Samstag, 31. Januar 2009

Körpergröße von Chinesen und Europäern aufgrund ganz unterschiedlicher Gene evoluiert?

ResearchBlogging.org
Zierliche Asiaten, hochwüchsige Europäer. Wer einmal Asien bereist hat, weiß, wie frappierend hier oft die Unterschiede sein können, wie man dort "herausragen" kann aus der Menge. Am frappierendsten sind die Unterschiede, wenn man in Asien alten Leuten begegnet. Auf Stühlen, die man selbst schon als "Kinderstühle" empfindet, baumeln ihnen noch die Füße herunter! Das muß man wohl erlebt haben, bevor man es glaubt.

Diese "Mitsubishi-Nationen", bei denen gerade auch die traditionellen Wohnhäuser unglaublich klein und winzig anmuten. Und dabei können sie so fröhlich und nett sein, diese alten Leute.

In den letzten Jahren sind viele jener Gene gefunden worden, die ethnische und rassische Unterschiede in den unterschiedlichsten Körpermerkmalen hervorrufen. Und auf "Studium generale" haben wir immer wieder einmal über den einen oder anderen Fall berichtet. Erinnert sei an Riech-Gene, (Bitterstoff-)Geschmacks-Gene, Verdauungs-Gene (Alkohol-Unverträglichkeit, Rohmilch-Verdauung und anderes), erinnert sei an Gene, die Augen-, Haar- und Hautfarbe bestimmen. Erinnert sei an Verhaltens-Gene (etwa ADHS oder MAOA), ebenso wie an erste diesbezüglich entdeckte Gehirnwachstums-Gene. Eine wachsende Anzahl von Krankheits-Genen und Krankheitsverteidigungs-Genen sind in diesem Zusammenhang ebenfalls zu nennen.

Von Gensequenzen, die die ethnischen und rassischen Unterschiede in der Körpergröße hervorrufen, waren bislang noch keine oder nur wenige bekannt. Man hätte auch denken können, daß das die gleichen Gene tun, nur eben einmal etwas stärker (länger in der Wachstumsphase), ein ander mal etwas weniger (kürzer in der Wachstumsphase) stark abgelesen. Aber eine neue chinesische Studie, im November letzten Jahres veröffentlicht in "Human Genetics", glaubt aufzeigen zu können, daß auch (!) die genetische Verschaltung der Körpergröße zwischen Europäern und Asiaten keineswegs so ähnlich zu sein scheint, wie man bloß aufgrund des äußeren Augenscheins doch hätte vermuten können und wie es tatsächlich auch vermutet worden ist. (1)

Zur Illustration:
Typische Körpergrößen-Unterschiede zwischen (vielen) Europäern und (den meisten) Asiaten

Da der Text im Diskussionsteil der genannten neuen Studie sehr dicht formuliert ist, sei er hier in einer längeren Passage weitgehend kommentarlos zitiert, auch ohne daß der Methodenteil an dieser Stelle weiter diskutiert wird:
... The present study along with other genetic studies on stature suggests that there are ethnic specific loci regulating variation of stature. Direct evidences may come from:

First, the MAFs (minor allel frequencies) for a cluster of SNPs significantly associated with stature in the present study have evidently ethnic diverence between in Chinese and in Caucasian;

Second, most of loci identified in previous GWAS (genome wide association) studies in Caucasian (Gudbjartsson et al. 2008; Lettre et al. 2008; Sanna et al. 2008; Weedon et al. 2007, 2008) do not overlap their associations in Chinese. Moreover, the MAFs reported from the dbSNP public database (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/SNP/) for most of these SNPs are evidently different; particularly, the alleles with minor frequency for six SNPs (e.g., rs10946808, rs4794665) are different between Caucasian and Chinese;

Third, most of the linkage regions identified in previous GWLS studies can not be confirmed by the present association results.

On the other hand, indirect evidences may also support this. It is wellknown that the stature in Caucasian is apparently higher than in Chinese, probably suggesting a different genetic background to determinate stature. Some phenotypes (such as bone) closely related to stature are clearly under ethnicspecific genetic determination (Dvornyk et al. 2005; Dvornyk et al. 2003; Lei et al. 2006, 2003).

For example, five candidate genes (Dvornyk et al. 2005) were tested for their contribution of ethnicity to bone mineral density variation in Caucasian and Chinese. The frequencies and distribution patterns of SNPs of some prominent bone candidate genes were different between Caucasian and Chinese (Lei et al. 2003). The above observed inconsistencies between the two ethnic populations may be partially attributed to ethnic difference in genetic background that may play an important role in genetic determination of stature. (...)

In conclusion, the present study reported the Wrst GWAS for adult stature in Chinese population which was often neglected by genetics community.
Zur Illustration: Körpergrößenunterschiede zwischen Europäer und Asiaten

Also nicht nur Körpergrößen-Gene, sondern auch Gene, die die Knochenbeschaffenheit bestimmen, unterscheiden sich zwischen Chinesen und Europäern. Von wegen also: Ein "bischen" größer oder kleiner wäre von der Evolution mit weitgehend den gleichen Genen verschaltet worden. Keineswegs! Obwohl man ein solches Merkmal eigentlich vom äußeren her gesehen als sehr ähnlich zwischen Europäern und Asiaten hätte vermuten können - zumal wenn man die Asiaten mit kleinwüchsigeren Europäern vergleicht - scheint es im Innern dieser Menschen doch nicht so ähnlich zuzugehen. Frappierend!

Um so breiter und präziser die ganze Vielfalt von bekannten Genen aufgeführt, aufgelistet werden kann, die in unterschiedlichen menschlichen Populationen auf der Erde unterschiedlich evoluieren und funktionieren, um so eher wird man es für wahrscheinlich halten können, daß auch noch Merkmalsbereiche, deren genetische Verschaltung bislang nicht so genau bekannt geworden ist, ähnlich unterschiedlich verschaltet sind. Es wäre ja auch sehr merkwürdig, wenn Körper und Psyche unabhängig voneinander evoluiert wären und evoluieren würden.

Literatur:

1. Shu-Feng Lei, Tie-Lin Yang, Li-Jun Tan, Xiang-Ding Chen, Yan Guo, Yan-Fang Guo, Liang Zhang, Xiao-Gang Liu, Han Yan, Feng Pan, Zhi-Xin Zhang, Yu-Mei Peng, Qi Zhou, Li-Na He, Xue-Zhen Zhu, Jing Cheng, Yao-Zhong Liu, Christopher J. Papasian, Hong-Wen Deng (2008). Genome-wide association scan for stature in Chinese: evidence for ethnic specific loci Human Genetics, 125 (1), 1-9 DOI: 10.1007/s00439-008-0590-9

Sehnsucht - ein psychologisches Konzept wird erforscht

ResearchBlogging.org
Im Forschungsmagazin der Max-Planck-Gesellschaft (3/2008) findet sich ein Artikel über die Erforschung der Sehnsucht (MPG-html, MPG-pdf.). Sie wird insbesondere dem psychologischen Konzept des Bedauerns ("regret") an die Seite gestellt und von ihm unterschieden. Das Konzept des Bedauerns und das damit verbundene Konzept der Verantwortung ist ja auf diesem Blog schon behandelt worden. (7.9.08) Bedauern stellt sich ein, wenn ein Ziel nicht erreicht worden ist. Sehnsucht ist diffuser: "Niemand würde sagen, ich sehne mich nach einem Doktortitel," wird eine der Erforscherinnen der Sehnsucht zitiert. Und man möchte anfügen: Allerdings. Aber man sehnt sich - mitunter - nach wissenschaftlicher Erkenntnis.

