Montag, 30. April 2012

Schlachtfeldarchäologie - eine junge Disziplin

"Seit einigen Jahren befindet sich die vergleichsweise junge Disziplin der Schlachtfeldarchäologie auch in Deutschland im Aufwind. Ausschlaggebend dafür sind die Untersuchungen mehrerer archäologischer und historischer Schlachtfelder, von denen diejenigen im Tollense-Tal, bei Kalkriese, am Harzhorn und in Lützen hier stellvertretend genannt seien."
So heißt es auf der Internetseite des Archäologischen Landesmuseums Brandenburg, das derzeit im Paulinerkloster der Stadt Brandenburg eine Ausstellung zu diesem Thema anbietet (1636.de). Im Zusammenhang mit dieser Ausstellung fand im November 2011 auch eine internationale wissenschaftliche Tagung zur Schlachtfeldarchäologie statt. Auf 42 Seiten sind die Kurzfassungen der vielen dort gehaltenen Vorträge zugänglich (pdf) - eine Fundgrube, um sich einen Überblick über die wirklich vielfältigen gegenwärtigen Forschungen auf dem Gebiet der "Schlachtfeldarchäologie" zu verschaffen. Von Estland, Schottland und Irland bis Wien waren Forscher angereist, um von ihren örtlichen Forschungen zu berichten. Welche Fülle an Themen, an Zeitepochen und Schlacht- und Gräberorten ist da angesprochen worden!

AiD, Heft 1/2009
Nicht nur hat sich die immer wieder begeisternde Zeitschrift "Archäologie in Deutschland" schon im Jahr 2009 dieses Themas angenommen (siehe links), auch auf der Wikipedia-Seite zu dieser jungen Disziplin findet man gegenwärtig schon viele erforschte Schlachtfelder aufgelistet. Von diesen haben wir auch schon hier auf dem Blog viele in eigenen Beiträgen zumeist - schon kurz nach ihrer Entdeckung behandelt und gerade unter dem neuen Schlagwort "Schlachtfeldarchäologie" verschlagwortet. Im folgenden soll eine ganz willkürliche Auswahl von spannenden derzeit erforschten Schlachten und Massengräbern gegeben werden:
4.900 v. Ztr. Massengräber aus der Endzeit der Bandkeramik (der ersten Bauernkultur Europas)
1250 v. Ztr. Schlacht im Tollense-Tal (in Mecklenburg)
1180 v. Ztr. Schlacht im Nil-Delta (Wandreliefs in Medinet Habu in Theben/Ägypten a.d.J. 1176 v. Ztr.) (vgl. Wiki, Studgen)
490 v. Ztr. Schlacht bei Marathon, Griechenland
9 n. Ztr. Schlacht im Teutoburger Wald (Varusschlacht bei Kalkriese)
900 n. Ztr. Massengrab von erschlagenen Wikingern in Wymoth (Südengland) (Studgenpol)
1814 Massengrab eines Militärlazaretts in Kassel (Studgenpdf, S. 27f) 
1945/46 Massengrab auf der Marienburg in Westpreußen
Auf das Massengrab Deutscher auf der Marienburg aus dem Jahr 1945 (oder später) sei in diesem Zusammenhang auch deshalb hingewiesen, weil diese Opferkategorie "deutsche Vertriebene" gegenwärtig noch zu einem der größten Tabu-Gegenstände der wissenschaftlichen Forschung zu zählen scheint. Obwohl diese Opferkategorie sehr umfangreich ist (2,5 Millionen). In den Grenzen des heutigen Tschechien sind viele Massengräber bekannt, im heutigen polnischen Machtbereich werden viele vermutet, ebenso auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien. Bezeichnenderweise ist das Massengrab auf der Marienburg nicht wissenschaftlich oder kriminologisch erforscht und ausgewertet worden, weil man glaubte, es könne die "gutnachbarlichen" Beziehungen zwischen dem heutigen Polen und dem heutigen Deutschland gefährden. Eine Überlegung, die einem humanen Europa nicht angemessen ist.

