Freitag, 26. September 2014

Helle Haut und Augen evoluierten in Nordeuropa schon vor dem Ackerbau

Die Gene von neun vorgeschichtlichen europäischen Skeletten sind neu sequenziert und ausgewertet worden

In der "Nature"-Folge vom 18. September findet sich ein neuer Forschungsartikel zur genetischen Geschichte von uns Europäern (1). Die Genetiker haben die erhaltene Gene von neun Skeletten sequenziert: Aus einem männlichen Jäger-Sammler-Skelett aus einer Höhle bei Loschbour in der Luxemburger Gegend aus der Zeit um 6.000 v. Ztr., aus sieben zumeist männlichen Fischer-Jäger-Sammler-Skeletten (vermutlich) der Ertebolle-Kultur in Motala in Schweden um 6.000 v. Ztr. und aus einem weiblichen Skelett der bäuerlichen Linearbandkeramik um 5.000 v. Ztr. aus der Stuttgarter Gegend. In der Auswertung bezieht sich die Studie auch auf die schon zuvor erforschten Gene eines Jäger-Sammler-Skelettes aus La Brana in Spanien etwa derselben Zeitstellung.

Abb. 1: Grafik aus der Studie(1)  - Erläuterung: Onge (Andamanen), Karitiana (brasilianische Ureinwohner), ANE (früheste Nordeurasier), WHG (westeuropäische Jäger-Sammler), EEF (frühe europäische Bauern), MA1 (schwedische Jäger-Sammler) (Nature)
Die Studie hält fest, dass die Fischer, Jäger und Sammler um 6.000 v. Ztr. in Schweden - ebenso wie die mitteleuropäischen Bauern tausend Jahre später - schon jene Gene für helle Haut hatten, wie wir sie auch heute noch in Europa haben - nicht aber die anderen erforschten Skelette.

Die Studie hält außerdem fest, dass die Besitzer der schwedischen Skelette - ebenso wie die Jäger-Sammler in Luxemburg und in Spanien - hellfarbige Augen hatten. Während die Bauern in der Stuttgarter Gegend tausend Jahre später braune Augen hatten. Die Jäger-Sammler in der Luxemburger Gegend hatten dunkle Haare wie die auf sie folgenden Bauern tausend Jahre später. Schon aus diesen wenigen Forschungsergebnissen wird deutlich, welche historische Bevölkerungsvielfalt es im historischen Längs- und Querschnitt allein in Europa in der Humanevolution innerhalb von etwa 2000 Jahren gegeben hat!

Die Forscher weisen auch auf volksspezifische Gene zur Stärke-Verdauung in den von ihnen erforschten Skeletten, bzw. Völkern hin.

Was die Studie nicht ausreichend herausstellt, was aber schon in früheren Studien dargelegt wurde und auch hier auf dem Blog behandelt wurde, ist der Umstand, dass alle hier erforschten Völker - die Mesolithiker Luxemburgs und Schwedens (Ertebolle-Kultur) wie auch die Bandkeramiker - im wesentlichen als ausgestorben angesehen werden müssen. Wenn wir Europäer heute ähnliche Gene wie sie haben, dann aufgrund von Selektions-Ereignissen in Flaschenhals-Populationen während der Ethnogenese der nachfolgenden Völker während und nach dem Aussterben der vorhergehenden und in Vermischung mit diesen. Selektions-Ereignissen, die dazu führten, dass kulturell oder sonstig vorteilhafte Gene ausgestorbener Völker in nachfolgenden Völkern beibehalten wurden, während kulturell oder sonstig unvorteilhafte Gene verloren gingen. (Zum Verständnis der dabei stattfindenden Selektionsprozesse sei an das Konzept der Gen-Kultur-Koevolution erinnert.)

Deshalb scheint uns der Forschungsansatz dieser Studie, den "Anteil" der Gene von Vorgänger-Bevölkerungen in unseren eigenen Genen benennen zu wollen, nicht besonders weiterführend zu sein. Vielmehr wäre doch herauszuarbeiten, was eigentlich das Neue zum Beispiel an der Genetik jener Trichterbecher-Kultur darstellte, von der wir zu nicht geringen Teilen abstammen im Vergleich zu den hier erforschten Völkern und was dann weiterhin die Schnurkeramiker dem noch hinzugefügt haben, die ja, wie schon früher hier auf dem Blog behandelt, einen nicht geringen Einfluss auf unsere heutige Genetik in Europa genommen haben.

Wie die Grafik in Abbildung 1 zeigt, geht es der Studie aber auch darum, die Genetik der späten Mesolithiker und frühen Neolithiker Mittel- und Nordeuropas in Bezug zu setzen zur neu erkannten Genetik der sibirischen Eiszeit-Jäger am Baikalsee ("Ancient north Eurasien"), die schon im vorletzten Beitrag Thema war. Die Gene der letzteren finden sich sowohl bei den südamerikanischen Ureinwohnern wie den Karitiana, wie auch in der Ertebolle-Kultur an der Ostsee, wie auch in uns, nicht aber in Luxemburger Jäger-Sammlern und in den Linearbandkeramikern. Auch trugen die ausgestorbenen Linearbandkeramiker noch Gene der ersten europäischen Eiszeitjäger in sich ("basal Eurasien"), die die Luxemburger Jäger-Sammler nicht in sich trugen. Nun, die Ethnogenese der Bandkeramiker vollzog sich ja auch am Plattensee durch Vermischung einheimischer Jäger-Sammler mit aus dem Balkanraum zugewanderten Bauern.

