Samstag, 5. Mai 2012

Die dreistufige Rakete "Neolithische Revolution" und ihre lange "Vorbrennphase"

Ein um zehntausend Jahre verlängerter Vorlauf des Neolithikums im Vorderen Orient

Das Wichtigste in Kürze: Um 18.000 v. Ztr. hat es in einer Oase 70 Kilometer östlich von Amman (am östlichsten Rand des bis heute bekannt gewordenen Verbreitungsgebietes der damaligen Kulturstufe des "Kebaran") eine halbseßhafte Siedlung von einer Größe gegeben, wie sie - nach heutigem Wissensstand - erst wieder ab 9.500 v. Ztr. mit der vollneolithischen Lebensweise erreicht worden ist. Die halbseßhafte "Vorlaufphase" zur vollneolithischen Lebensweise, in der offenbar die neue Lebensweise in vielen tausenden von Jahren um evolutionäre Stabilität rang, dauerte somit nicht 3.000, sondern 13.000 Jahre.
 
Bis in die 1980er Jahre hinein wurde die "neolithische Revolution" von der Forschung als ein einmaliger großer gewaltiger Akt angesehen. In den 1980er und 1990er Jahren breitete sich dann die Erkenntnis aus, daß die neolithische Lebensweise der Menschheit viel eher startete wie eine dreistufige Rakete (4 - 6). Diese Erkenntnis wurde damals unter anderem recht anschaulich popularisiert durch den Wissenschaftsjournalisten Roger Lewin (Abb. 1).

Abb. 1: Neolithische Revolution - frühere und heutige Vorstellung (aus: Roger Lewin, 1992)
Diese drei Stufen hießen (und heißen) im Fachjargon: Kebaran --> Natufium --> PPNA / PPNB. Also: kleine umherziehende Jäger-Sammler-Verbände --> halbseßhafte Erntevölker --> Dorfkultur / Stadtkultur. Einen vielleicht ganz brauchbaren Forschungsüberblick habe ich dazu einmal 1995 in einer Seminararbeit gegeben (6). Diese Stufenabfolge ist auch noch einmal in Abbildung 2 differenzierter - zusammen mit den jeweiligen Siedlungsgrößen dargestellt.

Abb. 2: Die Kulturstufen der neolithischen Revolution (aus: T. Molleson, 1994, ergänzt durch I.B.)
Bis zum gegenwärtigen Jahr 2012 hatte man nun angenommen, daß dieses Rakete zwar dreistufig gestartet sei, aber praktisch "aus dem Stand" losgeflogen wäre, daß die Menschen im Vorderen Orient bis zum Start jener Rakete um 12.000 v. Ztr. (14.000 v. h.) dort immer noch so gelebt hätten - vor allem mit ähnlicher Siedlungsdichte -, wie noch heute die Buschleute in Südafrika in der Kalahari.

Doch spätestens seit Anfang dieses Jahres wissen wir: die erste Stufe dieser Rakete "Neolithische Revolution" mußte sage und schreibe zehntausend Jahre länger brennen, als bislang bekannt, um jene ausreichende Beschleunigung zu erlangen, die schließlich dazu ausreichte, den weit entfernten Planeten "Dorfkultur"/Ackerbau zu erreichen (und von dort aus dann - über weitere Brennstufen - den noch viel weiter entferten Planeten "industrielle Revolution", auf dem wir heute leben). Was also haben wir dieser dreistufigen Rakete alles zu verdanken? Was wäre passiert, wenn ihr zwischendurch der Brennstoff ausgegangen wäre? (Wenn wir nur diesen Brennstoff überhaupt schon kennen würden!) Aber wieviel mehr noch haben wir vielleicht nun ihrer zehntausendjährigen "Vorbrenn"-Zeit zu verdanken?!

