Montag, 28. Juli 2008

Gott - ein "Tüftler"?

Alle Welt redet vom "Multiversum", was zunächst einmal ja nur ein gigantisches, wenn nicht groteskes Gedanken-Konstrukt ist. Über den Astrophysiker Heinz Oberhummer, der Mitglied des wissenschaftlichen Beirates der Giordano Bruno-Stiftung geworden ist, und über sein neues Buch "Kann das alles Zufall sein?" kann man ein neues Argument "Pro Multiversum" kennenlernen:
... Heinz Oberhummer unterfüttert diese physikalische Spekulation noch mit einem theologischen Argument, das an Giordano Bruno erinnert: Ein Gott, der nur ein Universum erschafft, ja geradezu austüffelt, erscheint ihm zu begrenzt. Warum sollte Gott nur einmal tun, was er unendlich oft tun könnte?

Hier spiegelt sich auch das Credo des Autors wider, dass schon früh im Buch anklingt: "Mir persönlich erscheint es jedoch absurd, dass das "Warum" und "Wie" der grundlegenden Fragen der Menschen nicht irgendwo und irgendwie zusammenhängen sollen, um nicht zu sagen, müssen." Heinz Oberhummer sucht also nach einer Diskussionsbasis von Theologie und Naturwissenschaft.
Wenn wir diese Diskussionsbasis zum Ausgangspunkt nehmen, würde ich sagen, daß man die Frage des ersten gebrachten Absatzes wohl mit der gleichen oder sogar mit größerer Berechtigung umkehren kann: Warum sollte Gott etwas beliebig oft "ausprobieren", was er, da er ja nun einmal "Gott" ist, mit einem mal, auf den ersten Wurf hin tun kann? Diese letztere Auffassung, Deutung eines "Gottes", bzw. eines "Genies" könnte einem doch noch weitaus würdiger, angemessener vorkommen.

Aber wer sagt denn überhaupt, daß Gott ein Tüftler ist? Gott ist ein Genie. Das sieht man doch überall.
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(So mancher hat für seinen Teil jedenfalls ---> Gott gesucht - und ihn gefunden. Er war ...

... entweder ein Farbiger (Google-Suche Seite 6) ...

... oder ein Elephant (Google-Suche Seite 9) ...

... oder er hieß Richard Dawkins (Google-Suche Seite 11).)

Samstag, 19. Juli 2008

"Die Höllenangst Gottes vor dem Nacktturnen"

Basty hat einen längeren Disput angeregt über den gebrachten Text von Nietzsche zur "Höllenangst Gottes vor der Wissenschaft" (St. gen. 07/2008). Ein Text, der zunächst dahingehend interpretiert worden war, daß er etwas dazu aussagen könne, wie die mosaische Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch formuliert worden sein könnte mehr oder weniger bewußt als Gegenbild zur wissenschaftlichen Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch, die sich etwa gleichzeitig in der antiken Welt ausbildete. Das ist ja die These des Kultur- und Religionshistorikers Jan Assmann.


Im Verlauf der Diskussion mit Basty wurde aber klar, daß die Dinge doch noch ein bischen verwickelter sein werden, als es auf den ersten Blick aussieht. Die mosaische Unterscheidung, also der jüdische Monotheismus, ist entstanden in Auseinandersetzung mit den assyrischen Welteroberungsplänen und dabei vor allem auch während der Belagerung Jerusalems irgendwann um 500 v. Ztr. (so vermutet es Archäologe Israel Finkelstein). Aber seine erste große Bewährungsprobe (oder eine seiner ersten großen) wird vor allem auch seine Auseinandersetzung mit dem Hellenismus gewesen sein, mit dem Begeisterungsrausch für Kunst, Schönheit und auch Wissenschaft, den damals die Welt im Vorderen Orient ergriff.

Antik-griechische versus mosaische Unterscheidung zwischen Schön und Häßlich

Wenn man es noch recht von seinem althistorischen Hauptseminar und damit in Zusammenhang gelesenen Quellen zur Geschichte des antiken Judentums in Erinnerung hat, wollten damals auch viele Juden in die Gymnasien gehen, wurden dort aber beim Nacktturnen als Beschnittene erkannt und wollten sich deshalb dann auch nicht mehr beschneiden lassen. In jener Zeit wird man also sehr eifrig mosaisch gewesen sein müssen, wenn man sich durch den um sich greifenden "Hellenismus-Wahn" nicht ganz und gar religiös wollte umpolen lassen.