Aber ich glaube wie gesagt, dass man die in dieser Grafik aufgezeigten Zusammenhänge nicht zu wichtig nehmen sollte, da unser Kenntnisstand was das Aussterben von Völkern und nachfolgende Ethnogenese betrifft, eigentlich schon viel weiter ist.

Abb. 2: Titelblatt von "Nature", 18.9.2014
Dass nun dieser Artikel auf der Titelseite der "Nature"-Ausgabe beworben wird mit dem Wort "Melting Pot" (s. Abb. 2) ist natürlich wieder einmal mehr den ideologischen Vorgaben des Zeitgeistes als den Forschungsergebnissen der Wissenschaft geschuldet. Wie hätten denn diese ganzen in der Studie benannten genetischen Unterschiede zwischen den Völkern entstehen können, wenn es immer nur genetische "Einschmelzungen" und keinerlei geographische und kulturelle genetische Abgrenzungen gegeben hätte (z.B. auch Heiratsgrenzen)? Und was hätten denn letztere bitteschön mit "Melting Pot" zu tun? Die Humanevolution kennt doch allzu offensichtlich immer beide Tendenzen: Kurzzeitige Vermischungen durch vorheriges Aussterben und Neuzuwanderung bei der Ethnogenese einerseits und längerfristigere genetische Bevölkerungs-Stabilität ohne großartige neue Vermischungen andererseits. (Das Volk der Bandkeramiker etwa lebte in Mitteleuropa 800 Jahre lang ungestört und ganz ohne weitere Vermischungen.) All das ist etwa auch gut aufzeigbar an der Ethnogenese der aschkenasischen Juden vor etwa tausend oder fünfzehnhundert Jahren im deutschsprachigen Europa an der Grenze von der Antike zum Mittelalter und seitherige ziemlich strikte rein kulturelle Heiratsgrenzen nicht nur gegenüber den europäischen "Wirtsvölkern", sondern sogar gegenüber dem Ausgangsvolk, den sephardischen Juden.

Die Sarrazin-Debatte geht weiter ....

In der gleichen "Nature"-Ausgabe findet sich übrigens auch eine Rezension zu drei neuen Büchern zum Thema Rassen, Völker und Genetik in der menschlichen Humanevolution und Geschichte (18. September 2014) (2). 

- Einmal wieder ein Blick gefällig, ob sich seit dem Jahr 2000, seit der "Mondlandung" in der modernen Humangenetik und der damit verbundenen vielen Neuerkenntnisse hinsichtlich der evoluierten genetischen (Begabungs-)Unterschiede zwischen Völkern und Rassen etwas geändert hat in der Wissenschafts-Berichterstattung über diese?

Aber nicht doch! Bitte schrauben Sie die Erwartungen nicht zu hoch, lieber Leser. Das bedeutendste besprochene Buch stammt von dem verdienten Leiter der Wissenschaftsredaktion der "New York Times" Nicholas Wade. Wade berichtet schon seit Jahren - spätestens seit seinem hervorragenden und empfehlenswerten Buch "Before the Dawn" - über dieses Thema, vor allem auch immer wieder in seiner Zeitung, der größten Tageszeitung der Welt.

Aber Vorsicht. Mit diesem Thema und seiner "angemessenen" Aufarbeitung in der Wissenschafts-Berichterstattung sind viele Machtinteressen verbunden, gewaltige Machtinteressen. Sich weltweit erstreckende. Denn: Wenn Menschenrassen "real" sind, biologisch zu erforschende Phänomene sind, oh Gott, oh Gott, muss dann nicht unser ganzes Denken über Menschen, Völker und Rassen auf eine neue Grundlage gestellt werden? Stehen dann nicht mehr als hundert Jahre Zeitgeschichte, "making the world safe for democracy" infrage? Rüttelt das nicht an den weltanschaulichen Grundlagen des derzeitigen "Systems", das - zum Beispiel - bedingt, wie jüngst auf unserem Parallelblog ausgeführt, dass Kinderschänder-Ringe in demokratisch gewählten Parlamenten der westlichen Welt Jahrzehnte lang nicht verfolgt werden?

Und dementsprechend: Was für ein Hauen und Stechen einmal erneut nur in dieser kleinen Besprechung in der bedeutendsten Wissenschaftszeitschrift der Welt. Wer menschliche Rasse als biologische Realität ansieht (die sogenannten "Rasse-Realisten"), dem werden hier - das ist, glaube ich neu! - ideologische Scheuklappen unterstellt!!! Wer das nicht tut, der wird als "Ideologie-frei" beschrieben! Dabei war es doch bislang umgekehrt! Einmal eine ganz neue Masche, wie es scheint, eine Masche nur, die dann gar nicht konsequent durchgehalten wird ...