(Dem Volksbund deutsche Kriegsgräberfürsorge wurden diese menschlichen Überreste "in aller Stille" anvertraut, obwohl sein Arbeitsschwerpunkt die Anlage und die Pflege von Soldatengräbern ist, nicht das Gedenken an Massenverbrechen.)

- - - Spannend unter den oben genannten Tagungs-Zusammenfassungen sind etwa auch der Bericht von André Schürger über die derzeitigen Forschungen auf dem Schlachtfeld von Lützen (1632), in der König Gustav Adolf von Schweden gefallen ist: Auf dem Schlachtfeld verteilte Bleikugeln konnten verschiedenen Waffen zugeordnet und so zumindest Ausschnitte der Schlacht rekonstruiert werden (S. 13). Spannend ebenfalls etwa die Forschungsergebnisse zum Massengrab in Kassel aus dem Jahr 1814 (S. 27f), mit dem wir uns hier auf dem Blog auch schon beschäftigt hatten: Genetisch weisen die Skelette die höchste Ähnlichkeit mit den Menschen in den heutigen Beneluxländern auf, was in der Tat die Vermutung bestätigt, daß es sich um Angehörige der in Rußland geschlagenen "Großen Armee" Napoleons gehandelt hat.

Der Maler Ludwig Richter gibt in seinen hier auf dem Blog schon behandelten Lebenserinnerungen auch einen anschaulichen Bericht davon, wie er unmittelbar nach kriegerischen Auseinandersetzungen rund um seine Heimatstadt Dresden im Jahr 1814 mit seinem Vater über das Schlachtfeld gegangen ist, wo Gefallene und Verwundete eingesammelt wurden. - Die junge Disziplin der Schlachtfeldarchäologie stellt sicherlich den denkbar größten Gegensatz dar zur nicht mehr ganz so jungen Disziplin der Alltagsgeschichte. Sie ergänzt auf einem sehr wesentlichen Gebiet unser Geschichtsbild, in dem es mit den Thesen Steven Pinkers zum Rückgang der Gewalt im Verlauf der Menschheitsgeschichte inzwischen auch zu einer wichtigen theoretisch-anthropologische Debatte gekommen ist.

Mittwoch, 25. April 2012

In 300 Milligramm Knochenmehl - Eine neue Menschenart gefunden

Die Entdeckung des asiatischen "Bruders" des Neandertalers, des "Denisova-Menschen" (2010 - 2012)

Die Geschichte von der Entdeckung einer neuen Menschenart in den letzten zwei Jahren liest sich unglaublich spannend (1). Es gibt darüber auch schon einen guten deutschsprachigen Wikipedia-Artikel.*)

Diese Geschichte ist einmal mehr ein Zeugnis dafür, in was für aufregenden Zeiten wir leben. Während man sich im 19. und 20. Jahrhundert noch (allein) um Schädel-Kalotten gestritten hat bei der Entdeckung neuer Menschenarten (es sei etwa erinnert an die legendäre Entdeckung des Neandertalers und die zunächst irrtümliche Stellungnahme Rudolf Virchows zu ihr), werden heute im Max Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig neue Menschenarten mal eben in 300 Milligramm Knochenmehl gefunden. Die reinste "Kaffeesatz-Leserei"! Ist das nicht verrückt?! Wen das nicht von der Faszination Wissenschaft und von der Faszination Humangenetik überzeugt - was dann?