Diese erste genannte Stufe "Natufium" hatte beinhaltet: Halbseßhaftigkeit aufgrund des Jagens großer Gazellenherden und des Erntens von wildem Getreide. Diese Kennzeichen galten als das menschheitsgeschichtlich Neue der Kulturstufe des Natufium (12.000 - 9.000 v. Ztr.). Jene Kuzlturstufe, in der etwa in der heutigen Südtürkei auch das berühmte Bergheiligtum von Göbekli Tepe (11.000 v. Ztr. - 8.000 v.Ztr.) - so ganz nebenbei - "gezündet" wurde, bzw. entstanden ist. Seit Kurzem wissen wir nun: Auch die "Zündung", auch das Entstehen dieses Bergheiligtums war der Endpunkt nicht eines vielleicht 2.000-tausendjährigen "Brennens" der Raketenstufe "Natufium", sondern der Endpunkt eines etwa 13-tausendjährigen "Brennens", nämlich mit der Kulturstufe des vorausgehenden Kebaran (21.000 - 12.000 v. Ztr.) zusammen. Klar ist: die ersten Tempel entstanden, noch bevor die Siedlungs- und Lebensformen Stadt, Dorf oder Vollseßhaftigkeit überhaupt erreicht waren. Sprich: Die Rakete der Götter der Menschen beschleunigte noch früher, als die der Menschen selbst ... (- ... Vielleicht war das schon ein Teil des Brennstoffes?)

Die dreistufige Rakete "Neolithische Revolution"

Jedoch: Von den Göttern der Menschen, die in den zehntausend Jahren Vorbrennzeit vor dem Natufium lebten, also in der ihm vorausgehenden Kulturstufe des Kebaran (21.000 - 12.000 v. Ztr.), wissen wir bis heute noch so gut wie nichts. Auffallenderweise. Wenn aber auch diese Kulturstufe schon gekennzeichnet sein sollte durch das Merkmal der Halbseßhaftigkeit, wie seit Anfang dieses Jahres bekannt (1), dann bekommt das Neolithikum einen (Brenn-)Vorlauf, der bis in die Zeit zurückreicht, in der in Europa die Renntierjäger der Eiszeit ihre kunstvollen Höhenmalereien und Elfenbeinfigurinen ausgestalteten.

Abb. 3: Verbreitungsgebiet der Kultur des Kebaran mit dem östlichen Außenposten Kharaneh IV
Schon vor zehn Jahren war an einer Ausgrabungsstätte am See Genezareth (Ohalo, engl., Arch.) eine 21.000 Jahre alte Siedlung gefunden worden (bdw 2001), die 2.000 Quadratmeter (0,2 Hektar) umfaßte. So ungewöhnlich sie erscheinen mußte, hatte sie doch bis heute noch als eine Art "merkwürdiger Einzelfall" gelten können. Doch in diesem Jahr wird eine etwa zeitgleiche Siedlung 70 Kilometer östlich von Amman in Jordanien (vgl. Abb. 1) bekannt, die sogar schon zehnmal so groß war wie jene Siedlung am See Genezareth, nämlich 21.000 Quadratmeter (2,1 Hektar) umfaßte. Ihr Name: "Kharaneh IV" (1):
Kharaneh IV is unparalleled in size and artifact density for the entire Epipalaeolithic, Natufian included.
"Natufian included" schreiben die Forscher! Was in diesen beiden Worten enthalten ist. Das heißt, für die Zeit seit 18.000 v. Ztr. hat es bis zum Beginn der vollneolithischen Lebensweise des PPNA ab etwa 9.500 v. Ztr. nach heutigem Kenntnisstand nie wieder eine so große Siedlung gegeben, wie am östlichsten Rand des derzeit bekannten Verbreitungsgebietes der Kultur des Kebaran um - - - 18.000 v. Ztr. (s. Abb. 2). Und das, obwohl das Natufium mehrere Jahrtausende umfaßte und archäologisch vergleichsweise gut erforscht ist. - Mußte etwa bei der Raketenzündung selbst mehr Energie aufgewendet werden, als im nachmaligen "Brennvorlauf"? Die Forscher schreiben (2):
The last EP phase, immediately preceding the Neolithic,
(also das Natufium ab 12.000 v. Ztr.)
is by far the best-studied in terms of its cultural and economic contributions to questions on the origins of agriculture. Recently, archeologists have considered the earlier parts of the EP 
(also das Kebaran ab 20.000 v. Ztr.)
to be more culturally dynamic and similar to the later phase (Natufian) than was previously thought. The earlier EP is increasingly seen as demonstrating the behavioral variability and innovations that help us to understand the economic, technological, and social changes associated with complex hunter-gatherers of the Natufian and farmers of the Neolithic.
Will heißen: Das Kebaran hilft uns, den Raketenaufbau und das Funktionieren der Rakete insgseamt besser zu verstehen. Es wird somit deutlicher, daß das Natufium und das Kebaran zusammengesehen werden müssen, daß die erste Stufe der genannten Rakete nicht "Natufium" heißt, sondern "Natufium & Kebaran". Daß das Natufium vielleicht nur die gesellschaftlich stabilisierte "Endphase" des Kebaran darstellt. Es wird also inzwischen deutlich mehr die Kontiuität zwischen Kebaran und Natufium betont, als die Diskontinuität. Das Natufium, bzw. dann das nachfolgende PPNA mögen nur die endlich "stabil" gewordene Endphase dessen aufzeigen, was in 13-tausend Jahren zuvor noch größere Instabilität und Seltenheit aufgewiesen haben mag.