Wie sehr da die Verhältnisse auf den Kopf gestellt werden, gibt der Rezensent im Grunde genommen selbst zu, wenn er über - - - "Optimisten" (!!!) Sätze schreibt wie die folgenden (3; Hervorheb. n. i. Orig.):
The completion of the draft human­ genome sequence in 2000 led some opti­mists to forecast the end of race (one of them, Craig Venter, wrote the foreword to Yudell’s book), but use of the term in the biomedical literature has actually increased since then. For clinicians, race is a matter of pragma­tism. Although each of us is genetically and epigenetically unique, our ancestry leaves footprints in our genomes. Consequently, clinicians use familiar racial categories such as ‘black’ or ‘Ashkenazi Jewish’ as crude mark­ers of genotypes, in a step towards individual­ized medicine. For them, the reality of race is immaterial; diagnosis and treatment are what count.
Die Biomedizin benutzt zwar ständig die Kategorien Rasse und genetische Herkunft, Abstammung in ihren Untersuchungen, um den Menschen helfen zu können, weil eben menschlichen Gruppen - wie schon oben einmal erneut gesehen - seit vielen hundert, tausend oder zehntausend Jahren nicht mehr miteinander geheiratet haben - aufgrund kultureller und/oder geographischer Entfernung, weshalb sie in diesen hunderten, tausenden und zehntausenden Jahren - jeweils ganz unterschiedlich genetisch evoluiert sind, wodurch die so wertvolle genetische Vielfalt weltweit entstanden ist. Aber trotzdem sind Rasse und Herkunft, so diese Rezension - "immateriell"!!!! Man lasse sich dieses Wort einmal auf der Zunge zergehen! "Immateriell". Gene, die helle oder dunkle Haut hervorrufen, die Erwachsenen-Rohmilchverdauung hervorrufen, die Intelligenz-Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Zwillingspaaren, Geschwistern, Völkern und Rassen hervorrufen, sogar solche, die erst tausend Jahre alt sind (nämlich zum Beispiel die zwischen aschkenasischen und sephardischen Juden) sind - immateriell. Bravo! Ganz hervorragende Wissenschaftsberichterstattung in der bedeutendsten Wissenschaftszeitschrift der Welt.

Völker und Rassen - Die "immateriellen" genetischen Unterschiede zwischen ihnen

Aber warum erklären wir dann menschliche Rassen und Völker nicht gleich zu "übernatürlichen Akteuren"?! So wie es ja die Okkultgläubigen schon lange gemacht haben. Oder etwa zu Bewohnern von Alpha Centauri!? - Nein, Scherz beiseite: Hier gibt wieder einmal ein (nur "immaterieller"?) "Genosse Stalin" die ideologische Linie vor. Weiter nichts. Ideologie und Streben nach Machterhalt - andere Gründe gibt es nicht für diese leicht durchschaubare Schizophrenie.

Während nun Wade - laut dieser Rezension und wie man es aus vielen seiner Publikationen kennt - über Wissenschaft schreibt, schreiben die beiden anderen besprochenen Autoren über - Wissenschaftsgeschichte! Das macht sich doch hübsch. Einmal erneut werden breit Eugenik und Nationalsozialismus ausgebreitet. Unbedingt notwendig. - Ich betrachte dieses Schwarz-Weiß-Malen allmählich als verbrecherisch. Es ist doch offensichtlich, dass derjenige, der so in Schwarz-Weiß malt wie hier einmal wieder geschehen, eigentlich die heutige Generation von Menschen auf dieser Erde unfähig machen will, sich mit dem Thema der genetischen Völker- und Rassenunterschiede human und differenziert auseinander zu setzen auf der Augenhöhe des Menschlichen unserer Zeit. Er tut so, als gäbe es nur zwei Alternativen: Entweder "Rasse-Realismus" konsequenterweise verbunden mit Völkermord (!) (und - selbstredend - Krieg) ODER die "schöne neue Welt" der bloß "immateriellen" Rassen, dieser bloßen "sozialen Konstrukte", deren Überwindung erforderlich ist, damit die Menschen endlich alle soooo friedlich zusammen leben können, wie sie es ja heute schon weltweit tun - nicht wahr, lieber Leser? Wenn nur nicht ständig diese Ewiggestrigen in die Naturwissenschaft etwas hineininterpretieren wollten, was sich doch so gaaaaaar nicht in ihr findet.

Die Leute sollen auch auf diesem Gebiet für so blöd und entmoralisiert verkauft werden, wie sie auch sonst von unserer Unterhaltungsindustrie für dummblöd und entmoralisiert verkauft werden. Was hier der Tiefstand ist, ist eben der Umstand, dass es sich um eine hoch anerkannte und sonst auch hoch anzuerkennenden Naturwissenschafts-Zeitschrift handelt. Nun gut, in den letzten Worten der Rezension scheint dem dann doch wieder etwas Tribut gezollt worden zu sein, denn schließlich klingen sie dann wohl doch wieder etwas differenzierter (2; Hervorh. n. i. O.):
A full-throated, intellectually rigorous anti-racism must critically assess both biological and cultural evidence about race. It must acknowledge that no work on race science can be free of ideology — and, precisely for that reason, it must not place historical actors before a moral green screen showing an image of contemporary values. Rather, it must set the stage for each scene with meticulous, empathetic historical detail. Such work would allow the scientific study of 'racial superiority' — inherently grounded in subjectivity and bias — to fall on its own sword.
Dem ist nun hinwiederum vollständig zuzustimmen. Denn die heutige Wissenschaft weiß längst, dass jedes Volk und jede Rasse seine eigene "rassische Überlegenheit" aufweist gegenüber allen anderen Rassen und Völkern. Jedes hat in seiner Einzigartigkeit seine eigenen hervorragenden Begabungen, kulturell und/oder genetisch weitergegeben. Keines ist mehr- oder minderwertig. Und jetzt? Geht jetzt die Welt unter, wenn wir uns auf diese Linie einigen? Natürlich nicht.