Susanne E. Scheibe und Alexandra M. Freund erforschen die menschliche Sehnsucht auf den vorgegebenen Linien ihres 2006 verstorbenen Doktorvaters Paul B. Baltes. Forschungsliteratur ist dem MPG-Artikel nicht angefügt. Aber man findet zum Einstieg wohl einiges Wichtige ---> hier oder hier, insbesondere ein Review-Artikel im Gedenken an Paul B. Baltes (1, frei zugänglich ---> hier, pdf.) Einleitend schreiben darin die Forscherinnen, was ziemlich exakt so auch in den MPG-Artikel übernommen wurde (und dort auf deutsch gelesen werden kann):
The concept of Sehnsucht is strongly rooted in German culture and history. It has a central place in romantic literature and art, and a strong presence in contemporary media. In their writings and paintings, romantic poets such as Novalis or painters such as Caspar David Friedrich often expressed longing or yearning for something that is remote and often rather vague. The things longed for were perceived as unattainable but still created a want that guided passionate striving towards it. Symbolizing this quest, in Novalis’ (1876/ 1990) Heinrich Von Ofterdingen, a young medieval poet seeks the mysterious Blue Flower, the romantic movement’s symbol of the quest for the perfect yet unattainable. As the hero states, "It is not the treasures which have awakened such an inexpressible longing in me. There is no greed in my heart; but I yearn to get a glimpse of the blue flower." In its full sense, the German concept of Sehnsucht is difficult to translate into English. Yet, the basic components, such as fantasizing about and striving for ideal conditions that cannot be reached or only with high uncertainty, represent key aspects of lifespan development and should apply widely across cultures, including English speaking countries such as the U.S.A..
Und am Ende:
The research presented here is but the beginning of a psychology of Sehnsucht and many questions remain open. One is the generality of findings in cultural contexts other than Germany. As noted at the outset, the concept of “Sehnsucht” is salient in German culture, and its core connotations have evolved during the cultural era of Romanticism. The German word "Sehnsucht" is difficult to translate into most other languages. Does this suggest that Sehnsucht does not exist in other cultures? As its structural characteristics and developmental functions are assumed to reflect basic, universal aspects of lifespan development, they are theoretically expected to be universal, although cultural differences may produce some variation in their manifestation.
Und im MPG-Journal heißt es dazu noch konkreter:
Im amerikanischen Kulturkreis berichten die Menschen von ähnlichen Sehnsüchten wie Deutsche, obwohl ihnen das Konzept in seiner ganzen Breite unbekannt ist. Sehnsucht speist sich aus sechs Komponenten, die verankert sind in der Lebensspannen-Psychologie und der deutschen Kulturgeschichte, etwa in Malerei und Literatur.
Merkwürdig mutet die Behauptung der Forscherinnen an, daß erst 15- bis 16-Jährige konkrete Sehnsüchte würden benennen können. Aber was soll damit gesagt sein? Kinder haben doch auch dann Sehnsüchte, Wünsche, wenn diese nicht konkret in Fragebogen-Form abgefragt werden können? Das ist doch nur allzu offensichtlich. Überhaupt mutet es einem sonderbar an, falls ein solches Konzept wie Sehnsucht in der Psychologie nicht schon unter einer solchen breiteren Rubrik wie der des "Wünschens" ("desire") erforscht worden sein sollte. Es wird zwar eine Abgrenzung zum Konzept des Bedauerns und dem damit verbundenen Konzept des Anstrebens von konkreten Zielen vorgenommen. Nirgends aber wird - soweit übersehbar - eine Abgrenzung des Konzeptes Sehnsucht von dem noch breiteren Konzept des Wünschens diskutiert. Auch Suchterscheinungen wie Liebe wären hier zu diskutieren auf der Linie von Joachim Bauer. (---> Bücher)

Evolutionäre Wurzel der Sehnsucht: die Sucht

Und wie elementar, ja überlebenswichtig die Sehnsüchte und Wünsche ja schon bei Tieren sein können - etwa auf sozialem Gebiet (Mutter-Kind-Bindung, Gruppenzugehörigkeit) - das kann ein Blick in die Bindungsforschung, ein Blick in die Verhaltensforschung überhaupt schnell lehren. Man nehme nur die Nachfolgeprägung der Gänseküken in den Blick, diese unglaubliche Sehnsucht, der Nähe des Muttertieres versichert zu sein: "Hier bin ich - wo bist du?" Auch könnten sich Anknüpfungspunkte ergeben zu dem Konzept des "Sich-zugehörig-Fühlens-zu", das die amerikanische Primatologin Barbara J. King als die evolutionspsychologische Grundlage der menschlichen Religiosität benannt hat. (---> Bücher)

Die verhaltensphysiologischen Grundlagen von Hunger, Sucht und Sehnsucht sind übrigens auch schon in sehr weitgehendem Maße von Konrad Lorenz und seinen Nachfolgern erforscht worden. Auch hier gäbe es viele Anknüpfungspunkte: Appetenzverhalten, Schlüsselreize, Schwellenwerte und vieles andere mehr.

Hier scheint einem überall noch viel Forschungspotential vorhanden zu sein und auch Klärungs- und Abgrenzungsbedarf in den Begrifflichkeiten und Konzepten. Aber daß überhaupt das Konzept der Sehnsucht thematisiert wird, kann man für sehr wichtig erachten. Setzt es doch - um nur einen und zugleich auch schon sehr grundlegenden Aspekt zu nennen - der monotheistischen Religiosität mit ihrer mosaischen Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch (Jan Assmann) ein ganz anderes - vielleicht seelenvolleres - Konzept entgegen, das dem seelischen und kulturellen Spielraum viel mehr Freiheit gewährt, als die eng umgrenzten Handlungsanweisungen eines monotheistischen Gottes wie: "Du sollst Vater und Mutter ehren, auf daß ..." etc. pp.. Solche Befehle weitab aller spontanen Sehnsucht kann alle (freiwillig empfundene) Sehnsucht und daraus abgeleitetes Handeln abtöten und vernichten. Und das haben sie wohl zu weiten Teilen auch schon in westlichen Gesellschaften über viele Jahrhunderte hinweg getan. - Übrigens kann man das für einen ganz wesentlichen Aspekt von Sehnsucht überhaupt halten: Sehnsucht kann - wohl - nur freiwillig empfunden werden, sie kann nicht befohlen werden. (Höchstens könnte sie durch das Anbieten von Schlüsselreizen gesteigert werden, wobei dann der Übergang von Sehnsucht zur Sucht schnell fließend wird ...).

Und nicht umsonst entstand das deutsche, "romantische" Konzept der Sehnsucht im Zusammenhang mit dem Aufschwung der deutschen, bürgerlichen Philosophie nach Immanuel Kant, ihm, dem Henker des monotheistischen Gottes - um im Bild von H. Heine zu bleiben, und um einige geistes- und weltgeschichtliche Aspekte zu benennen, um derentwillen Sehnsucht auch etwas mit Geschichtsphilosophie zu tun haben könnte und mit der Frage nach einem etwaigen (noch nicht erreichten) Ziel der Geschichte. (Man vgl. dazu etwa ---> F. Schiller)

1. Susanne Scheibe, Alexandra Freund (2008). Approaching Sehnsucht (Life Longings) from a Life-Span Perspective: The Role of Personal Utopias in Development Research in Human Development, 5 (2), 121-133 DOI: 10.1080/15427600802034868

Donnerstag, 22. Januar 2009

Die weltgeschichtliche Bedeutung der bandkeramischen Kultur

Wissenschaftsblogger Lars Fischer fragte nach Literatur-Angaben zu der Fußnote im vorigen Beitrag (Stud. gen.) über die Siedlungsdichte der Bandkeramiker, der ersten Bauernkultur Mitteleuropas:
"Den Hinweis auf die Bandkeramiker find ich besonders spannend. Kannst du da Quellen nennen?"
Die Antwort soll hier auch noch einmal als ein eigener Beitrag veröffentlicht werden. (Für frühere Beiträge zu den Bandkeramikern siehe ---> hier, hier, hier und hier, jetzt zusammengefaßt unter der neuen Rubrik "Bandkeramik".)

Bandkeramisches Langhaus

Die Verteilung von frühgeschichtlichen Siedlungen in der Landschaft (1 - 3) kann anhand von Scherben kartographiert werden, die über die Jahrzehnte hinweg von Archäologen und Hobbyarchäologen als Oberflächenfunde zusammen getragen worden sind.