Die Einzelheiten dieser Geschichte können den zahlreichen derzeit darüber erscheinenden Publikationen entnommen werden (siehe vor allem: 1). Sie sollen hier nicht noch ein weiteres mal referiert werden. Aber nicht nur die Art selbst ist durch die moderne Humangenetik gefunden worden, sondern es konnte zugleich auch ihr grobes Verbreitungsgebiet und die Art und der Umfang ihres genetischen Fortbestehens innerhalb der heutigen Menschheit bestimmt werden. Das ist auf Wikipedia derzeit folgendermaßen zusammengefaßt:
Bereits im Mai 2010 war eine Studie veröffentlicht worden, die einen Genfluss von den Vindija-Neandertalern zu Homo sapiens belegte. Daher wurde auch die genetische Distanz des Denisova-Fossils zu heute lebenden Ethnien analysiert, wobei auf Daten von 938 Menschen aus 53 Populationen zurückgegriffen wurde. Den Befunden zufolge steht das Denisova-Fossil den heute lebenden europäischen, asiatischen und afrikanischen Menschen ferner als die Neandertaler. Hingegen wurde eine signifikante Nähe zur DNA von Menschen aus Melanesien (Papua und Bougainville-Bewohner) festgestellt. Dies führte zur Aussage, dass das Genom der Melanesier – wie das aller modernen Menschen – zu 2,5 ± 0,6 Prozent vom Neandertaler stammt, zusätzlich aber weitere 4,8 ± 0,5 Prozent vom Denisova-Menschen beigesteuert wurden; zusammengerechnet wären dies laut Studie 7,4 ± 0,8 Prozent des Genoms der Melanesier, die von einer früheren Vermischung mit archaischen Homininen stammen. Im September 2011 wurden weitere genetische Befunde publiziert, die nunmehr auf einem Vergleich der DNA von 33 heute lebenden Populationen aus Asien und Ozeanien mit denen der Denisova-Fossilien beruhten. Demnach konnten DNA-Spuren der Denisova-Menschen auch bei den Aborigines in Australien, bei den Mamanwas auf den Philippinen sowie im Osten von Indonesien nachgewiesen werden, nicht aber im Westen von Indonesien, bei den Onge auf den Andamanen, bei den Jehai in Malaysia und bei Bevölkerungsgruppen in Ostasien. Die Autoren dieser Studie interpretierten den Nachweis von Denisova-DNA in Ost-Indonesien, Australien, Papua-Neuguinea, Fidschi und Polynesien als Beleg dafür, dass die genetische Vermischung in Südostasien stattgefunden habe, was bedeuten würde, dass die Denisova-Menschen ein Gebiet zwischen Sibirien und den Tropen besiedelt hätten. Diese Deutung ist jedoch umstritten, da frühe Wanderungen von Vorfahren der untersuchten Volksgruppen nicht ausgeschlossen werden und die sexuellen Kontakte daher auch weiter nördlich – im asiatischen Kernland – stattgefunden haben könnten.
Nun gut, das sind Detailfragen. Aber: Kein Wunder also, daß die Physische Anthropologie schon seit mehr als hundert Jahren sagt, daß die australischen Ureinwohner und die Negritos Südostasiens archaischeren Menschenarten mehr ähneln als andere Menschengruppen. (Was ja auch jedem Laien sehr schwer fällt zu übersehen.) 

Abb.: Aufnahme von Herbert Basedow, Südaustralien, 1903

Aber mehr noch: Was für Erkenntnispotentiale stecken in der modernen Humangenetik, wenn sie aus wenigen hundert Milligramm Knochenmehl eine solche Geschichte herauslesen kann, die vielhunderttausendjährige Humangeschichte eines ganzen Kontinents, nämlich des asiatischen.

Man kann auch sagen, daß die Naturwissenschaft heute die Menschheit gerne auch mal "um den kleinen Finger wickelt", in diesem Falle um das Endglied jenes kleinen Fingers, dem die wenigen hunderte Milligramm Knochenmehl entnommen worden waren ...

Ja, noch mehr: Die Ureinwohner der Philippinen stammen von anderen Denisova-Menschen ab als die Ureinwohner Neuseelands und Australiens (1, S. 27). Ausgerechnet wieder einmal die berühmte "Wallace-Linie" trennt diese beiden Nachfahrengruppen voneinander und man will jetzt in Leipzig wissen, warum es gerade diese Linie ist (1, S. 28).