Das wichtigste Fachbuch erschien letztes Jahr in überarbeiteter Neuauflage

Von noch größerem Interesse aber dürfte sein, dass das grundlegendste humangenetische Fachbuch, das 2003 erstmals die "kopernikanische Wende" auf dem Gebiet der Humangenetik in Bezug auf das Thema "Völker und Genetik" in breitester Form zur Darstellung gebracht hatte, schon letztes Jahr eine gründlich überarbeitete Neuauflage erfahren hat (3), die angesichts des raschen Fortschritts in der Forschung auch dringend notwendig geworden war. Darauf werden wir hier auf dem Blog noch zurückkommen, heißt es doch schon im Klappentext:
.... The only textbook to integrate genetic, archaeological, and linguistic perspectives on human evolution, and to offer a genomic perspective, reflecting the shift from studies of specific regions of the genome towards comprehensive genomewide analyses of human genetic diversity ...
Dieses Buch vor allem wohl sollte auch Thilo Sarrazin gründlich studieren für seinen kommenden Bestseller auf der Linie von "Deutschland schafft sich ab".
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  1. Iosif Lazaridis u.a.: Ancient human genomes suggest three ancestral populations for present-day Europeans. Nature, 18.9.14
  2. Nathaniel Comfort: Under the skin. The enduring trend of misrepresenting race. Nature, 18.9.14, S. 306f
  3. Mark Jobling, Edward Hollox u.a.: Human Evolutionary Genetics. Origins, Peoples and Disease. Taylor & Francis Ltd., 2nd edition, revised, 3. Juli 2013

Donnerstag, 18. September 2014

Die Städte der Indogermanen und ihre Hausmäuse

Eine neue Studie zur genetischen Geschichte der osteuropäisch-asiatischen und der indischen Hausmaus

Seit 2008 verfolgen wir hier auf dem Blog in inzwischen sechs Beiträgen die Forschung zur Herkunft der europäischen Hausmaus-Arten. Es gibt eine westeuropäische (Mus domesticus) und eine osteuropäische (Mus musculus) Hausmaus-Art. Die Art-Grenze zwischen beiden zieht sich auffallender Weise - so wie es der Eiserne Vorhang während des Kalten Krieges tat - von Ostholstein aus nach Süden bis in den Balkanraum und von dort über Anatolien bis in den Kaukasus. Nördlich der Donau und des Kaukasus gibt es die osteuropäische Hausmaus (in Abbildung 1 die blauen Punkte), südlich der Donau und des Kaukasus gibt es die westeuropäische Hausmaus (siehe Abbildung 1 die roten Punkte).

Abb. 1: Die Verbreitung der Hausmaus-Arten in Asien. Nach einer japanische Studie aus dem Jahr 2013 (1) (rote Punkte = westeuropäische, blaue Punkte = osteuropäische, gelbe Punkte = indische Hausmäuse)
In Skandinavien (nicht in der Abbildung 1 verzeichnet!) lebt seit der Wikingerzeit eine Hausmaus-Art, die eine Mischung beider vorgenannter Arten darstellt. Sie entstand, was hier auf dem Blog der Ausgangspunkt war, in Oldenburg in Ostholstein. Und wo sie auftritt - etwa auf der Insel Madeira - ist sie ein Hinweis auf erste wikingerzeitliche Besiedlung.

Die ersten Hausmäuse in Großbritannien traten in der Frühbronzezeit in Südengland auf in der Gegend von Stonehenge, breiteten sich aber - interessanterweise! - über lange Jahrhunderte innerhalb Englands nicht weiter nach Norden aus.

Alle hier auf dem Blog behandelten Daten deuteten bisher darauf hin, dass die Hausmaus um sich auszubreiten eine vergleichsweise große, fast "stadtartige" Bevölkerungsdichte benötigt und überregionalen Handelsaustausch. Verhältnisse jedenfalls, wie sie es in der Wikinger-Zeit gegeben hat, dementsprechend (und inzwischen immer besser bekannt) auch ab dem europäischen Endneolithikum (der Schnurkeramik- und Glockenbecher-Kultur) und der Frühbronzezeit (z.B. Aunjetitzer Kultur mit Stadt-ähnlichen Höhenburgen und überregionalem Handel).

In dem ältesten Beitrag zum Thema hier auf dem Blog ist allerdings gerade nachgetragen worden, dass es auch schon seit vielen Jahrzehnten Hinweise auf Hausmäuse - und sogar Katzen - in Siedlungen der Bandkeramik gibt, dass auch neuere genetische Studien deren Existenz dort annehmen (2012, S. 80), also innerhalb der ersten sesshaften Bauernkultur in Mitteleuropa, die ja zugleich schon die höchste Siedlungsdichte vor dem Frühmittelalter hatte. 