Die Rakte - Wie startete sie? Wie beschleunigte sie? ...

Abb. 2: Vereinzelte Gräber oder Menschenknochen
Diese herausragende Siedlung "Kharaneh IV" befindet sich in einer heutigen Steppen- bzw. Wüstenregion in der Nähe einer (vormaligen) Oase. Zur Zeit ihres Bestehens vor 20.000 Jahren war es dort (auf dem Höhepunkt der Eiszeit in Nordeuropa) deutlich feuchter. Somit verdichtet sich das Bild darüber, daß die halbseßhafte Vorläuferkultur im Vorderen Orient viel längere "Anlaufzeiten" zur Erreichung der Vollseßhaftigkeit genommen hatte, als man das bisher ahnen konnte. Wir erfahren (Archäologie Online, Febr. 2012):
Das Areal wurde regelmäßig saisonal von einer großen Gruppe besiedelt und für rituelle Zwecke genutzt. Die Ergebnisse der Ausgrabungen von Kharaneh und von anderen gleichzeitigen Fundstellen wie Ohalo II am See Genezareth deuten immer stärker darauf hin, daß der Beginn von - zumindest saisonaler - Sesshaftigkeit und "dörflichen Strukturen" deutlich früher zu suchen ist als bisher allgemein angenommen.
Und in einem aus dem Englischen übersetzten Bericht (Astropage, 24.2.12):
Die Archäologen gruben hunderttausende von Steinwerkzeugen, Tierknochen und anderen Funden in Kharaneh IV aus, das sich heutzutage nur mehr als ein 3 Meter hoher Erdhügel über die Wüstenlandschaft erhebt. (...) Bis jetzt hat das Team zwei Hütten komplett ausgegraben, doch unter dem Wüstensand könnten sich noch einige mehr verbergen. "Sie sind nicht unbedingt groß. In der Länge messen sie maximal zwei bis drei Meter und sie wurden in den Boden gegraben. Wände und Dach waren aus Geäst, das verbrannt ist und einstürzte und dunkle Markierungen hinterließ", beschreibt Dr. Tobias Richter von der Universität Kopenhagen und einer der Co-Direktoren des Projekts. (...)
Obwohl ein Archäologenteam bereits 1989 bei Ausgrabungen in Ohalo II am Ufer des Sees Genezareth das mit 23.000 Jahren älteste hüttenartige Bauwerk gefunden hatte, glaubt das Team an der Grabungsstätte Kharaneh IV, dass ihre Entdeckung nicht weniger bedeutend ist, wie Dr. Maher erklärt: "Im Inneren der Hütten fanden wir Stapel von sorgfältig ausgebrannten, ausgehöhlten Gazellen-Hörnern, Klumpen von rotem Ocker-Farbstoff und einen Vorrat von hunderten, gelochten Meeresmuscheln. Diese Muschelperlen wurden über eine Strecke von mehr als 250 Kilometern vom Mittelmeer und dem Roten Meer an diesen Ort gebracht was beweist, dass die Menschen dort sehr gute regionale soziale Netzwerke hatten und Gegenstände über beträchtliche Entfernungen hinweg austauschten."
Wie noch Jahrtausende lang später während der Vollseßhaftigkeit (bis etwa 6.000 v. Ztr.) in dieser Region stellte wahrscheinlich die Jagd auf Gazellenherden die Hauptsubsistenzgrundlage dar:
Gazelles make up fully 90% of the faunal assemblage at Khanareh IV, and researchers believe that gazelles visiting the pools in the basin may have been the initial attraction for the hunter-gatherers. 
In der neuen Studie (1) wird aber auch auf deutliche Unterschiede zwischen Kebaran und Natufium hingewiesen:
Archaeologists have tended to contrast the flimsy, ephemeral, short-term dwellings of the Early and Middle Epipalaeolithic
(also des Kebaran)
with the more durable, long-lived and solidly-built constructions of the (Early) Natufian. This is further exemplified by reference to earlier Epipalaeolithic structures as ‘huts’ and later Natufian and early Neolithic structures as ‘houses/homes’. However, that supposedly more ‘solid’ constructions do not imply more permanent occupation or long-term use has not gone unnoticed by researchers. The apparent contrast between earlier Epipalaeolithic and Natufian structures is further highlighted by an increasing emphasis on the non-domestic, ritual use of structures during the Natufian and the Pre-Pottery Neolithic A, and lack of evidence for (but acknowledgement of the possibility of) these ‘special’ uses in earlier phase.
Also die Wohnstrukturen des Natufium sind die Archäologen eher geneigt, als Häuser anzusprechen, als jene des Kebaran, die eher nur "Hütten" gewesen zu sein scheinen, wenn auch die Dauer der Benutzung bei beiden ähnlich gewesen sein mag. Außerdem gibt es im Natufium bisher noch deutlichere Hinweise auf nichthäusliche rituelle (sprich religiöse) Betätigung - sprich in letzter Instanz Tempel - als im Kebaran. (Sprich: Die Götter des Kabaran bleiben - zumindest den Archäologen bisher - unsichtbar.)