Insofern könnte die geschichtliche Ausbildung der "eifrigen", "fanatischen", mosaischen Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch sehr stark mitbeeinflußt worden sein - in den Worten Nietzsches - durch "die Höllenangst Gottes vor dem Nacktturnen". (!)*)

Was hier also zunächst eher als ein Scherz formuliert worden war, könnte doch allerhand Körnchen Wahrheit in sich bergen. Was einem aber damit in Zusammenhang vor allem bewußt wird: Für die Griechen war jene Wissenschaft, die bemerkenswerter Weise ebenfalls vor allem in den Gymnasien gelehrt und verbreitet wurde, nur ein Teilaspekt dessen, was ihnen im Leben wichtig war. Schönheit, auch die Schönheit des menschlichen Körpers und sein Training - in der Natur und in der Kunst - war da für sie ein mindestens ebenso wichtiger Aspekt. Das wird ja auch in vielen philosophischen Gesprächen des Sokrates, überliefert von Platon, deutlich. Insofern könnte klar werden, daß der Nietzsche-Text ein Text der Zeit von Nietzsche war und auf Probleme der Zeit von Nietzsche - vor allem - reagierte. Damals wurde das Unfehlbarkeitsdogma des Papstes diskutiert und so vieles andere mehr.

Und es wird vor allem deutlich, daß auch die These von Jan Assmann eine auf unsere Zeit gemünzte These darstellt, die manche wesentlicheren Aspekte wohl noch ausblendet. Und woran das liegt? Weil wir heute noch fast die gleichen Probleme mit der Nacktheit im Sport haben (siehe Abbildung), wie sie schon der liebe Gott, bzw. der Hohepriester im Paradies (oder in Israel) gehabt haben müssen, als sie sahen, daß Adam und Eva mit dem nackten Frühturnen anfingen. Welche Tyrannen das wohl heute - außer "Gott" - fürchten?

Wir sind heute medial so sehr mit Nacktheit überflutet, daß über diese so recht Freude nicht aufkommen will. Zumindest nicht jene leichte, beschwingte, griechische Heiterkeit. Aber vielleicht ist auch diese - eher Mißmut als Freude verbreitende - mediale Überflutung nur eine Rache des monotheistischen Gottes an all jenen, die ihm untreu geworden sind? ...

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*) Ergänzung vom 7.9.08: Nicht nur "Gott" Jehova scheint vor dem Nacktturnen und der Verherrlichung körperlicher Schönheit Angst gehabt zu haben, offenbar auch "andere" antike Tyrannen. Auf dem englischen Wikipedia-Eintrag steht: "Athletes competed in the nude, a practice said to encourage aesthetic appreciation of the male body and a tribute to the Gods." Hier geht es gewiß um andere Götter (Konkurrenz-Götter gegenüber dem Gott der Bibel). Und weiter: "Some early tyrants feared gymnasia facilitated politically subversive erotic attachments between competitors." (1)]
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  1. Ein deutscher Tagungsband zum Thema aus dem Jahr 2004 wird übrigens bei HSozKult besprochen: Dorit Engster: Rezension zu: Kah, Daniel; Scholz, Peter (Hrsg.): Das hellenistische Gymnasion. Berlin 2004. In: H-Soz-u-Kult, 14.03.2005, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2005-1-189>.

Zehn Gebote zum Umgang mit dem Thema Rasse und Genetik

ResearchBlogging.org
Eine Forschungsgruppe aus Stanford hat "Zehn Gebote" formuliert zum Umgang mit dem Thema Rasse und Genetik (Genome Biology, New Scientist, Dienekes). Ein Thema, das sich immer mehr in den Vordergrund der Wissenschaft drängt, seit das menschliche Genom vollständig entziffert ist und man in diesem die vielen Bereiche "lokaler", "jüngster" Humanevolution in ihm findet, die bis heute weiter gegangen ist, die also nicht - wie noch Konrad Lorenz im wesentlichen vor Jahrzehnten angenommen hat, seit der Eiszeit stehen geblieben ist.

Genetisch sind die meisten Menschen heute auf der Erde heute zumindest seßhafte "Bauern", keine "Jäger und Sammler" mehr. (Das heißt, sie sind genetisch an seßhafte, bäuerliche Lebensweise angepaßt, zudem lokal unterschiedlich auf der Erde, nicht vornehmlich auf eine Lebensweise von Jäger und Sammlern.)