Begrenzte genetische Vermischungen von "moderneren" Populationen mit "archaischeren" fördert offenbar die genetische Anpassungsfähigkeit

Und jetzt, jetzt entdecken die Physischen Anthropologen auch in China plötzlich "seltsame Schädel", von denen sie jetzt vermuten, daß es sich um Denisovaner handeln könnte (1, S. 28). Möglicherweise eine Peinlichkeit für die chinesische Anthropologie, daß sie das nicht früher gemerkt hat, daß sie es hier mit einer eigenen Menschenart zu tun hat. Der von uns sehr geschätzte Hamburger Anthropologe Günter Bräuer, ein Schüler von Ilse Schwidetzky, hatte übrigens auch hier offenbar schon wieder einmal Pionierarbeit geleistet, der - trotz der nachmaligen humangenetischen Bestätigung seiner ebenfalls frühzeitigen "Out-of-Africa-Hypothese" - offenbar dennoch bis heute in China kaum nachgegangen worden ist. Die Humangenetik treibt die Physischen Anthropologen "zu Paaren". Sie treibt sie vor sich her und klärt einmal aufs Neue viele Fragen, die von ihr viele Jahrzehnte nicht hatten geklärt werden können.

Und noch mehr: Neuerdings wird vermutet, daß sich der anatomisch moderne Mensch noch sehr spät (viele zehntausend Jahre nach seiner Artbildung in Afrika) innerhalb Afrikas selbst mit dort noch weiterlebenden archaischeren Menschenarten vermischt haben könnte. Diese weiterlebende archaischere Menschenart scheint vor allem in Zentralafrika ihre Heimat gehabt zu haben, da genetische Signale derselben derzeit am "dichtesten" bei den Pygmäen gefunden werden (1, S. 33). 

Die heutigen Papuas scheinen 95 Prozent ihrer Immungene von dem Denisova-Menschen geerbt zu haben (1, S. 34 - 36), woran ablesbar wird, das Vermischungen einwandernder mit einheimischen Populationen notwendige genetische Anpassungsprozesse der einwandernden Population erleichtert haben könnten in der Evolution. Eine Theorie, die der Humangenetiker John Hawks frühzeitig auf seinem Blog vertreten hat, und die nun zahlreiche Bestätigungen erhält. Man möchte z.B. meinen (das vertreten wir hier auf dem Blog ebenfalls seit Jahren), daß auch die genetische Geschichte des aschkenasischen Judentums und die vermutete Vermischung seiner Gründerpopulation mit deutschen Frauen nicht unbeträchtlich genetische Anpassungsprozesse an den mitteleuropäischen Kulturraum beschleunigt haben und damit zu der  großen menschheitsgeschichtlichen Bedeutung des aschkenasischen Judentums mit beigetragen haben werden.

Man kann also vermuten, daß hiermit ein allgemeingültigeres Gesetz der Humanevolution entdeckt worden ist, das auch heute und künftig noch gültig sein wird. Man fragt sich: Welche kulturellen und genetischen Selektionsprozesse sind es heute, die maßgeblich zur genetischen Zusammensetzung jener Populationen beitragen werden, die die künftige Geschichte der Menschheit tragen werden?

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*) Man vgl. etwa auch National Geographic Deutschland 8/2010 oder mehrere Spiegel-Artikel. Das Handelblatt vom 7.2.2012 hat auch ein Video mit eingebunden. Und so gibt es noch zahlreiche andere Berichte im Netz

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1. Ewe, Thorwald: Denisova-Mensch (der Heft-Titel). In: Bild der Wissenschaft 5/2012, S. 20 - 37

Freitag, 20. April 2012

1200 v. Ztr. - Vorstoß aus dem Süden nach Mecklenburg?

Hat ein "Nord-Süd-Konflikt" die Völker in Mecklenburg, im Nord- und Ostseeraum in Unruhe versetzt und sie nach Süden aufbrechen lassen?