... - Und: Was war der Brennstoff?

Es ist aber vor allem die ungewöhnliche Siedlungsgröße von 21.000 Quadratmetern (2,1 Hektar), die während der gut erforschten 3.000 Jahre Natufium nie erreicht wurde (nur bis 0,5 Hektar), die weiterhin erklärungsbedürftig bleibt, und von der zu klären sein wird, ob sie ein einmaliges Auftreten darstellt oder in jener Zeit häufiger in dieser Region vorkam und nur bis heute nicht entdeckt wurde.

Vor fünfzehn Jahren war die Erkenntnis spannend, daß die ersten Ackerbaukulturen nicht fünf-, sondern zehntausend Jahre alt sind. Doch wen hätte diese ganz unerwartete Verdoppelung der Zeitspanne ackerbautreibender Kulturen und die unerwartete Erkenntis von der Dreistufigkeit der Rakete Neolithische Revolution nun auch ermutigt zu sagen, auch die Vorläuferphase dieser ackerbautreibenden Kulturen müsse dementsprechend noch viel länger gedauert haben, als bisher sichtbar? Jetzt jedenfalls lernen wir, daß die Vorläuferkulturen des Ackerbaus nicht drei-, sondern dreizehntausend Jahre für sich in Anspruch nahm. Aus dem Nachhinein betrachtet eigentlich eine plausible Erweiterung unserer Kenntnisse. Aber wieder einmal ist Bescheidenheit angesagt: Seit Isaak Newton hat sich nichts geändert: Wir finden doch immer wieder neue  Steine am Meeresstrand unseres Nichtwissens und Nichtahnens.

Denn: So lächerlich es klingen mag: Niemand kann besonders konkret den Brennstoff jener Rakete benennen, die uns so weit gebracht hat. Und somit wissen wir auch nicht, wie und womit wir die nächste anstehende Stufe zünden sollen ...