Eine neue Etappe erreicht im Umgang mit diesem Thema?

Für Menschen, die sich schon länger mit dieser Thematik beschäftigen (wie das hier auch auf "Studium generale" geschieht), enthalten die zehn Gebote nichts wirklich Neues. Aber für die, die sich an diese "brenzlige" Thematik bisher nicht so recht werden herangewagt haben, werden diese "Zehn Gebote" sicherlich künftig einen neuen, aktualisierten Referenzrahmen für die Diskussion darstellen können.

Man muß sie genau lesen, um zu merken, welche inneren Spannungen da zwischen den einzelnen wissenschaftlichen Positionen offenbar zu überwinden waren. Es waren Geistes- wie Naturwissenschaftler beteiligt. Das bringen auch die abschließenden Sätze des "New Scientist" zum Ausdruck:

The Stanford group didn't always agree when coming up with these ideas. Predictably enough, the biomedical scientists tended to think of race in neutral, clinical terms; the social scientists and scholars of the humanities argued that concepts of race cannot be washed clean of their cultural and historical legacies.

But both groups, according to the letter, recognise the power of the gene in the public imagination and the historical dangers of its misrepresentation as deterministic and immutable.

Umstritten wird sicherlich weiterhin vieles sein. Zum Beispiel der folgende Satz zu Punkt 5:
Trying to use genetic differences between groups to show differences in intelligence, violent behaviors or the ability to throw a ball is an oversimplification of much more complicated interactions between genetics and environment.
Aha, der ist auch im "New Scientist", der hier grade zitiert wurde, anders, einfacher formuliert als im Originalartikel. Jedenfalls drückt man sich auch bei diesem Thema schon längst viel zurückhaltender aus als das lange Jahrzehnte vollbrüstig und selbstsicher geschehen war. Während man früher schlicht sagte: "Es gibt hier keine Zusammenhänge mit der Genetik," sagt man jetzt: "Die Zusammenhänge mit der Genetik sind kompliziert." Das sind sie ja immer! Aber daß sie so schlankweg geleugnet würden, daß diese Zusammenhänge bestehen, daß tut heute offenbar niemand mehr. Das sollte als ein bedeutender Umstand festgehalten werden.

Wie umgehen mit genetischen Gruppenunterschieden?

Wesentlich bleibt immer das erste formulierte Gebot, daß einzelne Erbmerkmale nicht über den Wert eines Menschen als Mensch oder einer Gruppe als menschliche Gruppe bestimmen. Dieser Satz ist ungeheuer wesentlich. Da ist sogar der Originalartikel noch besser als der Satz im "New Scientist":

We believe that there is no scientific basis for any claim that the pattern of human genetic variation supports hierarchically organized categories of race and ethnicity.

"Wir glauben ..." finde ich da recht schwach formuliert und zeigt einmal aufs Neue, wie sehr da jetzt und künftig offenbar Menschen ins Schlingern kommen können. Da muß die Gesellschaft, wie Steven Pinker schon vor zwei Jahren sagte, höllisch aufpassen, denn es geht hier nach Pinker um die "gefährlichsten wissenschaftliche Erkenntnis der nächsten zehn Jahre".

Wir müssen viel grundlegender anfangen und darüber nachdenken, ob nicht ein humaner Umgang mit der Andersartigkeit anderer Menschen überhaupt das Humanum an sich ist. Denn daß wir alle "anders" sind und daß wir alle zu lernen haben, mit Andersartigkeit umzugehen, auch mit unserer eigenen im Vergleich zu der anderer, das ist es ja gerade, was uns Menschen vielleicht erst wirklich zu Menschen macht, wenn uns dies wirklich in humanem Sinne gelingt.

Merkwürdig übrigens, daß Devin Powell beim "New Scientist" so geradeheraus die oft recht verschlüsselten Zehn Gebote in kürzeres und leichter verständliches Englisch umformuliert. Vielleicht haben ihm dabei auch Wissenschaftler geholfen, die an der Standfordgruppe selbst beteiligt waren und über die Sprache dieser vielen, gar zu verschlüsselt formulierten "Zehn Gebote" unzufrieden waren.

Man darf gespannt sein, ob und wie das Thema von der Wissenschafts-Berichterstattung am Montag in den Medien aufgegriffen wird.