In der Gegend des Zusammenflusses von Schwalm und Eder in Nordhessen (der engeren Heimat des Verfassers dieser Zeilen) hat man über einen Streifen guter Böden von etwa 16 Kilometer Länge und 8 Kilometer Breite 28 bandkeramische Siedlungsstellen gefunden (1). Das entspricht etwa der Zahl der Dörfer, die es in diesem Gebiet heute gibt. Und das ist eine typische Erscheinung für alle agrarischen Regionen zwischen dem Schwarzem Meer und der Kanalküste, in denen die Kulturstufe der Bandkeramik bislang gut hatte erforscht werden können. Es gibt viel und detaillierte Literatur zu vielen Regionen, etwa zu Südpolen - auch zu Schlesien, Böhmen, der Slowakei oder Niederösterreich. Auch zum Rheinland, wo Jens Lüning innovativ die Erforschung der europäischen Bandkeramik vorangetrieben hat (durch flächenmäßig weit gefaßte Archäologie des dortigen Braunkohletagebaus). Ebenso in Belgien. Und neuerdings vermehrt auch in Sachsen aufgrund des dortigen Neubaus von Autobahn-Trassen.

Auf 16 Kilometer Länge 28 Siedlungsstellen

Die frühen Ackerbau-Kulturen haben sich die waldreichen Höhenlagen in der Regel nicht erschlossen. Sie besiedelten vornehmlich die Niederungen mit den guten Böden. Diese bestanden damals aus Schwarzerde wie es sie heute noch in der außerordentlich fruchtbaren Ukraine gibt. Der gleiche Boden - frühere Schwarzerde - ist aufgrund der Jahrtausende langen Nutzung durch Ackerbau in Mitteleuropa inzwischen zu Braunerde "degeneriert".

Die heute in Mitteleuropa besiedelten Höhenlagen wurden zumeist erst im Hochmittelalter erstmals gerodet und besiedelt (siehe hier als Beispiel zwei Luftbilder aus der Oberpfalz). An ihnen ist heute noch oft die sprichwörtliche Lage als "Waldinsel", als Rodungsinsel sichtbar. (Aus der mittelalterlichen Rodungssiedlung stammen dementsprechend häufig Dorfnamen mit der Endung "-rode". )

Diese Insellage inmitten von Wald war auch typisch für die ersten Langhaus-Siedlungen der Bandkeramiker, wie Jens Lüning als einer der ersten nachgewiesen hat. Damals allerdings - wie gesagt - in den tieferen Lagen. Außerdem verbanden sich viele solcher "ältest-bandkeramischen" Rodungsinseln innerhalb weniger Jahrzehnte - oder Jahrhunderte - zu den typischen, dichtbesiedelten bandkeramischen "Siedlungskammern" oder "Siedlungsbändern" entlang der Flußläufe. Diese sind typisch für die Hochzeit der Bandkeramik, ihre mittlere Phase. In ihr reihte sich Weiler an Weiler, ungefähr in der gleichen Verteilung, wie sich heute Dorf an Dorf reiht in diesen Gebieten.

Von einzelnen Rodungsinseln zu Siedlungsbändern verdichtet

Aber zwischen diesen bandkeramischen "Siedlungskammern" oder "-bändern" (oder denen späterer Kulturen) lagen immer auch vergleichsweise breite Streifen weitgehend unbesiedelten Waldes. Gegenden, die immer auch "Grenzregionen" zwischen benachbarten Stämmen darstellten. Dieser Umstand gilt noch für die germanische Zeit.

Daß man sich grob für jedes heutige mitteleuropäische Dorf in guter Bodenlage (siehe als Beispiel Foto rechts: Sievershausen in Nordhessen) ein bandkeramisches Gehöft (ein bis zu 30 Meter langes Langhaus) denken kann (von mehreren kinderreichen Familien samt Vieh bewohnt), diese Faustregel läßt sich aus vielen Bandkeramik-Studien ableiten.

Anschauliche Beispiele für ein solches Siedlungsbild wie es die Hochzeit der Bandkeramik aufwies, wird man heute schwer in der Landschaft noch finden können, da im Mittelalter die mitteleuropäischen Dörfer, zumal in guter Bodenlage, alle weit über die Größe von "Weilern" hinausgewachsen sind.

7.500 Jahre Bauern in Mitteleuropa

In einer Studie über die nördliche Wetterau (nördlich von Frankfurt) - die noch heute besten, fruchtbarsten Boden aufzuweisen hat - ist die bandkeramische Siedlungsstruktur mit der Siedlungsstruktur der Abfolge der hier siedelnden späteren Kulturen verglichen worden (2). Nach dieser Studie finden sich in der nördlichen Wetterau:
1. für die älteste Bandkeramik 20 Siedlungsstellen
2. für die spätere Bandkeramik 122 Siedlungsstellen (!)
3. für die hier darauf folgende Großgartacher Kultur 28 Siedlungsstellen,
4. für die darauf folgende Rössener Kultur 43,
5. für die darauf folgende Michelsberger Kultur (Erfindung des Rades!) 36,
6. für die Hügelgräberbronzezeit 20,
7. für die Urnenfelderkultur 84 (!),
8. für die Hallstattzeit 45,
9. für die Latenezeit 50,
10. für die Römische Kaiserzeit 94 (!),
11. für die Völkerwanderungszeit 11,
12. für das Frühmittelalter 50 Siedlungsstellen. (2, S. 226)
Es wird der klare Siedlungsverdichtungs-Sprung von der ältesten (also frühesten) Bandkeramik zur späteren Bandkeramik deutlich, auf den schon oben hingewiesen worden ist. Und es wird deutlich, wie spätere Kulturen oftmals wieder auf die Siedlungsdichte der Gründungsphase der Bandkeramik zurückfielen oder wie sie nicht besonders ausgeprägt über eine solche hinaus kamen. Das gilt insbesondere auch für die Kultur, die auf den Untergang der Bandkeramik-Kultur folgte, sowie sowohl für die Hochkultur der Bronzezeit, als auch für die Völkerwanderungszeit.

Die höchste Siedlungsdichte von allen vormittelalterlichen Kulturen

Heute gibt es in dieser Region 120 Dörfer und Siedlungen. - Es sei darauf hingewiesen, daß in der hier benutzten Studie die Zahlen nur "Nebenprodukt" der dort verfolgten Argumenation sind. Aber diese Zahlen sind vielleicht noch viel aussagekräftiger, als alles übrige, was in dieser Studie mitgeteilt und geschlußfolgert wird.

Wenn nun auch die Lebenszeit der angeführten Kulturen unterschiedlich ist, wenn deshalb auch kein exakter Vergleich zwischen den angegebenen Kulturen beim Stand der Forschungen dieser Studie möglich ist, so geben diese Zahlen doch einen groben Anhalt dafür, daß zwischen 5.500 v. Ztr. und dem Frühmittelalter tatsächlich die Bandkeramik die höchste Siedlungsdichte von allen Kulturen aufwies. Zumindest einige der nachbandkerramischen Epochen/Kulturen dauerten mindestens ebenso lange wie die Spätere Bandkeramik.

Große Einheitlichkeit aller Kulturmerkmale

Es wäre schön zu erfahren, ob Bandkeramik-Spezialisten die hier vorgetragenen Vermutungen im Wesentlichen bestätigen. Ob sie dieselben noch mit detaillierterem (aktuellerem) Zahlenmaterial untermauern könnten. Erstaunlicherweise ist dem Autor dieser Zeilen auch nach intensivem Studium der Forschungsliteratur keine andere Studie bekannt geworden, anhand der ein solcher Vergleich vorgenommen werden könnte wie er oben (anhand von 2) hat vorgenommen werden können (siehe auch: 3). Die Bandkeramik-Forscher scheinen das Licht der von ihnen erforschten Kultur immer noch "unter den Scheffel" stellen zu wollen!

Bandkeramikforscher staunen aber nichtsdestotrotz schon seit Jahrzehnten über die hohe Verbreitungsgeschwindigkeit, mit der sich die Bandkeramik aus dem Ursprungsgebiet, nämlich aus der Gegend rund um den Neusiedler See aus über ganz Mitteleuropa bis zur Kanalküste hin ausgebreitet hat (über das "Lößerde-Gebiet" hinweg). Sie sind auch erstaunt über die große Einheitlichkeit fast aller kulturellen Parameter über so weite Entfernungen hinweg und auch über die große kulturelle Stabilität, in der sich diese Einheitlichkeit über so viele Jahrhunderte hinweg erhalten hat.

Eine gut erforschte bandkeramische Siedlung im heutigen Ungarn gleicht überraschend stark einer solchen in den heutigen Niederlanden (etwa im Inventar der Gebrauchsgegenstände, in der Architektur, in der räumlichen Einordnung in der Landschaft, in dem Artenspektrum der verwerteten Pflanzen und Tiere und in vielem anderen mehr). Zugleich weist aber die physische Anthropologie der Bandkeramiker (Ilse Schwidetzky und andere) darauf hin, daß wir uns die Menschen dieser Kultur selbst gar nicht einmal als körperlich so besonders ausgeprägt "einheitlich" vorstellen dürfen.

