes willen, um das zu sehen, um diesen Zusammenklang der Seelen zu erleben. Denn er interessiert sich für das gleiche. Aber wie sollte das heute einer der "Seltenen", genialeren Menschen sagen? Leben wir heute nicht alle wie auf "getrenntesten Bergen", wie Hölderlin sagt? Voller greller, schreiender Mißverständisse, voller Verständnislosigkeiten zwischen Menschen? Ist nicht das Heiligste und Frömmste in den Dreck getreten? Einer Meute zähnefletschender Hunde vor die Fänge geworfen worden?

Bordet unser quasi- und pseudo-"kulturelles" Leben nicht über von sich dreimal im Flickflack überschlagenden Frivolitäten, Frechheiten, Zynismen, Bigotterien, Aftergläubigkeiten? Von der frivolen Zurschaustellung alles menschlich Heiligen, Intimen, Geheimen, Persönlichen?

Haben wir uns nicht alle selbst so mit dem Kopf in die Erde gerammt, wie es das neue Giordano Bruno-Denkmal in Berlin-Mitte implizit von unserem Umgang mit dem Andenken großer Menschen überhaupt behauptet? Und zwar mehr als treffsicher behauptet? (Siehe Beitrag vorigen Monat.) Wir sind lieber dreimal dumm und doof, banal und "stocknüchtern", als einmal genial. Wir stecken lieber dreimal den Kopf in den Sand, wir rammen ihn hinein, mit zappelnden Beinen zum Himmel hinauf, als auch nur einmal den Versuch zu wagen, das Menschsein menschlich zu gestalten.

"Von den heroischen Leidenschaften". So lautet eine Gedichtsammlung von Giordano Bruno, in der er das heroische Leben desjenigen feiert und besingt, der sein Leben um tiefer menschlicher Werte willen opfert.

Aber wir? Nichts von alledem. - Lacht man denn heute nicht über Bosheiten genauso wie über etwaig Gegenteiliges? Gibt es noch einen Bereich, der nicht mit Spott und Häme, nicht mit der ätzendsten Säure des Zynismus oder doch zumindest des schrecklichsten Verdachts überschüttet wurde? "Warum lacht ihr so?" fragte Hölderlin. "Oh, ihr müßt," ging es ihm dann plötzlich durch den Sinn: "denn dies tun Verzweifelte nur."

Ina Wunn's Beitrag zur Religionsbiologie

Am 15. Mai wird die deutsche Sektion der anglo-amerikanischen "Templeton Foundation" in Frankfurt am Main einen "Workshop" für Biologie- und Religionslehrer zum Thema "Evolution der Religionen" veranstalten.

Von den dortigen Referenten scheint mir die Bielefelder Religionswissenschaftlerin Ina Wunn besonders lesenswert zu sein. Und darauf möchte ich hier kurz hinweisen. (Sie ist übrigens auch als Kommunal-Politikerin für die FDP in Niedersachsen tätig.) Ihre Habilitation von 2002 "Die Evolution der Religionen" ist frei im Internet als pdf.-Datei herunterladbar. Sie referiert dort zwar fast nur Theorie, nur sehr wenig (religionsgeschichtliche) Empirie. Aber die Stärke der Arbeit besteht darin, daß sie wichtigere Evolutionsdeutungen zur Religion des Menschen aus dem gesamten 19. und 20. Jahrhundert referiert. Also nicht nur Charles Darwin und seine Traditionslinie werden referiert, in die man ja nicht nur Richard Dawkins, sondern wohl - cum grano salis - auch Michael Blume wird einordnen dürfen, sondern insbesondere auch der Begründer des Positivismus, Auguste Comte und seine seine Traditionslinie, die über Herbert Spencer und Denker des 20. Jahrhunderts ebenfalls bis in unsere Zeit reicht.

Und diese denkerische Traditionslinie birgt doch so manchen fruchtbaren Gedanken, so inbesondere das "Dreistadien-Gesetz" Auguste Comte's und alle späteren Ableitungen, die sich daraus ergeben haben. Leider nimmt Ina Wunn bei der Formulierung ihrer eigenen Theorie auf diese Traditionslinie dann so gut wie keinen Bezug mehr (so weit ich sehe). Doch sich gerade auch von diesen Gedanken anregen und inspirieren zu lassen und zu versuchen, sie an das heute bekannte empirische und theoretische Material (aus der Humangenetik, Soziobiologie und Historischen Demographie) noch enger heranzuführen, könnte man für außerordentlich spannend und sinnvoll halten.

