Dienstag, 11. Juli 2017

Ostsee-Handels-Schifffahrt lange vor dem Ackerbau

Über die Ausgrabungen in Neuwasser in Hinterpommern seit 2003

Von einem Fischerdorf in Pommern mit dem Schiff 200 Kilometer nach Osten oder nach Westen zu fahren, scheint für das dort ansässige, heute ausgestorbene Fischervolk in der Zeit zwischen 5.000 und 3.000 v. Ztr. gar kein Problem dargestellt zu haben. - Nur den Archäologen scheint es schwer zu fallen, sich diesbezüglich neben den ganzen Bäumen nun auch einmal den Wald anzuschauen ...

An der langen pommerschen Ostseeküste gibt es - etwa auf halben Weg zwischen Stettin und Danzig - auch das Dorf Neuwasser in Hinterpommern (Wiki), ein Fischerdorf mit 200 bis 300 Einwohnern, seit 1900 "Ostseebad Neuwasser" genannt (siehe Abb. 1-4). Da in den letzten Jahrzehnten die Erforschung der Neolithisierung des westlichen Ostseeraumes vergleichsweise gut vorangekommen ist, es aber bezüglich des östlichen Ostseeraumes noch beträchtliche Wissenslücken gibt, wird seit dem Jahr 2003 nahe dieses Ostseebades von Archäologen eine 6.000 Jahre alte Siedlungsstelle ausgegraben (1, S. 5). Diese war in der Zeit zwischen 5.100 und 3.600 v. Ztr. von Menschen besiedelt. Es fanden sich in dieser Siedlungsstelle aber für den genannten Zeitraum noch keine Hinweise auf Ackerbau und Viehzucht in dieser Gegend. Die Bewohner lebten also als Fischer, Jäger und Sammler. - Wie unternehmungslustig waren sie?

Abb. 1: Ostseebad Neuwasser (Postkarte, vor 1945)

Das Ostseebad Neuwasser liegt am Bukower See, einem ehemaligen Haff. Der Bukower See ist heute durch eine Nehrung von der Ostsee getrennt. Das Fischerdorf liegt zwischen der Nordspitze dieses Bukower Sees und der Ostsee. Noch im Mittelalter war das Dorf an einem heute versandeten Wasserlauf gelegen, der den See mit der Ostsee verband. Die archäologisch erforschte Siedlungsstelle lag einstmals auf einer Insel innerhalb des Bukower Sees (2), also gut geschützt.


Abb. 2: Ostseebad Neuwasser (Postkarte, vor 1945)


1780 gab es in Neuwasser 26 Fischer- und acht Büdner- (also Kleinbauern-)Familien, also noch zu dieser Zeit gab es hier nur ganz wenig Ackerbau. Das ist ja typisch für viele Fischerdörfer, die an der Ostseeküste oder in der Nähe der Küste gelegen sind. Die Einwohnerzahl des Dorfes lag seit 1800 immer zwischen 200 und 300 Einwohnern. 1948 erhielt das Dorf - nach der Vertreibung der  dort seit vielen Jahrhunderten ansässigen Deutschen - den neupolnischen Namen „Dąbki“. (In diesem klingt das slawische Wort für „Eiche“ an.)

Das besonders Spannende ist nun, daß die Herkunft der 70 Keramik-Scherben, die hier gefunden wurden, auf eine Vielzahl von unterschiedlichen mitteleuropäischen Bauernkulturen zurückgeführt werden kann, und zwar sowohl auf die Trichterbecher-Kultur westlich der Oder, als auch die Brester Kultur ("Brześć-Kujawski-Kultur") in Kujawien an der Weichsel*) oder auf die Lengyel-Kultur. Es fanden sich sogar Keramikscherben, die aus der 1000 km entfernt in Ungarn gelegenen Bodrogkeresztúr-Kultur stammen, also aus dem Donauraum! Das sind natürlich Umstände, die völlig neue Perspektiven eröffnen.