Antagonismus zwischen Verhaltensgenetik und Kultur?

Man könnte sich also vorstellen, daß die Bandkeramik ihre große kulturelle Energie gewonnen hat aus dem Wechselspiel oder gar aus dem Antagonismus einer gar nicht einmal so besonders ausgeprägten Einheitlichkeit ihrer verhaltensgenetischen Grundlage, die sich - zum Zwecke des genetischen Überlebens - eine Kultur geschaffen hat, die durch ihre Einheitlichkeit ein Gegengewicht darstellte gegen die "auseinanderstrebenden" Tendenzen der möglicherweise "uneinheitlicheren" Verhaltensgenetik der Bandkeramiker.

Diese letzteren Gedanken gehen deutlich in den Bereich der Spekulation über. In jedem Fall müssen die Bandkeramiker außerordentlich erfolgreiche soziale, kulturelle und zivilisatorische Techniken entwickelt haben. Und diese stehen - wie in diesem Beitrag aufgezeigt werden konnte - einzigartig in der europäischen Geschichte da. Genau in diesem Umstand wird man die geschichtliche, nein, die weltgeschichtliche Bedeutung der Bandkeramiker zu suchen haben.

Die Evolution zertrümmert ihre besten Produkte

Um so verwunderlicher ist es dann, daß es sich die Evolution, die Humanevolution, bzw. die Weltgeschichte - wer von diesen dreien es war, gilt im einzelnen noch aufzuzeigen - "erlaubten", "erlauben konnten", ein so erfolgreiches evolutionäres Konzept wie das Konzept "Bandkeramik" nicht nur kulturell, sondern - zumindest über die vielen Jahrtausende bis heute hin - auch genetisch weitgehend aussterben zu lassen. (Die nächsten genetischen Verwandten der Bandkeramiker haben sich bis heute in einem solchen abseitigen Gebiet wie Sardinien erhalten.) Dies ist jedenfalls die Erkenntnis der jüngsten humangenetischen Erforschung der Genreste dieser Bevölkerung, die an der Universität Mainz vorgenommen worden ist: Wir heutigen Europäer stammen nicht von ihnen ab, sondern vor allem von Menschen mitsamt ihrer Genetik, die sich mit nachfolgenden Kulturen ausgebreitet haben.

Zu diesen Kulturen gehört - nach derzeitigem Stand der Erforschung von Genresten archäologisch bekannter Bevölkerungen (siehe spätere Beiträge hier auf dem Blog): die nordeuropäische Trichterbecher-Kultur ("Megalithkeramiker") und die ostmitteleuropäische Schnurkeramik-Kultur. Die letztere ist - wahrscheinlich - in den heute polnischen und ukrainischen Karpaten in Auseinandersetzung mit der nördlichen Trichterbecher-Kultur und mit der südlichen Tripolje-Kultur entstanden.

Welchen Anteil diese und anderen Kulturen an der Genetik der heutigen Europäer haben, wird sicherlich durch die Forschung in den nächsten Jahren noch deutlicher herausgearbeitet werden.

Vielleicht gilt es in der Zukunft für die Europäer, wieder eine ähnlich "vereinheitlichende" Kultur zu finden, bzw. zu entwickeln, die sozial, kulturell, zivilisatorisch und bevölkerungspolitisch auch wieder eine ähnliche Erfolgsgeschichte aufzuweisen hat, wie es für die Ausbreitungszeit und die Hochzeit der Bandkeramik gilt. Wie es aber sonst für kaum ein Volk Europas gilt, es sei denn jene Völker, die sich im europäischen Frühmittelalter gebildet haben und deren seit 1400 Jahren so außerordentlich lebendiger Lebensimpuls derzeit seinem Ende entgegenzugehen scheint.

Ergänzung (3.10.2016)


Dieser Artikel wird seit vielen Monaten auf dem Wikikpedia-Artikel "Linearbandkeramische Kultur" zitiert (derzeit Literaturangabe Nr. 128). Die neueren Forschungen von Stephen Shennan, veröffentlicht in "Nature Communications", stimmen gut mit seinen Aussagen überein (4).

(letzte Überarbeitung: 19.12.2009, Korrektur: 1.10.14)
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ResearchBlogging.org
  1. Irene Kappel: Die Jungsteinzeit in Nordhessen. In: Kassel - Hofgeismar - Fritzlar - Ziegenhain. Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern, Bd. 50, 1982, S. 42 - 78 
  2. Thomas Saile (1997). Landschaftsarchäologie in der nördlichen Wetterau (Hessen): Umfeldanalysen mit einem geographischen Informationssystem (GIS) Archäologisches Korrespondenzblatt, 27, 221-232
  3. Jens Lüning: Steinzeitliche Bauern in Deutschland. Die Landwirtschaft im Neolithikum. 2000. (St.gen. Bücher)
    Kadrow, Slawomir: Settlements and Subsistence Strategies of the Corded Ware Culture at the Beginning of the 3rd millenium BC in Southeastern Poland and in Western Ukraine. In: Dörfer, W. u.a. (Hg.): Umwelt, Wirtschaft, Siedlungen im 3. vorchristl. Jahrtausend Mitteleuropas und Skandinaviens. Internationale Tagung Kiel 4.-6. November 2005, Wachholtz Verlag, 2008, S. 243 - 252
  4. Shennan, Stephen et. al.: Regional population collapse followed initial agriculture booms in mid-Holocene Europe. In: Nature Communications, 1. Oktober 2013, http://www.nature.com/articles/ncomms3486

Montag, 19. Januar 2009

Von der "Villa rustica" zum germanischen Dorf

Zur Entstehung der nachantiken, mitteleuropäischen Agrarstrukturen

Auf vielen zentralen Gebieten der europäischen Geschichte, auch dem der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, wurden im Frühmittelalter jene Grundlagen gelegt, die noch bis in unsere Zeit hinein nachwirken. Im Frühmittelalter entstand mit der Landnahme der germanischen Stämme in Süddeutschland und im heutigen Frankreich, sowie in England jenes ländliche Siedlungsmuster, das sich in den Grundzügen bis heute erhalten hat. Ein großer Teil der deutschen, der fränkischen, alemannischen und bayerischen Dörfer und Dorfnamen geht auf Gründungen im Frühmittelalter zurück. Diese Dörfer sind in der Landnahmezeit zunächst als kleine Weiler, als kleine Häusergruppen (um einen Adelshof herum) entstanden und wuchsen in späterer Zeit, besonders im Hoch- und Spätmittelalter, durch Landteilungen und Rodungen zu der Größe der heutigen Dörfer an mit ihren Vollbauernhöfen, Halbbauern und Kätnerhäusern.*)

In römischer Zeit hat es in Süddeutschland, in Frankreich und in Britannien ein ganz anderes Agrarsystem gegeben, als dann mit der germanischen Landnahme etabliert worden ist. Es ist sehr erstaunlich zu erleben und zu erforschen, wie die germanischen Landnahme-Stämme mit diesem von ihnen vorgefundenen Siedlungsmuster und Agrarsystem umgegangen sind. Dazu ist ein neuer Überblicks-Artikel erschienen (1) (Early Medieval Europe, frei herunterladbar).

Die römische "Villa rustica" ...

Das römische Agrarsystem war in der Spätantike über das ganze Römische Reich hinweg jeweils zentriert um die sogenannte "Villa rustica", die die umfangreichen städtischen Bevölkerungen im Römischen Reich versorgten, und auf denen auch nicht unerhebliche Steuerlasten ruhten. (Wiki) Diese ländlichen Villen, bzw. Landgüter waren oft sehr luxeriös ausgestattet. Mit den bekannten Mosaikfußböden und Wandmalereien. Sie wurden von der römischen Oberschicht bewohnt, die auf ihren Villen Sklaven und Freigelassene wirtschaften ließen.