(Ergänzung Anfang September: Es wurde nirgends darüber berichtet. Zumindest fiel einem nichts auf. Das könnte man als ein sehr "billiges", wenn nicht verantwortungsloses Umgehen mit der "gefährlichsten wissenschaftlichen Entdeckung der nächsten zehn Jahre" ansehen.)

Sandra Lee, Joanna Mountain, Barbara Koenig, Russ Altman, Melissa Brown, Albert Camarillo, Luca Cavalli-Sforza, Mildred Cho, Jennifer Eberhardt, Marcus Feldman, Richard Ford, Henry Greely, Roy King, Hazel Markus, Debra Satz, Matthew Snipp, Claude Steele, Peter Underhill (2008). The ethics of characterizing difference: guiding principles on using racial categories in human genetics Genome Biology, 9 (7) DOI: 10.1186/gb-2008-9-7-404

Freitag, 18. Juli 2008

Der Mensch - Ziel oder Zufallsprodukt der Evolution?

Abb.: Vortrag Juli 2013
Bei Zeit-Online gibt es eine neue Umfrage:
Die meisten Wissenschaftler sind sich einig: Der Mensch ist rein zufällig entstanden. Simon Conway Morris sieht das anders. Viele Tiere, die nicht miteinander verwandt sind, haben nämlich im Lauf der Evolution gleiche Merkmale entwickelt.
So haben beispielsweise Pinguin, Fische und Delfine allesamt Schwimmorgane, ohne miteinander verwandt zu sein. Beim Menschen hätte es sich wohl ähnlich verhalten, argumentiert der britische Wissenschaftler und ist sich sicher: Der Mensch wäre in jedem Fall entstanden. Was denken Sie: Ist der Mensch ein Zufallsprodukt? Diskutieren Sie mit und nehmen Sie an unserer Umfrage teil.
Bislang gibt es 98 Kommentare. Hoffentlich sind auch intelligente dabei. Die Frage selbst ist in der Kürze schon nicht sehr intelligent. Das hat Richard Dawkins wesentlich besser in seinem Buch "Ancestor's Tale" dargestellt. Das mit den Schwimmorganen ist noch kein besonders stichhaltiges Argument.

Im Grunde kann man wohl bei dieser Frage nur mitdiskutieren, wenn man das Buch von Simon Conway Morris, auf das auch hier auf dem Blog schon vielfältig hingewiesen worden ist, selbst versucht hat, etwas gründlicher zu lesen, wobei auch bemerkt werden muß, daß der deutschen Übersetzung einige wesentliche Kapitel fehlen.

Samstag, 12. Juli 2008

Die Höllenangst Gottes vor der Wissenschaft

Zur Herzstärkung einmal wieder Nietzsche ("Der Antichrist", 48. Abschnitt). Seltsam aktuell, dieser Mann ... Herrlich, herrlich, herrlich.
- Hat man eigentlich die berühmte Geschichte verstanden, die am Anfang der Bibel steht, - von der Höllenangst Gottes vor der Wissenschaft? ... Man hat sie nicht verstanden. Dies Priesterbuch par excellence beginnt, wie billig, mit der großen inneren Schwierigkeit des Priesters: er hat nur Eine große Gefahr, folglich hat "Gott" nur Eine große Gefahr. -