Abb. 3: Ostseebad Neuwasser (Postkarte, vor 1945)


In ihnen deutet sich natürlich weitreichender Kultur- und Wirtschaftsaustausch in sehr früher Zeit an. Er erinnert sofort an Wikingerstädte des Ostseeraumes im Frühmittelalter, in denen sich auch Kulturgut aus weit entfernten Regionen sowohl aus Ost wie West findet, etwa aus Byzanz oder Rußland oder England. Soweit übersehbar, haben nun aber die Archäologen noch gar nicht in den Blick bekommen, daß der Transportweg, über den die genannte Keramik nach Neuwasser in Hinterpommern gelangt ist, auch ein Schiffsweg gewesen sein kann, ganz ebenso wie wir das - für dieselbe Region! - noch aus der Wikingerzeit kennen. Noch in der jüngsten Rezension jenes Bandes (1), der den bisherigen Kenntnisstand der Ausgrabungen zusammen faßt, wird See- und Flußschifffahrt gar nicht in Rechnung gestellt als Transportwege, obwohl angemerkt wird (4):
To correctly interpret the contacts between hunter-gatherers and Danubian farmers we have to acknowledge that these farmers lived in areas far away from Dąbki (130 km to the lower Vistula; 200 km to the lower Oder) and were not interested in colonising habitats of this type. Thus, in this part of Pomerania there were no farmers within close range of the community living at Dąbki, and it is only if this had been the case that we could expect frequent contact and exchange of small items of everyday use between these groups.
Das waren also weit reisende Leute, die Fischer von Neuwasser. Aber sieht man denn den Wald vor lauter Bäumen nicht? Es ist doch mehr als nahe liegend anzunehmen, daß es sozusagen "Wikinger" im Ostseeraum gab schon viertausend Jahre früher als die uns bekannten Wikinger! 

Die mesolithischen und neolithischen Bewohner von Neuwasser könnten mit Schiffen über die Ostsee gut die Weichselmündung erreicht haben und flußaufwärts zu den Bauern in Kujawien gefahren sein. Sie könnten ebenso gut Richtung Westen die Odermündung erreicht haben und könnten dort die Bauern der Trichterbecher-Kultur besucht haben. Und natürlich könnten sie dann von dort auch Keramik aller Art mitgebracht haben. Natürlich könnten Menschen auch dort geblieben sein und sich an die dortige neue Lebensweise angepaßt haben. Man möchte fast meinen, daß das die sparsamste Erklärung für die "bunte" Keramik-Vielfalt von Neuwasser ist.


Abb. 4: Ostseebad Neuwasser (Postkarte)


Natürlich könnten die Handelsschiffer von Neuwasser insbesondere auch Bernstein von der Ostsee zu den entfernten Kulturen mitgebracht haben. - - - Es spricht eine ganze Menge für Ostsee-Schifffahrt schon in dieser frühen Zeit. Im mediterranen Raum zum Beispiel hat es mit aller Wahrscheinlichkeit (oder ist es inzwischen sogar schon sicher?) um 6.500 v. Ztr. Schiffskontakte zwischen allen dortigen Küstenräumen gegeben. Der Ackerbau selbst kann sich dort eigentlich kaum anders als über Schiffsfahrten ausgebreitet haben. Dafür gibt es inzwischen viele Hinweise, von denen einige auch hier auf dem Blog referiert worden (bzw. ist das von Seiten des Autors dieser Zeilen schon 1995 in einer Seminararbeit am Anthropologischen Institut Mainz angenommen worden).

Und es bestehen auch gut begründete Vermutungen, daß sich die Keramik dann entlang der Atlantikküste bis in den Nordseeraum ausgebreitet hat, also über Schifffahrt. Warum also nicht auch im Ostseeraum über Wasserwege? Wer an der Ostsee lebt, muß doch sowieso schon Fischerboote fahren, mit denen man einigermaßen weit fahren kann.

Und indem man sich diese Dinge als Möglichkeit vor Augen führt, wird einem anhand der Funde von Neuwasser bewußt, in welchem sonstigen Rahmen überhaupt das Volk der Ackerbau- und Viehzucht treibenden Trichterbecher-Kultur im westlichen Ostseeraum hatte entstehen können. Natürlich kann auch diese Kultur schon diese Fernhandels-Kontakte über See gekannt haben, auch wenn es diese selbst - als seßhafte Ackerbauern, die vom Festland stammen - nicht von sich aus unterhalten haben muß.