Seit 2008 sind hier auf dem Blog Beiträge zu dem neu entdeckten bronzezeitlichen Schlachtfeld im Tollensee-Tal in Mecklenburg erschienen (1 - 4). Im aktuellen Heft von "Bild der Wissenschaft" wird auf einige spannende neue Erkenntnisse bezüglich dieser Schlacht hingewiesen (5). Vor allem: Beteiligte an der Schlacht, die sich offenbar auf einer Breite von 3 Kilometern abgespielt hat - in der also bronzezeitliche europäische "Reiche" gegeneinander gestanden haben könnten - sollen aus dem Süden, aus Mitteldeutschland, Schlesien oder dem Alpenraum stammen.

Abb. 1: Das Schlachtfeld (aus: 6)
Wir haben in vielen früheren Beiträgen vor allem seit Januar 2010 auf die bronzezeitlichen Höhenburgen, protourbanen Siedlungen bis zum Nordrand der deutschen Mittelgebirge seit 2.200 v. Ztr. hingewiesen. Wir haben auch schon behandelt, daß die Bronzezeit von einem berühmten Bogenschützen-Fürsten (Amesbury) aus dem Alpenraum nach England und Stonehenge gebracht worden ist. Auch ist ja heute gut bekannt, daß der Ackerbau selbst aus dem Süden stammt und sich nach und nach nach Norden ausgebreitet hat.

Man denkt auch an den Vorstoß der Römer nach Norden, nach Mitteleuropa und an die Ausbreitung des Christentums durch die Franken und Karl den Großen. Diese Vorgänge sind selten ganz friedlich verlaufen, bzw. werden ganz friedlich verlaufen sein. Schon in der Endzeit der Bandkeramik künden wallbewehrte Burgen vor allem an den nördlichen Außengrenzen dieses Kulturraumes von kriegerischen Ereignissen.

Und dementsprechend sind gegenläufige Völkerwanderungen in den Süden natürlich ebenso bekannt.

Eine Nord-Süd-Dialektik der Weltgeschichte?

Somit würde sich mit den neuen Erkenntnissen zur Tollense-Schlacht immer mehr ein großartiges weltgeschichtliches Szenario vervollständigen: Bevölkerungsreiche Dorf- und Stadtkulturen dringen in den Norden vor und breiten hier neue Lebensweisen aus (etwa Dorfkultur, indogermanische Sprache, Stadtkultur, Christentum ...). Nicht selten brechen die nördlicheren Kulturen dann nach einem kulturellen (und wahrscheinlich jeweils auch genetischen) Anpassungsprozeß schon wenige Jahrhunderte später in gegenläufiger Bewegung zu Eroberungszügen nach dem (ständig "dekadenter" gewordenen) Süden auf.

Also eine Art dialektischer Prozeß.

Bekannt ist, daß unter den Völkern des "Seevölkersturmes" um 1200 v. Ztr. im Mittelmeerraum auch Völkerschaften aus Mitteldeutschland mitgezogen sind, die sich unter anderem im heutigen Palästina angesiedelt haben (siehe frühere Beiträge). Offenbar haben also aus dem mitteldeutschen Raum gleichzeitig Völker sich auch Richtung Norden in Bewegung gesetzt. Wer weiß, welche Unruhen dadurch im Nord- und Ostseeraum ausgebrochen sind. Warum sollen nicht auch hier Völker aufgebrochen sein und sich schließlich am Seevölkersturm im Mittelmeerraum beteiligt haben, wo doch heute gut bekannt ist, daß die kulturellen und wirtschaftlichen Kontakte zum Mittelmeerraum damals vergleichsweise gut waren? Wir erfahren (6):
Im Tollense-Tal kommen schon seit Jahrzehnten aus dem Aushub von Flußbaggerungen immer wieder  hübsche Bronzefunde ans Tageslicht: Gefäße wie Fibeln und Gürteldosen, zudem Werkzeuge wie Beile und Sicheln. (...) Einige wurden in der Region hergestellt, andere stammen aus weiter entfernten Gebieten wie dem Erzgebirge und dem Ostalpenraum.
Und:
Im Tollense-Tal wurde eine Reihe von Bronzenadeln entdeckt, wie sie in der Älteren Bronzezeit im heutigen Schlesien, 400 Kilometer südöstlich der Fundstelle, in Mode waren. Der Verdacht erhärtet sich mit jedem weiteren Fund: Hier, inmitten der Idylle, tobte ein Nord-Süd-Konflikt.
Allerdings will einen der wichtigste Hinweis für diese These, nämlich daß die Knochen der Gefallenen auf C4-haltige Pflanzennahrung hinweisen und deshalb aus dem Süden stammen, weil ("nur"?) dort Hirse angebaut worden sein soll, zumindest in der Kürze, in der diese in diesem Artikel gebracht wird, noch nicht recht überzeugen: Denn auch im Ostseeraum haben doch damals die Menschen von Hirse gelebt?

