Samstag, 5. Mai 2012

Die dreistufige Rakete "Neolithische Revolution" und ihre lange "Vorbrennphase"

Ein um zehntausend Jahre verlängerter Vorlauf des Neolithikums im Vorderen Orient

Das Wichtigste in Kürze: Um 18.000 v. Ztr. hat es in einer Oase 70 Kilometer östlich von Amman (am östlichsten Rand des bis heute bekannt gewordenen Verbreitungsgebietes der damaligen Kulturstufe des "Kebaran") eine halbseßhafte Siedlung von einer Größe gegeben, wie sie - nach heutigem Wissensstand - erst wieder ab 9.500 v. Ztr. mit der vollneolithischen Lebensweise erreicht worden ist. Die halbseßhafte "Vorlaufphase" zur vollneolithischen Lebensweise, in der offenbar die neue Lebensweise in vielen tausenden von Jahren um evolutionäre Stabilität rang, dauerte somit nicht 3.000, sondern 13.000 Jahre.
 
Bis in die 1980er Jahre hinein wurde die "neolithische Revolution" von der Forschung als ein einmaliger großer gewaltiger Akt angesehen. In den 1980er und 1990er Jahren breitete sich dann die Erkenntnis aus, daß die neolithische Lebensweise der Menschheit viel eher startete wie eine dreistufige Rakete (4 - 6). Diese Erkenntnis wurde damals unter anderem recht anschaulich popularisiert durch den Wissenschaftsjournalisten Roger Lewin (Abb. 1).

Abb. 1: Neolithische Revolution - frühere und heutige Vorstellung (aus: Roger Lewin, 1992)
Diese drei Stufen hießen (und heißen) im Fachjargon: Kebaran --> Natufium --> PPNA / PPNB. Also: kleine umherziehende Jäger-Sammler-Verbände --> halbseßhafte Erntevölker --> Dorfkultur / Stadtkultur. Einen vielleicht ganz brauchbaren Forschungsüberblick habe ich dazu einmal 1995 in einer Seminararbeit gegeben (6). Diese Stufenabfolge ist auch noch einmal in Abbildung 2 differenzierter - zusammen mit den jeweiligen Siedlungsgrößen dargestellt.

Abb. 2: Die Kulturstufen der neolithischen Revolution (aus: T. Molleson, 1994, ergänzt durch I.B.)
Bis zum gegenwärtigen Jahr 2012 hatte man nun angenommen, daß dieses Rakete zwar dreistufig gestartet sei, aber praktisch "aus dem Stand" losgeflogen wäre, daß die Menschen im Vorderen Orient bis zum Start jener Rakete um 12.000 v. Ztr. (14.000 v. h.) dort immer noch so gelebt hätten - vor allem mit ähnlicher Siedlungsdichte -, wie noch heute die Buschleute in Südafrika in der Kalahari.

Doch spätestens seit Anfang dieses Jahres wissen wir: die erste Stufe dieser Rakete "Neolithische Revolution" mußte sage und schreibe zehntausend Jahre länger brennen, als bislang bekannt, um jene ausreichende Beschleunigung zu erlangen, die schließlich dazu ausreichte, den weit entfernten Planeten "Dorfkultur"/Ackerbau zu erreichen (und von dort aus dann - über weitere Brennstufen - den noch viel weiter entferten Planeten "industrielle Revolution", auf dem wir heute leben). Was also haben wir dieser dreistufigen Rakete alles zu verdanken? Was wäre passiert, wenn ihr zwischendurch der Brennstoff ausgegangen wäre? (Wenn wir nur diesen Brennstoff überhaupt schon kennen würden!) Aber wieviel mehr noch haben wir vielleicht nun ihrer zehntausendjährigen "Vorbrenn"-Zeit zu verdanken?!

Diese erste genannte Stufe "Natufium" hatte beinhaltet: Halbseßhaftigkeit aufgrund des Jagens großer Gazellenherden und des Erntens von wildem Getreide. Diese Kennzeichen galten als das menschheitsgeschichtlich Neue der Kulturstufe des Natufium (12.000 - 9.000 v. Ztr.). Jene Kuzlturstufe, in der etwa in der heutigen Südtürkei auch das berühmte Bergheiligtum von Göbekli Tepe (11.000 v. Ztr. - 8.000 v.Ztr.) - so ganz nebenbei - "gezündet" wurde, bzw. entstanden ist. Seit Kurzem wissen wir nun: Auch die "Zündung", auch das Entstehen dieses Bergheiligtums war der Endpunkt nicht eines vielleicht 2.000-tausendjährigen "Brennens" der Raketenstufe "Natufium", sondern der Endpunkt eines etwa 13-tausendjährigen "Brennens", nämlich mit der Kulturstufe des vorausgehenden Kebaran (21.000 - 12.000 v. Ztr.) zusammen. Klar ist: die ersten Tempel entstanden, noch bevor die Siedlungs- und Lebensformen Stadt, Dorf oder Vollseßhaftigkeit überhaupt erreicht waren. Sprich: Die Rakete der Götter der Menschen beschleunigte noch früher, als die der Menschen selbst ... (- ... Vielleicht war das schon ein Teil des Brennstoffes?)

Die dreistufige Rakete "Neolithische Revolution"

Jedoch: Von den Göttern der Menschen, die in den zehntausend Jahren Vorbrennzeit vor dem Natufium lebten, also in der ihm vorausgehenden Kulturstufe des Kebaran (21.000 - 12.000 v. Ztr.), wissen wir bis heute noch so gut wie nichts. Auffallenderweise. Wenn aber auch diese Kulturstufe schon gekennzeichnet sein sollte durch das Merkmal der Halbseßhaftigkeit, wie seit Anfang dieses Jahres bekannt (1), dann bekommt das Neolithikum einen (Brenn-)Vorlauf, der bis in die Zeit zurückreicht, in der in Europa die Renntierjäger der Eiszeit ihre kunstvollen Höhenmalereien und Elfenbeinfigurinen ausgestalteten.