____________
ResearchBlogging.org1. Maher, L., Richter, T., Macdonald, D., Jones, M., Martin, L., & Stock, J. (2012). Twenty Thousand-Year-Old Huts at a Hunter-Gatherer Settlement in Eastern Jordan PLoS ONE, 7 (2) DOI: 10.1371/journal.pone.0031447
2. Maher LA, Richter T, Stock JT (2012): The Pre-Natufian Epipaleolithic: Long-Term Behavioral Trends in the Levant. In: Evolutionary Anthropology 21: 69 - 81
3. Michael Balter: New Light on Revolutions That Weren't. In: Science 4 May 2012: Vol. 336 no. 6081 pp. 530-531 DOI: 10.1126/science.336.6081.530
4. Lewin, Roger: Spuren der Menschwerdung. Die Evolution des Homo sapiens. Heidelberg 1992
5. Molleson, T.: Die beredten Skelette von Tell Abu Hureyra. In: Spektrum der Wissenschaft, Oktober 1994, S. 98 - 103
6. Bading, Ingo: Die Neolithische Revolution im Vorderen Orient 12.000 bis 6.000 v. Ztr.. (Eigentlicher Titel: Populationsstrukturen und Transitions-Vorgänge im Levanteraum vom Epi-Paläolithikum bis zum PPNB.) Seminararbeit für den Anthropologischen Kurs II (Populationsstrukturen) von PD Dr. Winfried Henke, Universität Mainz, SS 1995

Freitag, 4. Mai 2012

Der Genetiker James Crow (1916 - 2012) gestorben

Wer sich in den letzten Jahren intensiver und in aller Breite mit der Genetik von angeborenen Begabungs- und Neigungsunterschieden zwischen Rassen und Völkern beschäftigt hat, sowie mit ihrem evolutionären Entstehen (vgl. unser Buchprojekt), ist irgendwann auch auf den nicht unbedeutenden amerikanischen Populationsgenetiker James Crow (1916 - 2012) gestoßen (etwa: 1, 2). Bei diesem Anlaß konnte man überhaupt feststellen, daß fast alle bedeutenderen Genetiker der letzten Jahrzehnte schon sehr früh zu diesen Fragen Stellung genommen hatten, ohne daß ihre sonst vorhandene Autorität so weit gegangen wäre, hierbei Einfluß auf die Ansichten der Mehrheit der studierten Biologen, geschweige der öffentlichen Meinung überhaupt zu nehmen. In Fragen von politischer Relevanz scheint für viele Akademiker dann wissenschaftliche Autorität doch allein nicht ausschlaggebend zu sein.

Der Genetiker James Crow mit Viola
Nun ist James Crow im Januar dieses Jahres in dem gesegneten Alter von 95 Jahren gestorben. Und erst aus diesem Anlaß heraus erfährt man in Nachrufen, insbesondere von Seiten seiner Schüler (3) von den außerordentlich zahlreichen liebenswürdigen, ja, begeisternden Eigenschaften des Menschen,  akademischen Lehrers, Doktorvaters, Forschers und Wissenschaftsorganisators James Crow.

Diese Nachrufe kann man jedem Leser nur empfehlen, selbst nachzulesen (inbesondere: 3). (Übrigens scheint unser Blogartikel der erste deutschsprachige Artikel aus Anlaß des Todes von James Crow zu sein.) Einen solchen Nachruf (3) zu lesen ist - wie so oft bei bedeutenderen Wissenschaftlern - schon allein vom menschlichen Standpunkt aus gesehen rundum eine Bereicherung.

So scheint es zum Beispiel - wie recht häufig - auch bei James Crow die klassische Musik gewesen zu sein, die einen bedeutenden emotionalen Ausgleich geschaffen hat zum abstrakt-intellektuellen Arbeitsalltag seines Fachgebietes (siehe Foto). Und es sollte vielleicht auch nicht unerwähnt bleiben, daß die gewiß nicht unbedeutende Schule der japanischen Populationsgenetik seit Motoo Kimura im Wesentlichen auf James Crow zurückzugehen scheint (3). Ebenso ist zu erwähnen, daß sich James Crow früh für die Erforschung der genetischen Schäden eingesetzt hat, die von der Nutzung der Energie durch Atomkernspaltung ausgehen. Und auch für die Nutzung der Genetik in der Kriminologie hat er sich früh eingesetzt.