Man darf in jedem Fall auf weitere Erkenntnisse sehr gespannt sein.

"Archäologie ist auch eine Chance für die Region"

- - - Ergänzung 27.4.12/24.5.12 - - -

Neue Gold-, Zink- und Bronzefunde, vorgestellt auf einer Pressekonferenz an der Universität Greifswald (Uni GreifswaldidwNDRNordkurier 1, 2, T-Online), verstärken den Eindruck davon, daß hier 1250 v. Ztr. in Mecklenburg eine große und geschichtlich bedeutsame Schlacht stattgefunden hat. An dieser sind offenbar auch reiche Fürsten beteiligt gewesen und in dieser gefallen, möglicherweise - siehe Haarschmuck - sogar Fürstinnen. Ebenso wecken kunstvoll geschwungene bronzene Pfeilspitzen die Aufmerksamkeit. Noch ein Zitat (Nordkurier, 23.5.12) (Hervorhebung nicht im Original):
Aber auch eine Nadel stellt die Wissenschaftler vor neue Fragen. „Wir konnten die Bronzenadel einem Formtyp aus dem Süden zuordnen“, erklärt Anne Dombrowsky. Wie ist sie in das Tollensetal gekommen? Gab es zwischen dem Süden und Norden Handelsbeziehungen oder wurde die Nadel mitgebracht? Diesen Fragen geht die Doktorandin jetzt nach. Generell sei die Qualität und Menge sehr auffällig, betont sie. „Wir haben 24 Bronzepfeilspitzen finden können, genauso viele wurden in den letzten 150 Jahren im gesamten Mecklenburg-Vorpommern zu Tage gebracht.“
Die Wissenschaft hat den Fund bereits für sich entdeckt. Doch für Touristen ist er noch nicht zugänglich. „Eine touristische Nutzung ist nicht ganz einfach“, erklärt Terberger. Er könne sich vorstellen, dass der Besuch eines Museums mit dem Besuch der Landschaft verknüpft werden könne. Aber dies sei Aufgabe des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Dass sowas gut klappen kann, zeigt die bronzene Himmelsscheibe von Nebra. „Fast jeder kennt sie. Archäologie ist auch eine Chance für die Region“, so Terberger.


_____________
1. Bading, Ingo: 1.250 v. Ztr. - Die Schlacht von Altentreptow. Auf: Studium generale, 8.10.2008.
2. Bading, Ingo: Schlacht mit Holzknüppeln in der Ostsee-Region, 1250 v. Ztr.. Auf: Studium generale, 13.10.2008
3. Gründler, Karl F.: Sie schlugen sich mit Holzkeulen die Köpfe ein. Ein Schlachtfeld der Bronzezeit an der Tollense in Mecklenburg. Tagesspiegel, 03.09.2009 [17.1.10]
5. Bading, Ingo: 1.200 v. Ztr. - Vergleichsmöglichkeiten von Schlachten in Mecklenburg und Ägypten. Studium generale, 16.8.2011