Die Villen waren zum Teil auch nach ästhetischen Aspekten, das heißt in landschaftlich schöner Lage angelegt worden. So die heute so genannte Villa Hasselburg im Odenwald (Wiki). Sie wurden von Menschen angelegt, die Sinn für landschaftliche Schönheiten hatten. Es geht dies auch aus vielen anderen Zeugnissen hervor. So aus überkommenen spätantiken, lateinischen Dichtungen, die - etwa - zum Preis der landschaftlichen Schönheiten des Moseltales verfaßt worden sind.

... und ihre Nachnutzung durch die germanischen "Barbaren"

Nach dem derzeitigen Stand der archäologischen Forschungen muß man sich die Germanen als von ganz anderem kulturellen "Kaliber" beschaffen vorstellen. Keineswegs brachten sie etwa ein zivilisatorisch "verfeinertes" Kulturbewußtsein mit sich. Sie waren wirtschaftlich auch mehr auf den lokalen Markt hin orientiert, nicht auf reichsweite Absatzmärkte, wie die römische Villenwirtschaft. Die Forscherin Tamara Lewit schreibt in ihrem Artikel über die germanische Nachnutzung der römischen Villen (1, S. 83):
... Residential zones were used for agricultural or industrial purposes, and oil presses, storage jars, hearths, pottery kilns, iron-working furnaces, fish-processing tanks and cisterns were installed in the formerly decorative rooms, even at what had been the most luxurious villas. Often these utilitarian features were cut into rich mosaic floors, implanted in the monumental reception rooms, or constructed from converted bathhouse features. There appear to have been considerably fewer imported luxury goods, and a completely different construction style was used, employing ephemeral materials (usually wood, earth and stucco), post-hole structures (often large) and sunken buildings, and rougher building techniques. Sometimes stone buildings were even deliberately demolished to make way for new timber structures. At other sites, rooms were converted into private oratories or baptisteries. Often, burials were placed within or around villa buildings.
Unprätentiöse Nachnutzung

Oft wurden die Villen auch "links liegen" gelassen, sie verfielen. So daß erst in den letzten Jahrzehnten in Wäldern und auf heute waldfreiem Gebiet ihre Grundmauern wieder zum Vorschein gekommen sind. Tamara Lewit schreibt über die eigenen, weilerartigen Ansiedlungen der Germanen:
... Such wood-built rural settlement, in which habitation, burial and utilitarian uses were more closely clustered than in Roman practice, is perhaps better seen as the start of early medieval patterns than as the sad and sorry tail-end of first-to fourth-century settlement forms. Recent archaeological work suggests that the characteristic settlement type of the fifth to seventh centuries was the small wooden hamlet of a few houses and work buildings. A wellexplored example is El Val in Spain, where the luxurious Roman period habitation was replaced by a 14 × 19 m wooden structure, with evidence of different zones used for habitation, cooking, sleeping and the care of animals. Such arrangements seem similar to early medieval highstatus farmsteads such as Cowdery’s Down in Britain, a sixth-century elite habitation consisting of a 194 qm wooden structure and several other houses and sunken buildings; or the late seventh-century wooden farmstead at Lauchheim, which was surrounded by supplementary buildings and a large enclosed yard where six exceptionally rich graves were placed. Socio-cultural changes among the aristocratic elite – including a change in its composition – may have played an important role in the transformation. The radically new inclusion of burials within the villa building, and the careless destruction of elements essential to the classical lifestyle, like bathhouses, seem particularly indicative of cultural changes such as the militarization of the elite.
Pollendiagramm-Untersuchungen lassen es keineswegs nahegelegen erscheinen, daß nach der germanischen Landnahme in Nordwesteuropa etwas das Land weniger intensiv genutzt worden wäre als zuvor. Lewit betont nur, daß es anders genutzt wurde. Mit anderen, vielfältigeren Anbau-Sorten. Und die Herdenhaltung, sowie die Waldweide spielten nun wieder eine größere Rolle.

Prosperierender östlicher Mittelmeer-Raum

Im Vergleich der nachantiken Siedlungs- und Wirtschaftsformen Nordwesteuropas mit denen Italiens und mit jenen des östlichen Mittelmeerraumes stellt Lewit fest, daß der östliche Mittelmeerraum noch über lange Zeiträume des Frühmittelalters hinweg wirtschaftlich - und überraschenderweise sogar: demographisch (etwa in Griechenland) - prosperierte. Diesen Umstand hat man sich als wirtschaftliche und demographische Grundlage des politischen und kulturellen Aufblühens der oströmischen, byzantinischen Kultur im Mittelalter hinzudenken.

Um so weiter man in den Jahrhunderten voranschreitet, um so mehr wird man sowohl im nördlichen Europa wie im Mittelmeerraum von religionsdemographischen Verhältnissen zu sprechen haben, die durch die christliche Religion sehr stark mitbeeinflußt und stabilisiert worden sind und immer weniger von nachwirkenden, antiken demographischen Bedingungsfaktoren ("Bevölkerungsweisen" in der Begrifflichkeit von Gerhard Mackenroth).

In der hier behandelten Übergangszeit ist der Einfluß des Christentums auf die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte ebenso wie auf die Demographie sicherlich noch nicht so sicher zu bestimmen, wie das Religionswissenschaftler Michael Blume möglicherweise gerne voraussetzen würde (siehe "Natur des Glaubens" und dortige Diskussionen).

Reiche, prächtige Adelsgräber der Germanen

Für Spanien und Nordafrika, die Getreideversorgungsländer der Spätantike, zeichnet Lewit im übrigen noch einmal ein leicht anderes Bild. Hier siedelten zwar die germanischen Stäme der Wandalen und Westgoten. Aber sie siedelten dort keineswegs so nachhaltig und dicht wie im nördlichen Europa.

Und festzuhalten wäre außerdem, daß die Stämme der germanischen Landnahmezeit über viele Jahrhunderte hinweg - zumindest in den Adelskreisen - keineswegs als wirtschaftlich "verarmt" bezeichnet werden kann - etwa im Vergleich zur vorausgehenden römischen Oberschicht. Die reich ausgestatteten Adelsgräber, die reiche Ausstattung von Klöstern wie auf der Insel Reichenau (im Bodensee) schon in dieser frühen Zeit, ebenso wie die riesigen Reihengräberfelder zeichnen ein Bild, dem wirtschaftshistorisch die richtigen Bedingungsfaktoren zugeordnet werden müssen.

___________

*) Nebenbei sei bemerkt, daß die Siedlungsdichte des Frühmittelalters im mitteleuropäischen Raum zuvor schon annähernd von der bandkeramischen Kultur erreicht worden war - aber nur von dieser. Nach dem Untergang der Bandkeramik (4.700 v. Ztr.) hat erst das Frühmittelalter (600 n. Ztr.), noch nicht einmal die keltische Kultur, wieder eine vergleichbare Siedlungsdichte erreicht (abgeleitet aus der archäologischen Fundort-Dichte der vielen aufeinander folgenden archäologischen Kulturen). Dieser Umstand stellt besonders die exzeptionelle Rolle heraus, die die bandkeramischen Kultur für die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Europas, bzw. ihre Grundlegung gespielt hat. (Siehe dazu --> Folgeartikel.)

ResearchBlogging.orgLiteratur:

1. Tamara Lewit (2009). Pigs, presses and pastoralism: farming in the fifth to sixth centuries AD Early Medieval Europe, 17 (1), 77-91

Samstag, 17. Januar 2009

Selektion "oder" Demographie?

ResearchBlogging.org
- Oder ist nicht vielmehr Demographie "Selektion"?

In einem neuen Artikel in den "Annals of Human Genetics" (1) wird die Frage aufgeworfen, ob die in den letzten Jahren in vielfältigen Studien bekannt gewordenen auffälligen genetischen Unterschiede zwischen den Völkern und Rassen weltweit (über alle Bereiche von inneren und äußeren Körpermerkmalen und psychischen Merkmalen hinweg) vornehmlich auf lokaler Selektion in den letzten Jahrtausenden "vor Ort" beruhen oder aber möglicherweise - wie in dieser Studie nun vorschlagen - zu größeren Teilen auf demographische Effekte zurückgeführt werden können. Und demographische Effekte wären dann - nach Meinung der Autoren - eher als Zufallseffekte zu werten ("Drift").

Die Idee ist zunächst sehr spannend. Unübersehbar spielt ja die Demographie eine große Rolle in der Geschichte menschlicher Gesellschaften. Aber machen sich die Autoren nun auch ausreichend klar, daß auch Demographie selbst (will heißen: unterschiedliche Demographien von Gruppen) eine bestimmte Form von Selektion darstellen, beinhalten können, nämlich: Gruppenselektion?