Man könnte es für denkbar halten, dass es nach dem Untergang der Bandkeramik und bis zur Frühbronzezeit in Mitteleuropa keine Hausmäuse mehr gegeben hat aufgrund der geringeren Siedlungsdichte der extensiver Rinderherden-Haltung betreibenden Nachfolgekulturen. Wie sonst soll die genannte noch heute vorhandene markante Artgrenze zwischen west- und osteuropäischer Hausmaus quer durch Europa zustande gekommen sein, die mit dem Verbreitungsgebiet der bandkeramischen Kultur vom Schwarzen Meer bis zur Kanalküste ganz gewiss nicht erklärt werden kann.

Die westeuropäische Hausmaus stammte jedenfalls aus dem Mittelmeerraum, rund um dessen Küsten sie sich mit den ersten bäuerlichen Siedlern ausgebreitet hat. Und sie ist in jenem Fruchtbaren Halbmond - wahrscheinlich in Südanatolien - entstanden, wo auch der größte Teil unserer domestizierten "sonstigen" Haustierarten und -pflanzen herstammt. Man hat die Hausmaus dort überraschenderweise schon in den halb-sesshaften Siedlungen des "Natufiums" gefunden (9.000 v. Ztr.), also schon zu einer Zeit, als dort Getreide noch gar nicht angebaut wurde, sondern nur wilde Getreidearten geerntet und gelagert wurden. Während die Menschen gleichzeitig von Massen-Jagden auf wilde Gazellen-Herden lebten, was zusammen genommen auch eine hohe Bevölkerungsdichte ermöglichte.

Zuletzt hatten wir 2011 hier auf dem Blog auf eine Studie über die osteuropäischen Hausmaus-Knochen und - Zähne hingewiesen, die man in der vorgeschichtlichen bulgarischen Königsstadt Warna am Schwarzen Meer gefunden hat aus der Zeit um 4000 v. Ztr., die also wahrscheinlich von indogermanischen Völkern der Steppe vom Kaspischen Meer aus nach Warna gebracht worden sind und sich von dort aus dann mit den endneolithischen Schnurkeramikern bis hoch an die Ostsee ausgebreitet haben.

Eine neue japanische Studie widerspricht

In den letzten drei Jahren ist die Hausmaus-Forschung kräftig weitergegangen und es ist viel dazu publiziert worden, sogar ganze Bücher nur zu diesem Thema. Und so ist es natürlich spannend, einmal wieder einen Blick in sie hineinzuwerfen. Eine 2013 erschienene japanische Studie (1) (siehe auch Abbildung 1) erweitert ganz besonders das Wissen. Geht sie doch der Herkunft und Verbreitung der osteuropäischen Hausmaus genauer nach als das bisher geschehen ist. Womit sie inhaltlich unmittelbar an unseren letzten Beitrag zum Thema hier auf dem Blog anknüpft. Zugleich verfolgt sie auch die Ausbreitung der indischen Hausmaus nach Südostasien hinein sehr detailliert.

Japanische Genetiker haben schon vor Jahrzehnten über ganz Asien hinweg Blutproben von Hausmäusen gesammelt. Diese konnten für die neue Studie erneut ausgewertet werden mit den verbesserten Gen-Sequenzierungs-Techniken, die in unseren Tagen verfügbar sind.

Die Forscher verschlagworten ihre Studie mit dem reichlich widersprüchlichen Begriff "wild house mouse". Denn sie vertreten die These, dass zwar die indische Hausmaus sich erst mit dem Domestizierung von Hirse und Reis von Nordindien nach Indien und Südostasien ausgebreitet habe. Das Entstehungsgebiet der osteuropäischen Hausmaus lokalisieren sie rund um das Kaspische Meer, was zunächst auch recht plausibel klingt. Allerdings soll diese sich nun von dort aus schon während der Eiszeit vor zehn- bis zwanzigtausend Jahren (!) über die Wüstenoasen der Taklamakan nach China hinein und über ganz Asien bis hoch nach Korea und Japan ausgebreitet haben, ebenso in Richtung Europa. Die Genetiker glauben für diese These mehrere unabhängige Belege anführen zu können, auf die hier nicht im einzelnen eingegangen werden soll. Man darf aber gespannt sein, ob sich diese These, dass die erste Verbreitung der osteuropäischen Hausmaus nicht an größere menschliche Bevölkerungsdichte gebunden gewesen sein soll, halten wird. Denn sie steht konträr zu unserem derzeitigen Wissen über die Verbreitung der westeuropäischen Hausmaus vom Fruchtbaren Halbmond aus bis nach England und Skandinavien und der indischen Hausmaus von Nordindien aus über ganz Südostasien.

Sieht man sich das erstmals von genetischer Seite in dieser Studie gründlicher aufgearbeitete Verbreitungsgebiet der osteuropäischen Hausmaus an (die dunkel- und hellblauen Punkte in der Abbildung 1), dann will einem eine Ausbreitung dieser Hausmaus-Art gemeinsam mit den endneolithischen ersten Städten der indoeuropäischen Kurganvölker am Nordrand des Kaspischen und Schwarzen Meeres bis hoch nach Sibirien und bis nach Warna und bis in das sonstige Osteuropa hinein - so wie diese Stadtentwicklung so verdienstvoll von dem Archäologen Hermann Parzinger überblicksartig in einem ersten Wurf dargestellt worden ist (2) - viel plausibler erscheinen.