Freitag, 6. April 2012

Ostasiatische Gene, Keramik und Hirse breiten sich nach Westen aus (7.000 v. Ztr. und später)

"Dienekes Anthropologie-Blog" (1) macht auf eine neue humangenetische Studie aufmerksam (PLoS One), in der zum wiederholten male ostasiatische menschliche Gene in Osteuropa gefunden werden und in der abschließend auf archäologische Studien hingewiesen wird (Detlef Gronenborn u.a., 2005) zur Ausbreitung von Keramik und Seßhaftigkeit von aus Asien nach Osteuropa. Wobei (Halb-)Seßhaftigkeit - wie im Vorderen Orient - Jahrtausend lang noch keineswegs Ackerbau selbst impliziert oder implizieren muß.

Abb. 1: Erste Kulturen mit Keramik in zeitlicher Abfolge: Yelshanian (1), Rakushechnyi Yar (2), Buh-Dniestrian (3), Obere Wolga (4), Valdai (5), Sperrings (6), Narva (7), Chernoborskaya (8), Serteya (9) und Zedmar (10) (aus: D. Gronenborn u.a., pdf 2005)
Auch die Hirse hat sich schließlich in der Zeit des Frühneolithikums höchstwahrscheinlich von China aus nach Europa verbreitet. Dabei ist inzwischen auch klar geworden, daß nicht die Jomon-Kultur in Japan die weltweit älteste Kultur mit Keramik darstellt, sondern eine Kultur am mongolischen Amur-Fluß (lt. Detlef Gronenborn u.a., 2005):
An early centre of pottery-making has been identified in the Russian Far East on the lower stretches of the Amur River: Gasya (14,200 - 10,690 cal BC), Khummi (14,600 - 9700 cal BC) and Goncharka (13,400 - 9700 cal BC), as well as Gromatukha on the Zeya River (13,500 - 9230 cal BC). Early dates have been obtained for pottery-bearing sites in the Trans-Baikal province in southern Siberia: Ust-Karenga (11,600 - 10,450 cal BC), Ust-Kyakhta (11,900 - 11,150 cal BC) and Studenoye (11,250 - 10,350 cal BC). (...) This technical novelty initially emerged in the forest-steppe belt of northern Eurasia starting at about 14,500 cal BC, and spread to the west to reach the south-eastern confines of East European Plain by 7000 cal BC.
Man hat also davon auszugehen, daß sich die Keramikverwendung von den osteuropäischen Steppen aus nicht nur bis in den Mittelmeerraum (Cardial-Kultur ab 6.500 v. Ztr.) und in den Vorderen Orient (etwa Hassuna-Kultur ab 5.800 v. Ztr. und ihre Vorgängerkulturen) hinein verbreitet hat, sondern nur wenig später auch bis in die Ostseeregion (Ertebolle-Kultur ab 5.300 v. Ztr.). (Siehe auch Henny Piezonka 2008 oder Wikip..)

Noch um 850 n. Ztr. kamen mit den ungarischen Stämmen asiatische Gene nach Osteuropa (s. St. gen., 11.10.11). Ob die älteste Schicht ostasiatischer Gene sich schon mit dem Frühneolithikum, mit Keramik und Hirse ausbreitete oder später, wird wohl nach und nach noch genauer zu klären sein.

Denkbar ist die Ausbreitung der Gene ja nicht nur in den Körpern von Eroberern, sondern auch in den Körpern von Sklaven, denn der Sklavenhandel in Osteuropa ist bis ins Frühmittelalter hinein bezeugt und Tacitus berichtet von davon, daß die ostgermanischen Könige ihre Macht insbesondere auf Sklavenbesitz gründeten. Auch können sie sich ausbreiten in der Form des "Mitwanderns" von abhängigen, weniger kriegerischen und wanderungsfreudigen Unterschichten oder angegliederten Stämmen und Völkern mit anderen Völkern.
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