Abb. 3: Verbreitungsgebiet der Kultur des Kebaran mit dem östlichen Außenposten Kharaneh IV
Schon vor zehn Jahren war an einer Ausgrabungsstätte am See Genezareth (Ohalo, engl., Arch.) eine 21.000 Jahre alte Siedlung gefunden worden (bdw 2001), die 2.000 Quadratmeter (0,2 Hektar) umfaßte. So ungewöhnlich sie erscheinen mußte, hatte sie doch bis heute noch als eine Art "merkwürdiger Einzelfall" gelten können. Doch in diesem Jahr wird eine etwa zeitgleiche Siedlung 70 Kilometer östlich von Amman in Jordanien (vgl. Abb. 1) bekannt, die sogar schon zehnmal so groß war wie jene Siedlung am See Genezareth, nämlich 21.000 Quadratmeter (2,1 Hektar) umfaßte. Ihr Name: "Kharaneh IV" (1):
Kharaneh IV is unparalleled in size and artifact density for the entire Epipalaeolithic, Natufian included.
"Natufian included" schreiben die Forscher! Was in diesen beiden Worten enthalten ist. Das heißt, für die Zeit seit 18.000 v. Ztr. hat es bis zum Beginn der vollneolithischen Lebensweise des PPNA ab etwa 9.500 v. Ztr. nach heutigem Kenntnisstand nie wieder eine so große Siedlung gegeben, wie am östlichsten Rand des derzeit bekannten Verbreitungsgebietes der Kultur des Kebaran um - - - 18.000 v. Ztr. (s. Abb. 2). Und das, obwohl das Natufium mehrere Jahrtausende umfaßte und archäologisch vergleichsweise gut erforscht ist. - Mußte etwa bei der Raketenzündung selbst mehr Energie aufgewendet werden, als im nachmaligen "Brennvorlauf"? Die Forscher schreiben (2):
The last EP phase, immediately preceding the Neolithic,
(also das Natufium ab 12.000 v. Ztr.)
is by far the best-studied in terms of its cultural and economic contributions to questions on the origins of agriculture. Recently, archeologists have considered the earlier parts of the EP 
(also das Kebaran ab 20.000 v. Ztr.)
to be more culturally dynamic and similar to the later phase (Natufian) than was previously thought. The earlier EP is increasingly seen as demonstrating the behavioral variability and innovations that help us to understand the economic, technological, and social changes associated with complex hunter-gatherers of the Natufian and farmers of the Neolithic.
Will heißen: Das Kebaran hilft uns, den Raketenaufbau und das Funktionieren der Rakete insgseamt besser zu verstehen. Es wird somit deutlicher, daß das Natufium und das Kebaran zusammengesehen werden müssen, daß die erste Stufe der genannten Rakete nicht "Natufium" heißt, sondern "Natufium & Kebaran". Daß das Natufium vielleicht nur die gesellschaftlich stabilisierte "Endphase" des Kebaran darstellt. Es wird also inzwischen deutlich mehr die Kontiuität zwischen Kebaran und Natufium betont, als die Diskontinuität. Das Natufium, bzw. dann das nachfolgende PPNA mögen nur die endlich "stabil" gewordene Endphase dessen aufzeigen, was in 13-tausend Jahren zuvor noch größere Instabilität und Seltenheit aufgewiesen haben mag.

Die Rakte - Wie startete sie? Wie beschleunigte sie? ...

Abb. 2: Vereinzelte Gräber oder Menschenknochen
Diese herausragende Siedlung "Kharaneh IV" befindet sich in einer heutigen Steppen- bzw. Wüstenregion in der Nähe einer (vormaligen) Oase. Zur Zeit ihres Bestehens vor 20.000 Jahren war es dort (auf dem Höhepunkt der Eiszeit in Nordeuropa) deutlich feuchter. Somit verdichtet sich das Bild darüber, daß die halbseßhafte Vorläuferkultur im Vorderen Orient viel längere "Anlaufzeiten" zur Erreichung der Vollseßhaftigkeit genommen hatte, als man das bisher ahnen konnte. Wir erfahren (Archäologie Online, Febr. 2012):
Das Areal wurde regelmäßig saisonal von einer großen Gruppe besiedelt und für rituelle Zwecke genutzt. Die Ergebnisse der Ausgrabungen von Kharaneh und von anderen gleichzeitigen Fundstellen wie Ohalo II am See Genezareth deuten immer stärker darauf hin, daß der Beginn von - zumindest saisonaler - Sesshaftigkeit und "dörflichen Strukturen" deutlich früher zu suchen ist als bisher allgemein angenommen.
Und in einem aus dem Englischen übersetzten Bericht (Astropage, 24.2.12):
Die Archäologen gruben hunderttausende von Steinwerkzeugen, Tierknochen und anderen Funden in Kharaneh IV aus, das sich heutzutage nur mehr als ein 3 Meter hoher Erdhügel über die Wüstenlandschaft erhebt. (...) Bis jetzt hat das Team zwei Hütten komplett ausgegraben, doch unter dem Wüstensand könnten sich noch einige mehr verbergen. "Sie sind nicht unbedingt groß. In der Länge messen sie maximal zwei bis drei Meter und sie wurden in den Boden gegraben. Wände und Dach waren aus Geäst, das verbrannt ist und einstürzte und dunkle Markierungen hinterließ", beschreibt Dr. Tobias Richter von der Universität Kopenhagen und einer der Co-Direktoren des Projekts. (...)
Obwohl ein Archäologenteam bereits 1989 bei Ausgrabungen in Ohalo II am Ufer des Sees Genezareth das mit 23.000 Jahren älteste hüttenartige Bauwerk gefunden hatte, glaubt das Team an der Grabungsstätte Kharaneh IV, dass ihre Entdeckung nicht weniger bedeutend ist, wie Dr. Maher erklärt: "Im Inneren der Hütten fanden wir Stapel von sorgfältig ausgebrannten, ausgehöhlten Gazellen-Hörnern, Klumpen von rotem Ocker-Farbstoff und einen Vorrat von hunderten, gelochten Meeresmuscheln. Diese Muschelperlen wurden über eine Strecke von mehr als 250 Kilometern vom Mittelmeer und dem Roten Meer an diesen Ort gebracht was beweist, dass die Menschen dort sehr gute regionale soziale Netzwerke hatten und Gegenstände über beträchtliche Entfernungen hinweg austauschten."
Wie noch Jahrtausende lang später während der Vollseßhaftigkeit (bis etwa 6.000 v. Ztr.) in dieser Region stellte wahrscheinlich die Jagd auf Gazellenherden die Hauptsubsistenzgrundlage dar:
Gazelles make up fully 90% of the faunal assemblage at Khanareh IV, and researchers believe that gazelles visiting the pools in the basin may have been the initial attraction for the hunter-gatherers. 
In der neuen Studie (1) wird aber auch auf deutliche Unterschiede zwischen Kebaran und Natufium hingewiesen:
Archaeologists have tended to contrast the flimsy, ephemeral, short-term dwellings of the Early and Middle Epipalaeolithic
(also des Kebaran)
with the more durable, long-lived and solidly-built constructions of the (Early) Natufian. This is further exemplified by reference to earlier Epipalaeolithic structures as ‘huts’ and later Natufian and early Neolithic structures as ‘houses/homes’. However, that supposedly more ‘solid’ constructions do not imply more permanent occupation or long-term use has not gone unnoticed by researchers. The apparent contrast between earlier Epipalaeolithic and Natufian structures is further highlighted by an increasing emphasis on the non-domestic, ritual use of structures during the Natufian and the Pre-Pottery Neolithic A, and lack of evidence for (but acknowledgement of the possibility of) these ‘special’ uses in earlier phase.
Also die Wohnstrukturen des Natufium sind die Archäologen eher geneigt, als Häuser anzusprechen, als jene des Kebaran, die eher nur "Hütten" gewesen zu sein scheinen, wenn auch die Dauer der Benutzung bei beiden ähnlich gewesen sein mag. Außerdem gibt es im Natufium bisher noch deutlichere Hinweise auf nichthäusliche rituelle (sprich religiöse) Betätigung - sprich in letzter Instanz Tempel - als im Kebaran. (Sprich: Die Götter des Kabaran bleiben - zumindest den Archäologen bisher - unsichtbar.)

... - Und: Was war der Brennstoff?

Es ist aber vor allem die ungewöhnliche Siedlungsgröße von 21.000 Quadratmetern (2,1 Hektar), die während der gut erforschten 3.000 Jahre Natufium nie erreicht wurde (nur bis 0,5 Hektar), die weiterhin erklärungsbedürftig bleibt, und von der zu klären sein wird, ob sie ein einmaliges Auftreten darstellt oder in jener Zeit häufiger in dieser Region vorkam und nur bis heute nicht entdeckt wurde.