James Crow in der IQ-Debatte seit 1969

Doch im Rahmen eines der Schwerpunktthemen dieses Blogs sei hier nur noch festgehalten, welche Erfahrungen James Crow schon 1969 im Zusammenhang mit der damaligen IQ-Debatte rund um Arthur Jensen machte, dessen intellektuelle Ehrlichkeit Crow vollumfänglich anerkannte, so wie die Forschungen von Jensen heute auch etwa vom dem IQ-Forscher Detlev Rost vollumfänglich anerkannt sind:
... The only time Crow’s steady diplomacy seemed insufficient was when he was asked to comment on a 1969 article by Arthur Jensen on the race and IQ controversy. Jensen had been heavily criticized for his view that much of the variability in IQ was genetic. Crow wrote that he did not agree with many of Jensen’s conclusions, but thought that Jensen was intellectually honest and that his quantitative methodology was sound. In those days, there was a common misconception that any non-zero heritability of IQ implied that racial differences were heritable. Crow understood that this was not the case
(- ?)
and tried to explain it in a way that would be transparent to nonscientists. It wasn’t enough. In the highly charged climate of the day, Crow found his classroom picketed, and placards abusing his name ‘Jim Crow’ were posted outside the lecture hall. Crow must have known the effect his words would have, but he expressed his views with courage and honesty. Outwardly, at least, he handled the student protests with his usual good-humored aplomb until it  blew over after a few weeks. If there  was a silver lining to this episode,  it was that all of us who knew Crow  were left with a deeper understanding  of the meaning of intellectual integrity.
Obwohl Crow also die zurückhaltendste Interpretation von Intelligenz-Unterschieden zwischen Rassen anbot, die überhaupt nur möglich war  (- das eingefügte Fragezeichen soll die Frage andeuten, ob das hier eigentlich von seinem Schüler wirklich richtig wiedergegeben worden ist) und obwohl er ein außerordentlich konzilianter, beliebter akademischer Lehrer war, konnte ihn das alles dennoch nicht davor bewahren, in den Feuersturm der damaligen IQ-Debatte hineinzugeraten. Das ist sicherlich ein gutes Anzeichen für die Aufgeheiztheit der Stimmung im Jahr 1969. Deren Nachwirkungen sind oft heute noch zu spüren, zumindest in der älteren Generation der heute noch lebenden und wirkenden Wissenschaftler.

Doch seit den Büchern von Detlev Rost, Thilo Sarrazin - neuerdings wieder Dieter E. Zimmer -, sowie den breiten wissenschaftlichen Entwicklungen seit der vollständigen Entzifferung des menschlichen Genoms und der daraus folgenden Erkenntnisse hat sich daran doch einiges geändert.

Wann aber endlich einmal im Gegenteil ein Feuersturm über die wissenschaftlichen Ignoranten hinwegstürmt, was diese Themen betrifft, vor dieser Frage steht man wie vor einem großen Rätsel: Die Wissenschafts- und Weltgeschichte läßt sich schlicht nicht in die Karten gucken.

______________
1. Crow, James F: Unequal by Nature: A Genetist's Perspective on Human Differences. In: Daedalus, Winter 2002, S. 81 - 88
2. Khan, Razib: Group selection in humans? (25.6.2006) – 10 questions for Jim Crow, 26.6.2006, auf: gnxp.com
3. Engels, William R.: Obituary James Franklin Crow (1916 - 2012). In: Current Biology, 10 April, 2012 Volume 22, Issue 7 (pdf)
4. Hawks, John: James F. Crow 1916 - 2012. JohnHawks.net, 4.1.2012
5. Stockinger, Jacob: James Crow - famed geneticist, devoted viola player and classical music fan and philanthropist - dies at 95 in Madison. The Well-Tempered Ear, 6.1.2012
6. Seymour Abrahamson: James F. Crow - His Life in Public Service. In: Genetics, January 2012 190:1-4; doi:10.1534/genetics.111.135186
7. Wade, Nicolas: James F. Crow, Population Genetics Pioneer, Dies at 95. New York Times, 10.2.2012

Donnerstag, 3. Mai 2012

Die Christianisierung Englands

Eine Rezension in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "History" (1) macht auf eine Neuerscheinung zur Geschichte und Archäologie der Christianisierung Englands aufmerksam (2) und damit überhaupt auf dieses Thema.