Der alte Gott, ganz "Geist", ganz Hoherpriester, ganz Vollkommenheit, lustwandelt in seinem Garten: nur daß er sich langweilt. Gegen die Langeweile kämpfen Götter selbst vergebens. Was tut er? Er erfindet den Menschen, - der Mensch ist unterhaltend ... Aber siehe da, auch der Mensch langweilt sich. Das Erbarmen Gottes mit der einzigen Not, die alle Paradiese an sich haben, kennt keine Grenzen: er schuf alsbald noch andre Tiere. Erster Fehlgriff Gottes: der Mensch fand die Tiere nicht unterhaltend, - er herrschte über sie, er wollte nicht einmal "Tier" sein. - Folglich schuf Gott das Weib. Und in der Tat, mit der Langenweile hatte es nun ein Ende, - aber auch mit anderem noch! Das Weib war der zweite Fehlgriff Gottes. - "Das Weib ist seinem Wesen nach Schlange, Heva" - das weiß jeder Priester; "vom Weib kommt jedes Unheil in der Welt" - das weiß ebenfalls jeder Priester. "Folglich kommt von ihm auch die Wissenschaft" ... Erst durch das Weib lernte der Mensch vom Baume der Erkenntnis kosten. - Was war geschehen? Den alten Gott ergriff eine Höllenangst. Der Mensch selbst war sein größter Fehlgriff geworden, er hatte sich einen Rivalen geschaffen, die Wissenschaft macht gottgleich, - es ist mit Priestern und Göttern zu Ende, wenn der Mensch wissenschaftlich wird! - Moral: die Wissenschaft ist das Verbotene an sich, - sie allein ist verboten. Die Wissenschaft ist die erste Sünde, der Keim aller Sünde, die Erbsünde. Dies allein ist Moral. - "Du sollst nicht erkennen": - der Rest folgt daraus. - Die Höllenangst Gottes verhinderte ihn nicht, klug zu sein. Wie wehrt man sich gegen die Wissenschaft? das wurde für lange sein Hauptproblem. Antwort: fort mit dem Menschen aus dem Paradiese! Das Glück, der Müßiggang bringt auf Gedanken, - alle Gedanken sind schlechte Gedanken ... Der Mensch soll nicht denken. - Und der "Priester an sich" erfindet die Not, den Tod, die Lebensgefahr der Schwangerschaft, jede Art von Elend, Alter, Mühsal, die Krankheit vor allem, - lauter Mittel im Kampfe mit der Wissenschaft! Die Not erlaubt dem Menschen nicht, zu denken ... Und trotzdem! entsetzlich! Das Werk der Erkenntnis türmt sich auf, himmelstürmend, götter-andämmernd, - was tun! - Der alte Gott erfindet den Krieg, er trennt die Völker, er macht, daß die Menschen sich gegenseitig vernichten (- die Priester haben immer den Krieg nötig gehabt ...). Der Krieg - unter anderem ein großer Störenfried der Wissenschaft! - Unglaublich! Die Erkenntnis, die Emanzipation vom Priester, nimmt selbst trotz Kriegen zu. - Und sein letzter Entschluß kommt dem alten Gotte: "der Mensch ward wissenschaftlich, - es hilft nichts, man muß ihn ersäufen!" ...

Mittwoch, 9. Juli 2008

Die europäischen Völker im Frühmittelalter

Es dürfte wertvoll sein, künftig die Forschungs-Ergebnisse des Wiener Frühmittelalter-Forschers Walter Pohl im Auge zu behalten, der im Jahr 2004 den mit 1,5 Millionen Euro dotierten Wittgenstein-Preis, den "Nobelpreis Österreichs" erhalten hat. Ah, Wissenschaftsblogger und - journalist Ferdinand Knauß ("Geschlechterverwirrung") hat im "Handelsblatt" auch schon über die Forschungen von Pohl berichtet (2.7.2008).

Hier einmal Auszüge aus der Antrittsvorlesung von Walter Pohl im Mai 2006, in der er über das Forschungsprojekt berichtet, für das die Gelder des Wittgenstein-Preises derzeit ausgegeben werden:
Viele Völker Europas sind zwischen 400 und 1000 n. Chr. entstanden, oder suchen in dieser Zeit ihren Ursprung. Zugleich entstand überhaupt die abendländische Art und Weise, wie man über Völker dachte und wie ethnische Identitäten zur Grundlage politischer Macht und individueller Selbstwahrnehmung wurden. Europa ist in dieser Hinsicht außergewöhnlich, denn es besteht aus einer Vielzahl von stabil bestehenden Staaten, die ethnisch bestimmt sind. In den meisten anderen Kulturräumen der Weltgeschichte (etwa in der römischen Antike, in der islamischen Welt oder in Indien) war das anders. Der Ansatz dieser Entwicklung liegt in der "ethnischen Wende" des Frühmittelalters. (...)

Die Fallbeispiele aus jener Zeit erlauben es, über einen Zeitraum von Jahrhunderten hinweg einigermaßen kontinuierlich das Schicksal ethnischer Prozesse zu verfolgen und dabei fast wie in einem Laboratorium der Sozialforschung Identitätsbildung, Identitätskrisen und Identitätsverlust unter den unterschiedlichsten Bedingungen zu verfolgen.