Vor fünfzehn Jahren war die Erkenntnis spannend, daß die ersten Ackerbaukulturen nicht fünf-, sondern zehntausend Jahre alt sind. Doch wen hätte diese ganz unerwartete Verdoppelung der Zeitspanne ackerbautreibender Kulturen und die unerwartete Erkenntis von der Dreistufigkeit der Rakete Neolithische Revolution nun auch ermutigt zu sagen, auch die Vorläuferphase dieser ackerbautreibenden Kulturen müsse dementsprechend noch viel länger gedauert haben, als bisher sichtbar? Jetzt jedenfalls lernen wir, daß die Vorläuferkulturen des Ackerbaus nicht drei-, sondern dreizehntausend Jahre für sich in Anspruch nahm. Aus dem Nachhinein betrachtet eigentlich eine plausible Erweiterung unserer Kenntnisse. Aber wieder einmal ist Bescheidenheit angesagt: Seit Isaak Newton hat sich nichts geändert: Wir finden doch immer wieder neue  Steine am Meeresstrand unseres Nichtwissens und Nichtahnens.

Denn: So lächerlich es klingen mag: Niemand kann besonders konkret den Brennstoff jener Rakete benennen, die uns so weit gebracht hat. Und somit wissen wir auch nicht, wie und womit wir die nächste anstehende Stufe zünden sollen ...

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ResearchBlogging.org1. Maher, L., Richter, T., Macdonald, D., Jones, M., Martin, L., & Stock, J. (2012). Twenty Thousand-Year-Old Huts at a Hunter-Gatherer Settlement in Eastern Jordan PLoS ONE, 7 (2) DOI: 10.1371/journal.pone.0031447
2. Maher LA, Richter T, Stock JT (2012): The Pre-Natufian Epipaleolithic: Long-Term Behavioral Trends in the Levant. In: Evolutionary Anthropology 21: 69 - 81
3. Michael Balter: New Light on Revolutions That Weren't. In: Science 4 May 2012: Vol. 336 no. 6081 pp. 530-531 DOI: 10.1126/science.336.6081.530
4. Lewin, Roger: Spuren der Menschwerdung. Die Evolution des Homo sapiens. Heidelberg 1992
5. Molleson, T.: Die beredten Skelette von Tell Abu Hureyra. In: Spektrum der Wissenschaft, Oktober 1994, S. 98 - 103
6. Bading, Ingo: Die Neolithische Revolution im Vorderen Orient 12.000 bis 6.000 v. Ztr.. (Eigentlicher Titel: Populationsstrukturen und Transitions-Vorgänge im Levanteraum vom Epi-Paläolithikum bis zum PPNB.) Seminararbeit für den Anthropologischen Kurs II (Populationsstrukturen) von PD Dr. Winfried Henke, Universität Mainz, SS 1995

Freitag, 4. Mai 2012

Der Genetiker James Crow (1916 - 2012) gestorben

Wer sich in den letzten Jahren intensiver und in aller Breite mit der Genetik von angeborenen Begabungs- und Neigungsunterschieden zwischen Rassen und Völkern beschäftigt hat, sowie mit ihrem evolutionären Entstehen (vgl. unser Buchprojekt), ist irgendwann auch auf den nicht unbedeutenden amerikanischen Populationsgenetiker James Crow (1916 - 2012) gestoßen (etwa: 1, 2). Bei diesem Anlaß konnte man überhaupt feststellen, daß fast alle bedeutenderen Genetiker der letzten Jahrzehnte schon sehr früh zu diesen Fragen Stellung genommen hatten, ohne daß ihre sonst vorhandene Autorität so weit gegangen wäre, hierbei Einfluß auf die Ansichten der Mehrheit der studierten Biologen, geschweige der öffentlichen Meinung überhaupt zu nehmen. In Fragen von politischer Relevanz scheint für viele Akademiker dann wissenschaftliche Autorität doch allein nicht ausschlaggebend zu sein.

Der Genetiker James Crow mit Viola
Nun ist James Crow im Januar dieses Jahres in dem gesegneten Alter von 95 Jahren gestorben. Und erst aus diesem Anlaß heraus erfährt man in Nachrufen, insbesondere von Seiten seiner Schüler (3) von den außerordentlich zahlreichen liebenswürdigen, ja, begeisternden Eigenschaften des Menschen,  akademischen Lehrers, Doktorvaters, Forschers und Wissenschaftsorganisators James Crow.

Diese Nachrufe kann man jedem Leser nur empfehlen, selbst nachzulesen (inbesondere: 3). (Übrigens scheint unser Blogartikel der erste deutschsprachige Artikel aus Anlaß des Todes von James Crow zu sein.) Einen solchen Nachruf (3) zu lesen ist - wie so oft bei bedeutenderen Wissenschaftlern - schon allein vom menschlichen Standpunkt aus gesehen rundum eine Bereicherung.

So scheint es zum Beispiel - wie recht häufig - auch bei James Crow die klassische Musik gewesen zu sein, die einen bedeutenden emotionalen Ausgleich geschaffen hat zum abstrakt-intellektuellen Arbeitsalltag seines Fachgebietes (siehe Foto). Und es sollte vielleicht auch nicht unerwähnt bleiben, daß die gewiß nicht unbedeutende Schule der japanischen Populationsgenetik seit Motoo Kimura im Wesentlichen auf James Crow zurückzugehen scheint (3). Ebenso ist zu erwähnen, daß sich James Crow früh für die Erforschung der genetischen Schäden eingesetzt hat, die von der Nutzung der Energie durch Atomkernspaltung ausgehen. Und auch für die Nutzung der Genetik in der Kriminologie hat er sich früh eingesetzt.

James Crow in der IQ-Debatte seit 1969

Doch im Rahmen eines der Schwerpunktthemen dieses Blogs sei hier nur noch festgehalten, welche Erfahrungen James Crow schon 1969 im Zusammenhang mit der damaligen IQ-Debatte rund um Arthur Jensen machte, dessen intellektuelle Ehrlichkeit Crow vollumfänglich anerkannte, so wie die Forschungen von Jensen heute auch etwa vom dem IQ-Forscher Detlev Rost vollumfänglich anerkannt sind:
... The only time Crow’s steady diplomacy seemed insufficient was when he was asked to comment on a 1969 article by Arthur Jensen on the race and IQ controversy. Jensen had been heavily criticized for his view that much of the variability in IQ was genetic. Crow wrote that he did not agree with many of Jensen’s conclusions, but thought that Jensen was intellectually honest and that his quantitative methodology was sound. In those days, there was a common misconception that any non-zero heritability of IQ implied that racial differences were heritable. Crow understood that this was not the case
(- ?)
and tried to explain it in a way that would be transparent to nonscientists. It wasn’t enough. In the highly charged climate of the day, Crow found his classroom picketed, and placards abusing his name ‘Jim Crow’ were posted outside the lecture hall. Crow must have known the effect his words would have, but he expressed his views with courage and honesty. Outwardly, at least, he handled the student protests with his usual good-humored aplomb until it  blew over after a few weeks. If there  was a silver lining to this episode,  it was that all of us who knew Crow  were left with a deeper understanding  of the meaning of intellectual integrity.
Obwohl Crow also die zurückhaltendste Interpretation von Intelligenz-Unterschieden zwischen Rassen anbot, die überhaupt nur möglich war  (- das eingefügte Fragezeichen soll die Frage andeuten, ob das hier eigentlich von seinem Schüler wirklich richtig wiedergegeben worden ist) und obwohl er ein außerordentlich konzilianter, beliebter akademischer Lehrer war, konnte ihn das alles dennoch nicht davor bewahren, in den Feuersturm der damaligen IQ-Debatte hineinzugeraten. Das ist sicherlich ein gutes Anzeichen für die Aufgeheiztheit der Stimmung im Jahr 1969. Deren Nachwirkungen sind oft heute noch zu spüren, zumindest in der älteren Generation der heute noch lebenden und wirkenden Wissenschaftler.