Das folgende ist zunächst vorwiegend nach den verlinkten Wikipedia-Artikeln erarbeitet. Es waren rechte Haudegen, unsere Verwandten, die in der Völkerwanderungszeit ab 450 n. Ztr. von Schleswig-Holstein und Niedersachsen aus nach England übersetzten und dort als "Angelsachsen" das Land beherrschten, so wie zur gleichen Zeit aus der Elberegion die Alemannen nach Süddeutschland wanderten.

450 n. Ztr. - Völker wirbeln durcheinander

Ostanglien war eine der ersten Gegenden Englands, die unsere Verwandten 450 n. Ztr. eroberten und besiedelten, und wo das Königsgeschlecht der Wuffinger sein Königreich Ostanglien (East Anglia) gründete. Hier zuerst wurde die englische Sprache gesprochen. (Der Name "Wuffinger" leitet sich her von Wolf, dieses Fürstengeschlecht sah sich also als Nachkommen der Wölfe an.) Sie gründeten in Ostengland ein Königreich so wie unsere Verwandten, die Wandalen, ihr Königreich in Afrika gründeten, die Goten ihre Königreiche auf dem Balkan, in Italien und Spanien, die Langobarden ihr Königreich in Norditalien, die Bajuwaren und Alemannen ihre Königreiche in Süddeutschland, der Schweiz und im Elsaß, die Franken in Frankreich, die Thüringer in Thüringen und so weiter.

"Windzeit ist's, Wolfszeit, nicht ein Mann wird des anderen schonen", sangen damals die Seherinnen in ihren "Gesichten" (vgl. Völuspa).

Alle diese Völker wurden nach und nach zu Christen, im Süden schneller, im Norden hingen sie oft viel länger am angestammten heidnischen Glauben und ihren heidnischen Göttern. Im Stammland der Sachsen und Angeln auf dem Kontinent in Norddeutschland und England übrigens noch mindestens hundert Jahre länger als in England. Und wie die meisten germanischen Königsgeschlechter führten auch die Wuffinger ihre Herkunft auf eine heidnische Gottheit zurück, nämlich auf den Gott Wotan.

597 n. Ztr. beginnt die offizielle Christianisierung Englands

Als der Missionar, "Apostel" Englands - so wie der Engländer Bonifazius einhundert Jahre später als der Apostel der Deutschen - gilt der  Erzbischof Augustinus von Canterbury (gestorben 604). 597 wurde er von Papst Gregor I. zu Æthelberht, dem König von Kent im südlichen England, gesandt. Damals konnten Erzbischöfe, Apostel und "Heilige" noch ganz regulär verheiratet sein. Und so war Augustinus denn auch mit niemand geringerer verheiratet als mit einer Tochter des Merowingerkönigs. Thron und Altar reichten sich eben schon damals die Hand. Auch Æthelberhts Frau war Christin und förderte die Christianisierung ihres Landes.

Eine Personifizierung des Umbruchs - König Raedwald von Sutton Hoo

Helm des Königs Raedwald von Sutton Hoo
Diese Jahrhunderte waren sehr kriegerische. Immer wieder fielen - noch zweihundert Jahre später - die Dänen und Wikinger in England ein und beherrschten zeitweise auch Ostanglien. Die englische Königreiche innerhalb Englands bekriegten einander. In dem berühmten Schiffsgrab von Sutton Hoo (etwa 625 n. Ztr.), ließ sich der ostanglische König Raedwald (539 - 625) (Wiki engl) gemäß einer nicht einheimischen Sitte, sondern gemäß der Sitte der Wikinger begraben:
Zu Beginn seiner Herrschaft stand Rædwald unter der Oberherrschaft des Bretwalda Æthelberht von Kent. Æthelbert drängte Rædwald, den christlichen Glauben anzunehmen. Beda Venerabilis (ein mittelalterlicher Chronikschreiber) sagt Rædwald nach, er habe sich um 604 in Kent der Taufe unterzogen und die Gottesdienste besucht, zugleich aber weiter seinen alten Göttern gedient. In seinem Tempel sollen zwei Altäre, einer für den christlichen und einer für die heidnischen Götter gestanden haben.
Also so wie viele damals ein echter Haudegen, dieser König Raedwald.