Etwas mysteriös scheint sich auch die Frage zu gestalten nach der Geschichte der "Clade F"-Maus, die es heute sowohl in Deutschland gibt, andererseits (siehe Abbildung 1) auch eine so prononcierte, punktuelle weitläufige Verbreitung aufweist, dass sie einerseits in Somalia auftritt und andererseits im tiefsten China, bzw. Nordwestchina. Und zwar jeweils ganz punktuell. Die Orte ihres Auftretens in Nordwestchina - Lanzhou und Xining - werden auf der Handelsroute der Sogder während der Tang-Zeit in China gelegen haben. Ist diese Clade F also womöglich mit den Tocharern direkt von Westeuropa aus nach Innerasien gekommen?

Die Bedeutung der Hausmaus-Forschung sollte deutlicher als bisher ins Bewusstsein der Archäologen treten

Und auf dieser Linie gibt es noch zahlreiche weitere offene Fragen, wenn man sich die Verhältnisse regional vor Ort ansieht. Auch hier wird die Ancient-DNA-Forschung künftig sicherlich viel neues Licht auf die Dinge werfen können. Aber solange die Archäologen gar nicht auf breiterer Linie als bisher wahrnehmen und ihnen bewusst wird, dass die Hausmäuse vielleicht der hervorragendste Indikator für stadtähnliche Bevölkerungsdichten einer archäologischen Kultur und für überregionalen Handel darstellen und sich hierbei eignet womöglich zu einem weltweiten Vergleich - und das scheint in der Tat noch weite Wege zu haben - so lange werden wir bezüglich der genetischen Geschichte der Hausmaus wohl in den nächsten Jahren immer wieder einmal nur so vereinzelte, punktuelle Forschungsergebnisse erhalten wie bisher.

Dabei eignet sich das Thema hervorragend für ein breit angelegtes, internationales, interdisziplinäres Projekt wie sie so gerne von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und anderen gefördert werden. So lange das nicht erkannt ist, werden wir wohl auf ein rundes und abgeschlossenes Bild, in dem sich eine wichtige Etappe in der sozioökonomischen Entwicklung der Kulturen weltweit abspiegeln könnte, noch einige Jahrzehnte mehr als nötig warten müssen.

ResearchBlogging.org
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  1. Suzuki H, Nunome M, Kinoshita G, Aplin KP, Vogel P, Kryukov AP, Jin ML, Han SH, Maryanto I, Tsuchiya K, Ikeda H, Shiroishi T, Yonekawa H, & Moriwaki K (2013). Evolutionary and dispersal history of Eurasian house mice Mus musculus clarified by more extensive geographic sampling of mitochondrial DNA. Heredity, 111 (5), 375-90 PMID: 23820581Heredity (2013) 111, 375–390 (freies pdf) (die wichtigste Abb.)
  2. Parzinger, Hermann: Die frühen Völker Eurasiens. Vom Neolithikum zum Mittelalter. Verlag C.H. Beck, München 2006

Sonntag, 14. September 2014

Ancient-DNA-Forschung - Das "Lichtmikroskop" der modernen Humangenetik

Neues zur genetischen Herkunft der frühesten Besiedler Amerikas

Im Januar dieses Jahres erschien in "Nature" eine Studie über Gene aus ausgegrabenen Knochen ("ancient DNA") eines Menschen, der 22.000 v. Ztr. in Sibirien in der Nähe des Baikalsees gelebt hat (1). Die Analyseergebnisse werden als aussagekräftig angesehen, um Fragen zu der genetischen Herkunft der ersten Besiedler des amerikanischen Kontinents zu beantworten.

Abb. 1: Zeichnung eines Mammuts auf einem Mammut-Elfenbein-Stück von Mal'ta am Baikalsee
Seit 2003 häufen sich die anthropologischen und archäologischen Hinweise darauf, dass der amerikanische Kontinent vielleicht schon um 30.000 v. Ztr. das erste mal besiedelt worden ist, und dass die ersten Siedler - nach Ausweis ihrer gefundenen Schädel, Speerspitzen und ihres sonstigen Werkzeuges - sehr viel Ähnlichkeit gehabt haben mit der gleichzeitig in Westeuropa lebenden Eiszeit-Jäger-Kultur, aus der die berühmten spanischen und französischen Höhlenmalereien hervorgegangen sind (s. Nature, Welt ab). Es steht damit seit Jahren die Hypothese im Raum, dass diese sich auf dem Höhepunkt der letzten Eiszeit am Rande des Eisschildes, das zugleich Meeresufer war, von Europa nach Nordamerika ausgebreitet haben. Die erste Besiedlung Amerikas würde dann also unter sehr harschen Bedingungen stattgefunden haben. (Zu diesen ganzen Fragen haben sich allerdings in den letzten Monaten und Jahren manche neuen Daten gegeben, die darauf hindeuten, dass die frühesten anatomisch sehr andersartigen - weil langschädligeren - Einwohner Amerikas über "Domestizierungs-Prozesse" zu den Vorfahren der präkolumbianischen Einwohner werden konnten, also genetische Kontinuität zu ihnen aufweisen, und gar nicht durch Neuzuwanderer um 12.000 v. Ztr. ersetzt worden sind, wie bislang gedacht [s. Science, 16.5.14ab und c]. Da ist also zur Zeit wieder einmal "vieles im Fluss".)