Denn bevor eine kleine Gründerpopulation eine Bevölkerungsexplosion erfährt, die zu den heute beobachteten großen genetischen Unterschieden gegenüber anderen Völkern und Rassen führen, haben ja doch, können oder müssen ja doch auch Selektionsprozesse stattgefunden haben. Eine Population durchläuft erst dann eine Bevölkerungsexplosion, wenn sie sich zuvor erfolgreich evolutiv angepaßt hat an (etwaig neue) kulturelle Lebensweisen und möglicherweise auch an die natürliche Umgebung vor Ort. Die entscheidende Selektion fände dann nicht in den großen später zu Völkern angewachsenen Populationen statt, sondern vor Beginn der Besiedlung eines neuen Lebensraumes oder in der Anfangsphase der Besiedlung desselben.

Kleine Populationen leben oft lange im "Schatten" größerer Populationen

Aus der Evolution sind viele Beispiele bekannt, in denen relativ kleine Populationen lange Zeit über im "Schatten" größerer Populationen leben (etwa die Säugetiere im "Schatten" der Dinosaurier oder - auf ganz anderer Ebene: die aschkenasischen Juden im "Schatten" der sephardischen etc.), um erst sehr viel später jene Reproduktionsvorteile ausnutzen zu können, die offenbar schon lange zuvor in ihrer Lebensweise beschlossen gelegen haben mußten. Zugleich aber kann ebenfalls angenommen werden, daß es viele relativ kleine Populationen in der Evolution gegeben hat und gibt, die niemals zu einem späteren Zeitpunkt eine Bevölkerungsexplosion erfahren haben oder erfahren.

Müssen das nun "nur" Zufallsumstände sein, die zu neuen Reproduktionsvorteilen von Populationen führen? Jedenfalls muß eine Population zunächst einmal schon - oft über lange Zeiten hinweg - eine evolutionsstabile Phase durchlaufen haben, da sie ja doch lange Zeit im Schatten größerer Populationen exisiteren konnte. Und diese evolutionsstabile Phase wird doch höchstwahrscheinlich durchaus durch Selektionsereignisse auf mehreren Ebenen erreicht worden sein. Schließlich sind aschkenasische Juden genetisch etwas anderes als sephardische und Säugetiere sind genetisch etwas anderes als Dinosaurier etc..

Häufigkeitsunterschiede von Genmerkmalen zwischen Völkern sind weit verbreitet

Die Forscher schreiben
We find that large allele frequency differences between continental regions are extremely common, as they occur at almost one third of all loci.
Und an anderer Stelle:
The sheer number of loci showing such striking patterns makes it difficult to believe that these patterns have all been shaped by positive selection, as previously advocated.
Und:
... African populations seem therefore to have a deficit of recent positive selection (but see Hawks et al. 2007), which may be interpreted as evidence that selective pressures in recent times were more prevalent outside of Africa (Akey et al. 2004, Storz et al. 2004).
Und dann schreiben sie zur eigenen Erklärung all dieser auffälligen Befunde:
It is to disentangle the effects of positive selection from those of demography, since past demographic events such as population bottlenecks or range expansions can mimic the genetic signatures of a selective sweep ...

The colonisation of the world by modern humans was probably accompanied by a series of founder effects with subsequent local population expansions (Handley et al. 2007). Strong bottlenecks have also certainly occurred during the exit out of Africa and at the onset of the colonisation of the Americas by people from Asia (Fagundes et al. 2007, Goebel et al. 2008).
Natürlich können in Gründerpopulationen auch selektiv neutrale genetisch Nebeneffekte auftreten (über "Drift") oder sogar selektiv nachteilige Effekte, die durch andere selektive Effekte aufrecht erhalten werden (da die Nachteile zugleich mit Vorteilen einhergehen, wodurch ja allein so viele Krankheiten über so lange Zeit hinweg evolutionsstabil geblieben sein können).

Die Anfänge sind das Entscheidende

Von jenen möglicherweise häufigen und vergleichsweise kleinen Gruppen, die zuerst versuchten, Afrika Richtung Südasien, Südasien Richtung Europa und Nordasien (und Nordasien Richtung Nordamerika) (oder Osttaiwan Richtung pazifischer Inselwelt) zu verlassen, von jenen Gruppen müssen durchaus nicht alle sozial untereinander und in ihren Beziehungen zur Umwelt erfolgreich gewesen sein. Es könnten da durchaus einige Gruppen erfolgreicher gewesen sein als andere. Und das kann dann durchaus als Selektionsprozeß auf mehreren Ebenen aufgefaßt werden.

Aber möglicherweise müßte man sich auch mit dem Methodenteil der Studie noch genauer befassen, um herauszubekommen, ob demographische und selektive Effekte von den Forschern tatsächlich besser auseinandergehalten werden können als hier vorausgesetzt wird. Das wäre dann schon ungewöhnlich. Die Fragestellung selbst - makrohistorische Effekte wie Demographie von mikrohistorischen Effekten wie Selektion unterscheiden zu wollen - erscheint jedenfalls sehr spannend.

Übrigens ist zu der ganzen Thematik in den letzten Tagen von Gregory Cochran und Henry Harpending ein neues Buch erschienen - "The 10.000 Year Explosion", das mancher Beachtung wert sein dürfte (siehe ---> St.gen. Bücherregal).

Literatur:

1. T. Hofer, N. Ray, D. Wegmann, L. Excoffier (2009). Large Allele Frequency Differences between Human Continental Groups are more Likely to have Occurred by Drift During range Expansions than by Selection Annals of Human Genetics, 73 (1), 95-108 DOI: 10.1111/j.1469-1809.2008.00489.x

Freitag, 16. Januar 2009

Gruppenselektion und "ethnisch homogene Zwischenhändler-Gruppen"

ResearchBlogging.org
Das Dezember-Heft der vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift "Journal of Bioeconomics" ist dem Thema "Gruppenselektion", bzw. Mehr-Ebenen-Selektion (Multi-Level-Selektion) gewidmet. (1) Es entstand auf Anregung des derzeit bekanntesten Vertreters der Gruppenselektions-Theorie, nämlich David Sloan Wilson's. Im Mittelpunkt des Heftes steht der Aufsatz der amerikanisch-chinesischen Wirtschaftswissenschaftlerin Janet Tai Landa (2) über "ethnisch homogene Zwischenhändler-Gruppen als evolutionär angepaßte Einheiten". ("ethnically homogenous middleman group" = EHMG). Mit diesem Thema beschäftigt sich Landa seit den frühen 1980er Jahren und sie hat dazu auch schon im Jahr 2004 am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena referiert.

In Kürze besagt ihre These, daß in einer kulturellen und wirtschaftlichen Umgebung, die von Unsicherheit geprägt ist, es vorteilhaft ist für Zwischenhändler, sich auf zuverlässigere ethnisch ähnliche Handelspartner zu verlassen und sich mit ihnen zusammenzuschließen, also mit solchen, mit denen man möglichst ähnliche ethische und religiöse Grundhaltungen teilt. Durch die ethnische Homogenität, Ähnlichkeit ist gewährleistet, so Landa, daß "tit-for-tat"-Beziehungen nicht so leicht durch Täuscher und Trittbrett-Fahrer unterwandert werden können.

Diese These ist von vornherein so einleuchtend, daß man sich fragt, warum sie offenbar nicht schon lange in den Wirtschaftswissenschaften diskutiert worden ist. Als Anschauungsbeispiele benutzt Landa anhand eigener Forschungen und wirtschaftswissenschaftlicher und wirtschaftshistorischer Literatur:
1. die chinesischen Zwischenhändler in West-Malaysia (2, S. 269), die durch konfuzianische Grundhaltungen zusammengehalten werden,
2. chinesische Zwischenhändler in der heutigen Volksrepublik China (2, S. 270)
3. indische Zwischenhändler, die ethnisch-religiös durch die Religion des Jainismus zusammengehalten werden (der einen asketischen Lebensstil fördert ähnlich der protestantischen Ethik) (2, S. 271)
4. indische Zwischenhändler in Zentralafrika (2, S. 272)
5. indische Händler in Südafrika (2, S. 272)
6. libanesische Händler in Westafrika (2, S. 272)
7. jüdische Händler im mittelalterlichen Europa (2, S. 273)
8. mittelalterliche Juden in Tunesien (2, S. 273)
9. heutige Juden in Antwerpen, Amsterdam und New York (2, S. 274)
Zu letzteren wird die interessante Tatsache angeführt, daß seit vielen Jahrzehnten im Diamant-Handel der drei genannten Städte "Jiddisch" die Umgangssprache ist, und daß es eine Arbeitsteilung gibt zwischen weniger orthodoxen Juden, die den Exporthandel dominieren und streng-orthodoxen, hassidischen Juden, die den Importhandel und den einheimischen Handel dominieren.