Doch seit den Büchern von Detlev Rost, Thilo Sarrazin - neuerdings wieder Dieter E. Zimmer -, sowie den breiten wissenschaftlichen Entwicklungen seit der vollständigen Entzifferung des menschlichen Genoms und der daraus folgenden Erkenntnisse hat sich daran doch einiges geändert.

Wann aber endlich einmal im Gegenteil ein Feuersturm über die wissenschaftlichen Ignoranten hinwegstürmt, was diese Themen betrifft, vor dieser Frage steht man wie vor einem großen Rätsel: Die Wissenschafts- und Weltgeschichte läßt sich schlicht nicht in die Karten gucken.

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1. Crow, James F: Unequal by Nature: A Genetist's Perspective on Human Differences. In: Daedalus, Winter 2002, S. 81 - 88
2. Khan, Razib: Group selection in humans? (25.6.2006) – 10 questions for Jim Crow, 26.6.2006, auf: gnxp.com
3. Engels, William R.: Obituary James Franklin Crow (1916 - 2012). In: Current Biology, 10 April, 2012 Volume 22, Issue 7 (pdf)
4. Hawks, John: James F. Crow 1916 - 2012. JohnHawks.net, 4.1.2012
5. Stockinger, Jacob: James Crow - famed geneticist, devoted viola player and classical music fan and philanthropist - dies at 95 in Madison. The Well-Tempered Ear, 6.1.2012
6. Seymour Abrahamson: James F. Crow - His Life in Public Service. In: Genetics, January 2012 190:1-4; doi:10.1534/genetics.111.135186
7. Wade, Nicolas: James F. Crow, Population Genetics Pioneer, Dies at 95. New York Times, 10.2.2012

Donnerstag, 3. Mai 2012

Die Christianisierung Englands

Eine Rezension in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "History" (1) macht auf eine Neuerscheinung zur Geschichte und Archäologie der Christianisierung Englands aufmerksam (2) und damit überhaupt auf dieses Thema.

Das folgende ist zunächst vorwiegend nach den verlinkten Wikipedia-Artikeln erarbeitet. Es waren rechte Haudegen, unsere Verwandten, die in der Völkerwanderungszeit ab 450 n. Ztr. von Schleswig-Holstein und Niedersachsen aus nach England übersetzten und dort als "Angelsachsen" das Land beherrschten, so wie zur gleichen Zeit aus der Elberegion die Alemannen nach Süddeutschland wanderten.

450 n. Ztr. - Völker wirbeln durcheinander

Ostanglien war eine der ersten Gegenden Englands, die unsere Verwandten 450 n. Ztr. eroberten und besiedelten, und wo das Königsgeschlecht der Wuffinger sein Königreich Ostanglien (East Anglia) gründete. Hier zuerst wurde die englische Sprache gesprochen. (Der Name "Wuffinger" leitet sich her von Wolf, dieses Fürstengeschlecht sah sich also als Nachkommen der Wölfe an.) Sie gründeten in Ostengland ein Königreich so wie unsere Verwandten, die Wandalen, ihr Königreich in Afrika gründeten, die Goten ihre Königreiche auf dem Balkan, in Italien und Spanien, die Langobarden ihr Königreich in Norditalien, die Bajuwaren und Alemannen ihre Königreiche in Süddeutschland, der Schweiz und im Elsaß, die Franken in Frankreich, die Thüringer in Thüringen und so weiter.

"Windzeit ist's, Wolfszeit, nicht ein Mann wird des anderen schonen", sangen damals die Seherinnen in ihren "Gesichten" (vgl. Völuspa).

Alle diese Völker wurden nach und nach zu Christen, im Süden schneller, im Norden hingen sie oft viel länger am angestammten heidnischen Glauben und ihren heidnischen Göttern. Im Stammland der Sachsen und Angeln auf dem Kontinent in Norddeutschland und England übrigens noch mindestens hundert Jahre länger als in England. Und wie die meisten germanischen Königsgeschlechter führten auch die Wuffinger ihre Herkunft auf eine heidnische Gottheit zurück, nämlich auf den Gott Wotan.

597 n. Ztr. beginnt die offizielle Christianisierung Englands

Als der Missionar, "Apostel" Englands - so wie der Engländer Bonifazius einhundert Jahre später als der Apostel der Deutschen - gilt der  Erzbischof Augustinus von Canterbury (gestorben 604). 597 wurde er von Papst Gregor I. zu Æthelberht, dem König von Kent im südlichen England, gesandt. Damals konnten Erzbischöfe, Apostel und "Heilige" noch ganz regulär verheiratet sein. Und so war Augustinus denn auch mit niemand geringerer verheiratet als mit einer Tochter des Merowingerkönigs. Thron und Altar reichten sich eben schon damals die Hand. Auch Æthelberhts Frau war Christin und förderte die Christianisierung ihres Landes.

Eine Personifizierung des Umbruchs - König Raedwald von Sutton Hoo

Helm des Königs Raedwald von Sutton Hoo
Diese Jahrhunderte waren sehr kriegerische. Immer wieder fielen - noch zweihundert Jahre später - die Dänen und Wikinger in England ein und beherrschten zeitweise auch Ostanglien. Die englische Königreiche innerhalb Englands bekriegten einander. In dem berühmten Schiffsgrab von Sutton Hoo (etwa 625 n. Ztr.), ließ sich der ostanglische König Raedwald (539 - 625) (Wiki engl) gemäß einer nicht einheimischen Sitte, sondern gemäß der Sitte der Wikinger begraben:
Zu Beginn seiner Herrschaft stand Rædwald unter der Oberherrschaft des Bretwalda Æthelberht von Kent. Æthelbert drängte Rædwald, den christlichen Glauben anzunehmen. Beda Venerabilis (ein mittelalterlicher Chronikschreiber) sagt Rædwald nach, er habe sich um 604 in Kent der Taufe unterzogen und die Gottesdienste besucht, zugleich aber weiter seinen alten Göttern gedient. In seinem Tempel sollen zwei Altäre, einer für den christlichen und einer für die heidnischen Götter gestanden haben.
Also so wie viele damals ein echter Haudegen, dieser König Raedwald.

Nach der Christianisierung ist der Ort seines Grabes - laut der archäologischen Befunde - als Hinrichtungsstätte (!) genutzt worden. Der Ort war also wohl aus christlicher Sicht eher ein verrufener Ort geworden, ein Ort des Teufels. Offenbar die typische christliche "Umwertung aller Werte". König Raedwald wird von seinen Nachfahren als "unverbesserlicher Heide", als Sohn des Teufels angesehen worden sein.

Sein christlich gewordener Sohn wurde jedoch noch von einem Heiden erschlagen. Erst der darauffolgende König Sigebert, ein Stiefsohn König Raedewalds, leitete dann die Christianisierung Ostangliens ein und holte dazu den Missionar Felix als ersten Bischof nach Dunwich. Und um 700 n. Ztr. war dann ganz England und Ostanglien im Wesentlichen christlich.