Seit dem 5. Jahrhundert konnte sich ein neues Element innerhalb der lateinischen politischen Kultur durchsetzen: Königreiche auf ethnischer Grundlage, zum Beispiel die Regna der Goten, Franken oder Langobarden. Völker, in deren Namen Könige die Herrschaft beanspruchten, hatte es ein Jahrtausend lang nur am Rand der klassischen Welt gegeben; Griechen und Römer waren vor allem Angehörige ihrer polis, ihrer civitas oder res publica. Nun herrschte ein rex Francorum über ehemalige römische Provinzen und ihre vorwiegend romanische Bevölkerung und stützte sich dabei auf die spätantike Infrastruktur (einschließlich der Bischöfe). Die meisten Reiche der Völkerwanderungszeit zerfielen bald wieder, aber das Prinzip blieb; um 1000 war Europa bis Polen, Ungarn und Bulgarien unter ethnisch bezeichneten christlichen Regna mit lateinischer (oder griechischer) Staatssprache aufgeteilt. Die Errichtung großräumiger politischer Herrschaft durch eine ethnisch definierte Führungsgruppe gelang nur christlichen Königen, die über lateinische Schriftlichkeit und Elemente spätrömischer Organisation verfügten.

Ethnisch begründete Herrschaft war im mittelalterlichen Europa von Anfang an kein archaisches Element, sondern Teil eines komplexen Modells politischer Kultur. Dass die Welt aus unterschiedlichen Völkern besteht, die sich durch jeweils spezifische Merkmale unterscheiden, ist keine selbstverständliche Erkenntnis, sondern setzt eine beachtliche Abstraktionsleistung voraus. Die Festigung überregionaler ethnischer Identitäten erforderte beträchtliche Anstrengungen gesellschaftlicher Bedeutungsproduktion, von denen die uns erhaltenen Texte vielfältige Spuren erkennen lassen.

"Brachiales", "intolerantes", "weltanschauliches Geschäft"?

Bei Wissenschaftsblogger Kamenin ("Begrenzte Wissenschaft") weist Wissenschaftsblogger Ulrich Berger ("Kritisch gedacht") auf einen spannenden neuen Artikel in der "Süddeutschen Zeitung" hin, der dort unter dem Titel "Angriff auf den 'Verbalwissenschaftler'" erschienen ist. (Schön, diese - gar nicht so "stille" - "Post", bzw. "Nachrichten-Leitung" in der Wissenschaftsblogger-Gemeinde ...)

Dieser Artikel in der "Süddeutschen" (siehe auch ORF) macht auf eine möglicherweise neu sich entwickelnde öffentliche Kontroverse aufmerksam, die für "Studium generale" natürlich von Bedeutung ist. In ihrem Mittelpunkt steht der Kasseler Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera, ein treuer Streiter an der Seite von Richard Dawkins. Er hat sich einen Namen gemacht durch die Widerlegung all des vielen kreationistischen Unsinns, mit dem derzeit immer weitere Teile der Öffentlichkeit - und nicht nur in den USA - verwirrt werden.

Ulrich Kutschera ist nun offenbar durch seine Auseinandersetzungen dazu herausgefordert worden, einen Schritt weiter zu gehen. Er wird - oh Gott, oh Gott! - "imperialistisch". Er stellt den Satz zur Diskussion:

"Nichts in den Geisteswissenschaften ergibt einen Sinn außer im Lichte der Biologie."

So könnte man allerdings auch das Credo des Schreibers dieser Zeilen seit vielen Jahren und aller konsequent natrualistisch Denkenden nennen. - Nun ist es ja spannend, ob oder wie noch "Ideologen" aller politischer Windrichtungen ihr Weltbild aufrecht erhalten können, wenn sich ein solches Denken einmal allgemeiner wird durchgesetzt haben.

Nein, das kann man dem lieben Herrn Kutschera deshalb offenbar doch nicht so ganz durchgehen lassen, daß jetzt plötzlich alles mit dem Maßstab der Naturwissenschaft gemessen werden soll. Da wird er dann plötzlich sogar mit einem "Kommunistenjäger" aus der Zeit des Kalten Krieges vergleichen. (Das Schlagwort vom "McCharty aus Kassel" scheint vor allem durch einen Benno Kirsch in Umlauf gebracht worden zu sein.)

Denn wenn sich ein solches Weltbild ausbreiten sollte, dann bleibt ja der ideologischen Willkür in all dem politischen Hin und Her des Tagesgeschehens gar nicht mehr so viel Spielraum für Manipulationsmöglichkeiten und Kulissenschiebereien wie das Jahrzehnte lang so schön genutzt wurde. Wie konnte man da doch so schön das Denken der Menschen manipulieren mit wissenschaftsfernem, ideologie-geleitetem Denken. Wie immer man es gerade haben wollte. Wer am lautesten und "seriösesten" redete, wer Kriege gewann, wer die meisten und größten Bomben besaß, der hatte auch - - - "recht".