In der genannten Rezension (4) wird auf eine jüngst veröffentlichte ancient-DNA-Studie hingewiesen, wonach unter den Bauern der Brester Kultur ("Brześć-Kujawski-Kultur") in Kujawien an der Weichsel Frauen aus angrenzenden Jäger-Sammler-Völkern gelebt haben (5). Und daran anschließend wird nun die vergleichsweise "kühne" These aufgestellt, die Männer solcher Bauernvölker seien samt ihrer Keramik an die Ostsee gekommen, um hier nach Frauen zu suchen, da die Sterblichkeit der eigenen Frauen zu hoch gewesen sei, da aber eine hohe Nachkommenzahl für diese das Wichtigste gewesen sei. Nunja, eine "kühne" These!

Abb. 5: Erschienen 2015

Es geht auch einfacher. Die einfachste Erklärung ist schlicht, daß es regen Handelsaustausch über See gegeben hat, und daß dabei natürlich auch Frauen aus Neuwasser mit gefahren sind, die dann in den Bauernvölkern vor Ort geblieben sind. Übrigens muß so oder ähnlich ja überhaupt viel Völker-Entstehung in Europa erklärt werden, da ja nach allem, was wir bisher wissen (siehe die letzten beiden Blogbeiträge) alle Bauernvölker Europas aus Mischbevölkerungen zwischen Bauern aus dem jeweiligen Süden und einheimischen Jäger-Sammler-Völkern hervorgegangen sind während ihrer jeweiligen Ethnogenese.


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*) Benannt nach der Stadt Brest in Kujawien (Wiki). Sie liegt 60 Kilometer südlich der Stadt Thorn an der Weichsel auf dem Weg nach Warschau, also ganz im Westen von Kongreßpolen, nahe zu jener Grenze nach Westpreußen wie sie bis 1918 bestanden hat.

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  1. Jacek Kabaciński, Sönke Hartz, Daan C. M. Raemaekers, Thomas Terberger (Hrsg.): The Dąbki Site in Pomerania and the Neolithisation of the North European Lowlands [c. 5000 - 3000 cal B.C.]. (Archäologie und Geschichte im Ostseeraum, Bd. 8). Verlag Marie Leidorf, Rahden/Westfalen 2015 (freies pdf)
  2. Dąbki. Where hunters met farmers. In: Science in Poland, 18.11.2013, http://scienceinpoland.pap.pl/en/news/news,397981,dabki-where-hunters-met-farmers.html
  3. Kerkko Nordqvist and Aivar Kriiska: Towards Neolithisation. The Mesolithic-Neolithic transition in the central area of the eastern part of the Baltic Sea. In: Siehe 1.,  S. 537ff, file:///C:/Users/User/Downloads/Fail_36%20Nordqvist-Kriiska%20-%20Dabki-Band.pdf 
  4. Czerniak, L. (2017). Review of: Kabaciński, J., Hartz, S., Raemaekers, D. C. M., & Terberger, Th. (Hrsg.) (2015). Der Fundplatz Dąbki in Pommern und die Neolithisierung der nordeuropäischen Tiefebene (ca. 5000 - 3000 cal B.C.). The Dąbki Site in Pomerania and the Neolithisation of the North European Lowlands (c. 5000 - 3000 cal B.C.). (Archäologie und Geschichte im Ostseeraum 8). Rahden/Westf.: M. Leidorf. Archäologische Informationen 40, Early View, published online 10 July 2017, http://www.dguf.de/fileadmin/AI/ArchInf-EV_Czerniak.pdf
  5. Lorkiewicz, W., Płoszaj, T., Jędrychowska-Dańska, K., Żądzińska, E., Strapagiel, D., Haduch, E., Szczepanek, A., Grygiel, R. & Witas, H. W. (2015). Between the Baltic and Danubian Worlds: The Genetic Affinities of a Middle Neolithic Population from Central Poland. PLOS ONE, February 25, 2015. DOI:10.1371/journal. pone.0118316

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