Dies sind die Zeiten und historischen Vorgänge, von denen auch die neue Buchveröffentlichung handelt. Sie untersucht vor allem die Ruinen der römischen Kastelle und Wallanlagen und geht Hinweisen nach, daß in diesen christliche Missionsstationen, sprich Kirchen errichtet wurden. Die Ausbreitung des Christentums ist dann im archäologischen Befund vor allem sichtbar an dem Rückgang der Leichenverbrennungen und an dem Heranrücken der Friedhöfe an die Siedlungen. Und an Kreuzeszeichen auf Grabbeigaben. So ähnlich kann das auch etwa an den Gräbern der Alemannen und Franken festgestellt werden.

Interessant übrigens, daß in vielen früheren Zeitepochen so viel größerer räumlicher Abstand zwischen Siedlung und Gräbern eingehalten wurden. Gräber brauchten damals offenbar "Platz", beanspruchten den Abstand der "Größe", beanspruchten "Einsamkeit". Wurde der Tod erst durch das Christentum wirklich - - - "domestiziert", "eingemeindet"?

865 n. Ztr. - Die "Große Heidnische Armee" kommt nach England

Doch noch 150 Jahre später, 865 n. Ztr., wurde Ostanglien durch die zeitgenössisch so genannte "Große Heidnische Armee" der Dänen erobert, eine Armee fahrend auf hunderten von Schiffen, die zuvor schon bis Paris vorgedrungen war. Ein großer Teil der christlichen Strukturen gingen in Ostanglien wieder verloren. Eine verrückte, aufgewühlte und aufwühlende Zeit. Leopold von Ranke schreibt in seiner "Englischen Geschichte" darüber:
Alles war in einer allerdings noch unvollendeten, aber hoffnungsreichen Bildung, in den Agonien des Werdens begriffen, als der Staat von einer neu emporkommenden Weltmacht in seinem Dasein bedroht wurde.
Denn so dürfte man die Einwirkung wohl bezeichnen, welche der skandinavische Norden über das östliche kontinentale Europa und zugleich seegewaltig über alle Küsten des westlichen ausübte.
Nur ein Teil der germanischen Völker war von den Ideen des Reichs oder der Kirche ergriffen worden: in den anderen erhob sich das eingeborene Heidentum, von den Verlusten, die es erlitten, und den Gefahren, die es fortwährend bedrohten, gereizt, zu dem gewaltsamsten Anlauf, den die gebildete Welt jemals von heldenmütigen und barbarischen Kindern der Natur bestanden hat.
Es ist nicht auszusprechen, welches Unheil sie seit der Mitte des 9. Jahrhunderts über Britannien gebracht haben.
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1. Pickles, Thomas: The Archaeology of the East Anglian Conversion – By Richard Hoggett. Rezension in: History, 97: 296–297. doi: 10.1111/j.1468-229X.2012.00554_5.x
1. Hoggett, Richard: The Archaeology of the East Anglian Conversion. Boydell, 2010 [Anglo-Saxon Studies 15] (Google Bücher) 

Montag, 30. April 2012

Schlachtfeldarchäologie - eine junge Disziplin

"Seit einigen Jahren befindet sich die vergleichsweise junge Disziplin der Schlachtfeldarchäologie auch in Deutschland im Aufwind. Ausschlaggebend dafür sind die Untersuchungen mehrerer archäologischer und historischer Schlachtfelder, von denen diejenigen im Tollense-Tal, bei Kalkriese, am Harzhorn und in Lützen hier stellvertretend genannt seien."
So heißt es auf der Internetseite des Archäologischen Landesmuseums Brandenburg, das derzeit im Paulinerkloster der Stadt Brandenburg eine Ausstellung zu diesem Thema anbietet (1636.de). Im Zusammenhang mit dieser Ausstellung fand im November 2011 auch eine internationale wissenschaftliche Tagung zur Schlachtfeldarchäologie statt. Auf 42 Seiten sind die Kurzfassungen der vielen dort gehaltenen Vorträge zugänglich (pdf) - eine Fundgrube, um sich einen Überblick über die wirklich vielfältigen gegenwärtigen Forschungen auf dem Gebiet der "Schlachtfeldarchäologie" zu verschaffen. Von Estland, Schottland und Irland bis Wien waren Forscher angereist, um von ihren örtlichen Forschungen zu berichten. Welche Fülle an Themen, an Zeitepochen und Schlacht- und Gräberorten ist da angesprochen worden!

AiD, Heft 1/2009
Nicht nur hat sich die immer wieder begeisternde Zeitschrift "Archäologie in Deutschland" schon im Jahr 2009 dieses Themas angenommen (siehe links), auch auf der Wikipedia-Seite zu dieser jungen Disziplin findet man gegenwärtig schon viele erforschte Schlachtfelder aufgelistet. Von diesen haben wir auch schon hier auf dem Blog viele in eigenen Beiträgen zumeist - schon kurz nach ihrer Entdeckung behandelt und gerade unter dem neuen Schlagwort "Schlachtfeldarchäologie" verschlagwortet. Im folgenden soll eine ganz willkürliche Auswahl von spannenden derzeit erforschten Schlachten und Massengräbern gegeben werden:
4.900 v. Ztr. Massengräber aus der Endzeit der Bandkeramik (der ersten Bauernkultur Europas)
1250 v. Ztr. Schlacht im Tollense-Tal (in Mecklenburg)
1180 v. Ztr. Schlacht im Nil-Delta (Wandreliefs in Medinet Habu in Theben/Ägypten a.d.J. 1176 v. Ztr.) (vgl. Wiki, Studgen)
490 v. Ztr. Schlacht bei Marathon, Griechenland
9 n. Ztr. Schlacht im Teutoburger Wald (Varusschlacht bei Kalkriese)
900 n. Ztr. Massengrab von erschlagenen Wikingern in Wymoth (Südengland) (Studgenpol)
1814 Massengrab eines Militärlazaretts in Kassel (Studgenpdf, S. 27f) 
1945/46 Massengrab auf der Marienburg in Westpreußen
Auf das Massengrab Deutscher auf der Marienburg aus dem Jahr 1945 (oder später) sei in diesem Zusammenhang auch deshalb hingewiesen, weil diese Opferkategorie "deutsche Vertriebene" gegenwärtig noch zu einem der größten Tabu-Gegenstände der wissenschaftlichen Forschung zu zählen scheint. Obwohl diese Opferkategorie sehr umfangreich ist (2,5 Millionen). In den Grenzen des heutigen Tschechien sind viele Massengräber bekannt, im heutigen polnischen Machtbereich werden viele vermutet, ebenso auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien. Bezeichnenderweise ist das Massengrab auf der Marienburg nicht wissenschaftlich oder kriminologisch erforscht und ausgewertet worden, weil man glaubte, es könne die "gutnachbarlichen" Beziehungen zwischen dem heutigen Polen und dem heutigen Deutschland gefährden. Eine Überlegung, die einem humanen Europa nicht angemessen ist.

(Dem Volksbund deutsche Kriegsgräberfürsorge wurden diese menschlichen Überreste "in aller Stille" anvertraut, obwohl sein Arbeitsschwerpunkt die Anlage und die Pflege von Soldatengräbern ist, nicht das Gedenken an Massenverbrechen.)