Genetische Nähe der eiszeitlichen Baikal-Anwohner zu damaligen Europäern

Die neue Studie wertet das bis dato älteste sequenzierte Genom eines anatomisch modernen Menschen aus. Sie findet, dass 1. das über die mütterliche Linie vererbte mitochondriale Genom dieses sibirischen Eiszeitjägers sehr demjenigen gleichzeitiger (paläolithischer und mesolithischer) Eiszeitjäger, bzw. Jäger und Sammler in Europa ähnelt, und dass 2. das über die väterliche Linie vererbte Y-Chromosom in der Nähe der genetischen Wurzel der heutigen westlichen Euroasier angesiedelt ist und zugleich in der Nähe der meisten Abstammungslinien der präkolumbianischen Einwohner Amerikas. Und dass es keine genetische Ähnlichkeit zu ostasiatischen Bevölkerungen gibt, wie das heute bei der Bevölkerung in Sibirien der Fall ist.

Dazu möchte ich ergänzen, dass ja aus der Kunst dieser eiszeitlichen Baikalanwohner ja sogar menschliche Gesichtszüge bekannt sind. Sie kommen einem schon östlicher, "russischer" vor, als gleichzeitige Gesichtszüge in ähnlichen Figurinen im westlicheren Europa. Aber vielleicht war der Unterschied schon damals auch genetisch nicht größer als der heute zwischen Russen und sonstigen Europäern. Zurück zur Studie. - In der Zusammenfassung heißt es weiter:
This suggests that populations related to contemporary western Eurasians had a more north-easterly distribution 24,000 years ago than commonly thought. 
Dies legt also zu Deutsch nahe, dass Populationen, die genetisch heutigen Europäern nahe stehen, vor 24.000 Jahren eine größere nordöstliche Verbreitung hatten als bislang gedacht. - Nun, hier auf dem Blog waren wir davon eigentlich immer schon ausgegangen. Da ja auch noch die ganze Bronzezeit über Europäer bis zum Nord- und Westrand des chinesischen Reiches gesiedelt hatten (1. die Skythen und ihrer Vorgängervölker von Sibirien bis zum Schwarzen Meer, 2. die Tocharer in den Wüstenoasen an der Seidenstraße in der Taklamakan, 3. die Sogder in Samarkand usw. usf.). Diese sind ja erst seit der dortigen Ausbreitung des Buddhismus (von Indien her) und seit dem Frühmittelalter von östlicheren Völkern wie den Hunnen und anderen unterworfen worden. Durch die Vermischung mit solchen östlicheren Völkern wie den Hunnen gingen sie in den - inzwischen größtenteils islamisierten - Mischbevölkerungen auf, die heute entlang der Seidenstraße und des Kaukasus lange Jahrhunderte traditionell als Reitervölker gelebt haben (Uiguren, Kirgisen usw.).

20 Prozent der vorkolumbianischen Amerikaner könnten von der nordeuropäischen Baikalsee-Bevölkerung abstammen

Aber spannender Weise heißt es noch weiter:
Furthermore, we estimate that 14 to 38% of Native American ancestry may originate through gene flow from this ancient population. This is likely to have occurred after the divergence of Native American ancestors from east Asian ancestors, but before the diversification of Native American populations in the New World. Gene flow from the MA-1 lineage into Native American ancestors could explain why several crania from the First Americans have been reported as bearing morphological characteristics that do not resemble those of east Asians.
Und im letzten Satz der Zusammenfassung dann:
Our findings reveal that western Eurasian genetic signatures in modern-day Native Americans derive not only from post-Columbian admixture, as commonly thought, but also from a mixed ancestry of the First Americans.
Sprich, die ersten - wahrscheinlich nord- oder westeuropäischen - Besiedler Amerikas sind genetisch gar nicht völlig ausgestorben, wie bisher vermutet. Sondern auch noch die heutigen Indianervölker Amerikas tragen deren Gene in sich. Die ursprünglichste Bevölkerung in Amerika hat sich mit den mehr als zehntausend Jahre später (etwa 12.000 v. Ztr.) von Sibirien über die Beringstraße eingewanderten Jäger-Sammler-Völkern vermischt und auf diese Weise die vorkolumbianischen Indianerstämme Amerikas gebildet. Diese über die Beringstraße Einwandernden wiederum haben sich - das ist länger bekannt - schon auf diesem Wege ausgebreitet, nachdem sie sich genetisch von den Vorfahren der heutigen Ostasiaten getrennt hatten. Die eigentlichen Ostasiaten evoluierten ja genetisch dann mehrheitlich mit der Entwicklung sesshafter, agrarischer, arbeitsteiliger Gesellschaften auch ganz anders weiter, als die Jäger-Sammler-Völker in Sibirien und in Amerika, die bis heute einen durchschnittlich nicht ganz so hohen IQ behielten, und zwar ein solcher, wie er womöglich überhaupt in der europäischen Eiszeit üblich gewesen sein wird.

Wichtig ist aber eben auch festzuhalten, dass während der Eiszeit in Asien und Sibirien auch noch andere Bevölkerungen lebten, als jene, die mit den damaligen europäischen genetisch verwandt waren. Denn von diesen anderen stammten ja dann die um 12.000 v. Ztr. sich über die Beringstraße ausbreitenden Völker ab.