Kritische Einwürfe

Im Diskussionteil erörtern Richard A. Epstein, Alexander J. Field, Peter A. Corning, Christopher Boehm, Richard Sosis, Paul Swartwout und Frank Salter die Thesen von Landa, sowohl verhalten kritisch wie verhalten positiv. Mehrere Kommentatoren (etwa Sosis, Swartwout, Salter) kritisieren, daß Landa bisher nicht darauf eingegangen ist, daß in einer evolutionären Theorie Reproduktions-, also Fortpflanzungsentscheidungen und Einflüsse auf diese im Mittelpunkt stehen müssen. Stattdessen brachte Landa ein Zitat, in dem es hieß:
"Nothing in the economic world correspond to the exact process of biological inheritance ..." (2, S. 268)
Dieser Satz erscheint allerdings wirklich ein bischen zu arg einfach gestrickt. Als ob sich Wirtschaftswissenschaftler nicht sehr zentral und basal - oft als Einführung von wirtschaftswissenschaftlichen Vorlesungen - zunächst einmal mit der Demographie der von ihnen untersuchten Volkswirtschaften beschäftigen müßten und würden. Ohne Menschen, Arbeitskräfte, keine Wirtschaft, keine soziale Absicherung. Der Zusammenhang ist ja in den letzten Jahrzehnten immer unübersehbarer geworden. Und Arbeitskräfte, Menschen haben unterschiedliche biologische Merkmale und kulturelle Merkmale, oft solche, die über Prägung schon in früher Kindheit erworben werden (muttersprachliche, sozialpsychologische Prägungen und anderes).

Und dementsprechend geht auch Frank Salter vom Max-Planck-Institut für Verhaltenswissenschaften folgerichtig einen Schritt weiter und macht darauf aufmerksam, daß auch Erbmerkmale wie Intelligenz oder Gewissenhaftigkeit "Humankapital" darstellen, also Humankapital, das unmittelbar im Rahmen evolutionären Denkens in Rechnung gestellt werden kann. Denn menschliche Gesellschaften sind von diesem Humankapital, das durch simple biologische Vererbung und frühkindliche Prägung weitergegeben wird, beeinflußt.

Literatur:

1. Janet Tai Landa, David Sloan Wilson (2008). Group selection: Theory and evidence. An Introduction to the Special Issue Journal of Bioeconomics, 10 (3), 199-202 DOI: 10.1007/s10818-008-9049-2

2. Janet T. Landa (2008). The bioeconomics of homogeneous middleman groups as adaptive units: Theory and empirical evidence viewed from a group selection framework Journal of Bioeconomics, 10 (3), 259-278 DOI: 10.1007/s10818-008-9043-8
3. Frank Salter (2008). Genes and homogeneous trading groups: A comment on Janet Landa’s target paper Journal of Bioeconomics, 10 (3), 303-306 DOI: 10.1007/s10818-008-9047-4

Donnerstag, 15. Januar 2009

Die Pyrenäen als Sonderfall der genetischen Geschichte Europas?

ResearchBlogging.org Wenn es wirklich so sein sollte, daß bis zu 90 % der Gene der Bewohner der Pyrenäen vorneolithischen Ursprungs sind, wofür neue Daten und Argumente in "Annals of Human Genetics" zusammen getragen worden sind (1), dann müßten sich daraus spannende, weiterführende Überlegungen ergeben.

Zunächst das Ergebnis der genannten Studie:
The Y lineages representative of what might have been a pre-Neolithic male genetic composition in Iberia, were those bearing the Palaeolithic mutations M269, including its Mesolithic derived branches R1b1b2c-M153 and R1b1b2d-SRY2627, plus those falling in the I clade defined by the Mesolithic M170. This set of lineages was encountered in 91.1% of Pyrenean men, and such a high value in Iberia is only typically found among Basque populations (it also represented exactly 91.1% of the Basques studied by Alonso et al. (2005). This result suggests that the Pyreneans, as well as the Basques, retained the legacy of the Iberian pre-Neolithic genetic composition.
Es muß ja heute in der Forschung darum gehen, die Erkenntnisse, die man 1. aus der Erforschung des selektionsneutralen Genomabschnitte gewinnt - wie in dieser Studie - mit jenen zu einem sinnvollen einheitlichen Bild zu kombinieren, die wir 2. aus der Erforschung des kodierenden Genoms gewinnen. Die hier genannte Studie beschränkt sich ganz traditionell auf selektionsneutrale Abschnitte des Y-Chromosoms. Aber die genetischen Erkenntnisse müssen außerdem auch zu einem einheitlichen Bild abgeglichen werden mit 3. dem archäologischen Kenntnisstand und zusätzlich zu dem, was wir 4. überhaupt grundsätzlich über a) die Ethnogenese und b) den Kollaps von komplexen Gesellschaften wissen. (Siehe etwa die ---> Bücherrubrik von St. gen. dazu.)

Das Auf und Ab der Bevölkerungen und Gesellschaften in Mitteleuropa

Ein paar Vorausüberlegungen, um den Hintergrund andeutend auszuleuchten: Wir wissen vom übrigen Europa, etwa Mitteleuropa, daß es hier viele Bevökerungsexplosionen gegeben hat. Etwa die der Bandkeramiker (um 5.700 v. Ztr. vom Plattensee aus entlang einer sich schnell in alle Richtungen ausbreitenden kinderreichen Rodungs-"Frontier" schließlich bis an die Kanalküste und an das Schwarze Meer) oder die der osteuropäischen, Indoeuropäisch sprechenden Schnurkeramiker. Oder die jener Glockenbecher-Leute, die von Süddeutschland aus die Bronzezeit nach England (Stonehenge) gebracht haben. Man kann hier also von vielfältigen Überlagerungen ebenso ausgehen wie auch vermutungsweise - vor allem seit der Bronzezeit - von der Verbreitung von Genen durch Sklavenhandel. Erinnert sei an die archäologisch entdeckten Fuß- und Halsfesseln im ostgermanischen Bereich, die dazu passenden Berichte des Tacitus, sowie die dazu ebenfalls passenden Grubenhäuser in der Nähe der dortigen Langhaus-Siedlungen.

Wo Zuwanderungen und Überlagerungen stattfinden, sind als Voraussetzung oder Folge oft auch in größerem Umfang Bevölkerungszusammenbrüche anzunehmen (also jeweils ein Kollaps von komplexen Gesellschaften). Solche werden für die Endzeit der Bandkeramik angenommen - sowohl archäolgisch wie auch inzwischen aufgrund genetischer Daten. Ebenso für andere Zeiten. Etwa die Abwanderungen zumindest von Oberschichten aus dem ostgermanischen (ostelbischen) Bereich während der Völkerwanderung nach 375 n. Ztr. nach Süddeutschland und in den Mittelmeer-Raum. Auch zuvor waren schon viele germanische und keltische Stämme in den Mittelmeer-Raum abgewandert, auch zur Zeit des Seevölkersturmes (um 1200 v. Ztr.) hat es Ansiedlungen im Levanteraum direkt aus dem süddeutschen Raum heraus gegeben.

Um von den Tocharern ganz zu schweigen, die sich - wohl aus dem mitteleuropäischen Raum heraus kommend (absehbar an ihrer Kleidung) - um 2.000 v. Ztr. in Innerasien angesiedelt haben (siehe die dort gefundenen Wüstenmumien) und dort dann nach 600 n. Ztr. in der heute dort lebenden Bevölkerungsgruppe der Uiguren aufgegangen sind.