- - - Spannend unter den oben genannten Tagungs-Zusammenfassungen sind etwa auch der Bericht von André Schürger über die derzeitigen Forschungen auf dem Schlachtfeld von Lützen (1632), in der König Gustav Adolf von Schweden gefallen ist: Auf dem Schlachtfeld verteilte Bleikugeln konnten verschiedenen Waffen zugeordnet und so zumindest Ausschnitte der Schlacht rekonstruiert werden (S. 13). Spannend ebenfalls etwa die Forschungsergebnisse zum Massengrab in Kassel aus dem Jahr 1814 (S. 27f), mit dem wir uns hier auf dem Blog auch schon beschäftigt hatten: Genetisch weisen die Skelette die höchste Ähnlichkeit mit den Menschen in den heutigen Beneluxländern auf, was in der Tat die Vermutung bestätigt, daß es sich um Angehörige der in Rußland geschlagenen "Großen Armee" Napoleons gehandelt hat.

Der Maler Ludwig Richter gibt in seinen hier auf dem Blog schon behandelten Lebenserinnerungen auch einen anschaulichen Bericht davon, wie er unmittelbar nach kriegerischen Auseinandersetzungen rund um seine Heimatstadt Dresden im Jahr 1814 mit seinem Vater über das Schlachtfeld gegangen ist, wo Gefallene und Verwundete eingesammelt wurden. - Die junge Disziplin der Schlachtfeldarchäologie stellt sicherlich den denkbar größten Gegensatz dar zur nicht mehr ganz so jungen Disziplin der Alltagsgeschichte. Sie ergänzt auf einem sehr wesentlichen Gebiet unser Geschichtsbild, in dem es mit den Thesen Steven Pinkers zum Rückgang der Gewalt im Verlauf der Menschheitsgeschichte inzwischen auch zu einer wichtigen theoretisch-anthropologische Debatte gekommen ist.

Mittwoch, 25. April 2012

In 300 Milligramm Knochenmehl - Eine neue Menschenart gefunden

Die Entdeckung des asiatischen "Bruders" des Neandertalers, des "Denisova-Menschen" (2010 - 2012)

Die Geschichte von der Entdeckung einer neuen Menschenart in den letzten zwei Jahren liest sich unglaublich spannend (1). Es gibt darüber auch schon einen guten deutschsprachigen Wikipedia-Artikel.*)

Diese Geschichte ist einmal mehr ein Zeugnis dafür, in was für aufregenden Zeiten wir leben. Während man sich im 19. und 20. Jahrhundert noch (allein) um Schädel-Kalotten gestritten hat bei der Entdeckung neuer Menschenarten (es sei etwa erinnert an die legendäre Entdeckung des Neandertalers und die zunächst irrtümliche Stellungnahme Rudolf Virchows zu ihr), werden heute im Max Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig neue Menschenarten mal eben in 300 Milligramm Knochenmehl gefunden. Die reinste "Kaffeesatz-Leserei"! Ist das nicht verrückt?! Wen das nicht von der Faszination Wissenschaft und von der Faszination Humangenetik überzeugt - was dann?

Die Einzelheiten dieser Geschichte können den zahlreichen derzeit darüber erscheinenden Publikationen entnommen werden (siehe vor allem: 1). Sie sollen hier nicht noch ein weiteres mal referiert werden. Aber nicht nur die Art selbst ist durch die moderne Humangenetik gefunden worden, sondern es konnte zugleich auch ihr grobes Verbreitungsgebiet und die Art und der Umfang ihres genetischen Fortbestehens innerhalb der heutigen Menschheit bestimmt werden. Das ist auf Wikipedia derzeit folgendermaßen zusammengefaßt:
Bereits im Mai 2010 war eine Studie veröffentlicht worden, die einen Genfluss von den Vindija-Neandertalern zu Homo sapiens belegte. Daher wurde auch die genetische Distanz des Denisova-Fossils zu heute lebenden Ethnien analysiert, wobei auf Daten von 938 Menschen aus 53 Populationen zurückgegriffen wurde. Den Befunden zufolge steht das Denisova-Fossil den heute lebenden europäischen, asiatischen und afrikanischen Menschen ferner als die Neandertaler. Hingegen wurde eine signifikante Nähe zur DNA von Menschen aus Melanesien (Papua und Bougainville-Bewohner) festgestellt. Dies führte zur Aussage, dass das Genom der Melanesier – wie das aller modernen Menschen – zu 2,5 ± 0,6 Prozent vom Neandertaler stammt, zusätzlich aber weitere 4,8 ± 0,5 Prozent vom Denisova-Menschen beigesteuert wurden; zusammengerechnet wären dies laut Studie 7,4 ± 0,8 Prozent des Genoms der Melanesier, die von einer früheren Vermischung mit archaischen Homininen stammen. Im September 2011 wurden weitere genetische Befunde publiziert, die nunmehr auf einem Vergleich der DNA von 33 heute lebenden Populationen aus Asien und Ozeanien mit denen der Denisova-Fossilien beruhten. Demnach konnten DNA-Spuren der Denisova-Menschen auch bei den Aborigines in Australien, bei den Mamanwas auf den Philippinen sowie im Osten von Indonesien nachgewiesen werden, nicht aber im Westen von Indonesien, bei den Onge auf den Andamanen, bei den Jehai in Malaysia und bei Bevölkerungsgruppen in Ostasien. Die Autoren dieser Studie interpretierten den Nachweis von Denisova-DNA in Ost-Indonesien, Australien, Papua-Neuguinea, Fidschi und Polynesien als Beleg dafür, dass die genetische Vermischung in Südostasien stattgefunden habe, was bedeuten würde, dass die Denisova-Menschen ein Gebiet zwischen Sibirien und den Tropen besiedelt hätten. Diese Deutung ist jedoch umstritten, da frühe Wanderungen von Vorfahren der untersuchten Volksgruppen nicht ausgeschlossen werden und die sexuellen Kontakte daher auch weiter nördlich – im asiatischen Kernland – stattgefunden haben könnten.
Nun gut, das sind Detailfragen. Aber: Kein Wunder also, daß die Physische Anthropologie schon seit mehr als hundert Jahren sagt, daß die australischen Ureinwohner und die Negritos Südostasiens archaischeren Menschenarten mehr ähneln als andere Menschengruppen. (Was ja auch jedem Laien sehr schwer fällt zu übersehen.) 

Abb.: Aufnahme von Herbert Basedow, Südaustralien, 1903

Aber mehr noch: Was für Erkenntnispotentiale stecken in der modernen Humangenetik, wenn sie aus wenigen hundert Milligramm Knochenmehl eine solche Geschichte herauslesen kann, die vielhunderttausendjährige Humangeschichte eines ganzen Kontinents, nämlich des asiatischen.

Man kann auch sagen, daß die Naturwissenschaft heute die Menschheit gerne auch mal "um den kleinen Finger wickelt", in diesem Falle um das Endglied jenes kleinen Fingers, dem die wenigen hunderte Milligramm Knochenmehl entnommen worden waren ...

Ja, noch mehr: Die Ureinwohner der Philippinen stammen von anderen Denisova-Menschen ab als die Ureinwohner Neuseelands und Australiens (1, S. 27). Ausgerechnet wieder einmal die berühmte "Wallace-Linie" trennt diese beiden Nachfahrengruppen voneinander und man will jetzt in Leipzig wissen, warum es gerade diese Linie ist (1, S. 28).