Und all diese "schönen" Zeiten sollen nun vorbei sein?

"Brachiales", "intolerantes" "weltanschauliches Geschäft"?

Da wird der Kampf des Herrn Kutschera, dem man bislang über den Wissenschaftsgraben hinweg immer so unberührt-wohlgefällig zugenickt hatte, plötzlich "brachial". "Intolerant" gar. Da betreibt er jetzt plötzlich ein - "weltanschauliches Geschäft". Vorher wohl nicht? Als er abgesteckte Reviergrenzen offenbar sorgsamer vermied als neuerdings?

Und seine Kritiker betreiben ein solches "weltanschauliches Geschäft" natürlich nicht. Und schon gar nicht "brachial", "intolerant" oder wie "Kommunistenjäger". ... Kutschera also:
Er sieht sich als Streiter für eine ideologiefreie Naturwissenschaft und muss sich doch immer wieder Anwürfen erwehren, er betreibe ein weltanschauliches Geschäft, ja er wolle recht intolerant zum Materialismus bekehren.

Da Kutschera in seiner Offensive gegen den Kreationismus zuweilen übers Ziel hinausschießt, wurde er unlängst von einem Historiker in einer linken Berliner Wochenzeitung als "McCarthy aus Kassel" bezeichnet. Darauf warf sich der Humanistische Pressedienst für Kutschera in die Bresche und verwies, zur Ehrenrettung gewissermaßen, auf dessen Attacke wider die Geisteswissenschaften. Die apologetische Übung dürfte aber ihren Zweck verfehlen.

Der Artikel des Humanistischen Pressedienstes ist verfügbar. Und weiter:

An der fraglichen Stelle nämlich, in der jüngsten Ausgabe der Fachzeitschrift Laborjournal, rückt Kutschera die gesamte Geisteswissenschaft in die Nähe des Privatvergnügens. Er nennt sie "Verbalwissenschaft" und scheidet sie scharf von der "Realwissenschaft".

Diese erforsche "real existierende Dinge, vom subatomaren Teilchen bis hin zur Biodiversität von Regionen", während der Verbalwissenschaftler, wie es der Name schon sagt, im Reich bloßer Worte hause und deshalb in einem hermetischen Zirkel gefangen sei: "Er beschäftigt sich bevorzugt damit, was andere über reale Sachverhalte gedacht und geschrieben haben, gegeneinander abzuwägen, neu auszulegen und zu kommentieren."

Dem Resultat solch unwirklicher Wortakrobatik, einer "meist in Buchform verbreiteten Tertiärliteratur", komme "bei weitem nicht dieselbe Bedeutung" zu wie den Erkenntnissen der Naturwissenschaftler - jener "Personen, die unter Einsatz enormer persönlicher und technischer Aufwendungen reale Phänomene der Natur erforschen."

"Die Witzigkeit kennt keine Grenzen"

Man weiß, Sekundärliteratur ist kommentierende Literatur zu Primärliteratur, also etwa ein Kommentar zu Kants "Kritik der reinen Vernunft". Aber gewiß gibt es in diesem Gebiet inzwischen noch viele Steigerungen von "Tertiärliteratur", also kommentierende Literatur zu kommentierender Literatur zu kommentierender Literatur ... Das ist ungefähr so, wie heute in der allbekannten "gehobenen" Fernseh-Unterhaltung zumeist nur noch Witze gemacht werden über Witze, die andere über Witze anderer gemacht haben ... Da kennt dann die "Witzigkeit keine Grenzen" mehr. (Harpe Kerkeling und Heinz Schenk, man weiß ...)

Die Biologie soll aufsteigen zur Königsdisziplin, deren hartem Urteil sich alles Geistige zu fügen habe.

Die Biologie als "Königsdisziplin"?

Welch schlimmer Frevel, eine solche Forderung aufzustellen.