Interessanterweise sprechen sich die Autoren aber dagegen aus, dass es eine Zuwanderung nach Amerika direkt von Westeuropa aus gegeben hat:
Such an easterly presence in Asia of a population related to contemporary western Eurasians provides a possibility that non-east Asian cranial characteristics of the First Americans derived from the Old World via migration through Beringia, rather than by a trans-Atlantic voyage from Iberia as proposed by the Solutrean hypothesis.
Da bin ich gespannt, ob sich diese Einschätzung halten wird. Da wären auch die Archäologen gefragt, die sagen müssten, ob die frühesten Besiedlungsspuren in Amerika besser zu europäischen kulturellen Überresten passen oder zu denen der Bewohner am Baikalsee.

Das bisherige schlichte Bild der Humangenetik gleicht sich immer mehr den komplexen historischen Vorgängen an

Abb. 2: Überblick über die größeren kontinentalen Völkerwanderungen in der Menschheitsgeschichte nach neuestem Stand (Quelle)
Dass mit dieser Studie die weltweite Bevölkerungsgeschichte und die kontinentalen Verschiebungen von Völkern einmal erneut größere Differenziertheit erhält und - sozusagen - komplizierter wird, wurde dann auch einer der Ausgangspunkte für einen größeren lesenswerten Überblicks-Artikel zum Forschungsstand, der im September in "Trends in Genetics" erschienen ist (2; s.a. Abb. 2). Seine Begeisterung über den derzeitigen rasanten Wissensfortschritt durch die ancient-DNA-Forschung drückt sich etwa so aus:
Ancient DNA results are so regularly surprising that almost any measurement is interesting: new historical discoveries have been made in virtually every ancient DNA study that has been carried out. The reason why ancient DNA studies are so informative is that the technology provides a tool to measure quantities that were previously unmeasurable. In this sense, the value of ancient DNA technology as a window into ancient migrations is analogous to the 17th century invention of the light microscope as a window into the world of microbes and cells.
Hier seien nur einmal einige erläuternde Kommentare zu einer der darin enthaltenen Grafiken (hier Abb. 2) gegeben: Entsprechend des oben erläuterten Aufsatzes wird in dieser Grafik ganz links zunächst die Besiedelung von Amerika von "Nordeurasien" aus festgehalten. Nun, wie gesagt, kann man das zeitlich wohl noch etwas früher veranschlagen. Dann folgt die wohl schon recht gut gesicherte Besiedlung Amerikas über die Beringstraße in zwei Ausbreitungswellen, und zwar einmal ab 12.000 v. Ztr., sowie die letzte (Najayo) später. Dass sich die ersten Ackerbau treibenden Bandkeramiker in Mitteleuropa nach ihrer Ethnogenese am Plattensee (5.500 v. Ztr.), in der sich einheimische Jäger-Sammler-Bevölkerungen mit aus dem Südosten zuwandernden sesshaften Bevölkerungen vermischt haben, aus einer kleinen Flaschenhalspopulation heraus ausgebreitet hat, ist schon häufiger hier auf dem Blog Thema gewesen.

Dann folgen die indoeuropäischen Zuwanderungen in die Oasenstädte der Taklamakan (Tocharer), nach Samarkand (Sogder), nach Indien und Persien (Perser), in dieser Grafik nur sehr grob auf 2.300 v. Ztr. datiert. Dann breiten sich um 1200 v. Ztr. Bevölkerungen vom Nahen Osten nach Ostafrika aus (eine Folge des Seevölkersturms, aus dem womöglich nicht nur die Philister und Phönizier, sondern auch das Reich der Garamanten und daraus das Volk der Tuareg hervorgegangen sind?). Dann folgt um 500 v. Ztr. die austronesische Besiedlung der Inselwelt des Pazifik von Taiwan aus. Dass die Ausbreitung der Bantu-Völker in Afrika südlich der Sahara erst auf  das erste Jahrhundert unserer Zeitrechnung datiert wird, erweckt einen falschen Eindruck. Sie begann schon 1500 v. Ztr.. Nur die letzte Verbreitungswelle erfolgte in nachchristlichen Jahrhunderten.

Immerhin aber gibt die Grafik einen ersten Eindruck davon, dass die Geschichte der Menschen-Völker sich keineswegs so schlicht vollzogen hat wie das mit Scheuklappen in Richtung anderer Fächer versehene Humangenetiker noch bis vor kurzem hatten darstellen wollen. Das Bild wird differenzierter, auch aus Sicht der Humangenetik. Wenn sie aufzeigt, dass die Ureinwohner in Madagaskar zur Hälfte von den Austronesiern abstammt, was in keinem Geschichtsbuch verzeichnet wurde und wenn sie den Austausch von Bevölkerungen zwischen dem Nahen Osten und Ostafrika aufzeigt, was ebenfalls kaum erforscht ist bis heute, zeigt sie erneut, wie viele Potentiale in dieser Wissenschaftsrichtung noch stecken.
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  1. Maanasa Raghavan et. al.: Upper Palaeolithic Siberian genome reveals dual ancestry of Native Americans, Nature, 2014
  2. Joseph K. Pickrelle, David Reich: Toward a new history and geography of human genes informed by ancient DNA, Trends in Genetics 2014
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