Begrenzte genetische Vermischungen von "moderneren" Populationen mit "archaischeren" fördert offenbar die genetische Anpassungsfähigkeit

Und jetzt, jetzt entdecken die Physischen Anthropologen auch in China plötzlich "seltsame Schädel", von denen sie jetzt vermuten, daß es sich um Denisovaner handeln könnte (1, S. 28). Möglicherweise eine Peinlichkeit für die chinesische Anthropologie, daß sie das nicht früher gemerkt hat, daß sie es hier mit einer eigenen Menschenart zu tun hat. Der von uns sehr geschätzte Hamburger Anthropologe Günter Bräuer, ein Schüler von Ilse Schwidetzky, hatte übrigens auch hier offenbar schon wieder einmal Pionierarbeit geleistet, der - trotz der nachmaligen humangenetischen Bestätigung seiner ebenfalls frühzeitigen "Out-of-Africa-Hypothese" - offenbar dennoch bis heute in China kaum nachgegangen worden ist. Die Humangenetik treibt die Physischen Anthropologen "zu Paaren". Sie treibt sie vor sich her und klärt einmal aufs Neue viele Fragen, die von ihr viele Jahrzehnte nicht hatten geklärt werden können.

Und noch mehr: Neuerdings wird vermutet, daß sich der anatomisch moderne Mensch noch sehr spät (viele zehntausend Jahre nach seiner Artbildung in Afrika) innerhalb Afrikas selbst mit dort noch weiterlebenden archaischeren Menschenarten vermischt haben könnte. Diese weiterlebende archaischere Menschenart scheint vor allem in Zentralafrika ihre Heimat gehabt zu haben, da genetische Signale derselben derzeit am "dichtesten" bei den Pygmäen gefunden werden (1, S. 33). 

Die heutigen Papuas scheinen 95 Prozent ihrer Immungene von dem Denisova-Menschen geerbt zu haben (1, S. 34 - 36), woran ablesbar wird, das Vermischungen einwandernder mit einheimischen Populationen notwendige genetische Anpassungsprozesse der einwandernden Population erleichtert haben könnten in der Evolution. Eine Theorie, die der Humangenetiker John Hawks frühzeitig auf seinem Blog vertreten hat, und die nun zahlreiche Bestätigungen erhält. Man möchte z.B. meinen (das vertreten wir hier auf dem Blog ebenfalls seit Jahren), daß auch die genetische Geschichte des aschkenasischen Judentums und die vermutete Vermischung seiner Gründerpopulation mit deutschen Frauen nicht unbeträchtlich genetische Anpassungsprozesse an den mitteleuropäischen Kulturraum beschleunigt haben und damit zu der  großen menschheitsgeschichtlichen Bedeutung des aschkenasischen Judentums mit beigetragen haben werden.

Man kann also vermuten, daß hiermit ein allgemeingültigeres Gesetz der Humanevolution entdeckt worden ist, das auch heute und künftig noch gültig sein wird. Man fragt sich: Welche kulturellen und genetischen Selektionsprozesse sind es heute, die maßgeblich zur genetischen Zusammensetzung jener Populationen beitragen werden, die die künftige Geschichte der Menschheit tragen werden?

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*) Man vgl. etwa auch National Geographic Deutschland 8/2010 oder mehrere Spiegel-Artikel. Das Handelblatt vom 7.2.2012 hat auch ein Video mit eingebunden. Und so gibt es noch zahlreiche andere Berichte im Netz

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1. Ewe, Thorwald: Denisova-Mensch (der Heft-Titel). In: Bild der Wissenschaft 5/2012, S. 20 - 37

Freitag, 20. April 2012

1200 v. Ztr. - Vorstoß aus dem Süden nach Mecklenburg?

Hat ein "Nord-Süd-Konflikt" die Völker in Mecklenburg, im Nord- und Ostseeraum in Unruhe versetzt und sie nach Süden aufbrechen lassen?

Seit 2008 sind hier auf dem Blog Beiträge zu dem neu entdeckten bronzezeitlichen Schlachtfeld im Tollensee-Tal in Mecklenburg erschienen (1 - 4). Im aktuellen Heft von "Bild der Wissenschaft" wird auf einige spannende neue Erkenntnisse bezüglich dieser Schlacht hingewiesen (5). Vor allem: Beteiligte an der Schlacht, die sich offenbar auf einer Breite von 3 Kilometern abgespielt hat - in der also bronzezeitliche europäische "Reiche" gegeneinander gestanden haben könnten - sollen aus dem Süden, aus Mitteldeutschland, Schlesien oder dem Alpenraum stammen.

Abb. 1: Das Schlachtfeld (aus: 6)
Wir haben in vielen früheren Beiträgen vor allem seit Januar 2010 auf die bronzezeitlichen Höhenburgen, protourbanen Siedlungen bis zum Nordrand der deutschen Mittelgebirge seit 2.200 v. Ztr. hingewiesen. Wir haben auch schon behandelt, daß die Bronzezeit von einem berühmten Bogenschützen-Fürsten (Amesbury) aus dem Alpenraum nach England und Stonehenge gebracht worden ist. Auch ist ja heute gut bekannt, daß der Ackerbau selbst aus dem Süden stammt und sich nach und nach nach Norden ausgebreitet hat.

Man denkt auch an den Vorstoß der Römer nach Norden, nach Mitteleuropa und an die Ausbreitung des Christentums durch die Franken und Karl den Großen. Diese Vorgänge sind selten ganz friedlich verlaufen, bzw. werden ganz friedlich verlaufen sein. Schon in der Endzeit der Bandkeramik künden wallbewehrte Burgen vor allem an den nördlichen Außengrenzen dieses Kulturraumes von kriegerischen Ereignissen.

Und dementsprechend sind gegenläufige Völkerwanderungen in den Süden natürlich ebenso bekannt.

Eine Nord-Süd-Dialektik der Weltgeschichte?

Somit würde sich mit den neuen Erkenntnissen zur Tollense-Schlacht immer mehr ein großartiges weltgeschichtliches Szenario vervollständigen: Bevölkerungsreiche Dorf- und Stadtkulturen dringen in den Norden vor und breiten hier neue Lebensweisen aus (etwa Dorfkultur, indogermanische Sprache, Stadtkultur, Christentum ...). Nicht selten brechen die nördlicheren Kulturen dann nach einem kulturellen (und wahrscheinlich jeweils auch genetischen) Anpassungsprozeß schon wenige Jahrhunderte später in gegenläufiger Bewegung zu Eroberungszügen nach dem (ständig "dekadenter" gewordenen) Süden auf.

Also eine Art dialektischer Prozeß.

Bekannt ist, daß unter den Völkern des "Seevölkersturmes" um 1200 v. Ztr. im Mittelmeerraum auch Völkerschaften aus Mitteldeutschland mitgezogen sind, die sich unter anderem im heutigen Palästina angesiedelt haben (siehe frühere Beiträge). Offenbar haben also aus dem mitteldeutschen Raum gleichzeitig Völker sich auch Richtung Norden in Bewegung gesetzt. Wer weiß, welche Unruhen dadurch im Nord- und Ostseeraum ausgebrochen sind. Warum sollen nicht auch hier Völker aufgebrochen sein und sich schließlich am Seevölkersturm im Mittelmeerraum beteiligt haben, wo doch heute gut bekannt ist, daß die kulturellen und wirtschaftlichen Kontakte zum Mittelmeerraum damals vergleichsweise gut waren? Wir erfahren (6):
Im Tollense-Tal kommen schon seit Jahrzehnten aus dem Aushub von Flußbaggerungen immer wieder  hübsche Bronzefunde ans Tageslicht: Gefäße wie Fibeln und Gürteldosen, zudem Werkzeuge wie Beile und Sicheln. (...) Einige wurden in der Region hergestellt, andere stammen aus weiter entfernten Gebieten wie dem Erzgebirge und dem Ostalpenraum.
Und:
Im Tollense-Tal wurde eine Reihe von Bronzenadeln entdeckt, wie sie in der Älteren Bronzezeit im heutigen Schlesien, 400 Kilometer südöstlich der Fundstelle, in Mode waren. Der Verdacht erhärtet sich mit jedem weiteren Fund: Hier, inmitten der Idylle, tobte ein Nord-Süd-Konflikt.
Allerdings will einen der wichtigste Hinweis für diese These, nämlich daß die Knochen der Gefallenen auf C4-haltige Pflanzennahrung hinweisen und deshalb aus dem Süden stammen, weil ("nur"?) dort Hirse angebaut worden sein soll, zumindest in der Kürze, in der diese in diesem Artikel gebracht wird, noch nicht recht überzeugen: Denn auch im Ostseeraum haben doch damals die Menschen von Hirse gelebt?