Kritikpunkte

Zu kritisieren sind aus meiner Sicht an der Arbeit von Ina Wunn zunächst vor allem zwei Punkte:

1. Im Mittelpunkt steht bei Ina Wunn eher die "Evolution der Religionen" (wie der Titel sagt) und nicht die Evolution menschlicher Religiosität an sich. - Der Unterschied besteht meiner Meinung nach in folgendem: Äußere Formen der Religion sind ja recht leicht von der (wissenschaftlichen) Vernunft erfaßbar und vergleichbar. Wenn man diese äußeren Formen erforscht, gerät aber das Zentrale aller menschlichen Religiosität, von dem in letzter Instanz - zumindest im Selbstverständnis aller religiösen Menschen - auch alle äußere "Religion" bestimmt ist, allzu leicht an die Randbereiche der wissenschaftlilchen Aufmerksamkeit.

Menschliche Religiosität ist ja wohl vor allem gerade dadurch definiert, daß sie in Bereichen wurzelt, die gerade jenseits der menschlichen Vernunft, der Ratio, jenseits der von den Indern "Maya" genannten Erscheinungen angesiedelt ist. Sie hat also viel mehr zu tun mit solchen Phänomenen: Ehrfurcht, Intuition, Erleben, Gefühl, ("Weltgefühl"), "Romantik", Empathie (für lebendige und tote Dinge), Kreativität, Empfindsamkeit, ja, Intimität. - Denn das persönliche Verhältnis des Menschen zu Gott oder zum Göttlichen kann eben doch auch ein sehr persönliches, "intimes" sein, in das er all jene besonders wenig hineinschauen läßt, von denen er glaubt, daß sie sowieso keinen rechten Zugang dazu haben. Deshalb kann menschliche Religiosität mitunter auch gerade das sein, was sich in äußeren Formen am wenigsten kund tut. Das muß einem bewußt bleiben. Ansätze zu solchen Gedanken finden sich aber bei Ina Wunn wohl nur wenige.

2. Von vornherein stellt Ina Wunn klar, daß sie an der religionswissenschaftlichen Perspektive auf die Thematik interessiert ist und nicht an der soziologischen. Viele der wesentlichsten Denker, die sie behandelt, sind aber gerade nicht vornehmlich an Religionswissenschaft, sondern an Soziologie interessiert. Sie fragen also noch allgemeiner nach Gesetzmäßigkeiten, nach denen menschliches Zusammenleben, zumal in arbeitsteiligen Gesellschaften funktioniert oder idealerweise funktionieren sollte, als das die Religionswissenschaft tut. Durch eine gleichgewichtige religionswissenschaftliche und soziologische Perspektive auf die Thematik könnte sicherlich noch viel gewonnen werden. Als ein guter Ausgangspunkt dazu scheint mir der Soziologe Guy Swanson zu sein, auf den ich schon gelegentlich hier hingewiesen habe. Er wird in der über 500-seitigen Arbeit von Ina Wunn gar nicht genannt. Aber vielleicht wird das ja einmal von einer derzeit nachwachsenden Soziologen-Generation nachgeholt?

Es könnte sich künftig darum handeln, die Traditionslinie von Darwin mit der stärker soziologisch orientierten Traditionslinie von Comte und Spencer in engeren Zusammenhang zu bringen bei der Deutung der Evolution menschlicher Religiosität. Zumal aus der Sicht der modernen Theoreme der Soziobiologie könnte sich hier mancherlei Fruchtbares ergeben.

Religionsbiologie: Nur Evolution "als ob" oder schlicht: Evolution?

Die beiden genannten Kritikpunkte wirken sich übrigens auch auf die eigene Theorie von Ina Wunn zur Evolution der Religionen aus. Sie setzt die Neuentstehung einer Religion mit der "Artbildung" in der Evolution parallel und vergleicht die Selektionsprozesse, die zwischen den verschiedenen Religionen nun stattfinden, mit dem Selektionsprozeß zwischen den Arten in der biologischen Evolution. Für einen Biologen auf den ersten Blick nicht gerade besonders "umwerfend", für traditionelle Religionswissenschaftler aber offenbar noch.

Natürlich geht sie noch nicht so weit, was ja heute immer plausibler geworden ist, nämlich zu sagen, daß Evolution von Religion/Religiosität schlicht Evolution ist auf allen Ebenen, auf denen auch sonst Evolution und sozialen Evolution stattfindet. Aber im Grunde nähert sie sich doch schon sehr an die Deutung der Evolution menschlicher Religiosität durch Gruppenselektions-Prozesse an. Den Begriff "Gruppenselektion" erwähnt sie zwar gelegentlich, geht hier aber nur bis Donald Campbell, nicht bis zu den neueren soziobiologischen Diskussionen und nimmt dann auch auf diesen bei dem Entwurf ihrer eigenen Theorie keinen Bezug mehr.

Es mangelt also auch noch der Bezug zu den aller neuesten soziobiologischen und religionsbiologischen Diskussionen. Aber das wird sich ja künftig noch nachholen lassen.

(Ich wollte mit diesen Ausführungen auf diesen Beitrag Ina Wunn's hinweisen, nicht erschöpfend behandeln oder kritisieren. Zu letzterem müßte man sich ihn noch gründlicher anschauen, als ich das hier tun konnte.)
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