Unterstützung erhält Kutschera von dem Chemiker Peter Atkins. Für den 69-jährigen Oxforder Gelehrten ist die Philosophie nichts anderes als ein "primitiverer Vorgänger der Wissenschaft", unter welcher auch Atkins ausschließlich die experimentierende Naturwissenschaft verstanden wissen will. Atkins wie Kutschera arbeiten einem "Neuen Humanismus" zu. Dessen Ziel ist die "Einheit des Wissens", ein streng naturalistischer Monismus, an dem sich die Pythagoräer ebenso schon versuchten wie Descartes, Laplace, Haeckel, Dawkins.
Atkins hat das schöne kleine Buch "Schöpfung ohne Schöpfer" geschrieben. Aber auch ganz hervorragende, dickleibige Chemie-Lehrbücher. Alexander Kissler von der "Süddeutschen" steht all dem sketpisch gegenüber.

In den bislang 49 recht gemischten Leserkommentaren steht das eine oder andere Interessante, so zum Beispiel eine schöne Definition zum Unterschied von Geistes- und Naturwissenschaft, auch mal wieder ein bischen "witzich" - womit an dieser Stelle abgeschlossen werden soll:
Sie kennen die Gemeinsamkeit zwischen einem Geisteswissenschaftler und einem Naturwissenschaftler? Beide brauchen theoretisch nur Papier und Bleistift um arbeiten zu können. Und kennen Sie den kleinen Unterschied? Der Naturwissenschaftler braucht auch einen Papierkorb.

Mittwoch, 2. Juli 2008

Monatliche Besucherzahlen wieder auf Höchststand: 2.500

Vor einem guten halben Jahr (am 24. November 2007), fühlte sich "Studium generale" aufgrundseiner sinkendenden Besucherzahlen von Google "vergoogelt und veräppelt". Und noch vor zwei Wochen glaubte es, an seinem Urteil nichts ändern zu können, ergaben doch die Besucherzahlen vor zwei Wochen, am 16.6., noch folgenden Jahres-Rückblick:

Aber heute, oh, Wunder, was ist geschehen?:

Da sieht man zunächst mal, was unterschiedliche Grafiken auch am optischen Eindruck verändern können. Aber dennoch: Der Juni 2008 endet besucherzahlenmäßig nun überraschenderweise noch stärker als der Juli vorigen Jahres, nämlich mit dem zweitbesten Monatsergebnis von "Studium generale" bislang überhaupt: 2.500 Besucher. Nur im Juni letzten Jahres, kurz vor dem Einbruch Ende Juli, gab es monatlich noch mehr: 3.000. Wie sich das wohl erklären läßt?

"Weltmacht Google"

Warum gerade im Sommer, wo die Leute doch gar nicht hinterm Bildschirm hocken (sollen). Außerdem haben die Aktivitäten auf "St. gen." in den letzten Monaten eher ab- als zugenommen. Man vergleiche doch nur die Zahl der Beiträge vom April, Mai und Juni 2007, nämlich 67, 72 und 112, mit der Zahl der Beiträge im April, Mai und Juni 2008, nämlich: 4, 12 und 9.

Wenn es also nicht an der Quantität liegen kann, liegt es möglicherweise an der gestiegenen Qualität der Beiträge? Man möchte es sich ja gerne einreden ... Die Kommentar-Häufigkeiten sind aber auch drastisch gesunken. Dennoch steigen die Besucherzahlen.

Oder hat man allgemein gemerkt, daß es nur wenig Sinnvolleres im Netz zu lesen gibt, als Wissenschaftsblogs? Nachdem es die neuen Wisseschaftsblog-Portale von Scienceblogs.de und Scilogs.de gibt? (Die - wie man finden kann - nicht immer so spannende Themen haben wie "St. gen.".)

Aber man sollte auch sein Mißtrauen gegenüber den Schräubchen-Drehern der Weltmacht Google nicht so leicht zurückfahren. Merkwürdig ist das schon. Im letzten Jahr muß irgendwann Ende Juli etwas recht Einschneidendes bei denen passiert sein. Und nun scheint in diesem Jahr Ende Juni wieder etwas Ähnliches passiert zu sein, so drängt sich zum wenigsten die Vermutung auf.

Blog-Geschichte

Noch einmal zur Rekapitualtion die Geschichte der Besucherzahlen von Beginn des Blogs "Studium generale" im Januar 2007 an. Das war (aus dem Beitrag vom 4. Juni 2007) in der ersten Jahreshälfte 2007 ein ganz rasanter Anstieg.

Das waren noch Zeiten, solche Wachstumsraten ...:

Und dann folgte der - erst im November monierte - überraschende Einbruch Ende Juli 07 (Grafik aus dem Beitrag vom 24. November 2007):

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