Man darf in jedem Fall auf weitere Erkenntnisse sehr gespannt sein.

"Archäologie ist auch eine Chance für die Region"

- - - Ergänzung 27.4.12/24.5.12 - - -

Neue Gold-, Zink- und Bronzefunde, vorgestellt auf einer Pressekonferenz an der Universität Greifswald (Uni GreifswaldidwNDRNordkurier 1, 2, T-Online), verstärken den Eindruck davon, daß hier 1250 v. Ztr. in Mecklenburg eine große und geschichtlich bedeutsame Schlacht stattgefunden hat. An dieser sind offenbar auch reiche Fürsten beteiligt gewesen und in dieser gefallen, möglicherweise - siehe Haarschmuck - sogar Fürstinnen. Ebenso wecken kunstvoll geschwungene bronzene Pfeilspitzen die Aufmerksamkeit. Noch ein Zitat (Nordkurier, 23.5.12) (Hervorhebung nicht im Original):
Aber auch eine Nadel stellt die Wissenschaftler vor neue Fragen. „Wir konnten die Bronzenadel einem Formtyp aus dem Süden zuordnen“, erklärt Anne Dombrowsky. Wie ist sie in das Tollensetal gekommen? Gab es zwischen dem Süden und Norden Handelsbeziehungen oder wurde die Nadel mitgebracht? Diesen Fragen geht die Doktorandin jetzt nach. Generell sei die Qualität und Menge sehr auffällig, betont sie. „Wir haben 24 Bronzepfeilspitzen finden können, genauso viele wurden in den letzten 150 Jahren im gesamten Mecklenburg-Vorpommern zu Tage gebracht.“
Die Wissenschaft hat den Fund bereits für sich entdeckt. Doch für Touristen ist er noch nicht zugänglich. „Eine touristische Nutzung ist nicht ganz einfach“, erklärt Terberger. Er könne sich vorstellen, dass der Besuch eines Museums mit dem Besuch der Landschaft verknüpft werden könne. Aber dies sei Aufgabe des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Dass sowas gut klappen kann, zeigt die bronzene Himmelsscheibe von Nebra. „Fast jeder kennt sie. Archäologie ist auch eine Chance für die Region“, so Terberger.


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1. Bading, Ingo: 1.250 v. Ztr. - Die Schlacht von Altentreptow. Auf: Studium generale, 8.10.2008.
2. Bading, Ingo: Schlacht mit Holzknüppeln in der Ostsee-Region, 1250 v. Ztr.. Auf: Studium generale, 13.10.2008
3. Gründler, Karl F.: Sie schlugen sich mit Holzkeulen die Köpfe ein. Ein Schlachtfeld der Bronzezeit an der Tollense in Mecklenburg. Tagesspiegel, 03.09.2009 [17.1.10]
5. Bading, Ingo: 1.200 v. Ztr. - Vergleichsmöglichkeiten von Schlachten in Mecklenburg und Ägypten. Studium generale, 16.8.2011

Freitag, 6. April 2012

Ostasiatische Gene, Keramik und Hirse breiten sich nach Westen aus (7.000 v. Ztr. und später)

"Dienekes Anthropologie-Blog" (1) macht auf eine neue humangenetische Studie aufmerksam (PLoS One), in der zum wiederholten male ostasiatische menschliche Gene in Osteuropa gefunden werden und in der abschließend auf archäologische Studien hingewiesen wird (Detlef Gronenborn u.a., 2005) zur Ausbreitung von Keramik und Seßhaftigkeit von aus Asien nach Osteuropa. Wobei (Halb-)Seßhaftigkeit - wie im Vorderen Orient - Jahrtausend lang noch keineswegs Ackerbau selbst impliziert oder implizieren muß.

Abb. 1: Erste Kulturen mit Keramik in zeitlicher Abfolge: Yelshanian (1), Rakushechnyi Yar (2), Buh-Dniestrian (3), Obere Wolga (4), Valdai (5), Sperrings (6), Narva (7), Chernoborskaya (8), Serteya (9) und Zedmar (10) (aus: D. Gronenborn u.a., pdf 2005)
Auch die Hirse hat sich schließlich in der Zeit des Frühneolithikums höchstwahrscheinlich von China aus nach Europa verbreitet. Dabei ist inzwischen auch klar geworden, daß nicht die Jomon-Kultur in Japan die weltweit älteste Kultur mit Keramik darstellt, sondern eine Kultur am mongolischen Amur-Fluß (lt. Detlef Gronenborn u.a., 2005):
An early centre of pottery-making has been identified in the Russian Far East on the lower stretches of the Amur River: Gasya (14,200 - 10,690 cal BC), Khummi (14,600 - 9700 cal BC) and Goncharka (13,400 - 9700 cal BC), as well as Gromatukha on the Zeya River (13,500 - 9230 cal BC). Early dates have been obtained for pottery-bearing sites in the Trans-Baikal province in southern Siberia: Ust-Karenga (11,600 - 10,450 cal BC), Ust-Kyakhta (11,900 - 11,150 cal BC) and Studenoye (11,250 - 10,350 cal BC). (...) This technical novelty initially emerged in the forest-steppe belt of northern Eurasia starting at about 14,500 cal BC, and spread to the west to reach the south-eastern confines of East European Plain by 7000 cal BC.
Man hat also davon auszugehen, daß sich die Keramikverwendung von den osteuropäischen Steppen aus nicht nur bis in den Mittelmeerraum (Cardial-Kultur ab 6.500 v. Ztr.) und in den Vorderen Orient (etwa Hassuna-Kultur ab 5.800 v. Ztr. und ihre Vorgängerkulturen) hinein verbreitet hat, sondern nur wenig später auch bis in die Ostseeregion (Ertebolle-Kultur ab 5.300 v. Ztr.). (Siehe auch Henny Piezonka 2008 oder Wikip..)

Noch um 850 n. Ztr. kamen mit den ungarischen Stämmen asiatische Gene nach Osteuropa (s. St. gen., 11.10.11). Ob die älteste Schicht ostasiatischer Gene sich schon mit dem Frühneolithikum, mit Keramik und Hirse ausbreitete oder später, wird wohl nach und nach noch genauer zu klären sein.

Denkbar ist die Ausbreitung der Gene ja nicht nur in den Körpern von Eroberern, sondern auch in den Körpern von Sklaven, denn der Sklavenhandel in Osteuropa ist bis ins Frühmittelalter hinein bezeugt und Tacitus berichtet von davon, daß die ostgermanischen Könige ihre Macht insbesondere auf Sklavenbesitz gründeten. Auch können sie sich ausbreiten in der Form des "Mitwanderns" von abhängigen, weniger kriegerischen und wanderungsfreudigen Unterschichten oder angegliederten Stämmen und Völkern mit anderen Völkern.
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