Nach der Christianisierung ist der Ort seines Grabes - laut der archäologischen Befunde - als Hinrichtungsstätte (!) genutzt worden. Der Ort war also wohl aus christlicher Sicht eher ein verrufener Ort geworden, ein Ort des Teufels. Offenbar die typische christliche "Umwertung aller Werte". König Raedwald wird von seinen Nachfahren als "unverbesserlicher Heide", als Sohn des Teufels angesehen worden sein.

Sein christlich gewordener Sohn wurde jedoch noch von einem Heiden erschlagen. Erst der darauffolgende König Sigebert, ein Stiefsohn König Raedewalds, leitete dann die Christianisierung Ostangliens ein und holte dazu den Missionar Felix als ersten Bischof nach Dunwich. Und um 700 n. Ztr. war dann ganz England und Ostanglien im Wesentlichen christlich.

Dies sind die Zeiten und historischen Vorgänge, von denen auch die neue Buchveröffentlichung handelt. Sie untersucht vor allem die Ruinen der römischen Kastelle und Wallanlagen und geht Hinweisen nach, daß in diesen christliche Missionsstationen, sprich Kirchen errichtet wurden. Die Ausbreitung des Christentums ist dann im archäologischen Befund vor allem sichtbar an dem Rückgang der Leichenverbrennungen und an dem Heranrücken der Friedhöfe an die Siedlungen. Und an Kreuzeszeichen auf Grabbeigaben. So ähnlich kann das auch etwa an den Gräbern der Alemannen und Franken festgestellt werden.

Interessant übrigens, daß in vielen früheren Zeitepochen so viel größerer räumlicher Abstand zwischen Siedlung und Gräbern eingehalten wurden. Gräber brauchten damals offenbar "Platz", beanspruchten den Abstand der "Größe", beanspruchten "Einsamkeit". Wurde der Tod erst durch das Christentum wirklich - - - "domestiziert", "eingemeindet"?

865 n. Ztr. - Die "Große Heidnische Armee" kommt nach England

Doch noch 150 Jahre später, 865 n. Ztr., wurde Ostanglien durch die zeitgenössisch so genannte "Große Heidnische Armee" der Dänen erobert, eine Armee fahrend auf hunderten von Schiffen, die zuvor schon bis Paris vorgedrungen war. Ein großer Teil der christlichen Strukturen gingen in Ostanglien wieder verloren. Eine verrückte, aufgewühlte und aufwühlende Zeit. Leopold von Ranke schreibt in seiner "Englischen Geschichte" darüber:
Alles war in einer allerdings noch unvollendeten, aber hoffnungsreichen Bildung, in den Agonien des Werdens begriffen, als der Staat von einer neu emporkommenden Weltmacht in seinem Dasein bedroht wurde.
Denn so dürfte man die Einwirkung wohl bezeichnen, welche der skandinavische Norden über das östliche kontinentale Europa und zugleich seegewaltig über alle Küsten des westlichen ausübte.
Nur ein Teil der germanischen Völker war von den Ideen des Reichs oder der Kirche ergriffen worden: in den anderen erhob sich das eingeborene Heidentum, von den Verlusten, die es erlitten, und den Gefahren, die es fortwährend bedrohten, gereizt, zu dem gewaltsamsten Anlauf, den die gebildete Welt jemals von heldenmütigen und barbarischen Kindern der Natur bestanden hat.
Es ist nicht auszusprechen, welches Unheil sie seit der Mitte des 9. Jahrhunderts über Britannien gebracht haben.
___________________
1. Pickles, Thomas: The Archaeology of the East Anglian Conversion – By Richard Hoggett. Rezension in: History, 97: 296–297. doi: 10.1111/j.1468-229X.2012.00554_5.x
1. Hoggett, Richard: The Archaeology of the East Anglian Conversion. Boydell, 2010 [Anglo-Saxon Studies 15] (Google Bücher) 
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