Wanderungen von kentumsprachigen Rohmilch-Verdauern

Es ist ja auch naheliegend anzunehmen, daß sich das nachneolithisch selektiv vorteilhaft gewordene Erwachsenen-Rohmilch-Verdauungs-Gen über Wanderungen ausgebreitet hat, höchstwahrscheinlich durch bronzezeitliche und eisenzeitliche Wanderungen von Nordeuropa bis nach Nordafrika und dies insbesondere wohl durch die Wanderung indoeuropäischer, kentumsprachiger Völker aus Nordeuropa, da dort die Häufigkeit dieses Gens fast 100 % beträgt, während diese Häufigkeit nach Süden, Osten und Westen hin immer mehr abnimmt.

Wie aber könnte nun ein solches Gen zu hohen Anteilen auch in eine Bevölkerung gelangt sein wie jene der Pyrenäen, die doch offenbar so wenig zuwandernde Populationen genetisch bei sich aufgenommen haben nach der derzeitigen Erforschung der dortigen Y-Chromosome (1)? Dann müßten stärkere autochthone Selektionsvorgänge angenommen werden, die sich natürlich - mit dem Übergang zum Ackerbau und später - nicht nur auf die Verdauungs-Genetik ausgewirkt haben könnten, sondern auch auf alle anderen Bereiche der menschlichen Verhaltens- und Intelligenz-Genetik. Aber solche Fragen diskutiert die hier vorliegende Studie nicht, was einem ziemlich "schmalspurig" erscheinen könnte.

- Und in den Pyrenäen?

Gerade solche etwaig langfristig genetisch autochthonen Bevölkerungen wie jene der Pyrenäen könnten sich ja, falls die in dieser Studie angenommenen Szenarien sich bewahrheiten sollten, besonders dazu eignen, an ihnen "jüngste Selektionsereignisse" im menschlichen Genom detaillierter zu erforschen, weil dann bei diesen Selektionsereignissen nicht angenommen werden muß, daß diese vornehmlich durch Zuwanderungen (also durch Vermischung mit Zuwanderern) ins Genom "hineingespült" worden sind. Aber kann dies auch ganz ausgeschlossen werden, schließlich sind ja doch auch hier 10 % der Y-Chromosomen nachneolithischen Ursprungs (zumindest nach der genannten Studie)?

Solche Fragen lassen einen die hier behandelte Studie (1) noch einmal verschärft anschauen. Und dann wird deutlich, daß hier an entscheidenden Punkten im Argumentationsstrang neue Datierungen von Y-Haplotypen als vorneolithisch vorgeschlagen werden, die bislang als nachneolithisch entstanden datiert worden waren. Die Unsicherheit diesbezüglich drückt sich unter anderem in folgenden Worten aus:
... The dispersion of R1b1b2d could have been driven by the Neolithic farmers entering Iberia, but the young age reported by Hurles et al. for R1b1b2d apparently contradicts this scenario. However, the time to the most-recent common ancestor (TMRCA) of the Pyrenean R1b1b2d lineages was here estimated at 7383 ± 1477 years ago, which is consistent with an early dispersion of R1b1b2d all over the Pyrenees and subsequent dissemination outside the mountain range from the Neolithic era onwards.
Von dieser neu vorgeschlagenen Datierung scheint nun alles abzuhängen. Die Forscher sollten aber doch auch erkären können, wie nachneolithisch noch ein größerer Prozentsatz von Rohmilchverdauungs-Genen in die Population der Pyrenäen hineingelangt sein könnte, wenn die Genome der dortigen Menschen schon seit Beginn des Neolithikums weitgehend autochthon evoluiert sein sollten wie sie hier annehmen. Das scheint einem doch wenig plausibel und manchmal wünscht man sich von Genetikern, daß sie bei ihren Argumentationen auch ein bischen mehr über ihren eigenen Tellerrand hinausschauen. (Natürlich könnte und müßte übrigens auch das mütterlich vererbte mitochondriale Genom in die Betrachtung mit einbezogen werden.)

Literatur:

1. A. M. López-Parra, L. Gusmão, L. Tavares, C. Baeza, A. Amorim, M. S. Mesa, M. J. Prata, E. Arroyo-Pardo (2009). In search of the Pre- and Post-Neolithic Genetic Substrates in Iberia: Evidence from Y-Chromosome in Pyrenean Populations Annals of Human Genetics, 73 (1), 42-53 DOI: 10.1111/j.1469-1809.2008.00478.x

Donnerstag, 1. Januar 2009

Die Kernfrage dieses Blogs

Altruismus kann evoluieren, wenn die Hamilton-Ungleichung r > K/N eingehalten wird, das heißt, wenn die Kosten K einer altruistischen Handlung (für den Altruisten) geteilt durch den Nutzen N einer altruistischen Handlung (für den Nutznießer) kleiner sind als der genetische Verwandtschaftsgrad, der zwischen Altruist und Nutznießer besteht.

Diese Ungleichung ist seit 1964 bekannt (William D. Hamilton). Merkwürdigerweise ist in der Forschung noch nicht untersucht worden, wie sich Arbeitsteilung im Sinne von Adam Smith auf die Gesetzmäßigkeiten dieser Altruismus-Evolution auswirkt. Arbeitsteilung verringert ja die Kosten einer altruistischen Handlung und erhöht ihren Nutzen, also sollte sie ein Sinken des genetischen Verwandtschaftsgrades zwischen Altruist und Nutznießer ermöglichen.

Bevor zur Erklärung von Altruismus in arbeitsteiligen Gesellschaften (menschlichen, tierlichen oder in mehrzelligen Organismen überhaupt) das Prinzip "reiner" Gruppenselektion ("Superorganismus") herangezogen wird, wie das derzeit immer üblicher wird in der Forschung, sollte überprüft werden, inwieweit arbeitsteilige Gliederung den evolutiv älteren Verwandten-Altruismus auch in arbeitsteiligen Systemen noch in Geltung läßt, bzw. "überlagert".

Wenn nämlich die heutige Altruismusforschung nach den Prinzipien fragt, nach denen menschlicher (oder tierlicher) Altruismus evoluiert ist, dann betont sie neben dem Verwandten-Altruismus immer stärker die Gruppenselektion. Etwa W.O.H. Hughes und Samuel Bowles in "Science" oder Edward O. Wilson, David Sloan Wilson und Bert Hölldobler in "PNAS" und an anderen Orten (im Zusammenhang mit ihrer "Superorganismus-Theorie").

Das Prinzip Arbeitsteilung ist dabei nirgends wirklich in den Fokus der Altruismus-Forscher getreten, auch nicht jener, die an einer "Evolutionären Wirtschaftswissenschaft" arbeiten. In vielen Arbeiten wird das Prinzip Arbeitsteilung behandelt. Aber nirgends deutlicher in Bezug gesetzt zur Hamilton-Ungleichung, aus deren Gesetzmäßigkeiten sie, die Arbeitsteilung, ja in allen Bereichen, in denen sie auftritt, ganz zwangsläufig hervorgehen muß.

Vielleicht deshalb, weil sich die Forscher nicht klar machen, daß arbeitsteilige Spezialisierung und das Handeln als beruflicher Spezialist an sich ein altruistisches Handeln ist, eine Übernahme von Verantwortung, von "commitment". Auch das altruistische Handeln in beruflichen Zusammenhängen muß man ja in die Theoriebildung einfügen können, wo es doch so allseits vorherrschend ist in arbeitsteiligen Gesellschaften und in unserer persönlichen Berufserfahrung.

Es kann und sollte also postuliert werden, daß im Übergang vom Prinzip des Verwandten-Altruismus zum Prinzip der Gruppenselektion noch ein wesentliches, drittes Prinzip berücksichtigt werden muß: die Arbeitsteilung.

In diesen Bereichen theoretischer Weiterentwicklung und emprischer Überprüfung anhand des reichen Tatsachenmaterials, das sich etwa in der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Menschheit findet, sollen sich künftig immer stärker fokussiert die Beiträge dieses Blogs bewegen, der vor zwei Jahren einmal als ein sehr allgemeiner Wissenschafts-Blog mit bunt gemischten Themen begonnen hat.

Um aber in diesem Blog nicht weiterhin die grundlegenderen Beiträge ("Research Blogging") zwischen sonstigen Kurzbeiträgen untergehen zu lassen, werden letztere seit Herbst 2008 in einen zweiten Blog ausgegliedert: "Studium generale - Allgemeinere Beiträge".
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